Dolch

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englisch: Dagger; französisch: Poignard; italienisch: Pugnale.


Paul Post (1955)

RDK IV, 111–120


RDK III, 1227, Abb. 11. Heinrich Aldegrever, 1538.
RDK IV, 113, Abb. 1. Stuttgart, 6. Jh. v. Chr.
RDK IV, 113, Abb. 2. Nürnberg, 15. Jh.
RDK IV, 115, Abb. 3. Mainz, um 1318.
RDK IV, 115, Abb. 4. und 5. Ehem. Frankfurt a. M., 1330-35.
RDK IV, 117, Abb. 6. Ehem. Berlin, 2. H. 14. Jh.
RDK IV, 117, Abb. 7. Lübeck, 1504-05.
RDK IV, 119, Abb. 8. Nürnberg, 2. H. 16. Jh.
RDK IV, 635, Abb. 1. Ulm, 1377.

I. Begriff, Aufkommen, Benennung

Der D., die kurze Begleitwaffe des Schwerts und Degens, ist eine ausgesprochen für den Nahkampf bestimmte Stoßwaffe. Seine Elemente und ihre Zusammensetzung entsprechen denen dieser beiden Waffentypen.

Der D. gehört zur Urbewaffnung des Menschen. Er ist durch Beispiele bereits aus der Altsteinzeit bezeugt und in Funden und Darstellungen durch alle Kulturen des nahen Orients und Südeuropas bis zu den Römern zu verfolgen ([4]; Forrer, Reallexikon S. 183–86). Vom ersten Auftauchen an war er bevorzugter Gegenstand künstlerischer Gestaltung und Verzierung, am D. wie an der Scheide (Abb. 1). Vom Ende der Römerzeit an verschwand er gänzlich aus der abendländischen Bewaffnung. Die waffenreichen Grabfunde der Völkerwanderungszeit und der nordischen Länder haben keine D. zutage gefördert.

Erst in der spät-ma. ritterlichen Bewaffnung taucht der D., vermutlich aus dem Messer entwickelt, erneut auf. Weisen auch manche frühe Grifformen von Funden noch ins 13. Jh., so bezeugen ritterliche Grabsteine – die Haupterkenntnisquelle zum ma. D. – eine allgemeine Verbreitung erst fürs 14. Jh. Das einstweilen frühste einwandfreie Beispiel liefert die Darstellung eines Bewaffneten auf einem um 1307 zu datierenden Zürcher Fresko (E. A. Geßler, Ein Zürcher Freskenzyklus um 1307, Zs. f. hist. Waffen- u. Kostümkde. N.F. 6, 1937–39, S. 90, Abb. 2). Sein Aufkommen steht offenbar in ursächlichem Zusammenhang mit der zu dieser Zeit einsetzenden Verstärkung der ritterlichen Schutzbewaffnung durch ein Plattensystem über dem Kettenhemd (s. Harnisch). Beim Versagen des Schwertes dient die neue Faustwaffe dazu, das Plattensystem an seinen Lücken zu durchstoßen.

Die Benennung Dolch ist nach Grimm vom slawisch-böhmischen dolk herzuleiten und kommt erst im 16. Jh. auf. 1337 wird auf einer Kölner Synode u. a. das Tragen von „Stoßmessern“ gerügt (s. Dusing), womit augenscheinlich der Dolch gemeint ist; zugleich ein frühes Zeugnis für die Übernahme des D. in die bürgerliche Tracht (für diese Zeit auch bildlich zu belegen). Im Rechnungsbuch eines Münchner Waffenhändlers von 1449 wird nach dem Zusammenhang ein Dolchmesser als tegenmesser benannt, wie ja der Name Degen vom französischen dague = Dolch hergeleitet wird, der als Vorstufe des Degens gilt. Diese Herkunft scheint im 16. Jh. noch die gelegentliche Benennung des Dolches als degelein (Grimm II 894f.) zu bewahren und zu bestätigen.

Die Herstellung der Dolche und ihrer Fassung liegt in der Hand der Messerer, die, wie es bei Schwert und Degen der Fall ist, auch ihre Marke in die Klinge schlagen.

II. Dolchtypen und Grifformen

Im Mittelalter geht neben dem normalen, kurzen der bis zum Knie reichende Langdolch einher. Dolchmesser mit Rückenklingen, wohl die ursprüngliche Form, sind vom D. mit ausgesprochener Stoßklinge von rundem Querschnitt zu unterscheiden; diese ist oft zu einem höchst raffiniertem System von Graten entwickelt, geeignet, jedes Hindernis zu durchstoßen (Abb. 6). Die unübersehbare Mannigfaltigkeit von Dolchgefäßen unter Verwendung allen erdenklichen Materials – Eisen (Abb. 2), Bronze (G. A. Cloß und P. Post, Eine Gruppe ma. Dolche mit Bronzegefäß, Zs. f. hist. Waffen- u. Kostümkde., N.F. 6, 1937–39, 161ff.) und Bein (Abb. 4 und 5) – bezeugt die Vorliebe, der sich der D. alsbald auch als Zierstück erfreute. Darunter hebt sich eine Reihe von Haupttypen heraus: vorzugsweise beim Dolchmesser begegnet neben der dem Schwert einfach nachgebildeten Kreuzgrifform ein unten und oben mit gleichbreiten sichelförmigen Knebeln abschließender Griff, die Knebel nach innen gebogen (Abb. 3). Am Stoßdolch bilden sich zwei sehr verbreitete Gefäßtypen heraus, die den D. ihren besonderen Namen geben: am sog. Nierendolch pflegt das ganze Gefäß aus einem runden Holzgriff zu bestehen, der sich nach oben verbreitert und sich unten an der Klingenwurzel zu zwei nierenförmig angeordneten Knollen entwickelt (z. B. auf dem Grabstein des Konrad von Seinsheim, † 1369: P. Post, Kostüm, Taf. 106 l, Abb. 1). Der klassische Dolch zum Stoß, typisch als „Gnadgott“ benannt, begnügt sich oft mit einem ganz aus Eisen geschmiedeten Gefäß, dessen Griff oben und unten mit zwei gleichgroßen kreisrunden Scheiben abschließt (Abb. 2, 6); er wird wegen seiner Einfachheit und Beliebtheit gern gefälscht.

Die gotischen Dolchtypen und -formen lösten in der Renaissance nicht minder zahlreiche Varianten ab, ohne doch die Eigenwüchsigkeit zu erreichen, die dem ma. D. seinen besonderen Reiz verleiht. Ihren ursprünglich so ernsten Waffencharakter immer mehr einbüßend, werden sie gern zum koketten Begleiter von Schwert und Degen. Mit ihnen zur Garnitur vereinigt, ordnen sie sich diesen in ihrer Gefäßform unter und gleichen sich ihnen an (s. Degen Abb. 3, 10, 11). Ernsthafterem Zweck dient der Fechtdolch, neben dem Degen in der linken Hand geführt und darum auch Linkhand genannt (G. Thibault, Academie de l’Espé, Leiden 1628, 2. Teil, Taf. III). Seine Hauptaufgabe, die gegnerische Klinge zu brechen, wird beim typischen Fechtdolch (s. Degen Abb. 3) durch breite Parierstangen mit nach vorn aus der Klingenebene gebogenen Enden erreicht, in denen sich die gegnerische Klinge verfangen soll. Eine mechanisierte Sonderbildung ist der sog. Springdolch mit drei sich deckenden Klingen, von denen die beiden außenliegenden durch Auslösung eines Druckknopfs mittels Federmechanismus auseinanderschnellen und die Degenklinge zwischen ihre Scheren nehmen. Joh. Fischart (um 1545 bis 1590) hält diese Ausartung der Erwähnung wert. Vor seinem Ausscheiden als ernsthafte Waffe verhalf der D. Ende des 16. Jh. noch einem sehr ernsthaften Kriegsgerät, dem Bajonett (RDK I 1388f.) in seiner Ursprungsform, dem Spundbajonett, zum Leben; dies ist ein Dolchmesser mit rundem, sich verjüngendem Griff, der in die Mündung des Gewehrlaufs gesteckt wird.

Handlichkeit und Eignung zu mannigfaltiger Abwandlung von Gefäß und Scheide öffnen, wie bei keiner anderen Waffe, der künstlerischen Gestaltung ein weites Feld, worin von Beginn an die größten Künstler miteinander wetteiferten.

Drei Stücke von gleich hohem Niveau aus der Frühgotik, Spätgotik und Renaissance dienen als Beispiele. Aus der Frühzeit des Dolches in der 1. H. 14. Jh. ist eine ganze Gruppe verwandter beingeschnitzter Dolche mit figürlichem und z. T. heraldischem Schmuck norddeutscher Herkunft erhalten (Alfred Rohde, Ein Dolchmesser des 14. Jh. im Hamburger Mus. f. Kunst u. Gewerbe, Zs. f. hist. Waffen- u. Kostümkde. 9, 1921–22, 155). Abb. 4 und 5 zeigen das ungewöhnlich vollständig und gut erhaltene Glanzstück der Gruppe, ehem. in Coesfeld, mit Wappen der westfälischen Familie von Graes, kostümlich und heraldisch um 1330–35 zu datieren. Ein Nierendolch mit sehr verwandtem Silberbeschlag der Scheide, Moorfund aus Seeland im Nat. Mus. in Kopenhagen, vermehrt die Gruppe um ein 4. Exemplar (P. Post, Eine gotische Dolchscheide im Nat. Mus. von Kopenhagen, Zs. f. hist. Waffen- u. Kostümkde. N.F. 3, 1929–31, 269–71). Gleichfalls niederdeutsch ist das silbervergoldete Dolchbesteck der Spätgotik im Annen-Mus. in Lübeck, vermutlich vom Silberschmuck der St. Jürgengruppe des Henning von der Heide in Lübeck, von 1504 bis 1505 (Abb. 7). Der Griff ist reich verziert in Niello mit bildnerischem Schmuck, die Gravierungen der Scheide werden Bernt Notke zugeschrieben (Erna Suadicani, Das Dolchbesteck des Lübeckschen Annen-Mus., Pantheon 14, 1934, 204ff.).

Vor allem die reiche Formenwelt und üppige Zierkunst der Renaissance erwählte die mehr und mehr zum reinen Schmuckstück gewandelte Waffe zu ihrem Liebling (s. Degen Abb. 3, 10). Dürer (B.M. London, W. 716), vor allem Hans Holbein d. J. lieferten Entwürfe dazu (Zusammenstellung bei H. Alfred Schmid, Hans Holbein d. J., 1948). Mit seinem Namen wird vor allem die große Zahl erhaltener Scheidenbeschläge von schweizerischen Landsknechtsdolchen aus vergoldetem Bronzeguß in Verbindung gebracht, virtuose Kompositionen von Kampfszenen und aus der Mythologie. Abb. 8 zeigt diesen verbreiteten Sondertypus; der Griff von Buchs mit sichelförmigen Knebeln, von Urs Graf und Nikolaus Manuel Deutsch gern ihrem Namenszeichen beigefügt.

III. Tragweise

Der ritterliche Dolch hat seinen Platz an der rechten Seite des Schwertgurts. Vom Coesfelder Dolch (Abb. 4 und 5) ist noch der an der Scheide durch zwei Ösen zu befestigende Gürtel mit silbernen Beschlägen am langen Stößelende erhalten. Im 14. Jh. war der gezückte Dolch gleich dem Schwert außerdem oft noch durch eine Kette an der Brustplatte gesichert (Abb. 3). Beim Coesfelder Dolch nahm die dreipaßförmige Öse oben am Dolchgriff das eine Kettenende auf. Am Zivilgewand wird der Dolch gern mit der Tasche am Gurt vorn in der Mitte getragen (s. Dusing Abb. 1). Mit der legeren Renaissancetracht lockerte sich auch die Tragweise des Dolches (s. Degen Abb. 10). Der Landsknecht übernahm gelegentlich die ausländische Sitte, den Dolch im Rücken zu führen.

Zu den Abbildungen

1. Stuttgart, Württ. L. M., Eisendolche in Bronzescheide aus der Hallstattzeit: links vom Fürstengrab Hundersingen OA. Riedlingen, rechts Belle Remise b. Ludwigsburg. 6. Jh. v. Chr. Fot. DKV (Helga Glaßner).

2. Nürnberg, G.N.M., Dolche vom Typ des Gnadgott. 15. Jh. Fot. G.N.M.

3. Mainz, Altertumsmus., der Kurfürst von der Pfalz, vom ehem. Rathaus zu Mainz. Um 1318. Fot. Mus.

4. und 5. Ehem. Slg. Rothschild, Frankfurt a. M. Dolch mit Wappen der Familie von Graes aus Coesfeld i. W. (an der Scheide). Walroßzahn. Um 1330–35. Fot. Landesdenkmalamt Westfalen, Münster.

6. Ehem. Berlin, Zeughaus. Gnadgott mit vielgratiger Klinge. 2. H. 14. Jh. Fot. Zeughaus.

7. Lübeck, Annen-Mus. Dolchbesteck vom ehem. Silberschmuck der St. Jürgengruppe des Henning v. d. Heide. 1504–05, mit Bernt Notke zugeschr. Gravierungen. Fot. Hildegard Heise, Lübeck.

8. Nürnberg, G.N.M., Schweizer Landsknechtsdolch mit Reiterschlacht in der Art Hans Holbeins d. J. 2. H. 16. Jh. Fot. G.N.M.

Literatur

1. Sir Guy Francis Laking, A record of European armour and arms through seven centuries, Bd. III, London 1920, S. 1ff. – 2. Rud. Wegeli, Inventar der Waffen-Slg. des Bern. Historischen Museums, Jb. d. Bern. Hist. Mus. 1926–29. – 3. Bashford Dean, Catalogue of European daggers, New York, Metropolitan Museum, 1929. – 4. Robert Forrer, Die Schwerter und Dolche in ihrer Formentwicklung, Leipzig 1905.

Verweise