Dinanderie

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englisch: Dinanderie, brass-ware, copper-ware; französisch: Dinanderie; italienisch: Dinanderie, utensile d'ottone.


Paul Schoenen (1955)

RDK IV, 1–12


RDK I, 1095, Abb. 7. Léau, E. 15. Jh.
RDK II, 153, Abb. 1. Meister Bertram, um 1390, Hannover.
RDK II, 153, Abb. 2. Um 1460, Breslau.
RDK II, 155, Abb. 3. Berlin, Schloßmuseum.
RDK II, 155, Abb. 4. Berlin, Schloßmuseum.
RDK II, 157, Abb. 5. Brandenburg, Dom.
RDK II, 159, Abb. 6. Berlin, Schloßmuseum.
RDK II, 159, Abb. 7. Weiden (Bayern).
RDK IV, 1, Abb. 1. Paris, E. 14. Jh.
RDK IV, 3, Abb. 2. Aachen, A. 15. Jh.
RDK IV, 3, Abb. 3. Aachen, um 1630.
RDK IV, 5, Abb. 4. Brüssel, 2. H. 17. Jh.
RDK IV, 7, Abb. 5. Meister von Flémalle, 1438, Madrid.
RDK IV, 7, Abb. 6. Quentin Massys, 1508-11, Antwerpen.
RDK IV, 9, Abb. 7. Nicolas Larmessin, A. 18. Jh.

I. Begriff

Verwendung und Inhalt des Begriffes D. (auch Dinanderies, Dinanterie) sind im Sprachgebrauch uneinheitlich. Ursprünglich bezeichnete D. die Erzeugnisse aus Messing, die in der zum Fürstbistum Lüttich gehörenden Stadt Dinant an der Maas hergestellt und von Kaufleuten dieser Stadt vertrieben wurden. Der Begriff bildete sich im 15. Jh. Bereits 1407 sind im Inventar des Olivier de Clisson euvre de Dynan genannt; 1499 bezahlte das Kapitel zu Grisors eine Rechnung für die Lieferung von dynanderie [2, S. 552]; der 1511 † Philippe de Commines gedachte in seinen Mémoires (II, 1) der 1466 niedergebrannten Stadt Dinant und des Reichtums ihrer Bewohner, erworben durch den Handel „qu’ils faisoient de ces ouvrages de cuivre qu’on appelle dinanderie, qui sont en effet pots et pelles“ (nach [1], Sp. 113). Später bezieht sich die Bezeichnung D. auf alle Erzeugnisse aus Messing, soweit sie aus dem Maastal – nicht nur aus Dinant – oder aus Flandern, Brabant und Aachen kamen: auf Leuchter, Gießgefäße, Kreuze, Kreuzständer, Taufbecken, Rauchfässer, Pulte, Weihwassereimer, Grabplatten, Zierschüsseln und Haushaltsgeräte aller Art; im engeren Sinne wurden unter D. Messingarbeiten vom einfachen Hausgerät bis zu prunkvollen Kannen, Vasen und Zierschüsseln, wie sie seit dem 14. Jh. in den genannten Gebieten hergestellt wurden, verstanden (Abb. 1, 4–6). In Frankreich trat eine Erweiterung des Begriffes ein: dort nennt man alle Messingware ohne Berücksichtigung ihrer Herkunft D.; im deutschen Sprachgebrauch hat die Verwendung der Bezeichnung D. in der 1. H. 20. Jh. immer mehr abgenommen.

II. Die Messingindustrie im Maastal

Messingerzeugnisse des Maastales nahmen seit dem 12. Jh. eine Monopolstellung ein. Die frühesten historischen Nachweise für ihre Anfertigung (Hinweise auf die Einfuhr von Kupfer aus Norddeutschland über Köln und Dortmund und auf den Verkauf von Messinggerät) beziehen sich auf Lüttich, Huy und Namur, später auch auf Dinant; sie reichen bis A. 12. Jh. zurück [4, S. 27]. Zuschreibungen von Einzelarbeiten an die Werkstätten bestimmter Orte des Maastales finden erst im 14. Jh. eine feste Grundlage. In jener Epoche hatte Dinant die führende Stellung unter den Städten des Maasgebietes. Dinanter Kupfermeister übten, verlockenden Angeboten folgend, in anderen Städten ihr Handwerk aus und standen in den Diensten der höchstgestellten Persönlichkeiten ihrer Zeit; z. B. arbeitete Jehan de Dynan um 1380 in Reims für den französischen König [1, Sp. 113]. Die Erzeugnisse der Dinanter Messingindustrie, die Batterie, wurden durch die deutsche Hanse, der Dinant als einzige Stadt des französischen Sprachgebietes angehörte, vertrieben (H. Pirenne, Dinand dans le Hanse Teutonique, in Ann. de la Fédération archéol. et hist. de Belgique XVIIe session, Congrès de Dinant 1903, II, Namur 1904, S. 527–35). Dinanter Kupfermeister gründeten in London bei der deutschen Hanse am Stahlhof die Dinanter Hall; ihre Ware wurde auf den Messen der Champagne, in Rouen, Calais, Orleans und Lyon ebenso wie in Köln, Frankfurt a. M. und Leipzig gehandelt; in Paris gab es seit dem 15. Jh. eine Zunft der „Maistres marchands du Mestier Chauderonnerie, Batterie et Dinanderie de la Ville de Paris“ [1, Sp. 117]. Herstellung und Absatz waren schon früh durch ein Verlagssystem organisiert, bei dem die Messingschmiede in Abhängigkeit von kapitalkräftigen Kaufleuten standen.

In der Frühzeit des 13. Jh. entstand in Bouvines am gegenüberliegenden Maasufer eine Konkurrenzindustrie für die Dinanter Kupfermeister; auch in Tournai, Mecheln und Löwen blühte im 14. Jh. die Messingherstellung und -Verarbeitung. Später kamen auch aus Brüsseler Werkstätten Messingarbeiten. Dinant verlor 1466, als bei dem Angriff des Herzogs von Burgund auf das Fürstbistum Lüttich die Stadt zerstört wurde und viele seiner Kupfermeister auswanderten, seine Monopolstellung; es konnte sie nicht wieder zurückgewinnen. Nach der Brandschatzung Dinants entstanden in Maastricht und Aachen Messingwerkstätten, deren Erzeugnisse sich denen einordnen lassen, die in den Gebieten des Maastales, Brabants und Flanderns geschaffen wurden. Die Reformationskämpfe vertrieben die protestantischen Meister aus Aachen; sie gründeten in Stolberg bei Aachen eine neue Messingindustrie (deren Nachfolge traten die noch heute bedeutenden Zinkwerke an). Die im 17. Jh. unbestritten führenden Werkstätten in Antwerpen waren erst in dem der Blütezeit vorhergegangenen Jh. begründet worden.

III. Die angewandten technischen Verfahren und deren Erzeugnisse

Die Voraussetzung für das Entstehen einer Messingindustrie größten Umfangs im Maastal beruht auf den außerordentlich reichen Lagern von zinkhaltigen Mineralien (Galmei, lat. calaminia) in diesem Gebiet; das Zink wurde mit dem importierten Kupfer vermischt. Diese Metallegierung, das Messing, war leichter als Kupfer, Bronze (oder gar Edelmetalle) zu bearbeiten und außerdem billiger als diese (vgl. Messing). Da die Technik der Messingbearbeitung sich weithin mit derjenigen der kostbaren Metalle deckt, konnte die Messingindustrie des 13. und 14. Jh. auf den Erfahrungen der Goldschmiede des Maastales aus dem 12. und 13. Jh. aufbauen; über die Verwandtschaft der Technik hinaus bestehen stilgeschichtliche Zusammenhänge zwischen beiden Kunstgattungen; außerdem standen die Überlieferungen der offenbar in dieser Landschaft seit römischer Zeit nicht unterbrochenen Tradition der Messingherstellung zur Verfügung.

a) Gußarbeiten

Gegossene Messingarbeiten des Maasgebiets aus romanischer Zeit werden – von der französischen und der belgischen Fachliteratur – ebenfalls als D. bezeichnet (s. Sp. 1).

Solche Werke waren bereits im 11. Jh. ein Exportartikel der Maaskunst und wurden z. B. nach Italien ausgeführt; dort zählte man die belgischen Städte selbstverständlich zu Deutschland, so daß ein italienischer Dichter des 11. Jh. Messingarbeiten und ihr Herstellungsland folgendermaßen preisen konnte: „O Germania gloriosa / Tu vasa ex aurichalco / Ad nos subinde mittis“ (nach [17] S. 362).

Theophilus erwähnt in seiner „Schedula diversarum artium“ Kessel, Becken, Schüsseln und Draht aus Messing; durch die erhaltenen Gußarbeiten des Maastales aus dem 12. und 13. Jh. – es befinden sich Weihrauchfässer, Osterleuchter, Aquamanilien (s. Gießgefäß), Weihwassereimer und Armleuchter darunter – werden seine Aussagen nachträglich bestätigt. Die erste datierte Arbeit, die einem bestimmten Meister zugesprochen werden kann, ist das zwischen 1107 und 1118 von dem Goldschmied Rainer von Huy gegossene Taufbecken der Kathedrale zu Lüttich, heute in St. Barthélémy in Lüttich. Die freie, nahezu vollplastische Durchbildung der Gestalten und die lebensvolle Bewegung der Gruppen finden in einzelnen Figuren des Hadelinus-Schreines in Visé Vergleichbares. Das im Jahre 1149 gegossene Taufbecken aus Tirlemont/Thienen, heute in Brüssel, Mus. Cinquantenaire, ist in seinem Aufbau später verändert. Der monumentale Armleuchter im Mailänder Dom, um 1200, wird mit guten Gründen Nikolaus von Verdun zugeschrieben ([12], S. 11; dagegen: Otto Homburger, Der Trivulzio-Kandelaber, Zürich 1949, S. 13f.).

Der deutsche Bronzeguß des 13. Jh. scheint durch den Formenschatz der maasländischen Werke befruchtet worden zu sein: O. von Falke führt z. B. den Typ des Simsonleuchters auf maasländische Vorbilder zurück [12, S. 37].

Im 14. und 15. Jh. bilden Armleuchter, Altarleuchter und Adlerpulte die repräsentativsten Stücke des belgischen Messinggusses. Bedeutende Werke aus Dinant bleiben gegenüber solchen aus Tournai, Mecheln, Middelburg, Löwen und Brüssel auffallend selten: gegen 1370 fertigte Jean Josès aus Dinant den großen Leuchter für die Osterkerze in der Kirche zu Tongern an; das große Leuchterpult in der Kirche St. Léonard zu Léau (RDK I 1095/96, Abb. 7) wurde 1482/83 von Renier van Thienen I aus Brüssel gegossen. Leuchterpulte scheinen in Tournai in größerer Zahl hergestellt worden zu sein; zahlreiche Beispiele haben sich in Kirchen und Museen (Paris, Mus. Cluny; Brüssel, Mus. Royaux) erhalten. Altarleuchter wurden sowohl in Gußtechnik als auch in Treibarbeit hergestellt. Der Leuchter aus Kalkar (RDK I 514, Abb. 7) dürfte eine Aachener Arbeit sein. Die Herkunft der in einfachen und einfachsten Formen gehaltenen Arbeiten ist wegen ihrer stilistischen Indifferenz und des schwer faßbaren Formenaustausches im Bereiche des Handwerklichen, an dem auch deutsche Städte lebhaft beteiligt waren, oftmals kaum exakt zu bestimmen.

Seit dem 14. Jh. sind im Maastal, aber auch in Flandern und Brabant (und später in Aachen) Adlerpulte in großer Zahl gegossen worden; man versorgte damit nicht nur Belgien, sondern auch Italien (Dom zu Urbino; S. Marco Venedig; SS. Annunziata Florenz; Mus. im Pal. Venezia Rom; Museo della Collegiata in Empoli usw.) und ebenso das offenbar bis in Elisabethanische Zeit völlig von belgischem Import abhängige England (Beisp.: Holy Rood Church Southhampton; Christ Church College Oxford; Kathedrale zu Norwich; Nikolauskirche in Kings Lynn; das Doppelpult in der St. Georgskapelle zu Windsor scheint eine Mechelner Arbeit zu sein). Nach der Bildung der Ständer lassen sich zwei verschiedene Typen unterscheiden: der erste zeichnet sich durch reiche Ausgestaltung des Sockels mit Architekturmotiven (Strebewerk) aus. Das große Adlerpult des Jean Josès, 1372 für die Liebfrauenkirche in Tongern geschaffen, ist eines der frühesten Beispiele (ein Gegenstück befindet sich im Kölner Dom); im 15. Jh. scheinen Adlerpulte auch aus Aachener Werkstätten zu kommen, wie z. B. im Aachener Dom, in der Maximilianskirche zu Düsseldorf (aus dem Kloster Altenberg bei Köln, RDK I 191/92, Abb. 5) und in der Pfarrkirche zu Erkelenz. Verbreiteter ist der zweite Typus mit gedrehtem und mit Knäufen versehenem schaftförmigem Stamm als Sockel. An Stelle des Adlers trat gelegentlich ein Pelikan (Brüssel, Mus. Cinquantenaire, aus Bornival; J. Squilbeck in Bull. des Musées Royaux d’Art et d’Hist. IIIe série 11, 1939, S. 130, Abb. 4; Haarlem, St. Bavo) oder Greif (Brüssel, Mus. Cinquantenaire, aus Andenne).

Zu den repräsentativsten Arbeiten der D. gehört der große Xantener Leuchterbogen, ein Guß des Aert van Tricht. Kronleuchter aus dem beginnenden 15. Jh. sind auf Gemälden des Jan van Eyck (Arnolfini-Doppelbildnis in London, Brit. Mus.; L. Baldass, a.a.O.) und des Rogier van der Weyden (Verkündigung im Louvre) abgebildet. Die ältere Form (Abb. 2) besteht aus einem massiven, abgedrehten Stamm, aus dem flache Äste herauswachsen und in Kerzenhalter tragende Blattranken münden, vgl. Arnolfinibildnis. Die jüngere veranschaulicht der Karlsleuchter der Aachener Jesuitenkirche, um 1630; die in gezogenen S-Formen ausladenden Äste und der in einer Kugel abgefangene Stamm kennzeichnen die Arbeiten Aachener Werkstätten (Abb. 3).

Gotische Taufbecken erfuhren besonders in ihren Bekrönungen reiche Ausgestaltung (s. Fünte); aus Strebewerk sowie aus Baldachinen wurden kostbare Kleinarchitekturen geschaffen, die im Aufbau mit den Bekrönungen spätgotischer Sakramentshäuser manche Gemeinsamkeit haben (Beisp.: St. Martin in Hal, 1466 von Guillaume Lefevre aus Tournai; St. Jean in Hertogenbosch, 1492 von Aert van Tricht aus Maastricht; Zutphen, 1527; Breda, 1540). Bisweilen wurden auch in verlorenem Guß hergestellte Figuren diesen Aufbauten eingefügt.

Der Guß monumentaler Figuren ist in spätgotischer wie auch in nach-ma. Zeit selten, während Leuchterengel, kleine Heiligenfiguren usw. eine stattliche Zahl ausmachen (charakteristische Beispiele bei [9], Abb. S. 169 und 171). Der Messingsarkophag der Maria von Burgund in der Brügger Liebfrauenkirche, zwischen 1495 und 1502 von Pierre de Beckere geschaffen, ist die bedeutendste Arbeit ihrer Art. Das überlebensgroße Standbild Karls d. Gr. auf dem Markt zu Aachen wurde in Dinant, die große Beckenschale jedoch in Aachen gegossen.

b) gravierte Messingarbeiten

Gravierte Messingarbeiten bilden die geschlossenste Gruppe der D. Sie entstanden entweder durch Eingraben oder durch Aussparen von Bild und Schrift in Messingplatten. in der zuletztgenannten Technik wurden die meisten der Grabplatten geschaffen, auf denen die oft lebensgroße Gestalt des Verstorbenen dargestellt ist. Seit dem 14. Jh. stellte man solche Platten in großer Zahl her; sie waren ein begehrter Artikel maasländischen Kunstexports: Frankreich und Deutschland, vor allem aber England waren ihre Abnehmer. Heute gibt es auf dem Kontinent noch rund 200 solcher messinggravierter Grabplatten, davon etwa 70 in Belgien (z. B. RDK II 778, Abb.); auch in England haben sich zahlreiche Werke erhalten. Die Blütezeit der Produktion lag E. 15./A. 16. Jh. Besonders prächtige Beispiele aus dieser Zeit bewahren die Kathedrale St. Sauveur zu Brügge und die Musées Royaux in Brüssel. Die fein ziselierten Bilder waren häufig durch Lackfarben aufgehöht (nicht emailliert!). Für die dem Kupferstich parallel verlaufende Entwicklung der Gravierung s. diese.

Vor allem in Genter und Brügger Werkstätten wurden gravierte Messinggrabplatten hergestellt. – Auch Treib- und Gußarbeiten versah man gelegentlich mit Gravierungen; unter den Werken dieser Beschaffenheit sind allein die Hansaschüsseln und mit Gravuren geschmückte Baluster des 17. Jh. [19, Abb. 5–9] als eigene Gruppen zu erfassen.

c) Treibarbeiten

Da sich Messing dünn auswalzen und mit dem Hammer bearbeiten läßt, bietet es sich geradezu als ideales Material für Treibarbeiten an; diese Technik – vgl. hierfür RDK II 155f. – wurde die charakteristischste für die D., deren Hersteller nach ihr batteurs, deren Ware batterie hießen.

Neben Treibarbeiten aus edlen Metallen wurden, zumal für größere Arbeiten (z. B. Schreine), in den Goldschmiedewerkstätten des Maastals auch in romanischer Zeit solche aus Kupfer und Messing geschaffen. Die Kupfermeister der Gotik, die das Erbe der im 12. und 13. Jh. blühenden Goldschmiedekunst antraten, übernahmen von den Goldschmieden die Technik und den Gebrauch von Stempeln. Gestempeltes Messinggerät aus Mecheln ist schon im 1. V. 14. Jh. – zu einer Zeit, als noch nicht einmal alle Goldschmiedearbeiten mit Marken versehen wurden – bekannt. Die im Mus. des Arts décoratifs in Paris aufbewahrte Michaelsschüssel (Abb. 1) trägt drei Marken: Stadtzeichen, Stempel des Amtes und Meistermarke [19, Abb. 2].

Zunächst entstanden Becken (s. RDK II 151–63), Platten, Teller, Schalen, Schüsseln, Kessel, Kannen und Pfannen. Sie wurden verziert (RDK II 153–60, Abb. 1–7; Abb. 1, 4) oder, wenn dies ihre Zweckbestimmung nicht erlaubte, kunstvoll geformt (Abb. 5, 6). Die Verzierungen bestanden aus ornamentalem Dekor und figürlichen Darstellungen vorwiegend von biblischen Personen und Begebenheiten. Bevorzugte Themen waren der Drachenkampf des Erzengels Michael (Abb. 1), Verkündigung an Maria (RDK II 157/58, Abb. 5), Anbetung der Könige (Abb. 4), Krönung Mariens, der Sündenfall (RDK II 156, Abb. 4), Simsons Löwenkampf und die Kundschafter. Die ältesten Zierschüsseln sind aus Mecheln erhalten und stammen aus dem 1. V. 14. Jh. Zu den künstlerisch reifsten Stücken gehört die Schale Abb. 1; die Komposition, die Figur, Drachen und Schrift in sicherem Formwillen gegen die Leerfläche des breiten Randes abwägt, zeugt von kunstfertiger Meisterschaft.

Im 16. Jh. vergrößerte sich der Themenkreis um humanistische und historische Darstellungen (z. B. erscheint Karl d. Gr. öfters auf Aachener Arbeiten), deren Komposition von der zeitgenössischen Druckgraphik inspiriert ist. Neu ist ferner die jetzt fast regelmäßige Auszierung des breiter gewordenen Randes durch Ornament, in dem sich Tiere und Putten tummeln (Abb. 4); Inschriften verschwinden mehr und mehr. Als im 17. Jh. Zierteller ein begehrtes Dekorationsstück der Bürgerstuben geworden waren, erlebte die D. eine Zunahme der Produktion. Belgische Arbeiten sind stets in reiner Treibarbeit gefertigt, während man in Aachen gelegentlich dem erhöhten Bedarf durch serienmäßige Herstellung mit Hilfe von Stanzmodeln Rechnung trug; das gilt vor allem von der Fülle schlichten Gebrauchsgeräts. Obwohl die Arbeiten in der Mehrzahl im Handwerksmäßigen befangen blieben, sind sie nie wirkliche Volkskunst geworden.

Das Bild des Erhaltenen gibt nur bedingt eine richtige Vorstellung von dem ehemals Geschaffenen: die Masse des schmucklosen und daher späterhin wenig beachteten Gebrauchsgeräts ist verloren. Für diese Lücke im Denkmälerbestand entschädigen die Abbildungen des meist ganz schlichten, doch wegen der Formgebung liebenswerten Geräts auf niederländischen Gemälden und Miniaturen des 15. und 16. Jh. ([8]; Abb. 5 und 6).

Eine kapriziös geformte Wasserkanne mit kantig eingedrücktem Bauch, auf drei Stützen stehend und mit Henkel und Ausguß versehen, bilden der Meister v. Flémalle (hl. Barbara, Madrid; Abb. 5) und Rogier van der Weyden (Verkündigung im Louvre) ab. Ferner geben Gemälde des 15. Jh. hohe, vasenförmige Messingkannen wieder. Eine Vorstellung von dem Messinginventar dieses Jh. gibt u. a. die Darstellung der Geburt des Täufers im Turin-Mailänder Stundenbuch (Erwin Panofsky, Early Netherlandish Painting II, Havard 1953, Tafel 164).

Zu allen Zeiten zeichnete sich eine recht klare Grenze zwischen kunsthandwerklich bedeutenden Einzelleistungen und anspruchsloser Massenware ab. Der schwunghafte Handel mit Gebrauchsware hat den Dinantern ihren Ruhm eingetragen: von den ältesten literarischen Zeugnissen an bis zu den Abbildungen der „Dinandiers“ auf Stichen des Barock (Abb. 7) wird ihrer stets in dieser Beziehung gedacht. Freilich haben im Maasgebiet auch bedeutende Kupfermeister gearbeitet, doch sind ihre Werke auf feste Bestellung bestimmter Auftraggeber geschaffen. Sie erheben sich weit über die Massenprodukte der D. und sind mit diesen nur durch die Verwendung des gleichen Materials in derselben Landschaft verbunden; ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung nach können sie mit den ebenso etwa in Nürnberg, Augsburg und Lübeck entstandenen kunsthandwerklichen Messingarbeiten verglichen werden.

Zu den Abbildungen

1. Paris, Mus. des Arts déc., Inv. Nr. 27 136. Zierschüssel aus Messing mit Darstellung des hl. Michael. Messing, Dm. 41 cm. Mechelner Arbeit E. 14. Jh. Fot. Mus.

2. Aachen, Suermondt-Mus., Kronleuchter, Messing, H. 36 cm, Dm. 41 cm. Anf. 15. Jh. Fot. Hans Feldbusch, Aachen.

3. Aachen, Jesuitenkirche, sog. Karlsleuchter mit den Statuetten Christi, Karls d. Gr. und der Apostel. Messing, H. 2,10 m. Aachen, um 1630. Fot. Verf.

4. Brüssel, Mus. Royaux, Zierschüssel mit Anbetung der Könige. Messing, Dm. 59 cm. Dinanter Arbeit 2. H. 17. Jh. Fot. Archives centrales iconogr. d’art national, Brüssel.

5. Meister von Flémalle, Die hl. Barbara lesend, Ausschnitt. Madrid, Prado Nr. 1514. Dat. 1438. Fot. Hanfstaengl, München.

6. Quentin Massys, Salome mit dem Haupt des Johannes, Seitenflügel vom Altar der Schreinerzunft, Ausschnitt. Antwerpen, Kgl. Mus. Nr. 246. 1508 bis 1511. Fot. F. Bruckmann, München.

7. Nicolas Larmessin, Kupferstich „Le costume du Dinandier“. Anf. 18. Jh. Nach [1] Abb. 100.

Literatur

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Verweise