Dreifaltigkeitssäule

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englisch: Trinity column; französisch: Colonne de la Trinité; italienisch: Colonna con la raffigurazzione della Trinità.


Herbert Brunner (1955)

RDK IV, 449–457


RDK IV, 449, Abb. 1. Matthias Rauchmiller, 1679.
RDK IV, 451, Abb. 2. Straubing, Ndb., 1709.
RDK IV, 453, Abb. 3. Heiligenkreuz, N.Ö., 1729-39.
RDK IV, 455, Abb. 4. Tirschenreuth, Opf., 1739.

I. Begriff

Die D. (columna Trinitatis) ist ein Denkmal, das auf pfeiler- oder säulenartigem Unterbau die plastische Darstellung der Dreifaltigkeit zeigt. Sie gehört in ihrer formalen wie gedanklichen Ausprägung zur Gruppe der Bildstöcke (RDK II 695ff.).

II. Bedeutung

In der Zeit der Türkenkriege erwuchs die gesteigerte Verehrung der hl. Dreifaltigkeit, die in besonderem Maße als Symbol christlichen Glaubens dem Islam gegenüber empfunden wurde. Bei der Homogenität von Krieg und Pest im Sinne kollektiver Gottesstrafen finden sich die D. vornehmlich als Votivmonumente gegen die Pest. Man spricht von ihnen auch als Pestsäulen. Ob es sich dabei um eine im Augenblick herrschende Pestzeit handelt (Wien, am Graben, Abb. 1), um eine überstandene oder um eine bloß befürchtete (Wallerstein, RDK II 702, Abb. 9), spielt keine Rolle. Bei Festlegung des religiösen Programms für die Wiener Grabensäule wurde jede der drei göttlichen Personen durch biblische Zitate als Herr über die reinigenden Winde bezeichnet. Seltener erscheint die D. als Votiv gegen Kriegsnot. Als solches entstand 1683 die D. in der Radetzkygasse zu Wien anstelle einer von den Türken zerstörten Kirche [11, S. 38]. Die D. von Straubing (Abb. 2) verdankt ihre Errichtung einem Gelübde der Bürgerschaft anläßlich der österreichischen Belagerung von 1704. Oft werden mehrere Bedeutungen miteinander verkoppelt, wie z. B. in Linz, 1713 (Martin Riesenhuber, Die kirchl. Barockkunst in Österreich, Linz 1924, Taf. 182): Nachlassen der Seuche, Befreiung aus den Kriegsnöten der türkischen Belagerung Wiens und des Erbfolgekrieges sowie Errettung aus Feuersbrünsten. Ausnahmsweise kann auch eine seltenere Katastrophe zugrunde liegen: Ursache für die Errichtung der D. in Gmünd (Kärnten) war das Erdbeben von 1690 [11, S. 39].

Die Aufstellung, meist auf dem Markt- oder Hauptplatz einer Ortschaft, kennzeichnet die D. als ein von Fürsten oder von größeren Gemeinwesen gestiftetes Denkmal. Es kann eine gedankliche Verbindung zwischen christlichem Votiv und antiker Triumphsäule angenommen werden. Von der monumentalen Ausprägung der D. wird das Thema auch in die Welt der kleinen Bildstöcke – Denkmäler, die auf persönliche Gelübde einzelner zurückgehen – übertragen. Diese finden sich üblicherweise auf freiem Felde und an Wegrändern.

Die Ausführung der D. geschah bis auf wenige, nicht erhaltene Ausnahmen in Stein, zuweilen mit Metallteilen. Ihre Größe reicht vom niederen Bildstockformat (etwa 1,50 m) bis zum Koloß von 35 m Höhe (Olmütz).

III. Entstehung und Ausbreitung

Als frühestes Beispiel (abgesehen von einem vereinzelten spätgot. Vorläufer in Neukirchen Bez. Pöggstall, N.Ö.; [11] S. 69 Anm.) gilt die D. am Graben zu Wien. 1679 von Kaiser Leopold I. als Pestvotiv gelobt, wurde sie Vorbild für eine vielfältige Reihe ähnlicher Monumente größeren und kleineren Formates.

Auf Veranlassung Leopolds I. wurden bald nach 1679 in seinen landesfürstlichen Orten Graz, Aussee, Vordernburg und Leoben weitere D. errichtet [12]. Von ihrem Entstehungsgebiet aus verbreiteten sie sich zunächst im niederösterreichischen, später im weiteren südosteuropäischen Raum (Bayern, Franken, Böhmen, Schlesien, Ungarn usw.), während sich in anderen Gegenden nur wenige, in protestantischen Gebieten gar keine D. finden. Der Entstehungszeitraum der D. liegt etwa zwischen 1680 und 1780. Die Aufklärung setzte der Errichtung größerer Votivmonumente ein Ende.

IV. Typen

A. Das Gnadenstuhlmotiv. Ein Entwurf Matthias Rauchmüllers für die D. am Graben in Wien (Abb. 1) zeigt die Darstellung des Gnadenstuhles, etwa im Sinne von Dürers Allerheiligenbild (Wien, Gem.Gal.). So etwa muß man sich die hölzerne Interimssäule vorstellen, welche 1679 aufgestellt und später durch die heutige Grabensäule ersetzt wurde.

Gottvater mit der Tiara im Strahlenkranz hält in seinen ausgebreiteten Armen den Gekreuzigten (Halbfigur), vor dem die Taube des Hl. Geistes angebracht ist. Der Unterbau für diese Gruppe setzt sich aus einer Folge übereinandergestaffelter Sockelpartien zusammen. Auf ihnen steht eine gedrungene Säule – abgeleitet aus der älteren Tradition der Mariensäulen –, welche die Dreifaltigkeitsgruppe trägt; um den Säulenfuß gruppiert sich die Darstellung der neun biblischen Engelschöre. In anderen Fällen werden unter der Säule Heiligenfiguren angeordnet, häufig die der Pestheiligen: Sebastian, Rochus, Rosalia, aber auch anderer, wie Karl Borromäus, Johann Nepomuk usw. Die religiösen Programme lassen eine große Vielfalt an Figuren wie an Reliefschmuck zu. Verbindlich blieb zunächst der einfache Typus: runde Säule, über deren Kapitell die Gnadenstuhlgruppe thront. Diese Komposition geht kaum über die Möglichkeiten des schlichten Bildstockes hinaus und findet sich, in unmittelbarer Anlehnung an die Wiener Interimssäule, in Etsdorf am Kamp Bez. Krems, 1681, in Mühldorf Bez. Krems, 1700 (Inv. Österr. 1, Abb. 61 u. 217), u. a. Orten. Für Bayern mögen als Beispiel Neustadt a. d. Waldnaab (Inv. Bayern II, 9, Abb. 66) und Tirschenreuth, Opf. (Abb. 4), gelten; letztere D. ist ein kleiner Bildstock mit Zuordnung von Maria und Johannes.

Zu A. 18. Jh. findet sich eine Variation des Gnadenstuhlthemas: Gottvater hält den Leichnam Christi im Schoß. So in Waidhofen a. d. Thaya, N.Ö., 1709 (Inv. Österr. 6, Abb. 169).

Auf einem breiten, von Balustraden umgebenen Steinpodium ruht das hohe Postament, über dessen Mitte die Säule mit der genannten Gruppe aufragt; über ihr im Strahlenkranz die Taube. Zu dem gesamten Komplex zählen die Figuren von Maria, Johannes, Joseph und Johann Nepomuk, als Reliefs Sebastian, Rosalia und Rochus sowie vier Engel. Aufsteigende Wolken, die sich eng an die Säule schmiegen, Puttenköpfchen u. dgl. bewirken eine bildmäßige Lockerung im Sinne des 18. Jh. Dieselbe Gruppierung der Dreifaltigkeit findet sich auf einfacher Säule mit Reliefwolken in Eggenburg Bez. Horn (Inv. Österr. 5, Abb. 45) und, etwas freier auf dreiseitigem Obelisk, über den sich ebenfalls Wolken emporschrauben, in Wartberg bei Eggenburg, 1733 (Ebd. Abb. 155). Die Einführung plastischer Wolkengebilde geht auf die endgültige Fassung der Wiener Grabensäule zurück.

B. der Wolkenthron. Auch der zweite Typus von D. verdankt seine Konzeption einem Werk in der Reichshauptstadt Wien: er geht zurück auf die endgültige Fassung der Grabensäule durch Burnacini, 1682–87 (Edm. W. Braun, Oberrhein. K. 10, 1942, Abb. S. 139 u. 143; s. a. Sp. 439, Abb. 17): Gottvater mit der Weltkugel und Christus mit dem Siegeszeichen des Kreuzes thronen auf puttenbevölkerten Wolkenballen, zwischen beiden erscheint in der Strahlenglorie die Taube. Diese Gruppierung kommt der Idee einer Ecclesia triumphans entgegen (vgl. etwa die Auffassung der Dreifaltigkeit bei Rubens, München, A. Pin.).

Die Symbolik der Dreiheit erstreckt sich auf den Unterbau: dreiflügelig ist der Grundriß des Sockels, ein dreiseitiger Obelisk ersetzt die Säule; er verfleckt sich fast völlig hinter den dicken, aufsteigenden Wolkenballen. Die neun kanonischen Engel, Reliefbilder mit Allegorien der überwundenen Pest und die vollplastische Stifterfigur vervollständigen das reiche, malerisch gelockerte Bild. Burnacini stellt sich damit bewußt in Gegensatz zu den schlichten Gnadenstuhlsäulen mit der Idee, etwas „Ungemeines inventieren“ zu müssen, da die „Säulen bereits auf denen Dörfern fasst zu gemein werden wollen“. Auch spielt als Grundmotiv für das abgeänderte Projekt im Sinne eines christlichen Triumphes die glücklich abgewendete türkische Belagerung Wiens von 1683 eine Rolle.

Dieser neuartige Typus verbreitete sich schnell. Schon 1685 ersetzte Graz seine hölzerne Interimssäule von 1680 [12] durch eine von Wien angeregte Neufertigung. Ähnliche Beispiele finden sich in Drosendorf Bez. Geras, 1713 (Inv. Österr. 5, Abb. 175), Dux, 1720, und Maria Ratschitz, 1721, in Nordböhmen [3, Abb. S. 91] sowie Lengfurt, Ufr., 1728 (Inv. Bayern III, 7, Abb. 57). Zuweilen enthält der Sockel der D. eine Brunnenanlage, z. B. in Teplitz, Nordböhmen, 1718 [2; 3, Abb. S. 89], oder in St. Pölten, 1767–82 (M. Riesenhuber a. a. O. Taf. 181). Häufig tritt die auffahrende Immakulata bzw. das apokalyptische Weib hinzu. So in Baden bei Wien, 1713–18 (Inv. Österr. 18, Abb. 72f.), wo die Weltkugel in den Wolkenturm einbezogen ist; desgleichen erscheint die Immakulata in Linz, 1717 bis 1723 (M. Riesenhuber a.a.O. Taf. 182), Wallerstein Lkrs. Nördlingen, 1720–25 (RDK II 702, Abb. 9), usw. In Budapest (Buda-Vár; Henrik Horváth, Budapest, Bd. 2 Taf. 97), 1712–14, wandelt sich der Obelisk zu sechs aneinandergelegten, verkröpften Kompositpilastern, auf welchen kleine Wolkenballen mit Puttenköpfchen sitzen. Die riesenhafte D. zu Olmütz in Mähren, gew. 1754 [10, Abb. S. 200], greift das Pilastermotiv über einem gewaltigen, reich dekorierten Sockelgebäude ebenfalls auf. In Zwettl, 1727 (Inv. Österr. 8, Abb. 421), schrauben sich Wolken um drei Kompositpilaster herum, während der Pfeiler in Stift Heiligenkreuz bei Baden, 1729–39 (Abb. 3), fast ganz und in Linz, 1723, völlig hinter den aufgetürmten, von zahlreichen Putten bevölkerten Wolkenkissen verschwindet.

Eine Ausnahmestellung nehmen die Dreifaltigkeitsgruppen auf niederem Sockel ein. Sie finden sich meist nach Art einfacher Bildstöcke an Wegrändern.

Bei Zeil Lkrs. Haßfurt, Ufr. (Inv. Bayern III, 4, Abb. 134), gilt eine derartige D. (1719) zugleich als Prozessionsaltar. In ihre figürliche Darstellung wird das Motiv der Marienkrönung einbezogen. Auf niederem Kastensockel steht auch die Dreifaltigkeitsgruppe bei Pirkensee Lkrs. Burglengenfeld, Opf., 1737 (Inv. Bayern II, 5, Abb. 77). Hier reichen sich Gottvater und Sohn über der ehemals von Kreuz und Taube bekrönten Weltkugel die Hände. Reicher ausgestaltet erscheint dieser Typus im städtischen Bereich Budapests: Zsigmond-Platz, 1700/06 (H. Horváth, Budapest, Bd. 2 Taf. 99).

Seltener findet sich die Gruppe der thronenden Dreifaltigkeit auf einfacher Säule. Ein derartiges Beispiel ist die D. bei Lodermühl Lkrs. Tirschenreuth, Opf., 1719 (Inv. Bayern II, 14, Abb. 30). Ihre weitaus bedeutendere Vorgängerin steht auf dem Marktplatz zu Straubing, Ndb., 1704–09 (Abb. 2).

Hier sendet der Sockel zwei Flügelarkaden als Bedachung für die Figuren der Verkündigung Mariä aus. Vor der Sockelmitte erscheint Erzengel Michael. Darüber erhebt sich die hohe Kompositsäule mit der thronenden Dreifaltigkeitsgruppe.

Zu anderen Variationen führte die Dreiheitssymbolik. In Krems a. D., 1738 (Fritz Dvorschak, Krems, Stein und Mautern, Wien-Augsburg 1928, S. 27 u. 64), stehen drei Säulen im Grundriß eines gleichzeitigen Dreiecks auf dreiflügeligem Sockel. Auf ebensolchem Gebälk thront die Dreifaltigkeit. Darunter, auf dem Mittelpunkt des Sockels, steht die Figur der Immakulata. Die Anlage ist von der 1706 vom älteren Fischer v. Erlach entworfenen, 1732 errichteten Josefsäule auf dem Hohen Markt in Wien (H. Tietze, Wien [= Ber. Kunststätten 67], Lpz. 1918, Abb. 93) beeinflußt. Ähnliche Anregungen verwertet die D. zu Selmecbánya (Schemnitz) in Ungarn [9, S. 112]. In Nikolsburg in Mähren, 1723 [10, Abb. S. 203, 205], thronen Gottvater und Sohn am Fuße des hohen Obelisken, der über einem dreisäuligen Unterbau aufragt.

Zu den Abbildungen

1. Matthias Rauchmiller, Entwurf für die Dreifaltigkeitssäule am Graben in Wien. Titelkupfer aus Abraham a Santa Clara, Österreichisches Deo Gratias, Wien 1680. Fot. RDK.

2. Straubing, Ndb., Säule auf dem Theresienplatz. Oben Dreifaltigkeit, Kupfer vergoldet; unten Verkündigung und St. Michael, Marmor. Ca. 15 m h. 1709. Fot. Bayer. L.A. f. Dpfl., München.

3. Stift Heiligenkreuz, N.Ö., Dreifaltigkeitssäule nach Modellen von Giov. Giuliani. Ca. 24 m h. 1729 bis 1739. Fot. Marburg 26 395.

4. Tirschenreuth, Opf., Bildstock am Weg nach Falkenberg. Ca. 4 m h. 1739. Fot. Bayer. L.A. f. Dpfl., München.

Literatur

1. Alois Hauser, Die Dreifaltigkeitssäule am Graben zu Wien, Ber. u. Mitt. d. Alt.Ver. Wien 21, 1882, 82ff. – 2. Die Dreifaltigkeitssäule in Töplitz, Mitt. Z. K., N.F. 25, 1899, 18ff. – 3. Doebber, Statuen und Dreifaltigkeitssäulen in Nordböhmen, Die Denkmalpflege 4, 1902, 89f. – 4. Bergner S. 365. – 5. Erika Tietze-Conrat, Die Pestsäule am Graben zu Wien, Wien (1921). – 6. Frdr. Pesendorfer, Die hl. Dreifaltigkeit, Christl. Kunstblätter 76, 1935, 7–10. – 7. E. Siegris, Korneuburg, Rest. d. Dreifaltigkeitssäule, Dt. K. u. Dpfl. 1935, 214. – 8. Alois Kieslinger, Steinhandwerk in Eggenburg und Zogelsdorf, Unsere Heimat N.F. 8, 1935, 183–85. – 9. Anton Hekler, Ungarische Kg., Berlin 1937, S. 112. – 10. Otto Kletzl, Deutsche Kunst in Böhmen und Mähren, Berlin 1941, S. 200 bis 205. – 11. Franz Hula, Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs, Wien 1948. – 12. Leo Bokh-Brockmann, Die steirischen Marien- und Dreifaltigkeitssäulen, Diss. Graz 1950 (masch.).

Verweise