Dreiapsidenanlage

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englisch: Three apse plan; französisch: Chevet à triple abside; italienisch: Chiusura triabsidale.


Hans Erich Kubach (1955)

RDK IV, 397–403


RDK III, 1383, Abb. 1. Sursee, Kt. Luzern, 10. Jh. (?).
RDK IV, 203, Abb. 7. S. Claudio al Chienti, 12. Jh.
RDK IV, 397, Abb. 1. Grundrisse der wichtigsten karolingischen Dreiapsidensäle.
RDK IV, 399, Abb. 2. Müstail, Kt. Graubünden, 9. Jh.
RDK IV, 401, Abb. 3. Müstail, 9. Jh.
RDK IV, 401, Abb. 4. Spiez, Kt. Bern, 11. Jh.

I. Begriff und Typen

Als D. werden herkömmlich einschiffige oder dreischiffige querschifflose Kirchenbauten mit drei in einer Flucht liegenden Apsiden oder Altarnischen bezeichnet, nicht also unterschiedslos Bauwerke, die drei Apsiden überhaupt zählen (auch Dreikonchenanlagen sowie Saalanlagen mit Apsiden an seitlichen Annexen [z. B. Sursee, RDK III 1383, Abb. 1] oder an einem Querschiff [wie in Säben in Tirol] zählen nicht zu den D.). Gleichgültig ist es dagegen für die Zugehörigkeit zum Typus, ob die Apsiden außen vortreten oder rechteckig ummantelt sind. In die Betrachtung einzubeziehen sind ferner Bauten mit rechteckigen Nischen anstelle der Halbkreisapsiden. Zu unterscheiden sind demnach Dreiapsidensäle (einschiffige D.) und dreischiffige D.

II. Dreiapsidensäle

Die Dreiapsidensäle kommen hauptsächlich als eine Gruppe karolingischer Kirchen vor, die ihr Zentrum in Graubünden (Schweiz) hat (Abb. 1). Bisher ist hier etwa ein Dutzend Beispiele nachgewiesen. Das besterhaltene davon ist die ehem. Abteikirche St. Peter in Müstail (Abb. 2 und 3). Erhalten bzw. gesichert sind ferner: Disentis, St. Maria und St. Martin II; Münster (Müstair), St. Johann; Mals (Vintschgau), eine Filialkirche von Münster; Chur, St. Martin und St. Lucius (Bau des B. Tello); Pleif (St. Vincenz in Lugnez) und Zillis. Vermutet werden frühe D. im Dom von Chur (II) und in Zuoz.

Als nachkarolingische Bauten dieser Gruppe, etwa aus dem 10.–11. Jh., sind zu nennen: Disentis, St. Agatha, sowie die ecclesia resurrectionis in Schaffhausen (ausgegrabene Fundamente unter der Annakapelle). Mehrere dieser Kirchen verwenden Apsiden über hufeisenförmigem Grundriß – nur Mals hat Rechtecknischen – und Außengliederung mit Lisenen und Rundbogenfriesen oder Bogenblenden.

Außerhalb der genannten Gruppe sind bisher folgende Bauten bekannt geworden: Cossonay I (Westschweiz); Linz an der Donau, St. Martin; Werden, St. Klemens (viell. 3-sch.); Oosterbeek (Gelderland); Mailand, S. Maria di Aurona (mit Apsis zwischen Rechtecknischen); Sirmione, S. Pietro in Mavino; Brescia, S. Maria in Solario; Parenzo, Nordsaal; San Veriano (Arezzo); sämtliche sind vor- oder frühromanisch, doch ist die Datierung wohl nur in Werden gesichert (gew. 957). Auch ist die Rekonstruktion als D. nicht überall zweifelsfrei.

Aus dem 12. Jh. stammen die Burgkapelle in Hocheppan und die Kirche St. Margarethen in Lana (beide in Südtirol), Schönthal bei Langenbruck, St. Bartholomäus bei Romen, St. Margarethen bei Dölsach und St. Margarethen bei Castelletto, Sontga Gada bei Disentis und Rheinau, St. Nikolaus (sämtlich Schweiz), S. M. di Castello in Corneto Tarquinia (Italien). Außerdem wären zu nennen S. Vittore bei Genga, S. Croce b. Sassoferrato, La Moie und S. Claudio al Chienti (Sp. 203, Abb. 7) sowie mehrere Kleinkirchen in Apulien. Zu vergleichen wäre auch die Anlage von St. Marien in Hornbach (Rheinpfalz) mit drei Nischen in der Ostwand des quadratischen Kapellenraums (Die Baudenkmale in der Pfalz, gesammelt u. hrsg. v. d. Pfälzer Kreisges. d. Bayer. Architekten- u. Ingenieurver., Bd. 5, Ludwigshafen 1895–97, S. 164).

Herkunft: Es steht zur Diskussion, ob der Typus spontan durch Vermehrung der Altarstellen entstand, ob er aus den dreischiffigen D. rückgebildet ist oder fertig aus dem Osten übernommen wurde. Immerhin ist er schon E. 5. Jh. bei dem „Consignatorium“ der Coemeterialbasilika von Abu Mina (Menasstadt, Ägypten) klar ausgeprägt vorhanden. In Syrien sind einschiffige Anlagen, deren Ostende durch Zungenmauern in drei Räume geteilt ist, seit dem 4. Jh. mehrfach belegt (z. B. Zerzita). Vergleichbar sind die Kirche auf dem Petersberg bei Fulda und Cividale, S. Maria in Valle („tempietto langobardo“, vor 1000); in dieser letzteren sind die drei Räume durch Säulenstellungen geschieden. Ähnlich, doch zusätzlich mit drei Apsiden: S. Michele in Capua. Mals (Vintschgau) könnte als Rückbildungsform dieses Typus erscheinen. – Fraglich bleibt, ob die römische Tempelanlage des Kastells Pfünz bei Eichstätt von Gantner [1] und ob römische Grab-Nischenarchitekturen zu Recht herangezogen worden sind. Das vereinzelte Auftreten von „Zweiapsidenanlagen“ (Reichenau-Mittelzell, Montbolo) spricht hingegen für spontane Entstehung aus liturgischer Ursache. Beziehung auf die Dreifaltigkeit dürfte nachträgliche theologische Deutung sein.

III. Dreischiffige D.

Dreischiffige querschifflose Basiliken mit D. herrschen vom 11. Jh. bis zum Ende des romanischen Stils in einem Verbreitungsgebiet vor, das sich von Oberitalien über die Zentralalpen bis nach Süddeutschland (Oberrhein, Schwaben, Bayern) und Österreich erstreckt. Als Beispiele seien die Stiftskirche in Spiez (Abb. 4), Altenstadt b. Schongau und der Freisinger Dom genannt. Jedoch ist diese Grundrißanlage bei sehr verschiedenartigem Aufbau auch sonst im abendländischen Kirchenbau, vor allem in Ungarn [12], Frankreich [2, S. 77], Katalonien und Italien, nicht selten.

Herkunft: Der Typus ist im östlichen Mittelmeerbecken mindestens seit E. 5. Jh. bekannt (Kalat Seman), seit M. 6. Jh. kommt er auch in den Adrialändern und wenig später in Gallien vor. Ein Zusammenhang der abendländischen D. mit diesen spätantiken und früh-ma. Bauten ist sehr wahrscheinlich; die Kirchen des 6. Jh. an der Adria (Aquileja, Parenzo u. a.) bilden vielleicht die Zwischenglieder. Auf jeden Fall gehören die abendländischen romanischen D., schon wegen ihres Verzichts auf stärkere Gliederung des Raumes, einer stark traditionsgebundenen, rückwärts gewandten Kunstübung an.

Zu den Abbildungen

1. Vergleichstafel mit Grundrissen der wichtigsten karolingischen Dreiapsidensäle. Nach [1] Abb. 18.

2. Müstail (Mistail), Kt. Graubünden, ehem. Frauenklosterkirche St. Peter, Inneres nach Osten. 9. Jh. Fot. Alb. Steiner, St. Moritz.

3. Müstail, Außenansicht von Osten. Fot. Archiv für hist. Kdkm. beim S. L. M. Zürich.

4. Spiez, Kt. Bern, ehem. Stiftskirche, Grundriß, 11. Jh. Nach Z. A. K. 11, 1950, S. 151 Abb. 1.

Literatur

1. Joseph Gantner, Kg. der Schweiz I, Frauenfeld u. Lpz. 1936, S. 27–32 (zusammenfassend). – 2. Susanna Steinmann-Brodtbeck, Herkunft u. Verbreitung des Dreiapsidenchores. Untersuchungen im Hinblick auf die karolingischen Saalkirchen Graubündens, Z. A. K. 1, 1939, 65–94 (mit ausf. Lit.). – 3. Alberto de Capitani d’Arzago, La chiesa romanica di S. M. di Aurona in Milano da una planimetria inedita del sec. XVI, Archivio storico lombardo 9, 1944, 3–66. – 4. Hans Reinhardt, Die kirchliche Bauk. in der Schweiz, Basel 1947, S. 28ff. – 5. Pierre Bouffard, St. Pierre de Clages et les églises des Alpes à trois absides, Vallesia 3, 1948, 59–79. – 6. Franz Juraschek u. Wilh. Jenny, Die Martinskirche in Linz, ein vorkaroling. Bau in seiner Umgestaltung zur Nischenkirche, Linz 1949. – 7. P. Glazema, Oudheidkundige opgravingen in de Nederlands hervormde kerk te Oosterbeek (Gelderland), Bull. van de Nederlandse Oudheidkundige Bond VI. Serie 2, 1949, 33–84. – 8. Frz. von Juraschek, Weiterleben antiker Baunormen an Bauten des 8. Jh., Z. A. K. 11, 1950, 129–43. – 9. Jean Hubert, L’architecture religieuse du haut moyen-âge en France, Paris 1952. – 10. Herb. Paulus, Zur Liturgie und Anlage des Dreiapsidenchores im vorkarolingischen Frankreich, Das Münster 5, 1952, 237–42. – 11. Mario Salmi, Miscellanea preromanica, in: Atti del Io congresso internazionale di studi longobardi (Spoleto 1951), Spoleto 1952, S. 477. – 12. Thomas von Bogyay, Normannische Invasion – Wiener Bauhütte – ungarische Romanik, in: Wandlungen christl. Kunst im MA (= Forschgn. z. Kg. u. christl. Archäol. Bd. 2), Baden-Baden 1953, 273–304. – 13. Erwin Poeschel, Frühchr. und früh-ma. Architektur in Currätien, in: Früh-ma. Kunst, Akten z. III. Internat. Kongreß f. Früh-MA-Forschung, Olten u. Lausanne 1954, S. 119–32. – 14. Iso Müller und Othmar Steinmann, Zur Disentiser Frühgeschichte, ebd. S. 133–49. – 15. Walther Sulser, Die St. Luziuskirche in Chur, ebd. S. 150–66. – 16. Linus Birchler, Zur karolingischen Architektur und Malerei in Münster-Müstair, ebd. S. 167–252.

Verweise