Doppelgrab

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englisch: Double tomb, altar tomb; französisch: Tombeaux géminés, tombeaux jumeaux; italienisch: Tomba doppia.


Harald Keller (1955)

RDK IV, 186–196


RDK IV, 187, Abb. 1. Löwenberg (Schlesien), um 1300.
RDK IV, 189, Abb. 2. Nürnberg, 1426.
RDK IV, 191, Abb. 3. Marburg a. d. L., 1516 von Ludw. Juppe.
RDK IV, 193, Abb. 4. Baden-Baden, 1517.


Unter D. versteht der deutsche Sprachgebrauch zwei ganz verschiedene Denkmälergattungen:

I. Nebeneinander gruppierte Tote

Auf einer Grabplatte (in Ritzzeichnung oder Gravierung), einem Tischgrab oder einer Tumba (in Relief oder Vollskulptur) erscheinen zwei nebeneinander dargestellte Tote. Fast immer sind diese liegend ausgestreckt, d. h. als aufgebahrt charakterisiert. Vereinzelt seit dem frühen 15. Jh., besonders in Frankreich, häufiger seit der Zeit um 1500 knien dann zuweilen die Figuren auf ihren Grabmälern, dem Hauptaltar der Kirche zugekehrt, so daß der Eindruck entsteht, als ob sie in ihrem Betstuhl der täglichen Messe beiwohnten (s. Ewige Anbetung).

D. wurden zumeist Ehepaaren errichtet, doch treten auch Darstellungen auf von Vater und Sohn (Nienburg a. d. Saale, Schloßkirche, Graf Thietmar und sein Sohn, laut verlorener Inschrift. 1350 angefertigt; H. Kunze, Die got. Skulptur in Mitteldeutschland, Bonn 1925, Taf. 32), von Brüdern (Marburg a. d. L., Elisabethkirche, Landgraf Otto † 1328 und Johann † 1311 von Hessen, Söhne Landgraf Heinrichs L; R. Hamann und K. Wilhelm-Kästner, Die Elisabethkirche zu Marburg II, Marburg 1929, Abb. 205), von Onkel und Neffen (Oberaltaich, Stiftergrab für Graf Friedrich von Bogen, Domvogt des Stiftes Regensburg, und Graf Aswin von Bogen, seinen Oheim. Gründung 1100, Grabmal von 1418; Inv. Bayern IV, 20, S. 276 u. Taf. 16), von Amtsnachfolgern, die aber derselben Familie entstammen können (flandrische Messing-Grabplatte der Bischöfe Ludolf † 1339 und Heinrich † 1347 von Bülow, eine zweite der Bischöfe Gottfried † 1314 und Friedrich † 1375 von Bülow, beide Schwerin, Dom; Inv. Meckl.-Schwerin 2, S. 562ff.), von Stiftern einer Kirche, eines Klosters, die aber ebenfalls meist blutsverwandt sind (Kappenberg i. Westf., Klosterkirche, Stiftergrab für Graf Gottfried † 1126 und dessen Bruder Graf Otto von Kappenberg, um 1330; Hamann u. Wilhelm-Kästner a. a. O. II, Abb. 195). In Oberbayern beispielsweise sind die Stifter-Tumben der Spätgotik fast ausnahmslos D.: Tegernsee (1457), Ebersberg, Attel a. Inn, Rott a. Inn, die letzteren drei aus der Werkstatt des Wolfgang Leb in Wasserburg (Ph. M. Halm, Stud. z. süddt. Plastik I, Augsburg 1926, Abb. 128, 131, 144f.).

Die beiden zusammengeordneten Figuren suchen jedoch niemals eine engere stilistische Gemeinschaft im Sinne einer Gruppenbildung. Sie bleiben streng isoliert. Eine Ausnahme bildet das Grabmal eines unbekannten Ehepaares in der Altertumshalle in Löwenberg, Schlesien, um 1300, wo die beiden Toten sich einander zukehren und eine Art Abschiedszene ähnlich jenen auf griechischen Grabstelen des 5. Jh. v. Chr. entsteht (Abb. 1; Rita Probst, Der Meister des Löwenberger Doppelgrabmals u. die schles. Plastik der 1. H. 14. Jh., in: Kg. Studien, Dagob. Frey z. 23. 4. 43, Breslau 1943, 201–17).

D. pflegen aus einem Guß zu sein; daß das Grab einer Einzelfigur später zum D. ausgestaltet wurde, ist selten; z. B. das sog. Hochgrab in der Klosterkirche in Eberbach i. Rhg., wo die Platte des Mainzer E.B. Gerlach von Nassau † 1370 mit der Grabplatte des Mainzer E.B. Adolf von Nassau † 1475 nach 1632 zum aufwendigen Doppelgrab vereinigt wurde (H. Hahn in: Nassauische Annalen 65, 1954, 237ff.). Das D. des Grafen Ludwig von Württemberg † 1450 und der Gräfin Mechthild † 1482 (Tübingen, Stiftskirche) schuf Jakob Woller von Schwäbisch Gmünd 1555/56 unter Wiederverwendung der etwa 100 Jahre älteren Frauenstatue Multschers: Otto Schmitt in: Zs. d. dt. Ver. f. Kw. 8, 1941, 179–94.

D. der Gattung I finden sich seit dem ausgehenden 12. Jh., d.h. sogleich seit dem Aufkommen der Darstellung des Toten in ganzer Figur in der Umrißzeichnung einer Grabplatte und seit dem Aufkommen des Wandgrabmals und der Tumba. Sie treten in allen Ländern Europas etwa zur gleichen Zeit auf.

Deutsche Beispiele des 13. Jh.: Braunschweig, Dom, Hzg. Heinrich der Löwe u. s. Gattin Mathilde, um 1240 (E. Panofsky, Dt. Plastik d. 13. Jh., Taf. 46); Wechselburg, Graf Dedo von Wettin u. s. Gattin Mechthild, nach 1240 (A. Goldschmidt, Die Skulpturen von Freiberg und Wechselburg, Taf. 80–82); Goslar, Frankenbergkirche, trapezförmiger Grabstein zweier Unbekannter (die Inschriften später willkürlich ergänzt; wie das Wechselburger Grab ohne das Vorbild des Grabmals Heinrichs des Löwen nicht denkbar); Frauenroth, Ufr., Klosterkirche, Graf Otto von Botenlauben-Henneberg u. Gattin Beatrix von Courtenay, um 1270 (Panofsky a.a.O., Taf. 111); Stuttgart, Stiftskirche, Ulrich der Stifter von Württemberg u. s. Gattin Agnes von Liegnitz, beide † 1265, spätes 13. Jh. (J. Baum, Got. Bildwerke Schwabens, Stuttg. 1921, Abb. 109); Erfurt, Schottenkloster St. Jakob, Walter von Glitzberg u. s. Gattin, E. 13. Jh. (Marburger Jb. 3, 1927, Taf. 77 b).

Französische Beispiele des 13. Jh.: 1263–64 ließ Ludwig der Hl. in St. Denis acht D. für die französischen Herrscher errichten, im südlichen Querhaus für die Karolinger, im nördlichen für die Kapetinger. Eine Fülle weiterer Beispiele bei Gaignières (Les dessins d’archéologie de Roger de Gaignières, Série T, Tombeaux, hrsg. v. Jos. Guibert, Paris o. J., passim).

Aus dem 14. Jh.: Lich, Oberhessen, Stiftskirche, Ritter Kuno von Falkenstein † 1333 u. Gattin Anna von Nassau † 1329, entstanden um 1333 (E. L. Fischel, Mittelrhein. Plastik des 14. Jh., München 1923, Abb. 23); Bielefeld, Marienkirche, Graf Otto III. von Ravensberg † 1305/06 u. s. Gattin Hedwig von Lippe † 1320, entstanden kurz nach 1320 (Hamann u. Wilhelm-Kästner a. a. O. II, Abb. 237); Kleve, Stiftskirche (ursprünglich in Bedburg), Graf Arnold II. † 1150 u. s. Gattin Ida, entstanden um 1330 (Ebd. Abb. 239); Braunschweig, Dom, Otto der Milde u. s. Gattin Agnes, Holz, überlebensgroß, laut Urkunde 1345 entstanden (H. Kunze, Got. Skulptur in Mitteldeutschland, Abb. 33); Arnstadt in Thüringen, Liebfrauenkirche, Tumba Günthers von Schwarzburg † 1368 u. s. Gattin Elisabeth † 1381, entstanden um 1370/1380 (H. Kunze, Plastik des 14. Jh. in Sachsen und Thüringen, Berlin 1925, Taf. 25).

Die Beispiele seit dem 15. Jh. sind zahllos; in fürstlichen Grablegen sind D. bis auf den heutigen Tag gebräuchlich. – Im 16. Jh. wurden gelegentlich zerstörte D. des 13. Jh. durch neue ersetzt, die mit archäologischer Treue die Formenwelt des verlorenen Denkmals zu kopieren versuchen: Roermond, U.L.F., D. des 1229 † Gerhard III. von Geldern und seiner Gattin Margarete von Brabant (Adalbert Schippers, Zs. f. bild. K. 59, 1925/26, 288ff.).

Seit dem Beginn der Renaissance in Deutschland sind die Beispiele häufig, bei denen Ehepaare auf ihrer Tumba in voller Figur vor einem Kruzifix knien, so daß eine Zwischenform zwischen Freigrab und Epitaph entsteht (Öhringen, Stiftskirche, Grabdenkmäler der Grafen Eberhardt † 1609 und Friedrich von Hohenlohe † 1600 mit ihren Gattinnen; Dehio, Dt. K. III, Abb. 441).

II. Übereinander angeordnete Grabplatten

Es gibt zwei Abarten dieses Typus:

a) über einer Bodenplatte erhebt sich auf Pfosten eine zweite gleich große Platte (Tischgrab, Bahrengrab); b) ein Tumbengrab, mit der Gestalt des aufgebahrten Toten bedeckt, gewährt durch die durchbrochenen Arkaden seiner vier Seitenwände Einblick in das Innere der Tumba, auf deren Boden die Gestalt des Toten zum zweiten Male aufgebahrt erscheint.

Beide Typen sind etwa gleichzeitig im französischen Kronland um 1200 entstanden. Die beiden Platten übereinander, noch nicht mit skulpierten Figuren, sondern mit der Gestalt des Kruzifixes geschmückt, finden sich zuerst in einem Wandgrabmal vereinigt: in dem Grab zweier Unbekannter im Chor der Abtei von Longpont b. Reims, E. 12. Jh. (zerst., durch Zeichnung von Gaignières überliefert: [1] Taf. geg. S. 306). Weit häufiger ist der Typ mit der durchbrochenen Tumba.

Longpont, der sel. Jean de Montmirail, zw. 1220 u. 1230; Grabmal zerst., Zeichnung von Gaignières [1, Taf. geg. S. 308]: der Tote liegt auf der Tumba als Mönch, auf der Bodenplatte in der Tumba in voller Ritterrüstung, um auch ein Bild seines früheren Weltlebens zu geben. – Cîteaux, Abtei, Arnauld Amalric (zunächst Zisterzienserabt, später Bischof von Narbonne): in der Tumba als Mönch dargestellt, auf der Deckplatte in bischöfl. Gewändern; erst E. 13. Jh. entstanden. – Troyes, Kathedrale, Grabmal des Hzg. Henry le Large † 1180, Ausführung etwa 20–30 Jahre später, in der franz. Revolution zerst.; Goldschmiedearbeit mit Treibarbeit und Limousiner Email; die obere Platte ist leer (Wappen des Toten?), innerhalb der Tumba liegt die Bronzestatue des aufgebahrten Toten (Lasteyrie II, Bd. 2 S. 566f.). Auch bei Frauengräbern lag die Grabfigur auf dem Boden einer durchbrochenen Tumba: Longpont, Grabmal Marie de Montmirail, Dame de Coucy † 1271 [1, Taf. vor S. 309].

Diese Grabmalform ist von den anderen europäischen Ländern nicht übernommen worden.

Hingegen wurde die Form des Tisch- oder Bahrengrabs offenbar über Flandern nach Deutschland vermittelt. Merkwürdigerweise haben sich aber keine Beispiele im Rheinland erhalten, die deutschen Denkmäler treten vielmehr in geschlossener Gruppe in Nürnberg und der Oberpfalz auf; eine zweite geschlossene Gruppe am Oberrhein.

Regensburg, St. Emmeram, Emmeramstumba, um 1340 (Inv. Bayern II, 22, 1, S. 248 u. Abb. 161); Nürnberg, Hl. Geist-Kirche, Reichsschultheiß Konrad Groß † 1356, Bodenplatte mit der Bildnisfigur, obere Platte in Rotmarmor, getragen von acht klagenden Männern und Frauen, Pleureurs (K. Martin, Die Nürnberger Steinplastik im 14. Jh., Berlin 1927, Abb. 166–171); Aichkirchen Krs. Parsberg, unbekannter Ritter, Kopie des vorigen, 14. Jh.; 1820 ausgegraben, die Reste sofort zerstört, Zeichnung erhalten (Inv. Bayern II, 4, S. 24, Abb. 3); Nürnberg, Hl. Geist-Kirche, Grabmal Herdegen Valzner † 1426: der Tote liegt auf der Bodenplatte, auf der Deckplatte ist nur ein metallenes Spruchband und das Wappen des Toten (Abb. 2). Räumlich getrennt von dieser oberpfälzisch-nürnbergischen Gruppe steht das Grab der Straßburger Wilhelmer-Kirche, bei dem am Boden die Platte mit der Figur des zuerst verstorbenen Kanonikus Grafen Philipp von Werd † 1322, darüber die Platte mit der Gestalt des Landgrafen Ulrich von Werd † 1344 angeordnet ist, ausgeführt von Wölfelin von Rufach (Wolfg. Kleiminger, Die Plastik im Elsaß 1260–1360, Freiburg i. Br. 1939, S. 39f., Abb. 36). Es ist wahrscheinlich, daß es sich um kein einheitliches Kunstwerk handelt, sondern daß der später Verstorbene später sein Denkmal über dem des Bruders erhielt. – Kloster Lichtenthal b. Baden-Baden, Fürstenkapelle, Markgraf Rudolf IV. † 1348: auf der oberen Platte der Markgraf mit geschultertem Schwert in Relief, auf der Bodenplatte die beiden Wappen von Baden und Öhringen in Flachrelief (Inv. Baden 11, S. 512ff.).

Im 15. Jh. bekamen sowohl das Tischgrab wie das Tumbengrab mit durchbrochenen Arkaden unter Beibehaltung ihres formalen Aufbaus eine völlig neue ikonographische Motivierung. Der didaktische Sinn des Spät-MA, der den Gegensatz des blühenden Körpers und des Totengerippes oder von Gewürm zerfressenen Leichnams für die Mahnung seines Memento mori auch sonst ausnutzte (Totentanz, Geschichte von den Drei Lebenden und den drei Toten), übertrug diese Gedanken auch auf das Grabmal. Der Tote erschien nun auf seinem Grabmal in doppelter Gestalt, einmal als Lebender, einmal als Toter. Die Inschriften solcher Grabmäler ähneln denen der Totentänze und der Legende von den Drei Lebenden und den drei Toten sehr. Am Grabmal in Baden-Baden (Abb. 4) steht: „mortem cum vita mutare plerosque vidi, secutus eodem, ecce iaceo.“ Ähnliche Inschriften gibt es an Grabmälern in ganz Europa.

Ältestes deutsches Beispiel: Trier, Liebfrauenkirche, Grabmal des E. B. Jakob von Sierck † 1456, angefertigt 1462 von Nikolaus Gerhaert. Nur die obere Platte mit der Figur des Kirchenfürsten ist erhalten, bis 1771 war es ein D.: auf dem Boden lag eine zweite Figur mit dem noch unverwesten Körper, an welchem Kröten und Schlangen fraßen (Inv. Rhein-prov. 13, 3, S. 187ff. – Otto Wertheimer, Nic. Gerhaert, Berlin 1929, S. 38–40). – Die französischen Vorstufen dieser Grabmalform sind heute alle nicht mehr intakt. Solche französischen D. waren ursprünglich z. B. das des Kardinals Lagrange † 1402, in Avignon, St. Martial, von ihm selbst errichtet, aber erst nach seinem Tode vollendet. Erhalten ist die Bodenplatte mit dem Skelett [5, Abb. 165]. Ebenso ist nur ein Fragment der Platte für den Arzt Guillaume de Harcigny † 1393 (Laon, Bischöfl. Palais, Kap. bei der Kath.) erhalten. Älteste englische Beispiele: Grabmal des E.B. Chicheley von Canterbury † 1443, in der Kath. in Canterbury: auf der Tumba in Pontifikalgewändern, auf der Bodenplatte als Leichnam; B. Fleming in Lincoln, Kath., um 1435–45, und B. Beckington in Wells, Kath.; Beispiele von englischen Grabmälern für Laien bei Edward S. Prior und Arthur Gardner, An account of mediaeval figure-sculpture in England, Cambridge 1912, S. 716ff. In Italien ist diese Grabmalform, wie auch der Totentanz, unbekannt geblieben.

Zwei deutsche Beispiele um 1500: Marburg, Elisabethkirche, Landgraf Wilhelm II. † 1509, angefertigt 1516 von Ludwig Juppe von Marburg (Abb. 3; [3] S. 25ff. u. Taf. I); Baden-Baden, Stiftskirche, Markgraf Friedrich IV., B. von Utrecht, † 1517: auf dem Paradebett die Bronzefigur des Bischofs, unten das Skelett (Abb. 4; Inv. Baden 11, 1, S. 122; früher P. Vischer in Nürnberg zugeschr.); einzig erhaltenes Wandgrab dieses D.-Typs. – Die einzigen Beispiele im Ausland, von einem deutschen Künstler gearbeitet, sind die beiden Einzelgrabmäler des Philibert le Beau von Savoyen und seiner Gattin Margarete von Österreich in Brou b. Bourg-en-Bresse: beide auf der Deckplatte im Zeitkostüm, auf der Bodenplatte, innerhalb der durchbrochenen Tumba, nackt im Bahrtuch, mit jugendlich-idealisierten Zügen; die D. wurden 1526–31 zu Lebzeiten der Margarete in deren (1516 erteiltem) Auftrag von Konrat Meit von Worms geschaffen (Gg. Troescher, Konrat Meit von Worms, Freiburg i. Br. 1927, Taf. 23–42. – W. Vöge, Jb. d. preuß. K.slgn. 29, 1908, 77–117). Anregung dazu gab das im gleichen Jahr begonnene Grabmal Ludwigs XII. und seiner Gattin in St. Denis, das älteste unter den französischen Königsgräbern, auf denen „Transis“ erscheinen. Weitere Beispiele in St. Denis: Grabmal Franz’ I. und seiner Gattin, von Philibert Delorme 1549–58; Grabmal Heinrichs II. und seiner Gattin Katharina Medici, von Primaticcio (Auftrag 1550) und Germain Pilon, 1563–70 (J. Babelon, Germain Pilon, Paris 1927, Abb. 5–24). Bei allen diesen französischen Königsgräbern entsprechen den nackten Toten im Grabbau als Bekrönung darüber die knienden Gestalten desselben Paares im Betstuhl. Natürlich haben die Königsgräber Schule gemacht: Sens, Kathedrale, Kardinal Antoine Duprat † 1535 (in der Franz. Revolution zerst.): unten d. nackte Leichnam auf dem Sarkophag, oben der kniende Kardinal; Louvre (ehem. in Ste. Cathérine in Paris), Grabmal der Valentine Balbiani, Gattin des nach ihrem Tode geistlich gewordenen späteren Kardinals René de Birague, 1583 von Germain Pilon vollendet (Ebd. Abb. 38, 40 und 77); Rouen, Kathedrale, Wandgrabmal des „Grand Sénéchal de Normandie“, Louis de Brézé † 1531, Gatten der Diane de Poitiers (ausgeführt zwischen 1535 und 1544 von Jean Goujon): unten auf der Tumba halbnackt in einem Bahrtuch, oben zu Pferde in Turnierrüstung (Pierre de Colombier, Jean Goujon, Paris 1949, Taf. 30f.).

Es gibt auch D., die zwei verschiedene Personen übereinander in bekleidetem Zustand darstellen.

Hierzu zwei Beispiele: Berlin, Dom, Grabmal der Kurfürsten Joachim und Johann Cicero, 1524 bei Peter Vischer d. Ä. bestellt, Ausführung von Hans Vischer, 1530 bez. (Simon Meller, P. Vischer d. Ä. u. s. Werkstatt, Leipzig 1925, Abb. 133f.); Krakau, Dom, Sigismundkapelle, Grabmal der polnischen Könige Sigismund I. † 1548 und Sigismund August † 1572, italienisches Wandnischengrab im Stile Sansovinos, von ital. Künstlern geschaffen (Dag. Frey, Krakau, Berlin o. J., S. 34 u. Abb. 83).

Mit dem Ende des 16. Jh. wird der Typ des D. mit übereinandergeordneten Toten ungebräuchlich. Er hat im Barock keine Rolle mehr gespielt. In England tritt um 1606 eine skurrile Spätform auf: bei dem Tischgrab von Sir Francis Vere in London, Westminster Abbey (1609), liegt auf dem Tisch allein die Rüstung des Toten, er selbst aber als Relieffigur in Hofgewändern auf der Bodenplatte (Royal Commission on Historical Monuments, London I, Westminster Abbey, London 1924, Taf. 92).

Zu den Abbildungen

1. Löwenberg i. Schles., Altertumshalle. Grabstein eines unbekannten ritterlichen Ehepaares. Um 1300. Fot. Denkmalarchiv München.

2. Nürnberg, Heiliggeistkirche. Doppelgrab des Herdegen Valzner, † 1426. Stein, Wappen und Inschrift in Bronze eingelegt. Fot. G.N.M. Nürnberg.

3. Marburg a. d. L., Elisabethkirche. Doppelgrab des Landgrafen Wilhelm II. von Hessen, † 1509. Alabaster. Von Ludwig Juppe, Marburg, 1516. Fot. Marburg 14 008.

4. Baden-Baden, Stiftskirche. Wand-Doppelgrab des Markgrafen Friedrich IV. von Baden, Bischofs von Utrecht, † 1517. Figur und Skelett Bronze, auf Steinplatten. Die 16 Ahnenwappen r. u. l. vom Wappen des Bischofs um 1800. Fot. Staatl. Amt f. Dpfl. Karlsruhe.

Literatur

Zu II: 1. Marcel Aubert, Les tombeaux de l’abbaye de Longpont, Congr.arch. 78, II, 1911, 305–16. – 2. Mâle III2 S. 375ff. und 467ff. – 3. Hans Neuber, Ludwig Juppe von Marburg, Marburg 1915, S. 25–40. – 4. Rud. Helm, Skelett und Todesdarstellungen bis zum Auftreten der Totentänze (Stud. z. dt. Kg. 255), Straßburg 1928. – 5. Michel III, 1, S. 381ff.