Dirke

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englisch: Dirce; französisch: Dirce; italienisch: Dirce.


Edmund W. Braun (1955)

RDK IV, 77–80


RDK IV, 77, Adriaen de Vries, um 1614, Gotha.

I. Quelle

D. war nach der thebanischen Sage die grausame Gemahlin des Königs Lykos von Theben.

Wichtigste Quelle für ihre Geschichte ist die Tragödie „Antiope“ des Euripides (Aug. Nauck, Tragicorum Graec. fragmenta, Leipzig 18892, S. 410ff.), der mehrere ältere Quellen verarbeitete [2; 3]. Antiope, Tochter des Nykteus, wird durch Zeus, der ihr in Satyrgestalt naht, Mutter der Zwillinge Amphion und Zethos, welche aber ausgesetzt werden. Als Antiope, von Epopeus nach Sikyon entführt, in den Kämpfen zwischen Theben und Sikyon in die Hände der Thebaner fällt, wird sie – aus Eifersucht? – von Thebens Königin D. mißhandelt. Sie entflieht, D. verfolgt sie und übergibt die erneut Gefangene den Jünglingen Amphion und Zethos, um sie an den Hörnern eines wilden Stieres zu Tode schleifen zu lassen. Die Zwillinge erkennen durch Hilfe ihres Pflegevaters, eines Hirten, ihre Mutter wieder und vollziehen nun die dieser zugedachte Strafe an D. selbst. Doch Hermes läßt den Leichnam der D. verbrennen und die Asche in den Aresquell bei Theben werfen, der fortan ihren Namen führt.

Die Gestalt der D. war auch dem MA bekannt. So zählt sie Albricus unter die fünf Töchter der Sonne, die den fünf Sinnen gleichgesetzt werden (Liber imaginum deorum, um 1200; Seznec, S. 149).

Boccaccio nahm die Sage in seine „Genealogia deorum“ auf (Buch V; ed. Vincenzo Romano, Bari 1951, S. 165); er führt u. a. Lactantius und Fulgentius als Quellen an.

II. Darstellungen

A. Antike

Die antike Kunst hat den Mythus häufig dargestellt [1; 2; 4]. Am bedeutendsten als Bildquelle war eine Marmorgruppe, die um 150 v. Chr. von den Brüdern Apollonios und Tauriskos aus Tralles (Kleinasien) für Rhodos aus einem Block geschaffen wurde (Plinius, Hist. natur. XXXVI, 34). Der Sammler Asinius Pollio († 5 n. Chr.) ließ sie nach Rom bringen. Eine antike Kopie (nach anderen das Original) wurde 1546 in den Caracallathermen gefunden, kam in den Besitz der Farnese und 1826 ins Mus. Nazionale in Neapel (Abb. bei [4]). Die Gruppe, als „Farnesischer Stier“ bekannt, ist vielfach beschädigt und wurde nach Auffindung von Giov. Batt. Bianchi u.a., dann A. 19. Jh. durch Angelo Brunelli abermals restauriert und ergänzt.

B. Neuzeit

Neben dem Laokoon (1506 gefunden) hat der Farnesische Stier auf die Künstler des 16. und 17. Jh., beginnend mit Michelangelo, den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Er wurde 1579 von Roberto da S. Sepolcro (Thieme-Becker III, S. 583) und 1581 von Diana Scultori gen. Mantovani (Ghisi) gestochen (B. XV, S. 448, Nr. 37).

Seit A. 17. Jh. gibt es eine Anzahl von Bronzekopien der Gruppe. Die bedeutendste und künstlerisch wertvollste Nachschöpfung des antiken Werkes ist die 1,05 m hohe, von Adriaen de Vries geschaffene im ehem. Hzgl. Mus. in Gotha (Abb.).

Sie entstand um 1614 und faßt die lockere antike Gruppe zu stärkster Dramatik zusammen: Amphion bändigt den wilden Stier an den Hörnern, hinter ihm steht unbewegt Antiope. D. umfaßt voller Verzweiflung das Bein Amphions, während Zethos im Hintergrunde dem Bruder hilft. Ein Hirt vorn rechts soll die Örtlichkeit charakterisieren, der Hund Amphions verbellt den wütenden Stier.

Weitere Bronzegruppen entstammen der Gießerwerkstatt des Antonio Susini († 1624) in Florenz: eine 1613 dat. und sign. in der Gall. Borghese in Rom (Inv. Nr. CCXLIX; Kat. P. d. Pergola, 1949, S. 13), eine weitere im Grünen Gewölbe in Dresden, 48 cm hoch, die 1715 in Paris für August den Starken erworben wurde (um 1615; Inv. Nr. IX, 4; Kat. W. Holzhausen, 19372, S. 131). Drei weitere, literarisch überlieferte Exemplare sind verschollen.

Eine andere, weniger straff gegliederte Gruppe als die des Adriaen de Vries, und nur 41 cm hoch, befindet sich in der Fürstl. Liechtensteinschen Kunstslg.; nach E. Tietze-Conrat (Jb. d. Kh. Inst. d. Z. K. 11, 1917, S. 31–34, 107f. und Abb. 24) stammt sie aus der Werkstatt des Francesco Susini († 1646), eines Neffen des Antonio. Das Stück ist schon im Kunstkammerinventar von 1658 aufgeführt; Baldinucci erwähnt „il bel gruppo del Toro di Farnese“ als Werk des Francesco Susini nach der antiken Gruppe (ed. D. M. Manni, Mailand 1808–12, Bd. X S. 474); aus der Korrespondenz des seinerzeit regierenden Fürsten Liechtenstein mit dem Gießer ist bekannt, daß dieser den Fürsten regelmäßig belieferte.

Unter den Wandgemälden, die Sebald Schreyer in seinem Nürnberger Haus malen ließ, wird – nach den latein. Epigrammen des Konrad Celtis – auch eine Amphion-Darstellung genannt; es kann sich dabei um ein Bild vom Tode der D. gehandelt haben.

Darstellungen der Geschichte D., die von der Marmorgruppe in Neapel unabhängig wären, sind bisher nicht bekannt geworden.

Zur Abbildung

Adriaen de Vries, Gruppe des Farnesischen Stiers. Bronze, 1,05 m hoch. Um 1614. Gotha, ehem. Hzgl. Museum. Fot. Rose Heidl, Gotha.

Literatur

1. Roscher I, 1, 308–16 (Amphion, Stoll); 380–83 (Antiope, Schirmer); 1178 (Dirke, Stoll). – 2. Pauly-Wissowa I, 2, 1944–48 (Amphion, Wernicke); 2495–97 (Antiope, Wernicke); V, 1, 1169f. (Dirke, Bethe); XIII, 2, 2394–97 (Lykos, Gunning). – 3. Ernst Graf, Die Antiopesage bis auf Euripides, Diss. Zürich, Halle a. d. S. 1884. – 4. Frz. Studniczka, Der Farnesische Stier u. d. Dirkegruppe des Apollonios und Tauriskos, Zs. f. bild. Kst. N.F. 14, 1903, 171–82.

Verweise