Dietrich von Bern

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englisch: Dietrich von Bern; französisch: Thédoric de Verone; italienisch: Teodorico da Verona.


Wolfgang Stammler (1954)

RDK III, 1479–1494


RDK I, 1445, Abb. 2. Andlau (Elsaß), um 1150/60.
RDK III, 1253, Abb. 2. Hortus deliciarum, E. 12. Jh.
RDK III, 1481, Abb. 1. Leiden, vor 1176, aus Fulda.
RDK III, 1483, Abb. 2. Andlau, 2. V. 12. Jh.
RDK III, 1483, Abb. 3. Andlau, 2. V. 12. Jh.
RDK III, 1485, Abb. 4. Andlau, 2. V. 12. Jh.
RDK III, 1485, Abb. 5. Andlau, 2. V. 12. Jh.
RDK III, 1487, Abb. 6. Zürich, 2. H. 12. Jh.
RDK III, 1489, Abb. 7. Innsbruck, um 1390, aus der Burgruine Lichtenberg.

I. Geschichte

D. ist die mhd. Bezeichnung Theoderichs d. Gr., der 493 nach Besiegung Odoakers das Ostgotenreich in Italien begründete und bis zu seinem Tod 526 in Frieden, Mäßigkeit und Gerechtigkeit regierte.

Schon die Zeitgenossen und Chronisten (z. B. Sigebertus, M. G. H. SS. VI, 313) rühmten seine lebhafte Bautätigkeit. In seiner Residenz zu Ravenna errichtete er den großartigen Palast, der uns nur noch in dem von Justinian geschändeten Mosaik in der ebenfalls von Theoderich gegründeten Kirche S. Apollinare nuovo erkennbar ist. Noch heute steht in Ravenna das Grabmal, das er sich selbst setzte (Vinc. Guberti, II Mausoleo di Teodorico detto anche la „Rotonda“, Felix Ravenna III. F. 7, Apr. 1952, S. 5–71; A. M. Schneider in Byz. Zs. 41, 1941, 404ff.); es ist eigentlich eine Doppelkirche, deren Unterkirche eine der Muttergottes geweihte Kapelle enthielt, während im Obergeschoß ein Porphyrsarkophag seine Überreste barg; alles überwölbt von einem riesenhaften Monolith. Aber schon im 9. Jh. war der Sarkophag leer, und die Überlieferung erzählt, daß Papst Gregor d. Gr. (590–604) die Gebeine des der römischen Kirche verhaßten Arianerherrschers aus dem Mausoleum habe entfernen und in eine Mistgrube werfen lassen (M. G. H. SS. rer. Langobard. S. 304; SS. XXXII, S. 209f.). In Verona (mit germanischer Betonung Vérona = Bern) zeigte man das römische Theater als Theoderichs Palast (M. G. H. SS. X, S. 149), und bis ins 16. Jh. bewunderten Reisende aus dem Norden dort „Herrn Dietrichs von Bern Schloß“ (1476: Vulpius, Curiositäten III, S. 489; 1517: Ulrich von Hutten, Operum supplementum, ed. E. Böcking I, Leipzig 1859, S. 209; 1577: J. J. Scaliger, Castigationes in Catullum S. 30). Bis nach Nowgorod in Rußland war, offenbar durch niederdeutsche Kaufleute, diese Sage gedrungen [1, S. 344f.]. Auch die heutige sog. Engelsburg in Rom wurde der Legende nach von ihm erbaut und hieß im MA einfach „domus Theoderici“ (M. G. H. SS. VI, S. 205, 365, 642; Carl Roth, Deutsche Predigten des 12. und 13. Jh., Quedlinburg u. Leipzig 1839, S. 76).

Eine Goldmünze (Rom, Vatikan. Slgn.) trägt Theoderichs Brustbild, mit Schnurrbart und langen Locken, im Schuppenpanzer und Herrschermantel; er hält in der Linken (als Zepter?) einen Stab mit der Victoria als Krönung. Auch der Revers zeigt die geflügelte Victoria (Titelbild bei Frz. Ferd. Kraus, Die Münzen Odovacars und des Ostgotenreiches in Italien [= Münzstudien 5], Halle 1928).

1854 fand man in S. Francesco zu Ravenna Teile eines Panzers, den man mit viel Wahrscheinlichkeit als Theoderichs Eigentum ansah. Er bestand aus Gold mit Zelleneinlagen (wohl ostgotische Arbeit um 500 n. Chr.), schmale Stege gliederten den Grund, und vor allem schmückte ihn das gleiche Zangenornament wie am Grabmal des Königs. Leider ist das Stück 1924 gestohlen worden (W. v. Jenny und W. F. Volbach, Germanischer Schmuck des frühen MA, Berlin 1933, Taf. 16).

Nach dem gotischen Geschichtsschreiber Jordanis (M. G. H. Auct. ant. V, 1, S. 132; SS. VI, S. 311) hatte der byzantinische Kaiser Zeno dem Ostgotenherrscher Theoderich, als er in oströmischen Diensten die Feinde des Reiches geschlagen hatte, in Konstantinopel als Ehrung eine Reiterstatue gegenüber dem kaiserlichen Palaste gesetzt. Die nordische Thidrekssaga des 13. Jh., die aus deutscher Überlieferung schöpft, berichtet (Kap. 414), Dietrich habe in Rom sein Reiterbild, auf dem Roß Falke sitzend, aufgerichtet (wohl eine Bezugnahme auf die Reiterstatue Mark Aurels; [1], S. 325ff.); ein späterer Zusatz weiß sogar von einem Dietrichsbild auf einem Turm am Nordende der Stadt Rom, wo er das Schwert Eckefachs gegen die Steinbrücke geschwungen habe, offenbar eine Verwechslung mit dem Erzengel Michael auf der Engelsburg (vgl. Maßmann, Die südliche Wanderung der Dt. Heldensage, in: von der Hagens Germania [= Neues Jb. der Berlinischen Ges. f. dt. Sprache und Alt.kde.] 7, 1846, 239); nach einer anderen erweiterten Hs. der Thidrekssaga habe ein kupfernes Standbild Dietrichs in Verona gestanden [1, S. 327ff.]. Nun ist es auffallend, daß auf dem berühmten Runenstein von Rök (Ostgotland in Schweden), um 850–900, eine Inschrift lautet: „Dietrich ritt / der dreiste, / der Häuptling der Seehelden, / über den Strand der Hreidsee. / Er sitzt auf gotischem / Zelter nun gerüstet, / mit Schild über der Schulter, / der Märingenfürst.“ O. v. Friesen (Hoops, Reallexikon IV, S. 33) bezieht diese Verse auf einen bildgeschmückten gotländischen Denkstein. Mit mehr Recht sieht A. Heusler (Ebd. I, S. 464) in diesen Versen eine Anspielung auf eines der erwähnten Reiterstandbilder, von dem sehr leicht eine Kunde bis nach Skandinavien gelangen konnte. Vielleicht könnte man sogar, wie G. Zink [7, S. 242f.] will, an eine bestimmte, gerade im 9. Jh. berühmte Reiterstatue denken, nämlich diejenige, die Theoderich selbst in Ravenna errichtet hatte (M. G. H. SS. rer. Langob., S. 337f.); 801 schaffte sie Karl d. Gr., wohl aus Ehrfurcht für den großen Germanenfürsten, dessen Taten er auch aus den von ihm gesammelten Dichtungen kannte, nach Aachen und gab ihr einen Platz auf dem äußeren Pfalzhof, gegenüber seinem Palast. Nach seinem Tode nahm die kirchliche Feindschaft gegen Theoderich wieder überhand, wie besonders eindringlich das lat. Gedicht des späteren Reichenauer Abts Walahfrid Strabo lehrt (M. G.H. Poet. lat. II, 370ff.); auf Veranlassung klerikaler Kreise wurde wohl noch unter Ludwig dem Frommen das Standbild beseitigt (Herm. Grimm, Das Reiterstandbild des Theoderich zu Aachen, Berlin 1869; A. Däntl, Walahfrid Strabos Widmungsgedicht an die Kaiserin Judith und die Theoderichsstatue vor der Kaiserpfalz zu Aachen, Zs. d. Aachener Gesch. Ver. 52, 1931, 1–38). Auch für Pavia wird einmal eine Reiterstatue Theoderichs bezeugt (M. G. H. SS. rer. Langob., S. 337).

Ebenso wissen wir von Mosaikbildern des Ostgotenkönigs. In S. Apollinare nuovo zu Ravenna hatte er sich selbst, in seinem Palaste thronend, umgeben von seinen Würdenträgern, darstellen lassen, aber der orthodoxe Eifer Justinians hat dieses Bild noch im 6. Jh. zerstört. Der griechische Geschichtsschreiber Prokop erzählt um 550, also bald nach Theoderichs Tod, eine auffallende Sage: auf dem Forum Neapels habe ein wundervolles farbiges Mosaikbild des Königs schon zu seinen Lebzeiten gestanden; eines Tages sei der Kopf abgeblättert und heruntergefallen, und schon sei Theoderichs Tod erfolgt. Nach acht Jahren sei dasselbe mit dem Leib geschehen, und Athalarich, Theoderichs Enkel und Nachfolger, sei verschieden; schließlich habe sich der Unterleib losgelöst, und Theoderichs Tochter Amalaswintha sei gestorben; der Rest der Schenkel und Füße sei auch allmählich verschwunden, und daraus hätten die Römer Hoffnung auf baldige Befreiung von der gotischen Herrschaft geschöpft (De bello Gothico I, 24). Sonst existiert allerdings keine Nachricht über ein solches Bild in Neapel, und so weit südlich erscheint es auch zweifelhaft. Dagegen könnte man eine spätere Nachricht in der Lebensbeschreibung des Erzbischofs von Ravenna Petrus Senio auf ein Mosaik in Pavia deuten; es heißt dort (Muratori, Antiquitates Ital. med. aevi II, 933), in Pavia sei in einer Laube am Palast „sub Teuderico“ Gericht gehalten worden. Vielleicht darf man daraus auf ein Mosaikbild Theoderichs in der Gerichtslaube an der Außenwand des Palastes schließen, das ihn als gerechten Richter – noch im 13. Jh. nennt ihn ein Italiener „alius Salomon“ (Alb. Miliolus, M. G. H. SS. XXXI, 613) – zeigte, wie man später zu gleichem mahnenden Zweck Salomon, Alexander d. Gr., Karl d. Gr. u. a. an und in Gerichtsstuben anbrachte (Ulrike Lederle-Grieger, Gerechtigkeitsdarstellungen in dt. und niederländ. Rathäusern, Diss. Heidelberg 1937, S. 66f., 74ff.).

II. Sage, Dichtung und Volksglaube

Theoderich lebt nicht nur in der Geschichte fort, weit stärker war seine Weiterexistenz in der Sage und Dichtung als Dietrich von Bern. Zweifellos haben schon die Ostgoten Preislieder auf ihn gesungen, und früh ist er in die deutsche Dichtung eingegangen (W. Stammler, Kleine Schriften z. Literaturgesch. d. MA, Berlin-Bielefeld-Leipzig 1953, S. 7f.). D. wurde zum Typus des unbesiegbaren Ritters, des Bekämpfers der Riesen und Drachen, des milden Herrschers, „von dem die Bauern noch heute singen“, wie ein m.a. Topos bis ins 16. Jh. hinein immer wieder versichert (G. F. Jones, D. v. B. as a literary symbol, Publications of the Modern Language Association 67, 1952, S. 1094ff.). D., nicht Siegfried, ist der Idealheld für die Deutschen des MA, und so kann es kaum Wunder nehmen, daß nicht wenige bildliche Darstellungen erhalten sind. Ihre Deutung ist allerdings mitunter anfechtbar.

a) Höllenritt

Theoderich galt der römischen Kirche als Ketzer, da er dem arianischen Bekenntnis angehörte. Den römischen Patrizier Symmachus und seinen Kanzler Boëthius hatte er hinrichten lassen, da beide an einer von Ostrom ausgehenden Verschwörung beteiligt waren. Aus dem gleichen Grunde hatte er den Papst Johann I. eingekerkert und angeblich im Gefängnis dem Hungertode preisgegeben. Im Liber in gloria martyrum des Gregor von Tours (2. H. 6. Jh.) ist er daher auf ewig in die Flammen der Hölle versenkt. Noch ausführlicher berichtet etwa ein Menschenalter später Papst Gregor I. in seinen Dialogi (IV, 33) von der Erzählung eines Einsiedlers auf der Insel Liparis: dieser habe gesehen, wie Papst Johann I. und Symmachus den waffenlosen, barfüßigen und gebundenen Theoderich „in ollam Vulcani“, d. h. in den Schlund der Hölle gestürzt hätten. Diese Erzählung geht nun durch die Chroniken und Geschichtsschreiber der Folgezeit hindurch (vgl. M.G.H. SS. rer. Merov. II, 83; 209f.; 214; Auct. ant. II, 219; SS. V, 86; 412; VI, 129; 315; XXIII, 692; XXIV, 222; XXXI, 139; Dt. Chron. II, 1, 134 usw.) bis in den Barock (Michael Sachse, Neue Kaiserchronik, 1606, II, 34). In die „Kaiserchronik“ eines unbekannten Regensburger Geistlichen wird sie um 1150 aufgenommen (Vers 14 167ff.) und ist bis in altschwedische Legendarien des 13. Jh. gewandert [1, S. 372].

Eine neue Version fügte Otto von Freising um 1145 in sein Chronicon (V, 3) ein: nach dem Volksglauben sei Theoderich lebend zu Pferde sitzend „ad inferos descendisse“. Das Volk hielt ihn also nicht für verdammt, sondern für entrückt durch höhere Macht, wie noch im Anhang zum „Heldenbuch“ (E. 15. Jh.) ein Zwerg den „Berner“ wegführt „vnnd weyß nyemant, wo er kumen ist, ob er noch in leben oder todt sy“. Auch in der Thidrekssaga entführt ihn ein schwarzes teuflisches Pferd, „und niemand weiß, wo er hingekommen“ (Kap. 382–386). Besondere Lieblingshelden und -fürsten konnten nach der Vorstellung des Volkes eben nicht sterben, sondern lebten geheim im Berge fort, um dereinst hervorzutreten und die alte Herrlichkeit wiederaufzurichten (vgl. W. Stammler, Bergentrückt, Handwb. d. dt. Aberglaubens I, Berlin u. Leipzig 1927, S. 1056ff.). Als Warner, wie der getreue Eckart, erscheint daher Theoderich i. J. 1197 Wanderern an der Mosel auf einem Rappen und prophezeit böse Zeiten für das Römische Reich (Wilh. Grimm, Die deutsche Heldensage, Gütersloh 1889, Nr. 35). In spät-m.a. Gedichten (Herm. v. Sachsenheim, Die Möhrin, Vers 5134ff.; Der Wunderer, Str. 130ff.) und Reisebeschreibungen (Leo von Rozmital, hrsg. v. J. A. Schmeller, S. 122) ist D. in die Wüste versetzt worden, wo er noch lebt und mit Drachen und Lindwürmern kämpfen muß.

Dieser Volksglauben ist wahrscheinlich entstanden durch die oben erwähnten, überall bekannten Reiterstandbilder Theoderichs. Solch mächtiger Herrscher konnte natürlich nur ritterlich, zu Roß, entrückt werden. Die kirchliche Tradition bog diese im Volke haftende Anschauung, in Verbindung mit Gregors Erzählung von seinem Sturze in den „Vulkan“, um zur Legende, der Teufel selbst habe Theoderich (oder Dietrich) in Gestalt eines schwarzen Rosses in die Hölle geholt. Ähnliche Legenden von unbußfertigen adligen Sündern gab es mehrere (z. B. Joh. Herolt, Promptuarium exemplorum unter P, ex. 46; Jos. Klapper, Exempla aus Hss. des MA, Heidelberg 1911, Nr. 44); auch ein Papst Benedikt soll von einem schwarzen Teufelsroß zur Hölle gebracht worden sein (Max Jähns, Roß und Reiter in Leben und Sprache usw. I, Leipzig 1872, S. 405). Noch Steinhöwel berichtet 1473 in seiner Tütschen Chronica, D. „sye vff dem pferd siczend lebendig in die hell gerant“ (Bl. 10 b), und bis in den spanischen Libro de los enxemplos ist im 1. Dr. 14. Jh. diese Sage gewandert (Reinhold Köhler, Eine Sage von Theoderichs Ende in dem „Libro de los enxemplos“, Germania, Viertelj.Schr. f. dt. Alt.kde. 18, 1873, S. 147–152). In dem verbreiteten Sammelwerk der Gesta Romanorum wird die Geschichte sogar auf Theoderichs Gegner Symmachus übertragen, eine in der Sagenentwicklung nicht selten stattfindende Weiterbildung (ed. Wilh. Dick, Erlangen 1890, Kap. 176; in anderen Hss. heißt der betreffende König auch Antiochus oder Donatus). Zur ferneren Ausschmückung wird berichtet (auch in der Thidrekssaga): D. habe nackt im Bade gesessen, da sei ein starker Hirsch vorbeigelaufen; von Jagdlust ergriffen, habe der König nach seinem Roß gerufen, ein Rappe habe plötzlich vor ihm gestanden, auf ihm sei er hinter dem Hirsch her gehetzt und auf diese Art von den teuflischen Mächten in die Hölle geholt worden. Der Ätna als Aufenthalt der Verdammten oder als Hölleneingang ist ja bekannt genug (vgl. H. Naumann, Ätna, Hdwb. d. dt. Aberglaubens 1, 668f.). Für diese geistlich und lateinisch ausgebildete Legende ein von Spielleuten um 1100 deutsch verfaßtes „Teufelslied“ anzunehmen (Herm. Schneider, Germanische Heldensage I, Berlin 1928, S. 400f.) ist unnötig; solche Überlieferung konnte sich mündlich erhalten und verbreiten. Auf die deutsche Volksauffassung von D. hat sie jedenfalls keinen Einfluß gehabt, und in der reichen D.-Dichtung des 12. und 13. Jh. finden wir keine Spur davon.

Diese literarischen Vorerwägungen waren notwendig, um die bekannten Reliefs am Portal von S.Zeno in Verona (1138) endgültig auf Theoderich festzulegen (Venturi III, S. 192ff., Fig. 172), während F. Novati (Sulla leggenda di re Teodorico in Verona, Rendiconti del R. Istituto Lombardo 1901) lediglich die Kopie einer antiken Jagdszene darin sehen will. Doch lautet die Inschrift: „O regem stultum petit infernale tributum / moxque paratus equus quem misit demon iniquus / exit aquam nudus: petit infera non rediturus.“ Auf der anderen Seite: „Nisus equus cervus canis huic datur, hos dat avernus.“ Da haben wir alles, was wir aus späteren literarischen Quellen kennen, und was in Verona (= Bern!) mündlich herumspukte: das Bad, die von der Hölle geschickten Jagdtiere, die Nichtwiederkehr (auch bei Otto von Freising: ad inferos, s. o.). In den geistlichen Quellen, vor allem bei Boëthius und dem auf ihm fußenden Walahfrid Strabo, wird Theoderich mit Vorliebe als „avarus“, als habsüchtig geschildert; das finden wir hier ebenfalls wieder in dem „petit infernale tributum“. Das gegenüberstehende, entsprechende Relief zeigt zwei kämpfende Ritter; Venturi deutet es, wohl mit Recht, auf den sagenhaften Zweikampf Theoderichs mit dem Langobardenkönig Albion um den Besitz Veronas (vgl. M.G.H. SS. XXXI, 407ff.). Auch das große Jagdbild an der nördlichen Außenwand von Schloß Hocheppan in Tirol, aus der Zeit um 1150–80, hat Jos. Weingartner (Kunstdenkmäler Südtirols III, Wien 1929, S. 273) als D. Höllenjagd interpretiert (ebenso Jos. Garber, Roman. Wandgemälde Tirols, Wien 1928, S. 71f.). Gerade in Tirol hat D. besonders lange in Glaube und Dichtung fortgelebt.

Auch in Andlau werden wir dem Höllenritt wieder begegnen (s. u.). Am Glockenturm der Johanneskirche zu Schwäb. Gmünd befindet sich das Relief einer Hirschjagd unterhalb einer Muttergottes mit Kind. Gerade in solcher Zusammenstellung darf es wohl ebenfalls als D. Höllenritt angesehen werden, zu dem in wirkungsvollem Gegensatz das Christuskind mit der rechten Hand nach oben, gen Himmel weist (Inv. Württemberg, Jagstkreis I, S. 384).

Ferner wird in Wien 1239 eine „domus Diterici ex inferno“ erwähnt (Fröhlich, Diplom.Styr. I, 312); das Haus hieß doch wohl so nach dem daran angebrachten Bild vom Höllenritt. Eine ähnliche Wandmalerei trug vielleicht auch das Haus „zum gejegde“ 1460 zu Freiburg i. Br. (Karl Schmidt, Die Hausnamen und Hauszeichen im m.a. Freiburg, Gießen 1930, S. 52f.). Wohin der „locus qui Theodorici infernus dicebatur“ gehört (Aligne, P. L. 77, Sp. 369, Anm. a), ist nicht festzustellen, denn das dafür angegebene Belegzitat ist unrichtig.

b) Andere Einzeldarstellungen

Einige Darstellungen sind durch die Beischrift für Theoderich oder D. gesichert. So teilt F. J. Mone (Anz. f. Kunde d. dt. Vorzeit 8, 1839, Sp. 608) aus einer Karlsruher Hs. des 12. Jh. eine Zeichnung D. mit, die sonst nichts Charakteristisches bietet. Auch die Tjost, bei der „Theodoricus rex“ den „Odoachar rex“ vom Pferde sticht (Miniatur 13. Jh. in der Vaticana; Jos. Nadler, Lit.-Gesch. d. dt. Volkes I, Berlin 19394, Abb. S. 15), könnten ebenso gut zwei andere ritterliche Helden ausfechten. In einem Fuldaer Sammelband in Leiden, der u. a. die Gesta Theoderici enthält, ist auf dem Titelbild der thronende Theoderich dargestellt (Univ. Bibl. Cod. Vulc. 46, fol 1 v, vor 1176. – Abb. 1).

Bei manchen Darstellungen sind wir nur auf Schlüsse angewiesen. Im Großmünster zu Zürich ist auf dem Kämpferrelief am dritten Pfeiler der Südwestseite (2. H. 12. Jh.) der Kampf zweier Ritter zu Fuß geschildert. Sonderbarerweise hält dem einen mit dem Langschwert Ausholenden ein hinter ihm Stehender den Arm fest (Abb. 6. – Oberrhein. Kunst 3, 1928, S. 15–18). Welche a.t. Erzählung oder welches Psalmenwort könnte hier illustriert sein? Es liegt nahe, die beiden Kämpen auf D. und Dietleib zu deuten, die von Hildebrand am weiteren Kampf gehindert werden (vgl. das Epos „Biterolf und Dietleib“ Vers 8044ff.). Auf dem heute ganz unorganisch zusammengefügten Portal am Pfarrhof zu Remagen (12. Jh.) könnte man auf zwei Platten vielleicht Darstellungen D. finden: ein hornblasender Ritter sprengt zu Pferd über einen geflügelten Drachen – ein Ritter mit Schild steht auf einem Ungetüm und stößt mit der Lanze nach unten. Doch wird nach Alb. Königers Interpretation (Die Rätsel des roman. Pfarrhoftores zu Remagen, München 1947) eine weltliche Auslegung wieder unsicher. Anders steht es mit einem leider fragmentarischen Elfenbeinrelief des 13./14. Jh. im G.N.M. Da sprengt ein vollständig gewappneter König, dem drei Krieger zu Pferde folgen, im Galopp hinter einem fliehenden Ritter her, der rückwärtsgewendet mit ihm das Schwert kreuzt. Die Gestalten sind so individuell gesehen, daß an Wiedergabe einer bestimmten Szene gedacht werden muß: es ist die berühmte Verfolgung Witteges durch D. in der „Rabenschlacht“ (Str. 914ff.).

Im Jahre 1385 ließen die Brüder Nikolaus und Franz von Vintler ihre Burg Runkelstein bei Bozen mit Wandgemälden aus der Heldensage und Dichtung schmücken, die zum größten Teil erhalten sind (J. V. Zingerle, Runkelstein und seine Fresken, Innsbruck 1857; Ders. in Germania, Viertelj.Schr. f. dt. Alt.kde. 2, 1857, S. 467ff.; Ebd. 23, 1878, 28ff.; Jos. Weingartner, Die Kunstdkm. Südtirols III, 2, Wien 1926, S. 181–85). Auf dem Söller waren Triaden dargestellt: die drei besten Heiden, die drei besten Juden usw., dabei auch die drei besten Schwerter: D. mit Sachs, Siegfried mit Balmung, Dietleib mit Welsung. Ähnlich sind in der Kirche zu Floda in Södermanland (Schweden) am westlichen Gewölbe acht Helden gemalt, die paarweise zusammengehören (15. Jh.). Darunter befindet sich „Diderik va Bara“, der sich zornig gegen seinen Nachbarn „Wideke Welans son“ (s. o.) wendet (N. M. Mandelgrén, Monuments Scandinaves du moyen-âge, Paris 1862, Taf. 28).

c) Reihenbilder

Am Westbau der Kirche des ehem. Benediktinerinnenklosters Andlau im Elsaß (Rud. Kautzsch, Der roman. Kirchenbau im Elsaß, Freiburg Br. 1944, S. 251–58, Abb. 310–14) befindet sich ein Relieffries des 2. V. 12. Jh., dessen Inhalt bisher noch nicht überzeugend erklärt ist. Zum Teil sind die Bilder ohne inneren Zusammenhang, wie eine Darstellung der „Verkehrten Welt“ (Ochse führt den Treiber), eine Metzgerszene, die Fabel vom Fuchs, Satiren auf den Säufer und den betrügerischen Kaufmann. Aber daneben gibt es ritterliche Szenen, die sich zu einem Zyklus zusammenfügen und aus der D.-Sage genommen zu sein scheinen (Abb. 2–5): zwei gewappnete Krieger zu Fuß im Schwertkampf, dabei Elefant und Greif (Kampf D. gegen Ecke oder Fasolt), zwei in der Tjost gegeneinander reitende Ritter mit eingelegten Lanzen (Rabenschlacht), ein Ritter befreit einen anderen, von einem Drachen bereits halb Verschlungenen, während hinter ihm sein Pferd und ein Berittener warten (D., Sintram oder Rentwin, Hildebrand), Kampf eines Ritters gegen einen großen Bären (RDK I 1445/46, Abb. 2), Festmahl zweier Damen und eines Ritters mit Dienern, die Speisen und Getränke bringen (D. und Virginal), schließlich die Jagd D. nach dem Höllenhirsch, wobei ihm der Teufel den Hund zuführt und ins Horn stößt (vgl. die Inschriften von S. Zeno in Verona). Alles fügt sich bei einer Exegese durch die D.-Sage zueinander. Bedenken erregt dabei nur die Frage, wie diese Illustrationen an die Fassade einer Kirche kamen. Vielleicht war eine der adligen Äbtissinnen mit höfischer Dichtung vertraut; auch konnte man, mit gutem Willen, die eine oder andere Darstellung in theologische Allegorie umbiegen. Es ist das gleiche Problem wie beim Großmünster in Zürich; diese Zuschreibungen sind allerdings nur hypothetisch.

Auf festen Boden gelangen wir mit den Wandmalereien im Wehrturm des Schlosses Brandis zu Marienfeld in Graubünden. Im ehem. 4., jetzt 5. Geschoß, dem eigentlichen Wohnstock, sind die Wände mit Szenen aus höfischen Dichtungen geschmückt. Darunter befinden sich vier Bilder mit der Geschichte von D. und Ecke, um 1320 (drei noch erhalten, eines halb zerstört; J. Rud. Rahn, Zwei weltliche Bilderfolgen aus dem 14. und 15. Jh., Mitt. der Schweizerischen Ges. für Erhaltung hist. K.dkm., N.F. 2, 1902, S. 1ff.). In gleicher Art hatte man um 1390 den Palas des Schlosses Lichtenberg in Tirol ausgemalt. Unter den mannigfachen höfischen Szenen beziehen sich zwei unfehlbar auf die D.-Sage: der Kampf mit dem Zwergenkönig Laurin sowie Kampf und Versöhnung mit Dietleib (Jul. v. Schlosser, Die Wandgemälde aus Schloß Lichtenberg in Tirol, Wien 1916. – Abb. 7).

Weiter südlich gelangen wir mit den Fresken im Castel d’Avio in Südtirol. Auf den Wänden sind dort, über einem Fries von kleineren Ringkampf- und Schlachtszenen, u. a. dargestellt: ein Ritter zu Roß (Wappenrock mit weißem Kreuz auf dunklem Grunde) im Kampf gegen einen sich aufbäumenden Drachen; zwei Ritter im Fußkampf mit Schwertern und kleinen runden Tartschen; zwei gegeneinander streitende Haufen von Fußkämpfern, der linke ritterlich mit Rüstung, Helm, Schild und Speer bewaffnet, der rechte zumeist mit Bogen und mit merkwürdig geformten Kopfbedeckungen; ferner eine Reiterschlacht. Erwägt man, daß gerade die Ecke-Sage in Südtirol ausgebildet worden ist, so darf man wohl auf diese eine Deutung wagen: Dietrich im Kampf mit dem Drachen Fasolt, Eckes Bruder; Dietrich und Ecke im Fußkampf; die Rabenschlacht (wobei die Bogenschützen das Heer der Hunnen darstellen) als Fuß- und Reiterschlacht. Die Wandbilder dürften nach Tracht und Stil aus der 2. H. 14. Jh. stammen (Antonio Morassi, Storia della pittura nella Venezia Tridentina, Rom 1934, S. 223–34 und Abb. 129–38; dort jedoch 1. V. 14. Jh. datiert).

d) Pseudo-Dietriche

Nichts mit D. und seinen Drachenkämpfen zu tun haben die Darstellungen auf Tympanen, wo ein gewappneter Ritter gegen einen Löwen oder Drachen kämpft (Altenstadt, Straubing, Windberg: Hans Karlinger, Die romanische Steinplastik in Altbayern und Salzburg, Augsburg 1924, Taf. 152f., 156f., 159; Basler Münster: Konr. Escher, Basler Zs. f. Gesch. 19, 1921, 165ff.). Ebenso steht es mit der berühmten Bestiensäule in der Krypta des Freisinger Domes (W. Stammler in: Stud. z. dt. Philologie, Festschr. für Friedr. Panzer, Heidelberg 1950, S. 38ff.; vgl. auch A. Mayer – O. Schmitt, RDK II 366–71). Schon Ad. Goldschmidt (Der Albani-Psalter in Hildesheim und seine Beziehung zur symbolischen Kirchensculptur des 12. Jh., Berlin 1895) hat diese Darstellungen überzeugend aus Psalmenstellen interpretiert. Der Kampf des Menschen gegen das Böse ist nach Psalm 34, 2 und 90, 13 ein Kampf mit Rüstung und Waffen; auch die Tugenden erscheinen wie der Erzengel Michael als gepanzerte Ritter des 12. Jh. (z. Beisp. Sp. 1253/54, Abb. 2). Solche Bilder sind also keine Illustrationen zur D.-Sage, sondern sollen symbolisch zum Streit gegen den Bösen mahnen, der umgeht und den Menschen zu verschlingen droht (vgl. auch Jul. Baum, Darstellungen aus der germanischen Götter- und Heldensage in der nordischen K., Eranos-Jb. 17, 1949, S. 335–58, der aber durch Kompromiß die Reliefs für die D.-Sage retten will). Auch mit einem Hinweis auf eine angeblich alte Ortssage von Burgdorf (Kanton Bern), in der von zwei Brüdern Sintram und Beltram die Rede ist, kann man die D.-Sage hier nicht in Anspruch nehmen (Herm. Schneider, Germanische Heldensage I, Berlin 1928, S. 273), denn diese Ortssage trägt alle Merkmale neuerer literarischer Erfindung, ist erst nach den jüngeren D.-Epen gebildet worden und hängt nicht mit dem Basler Kapitell zusammen.

e) Illustrationen

Zum Schluß sei hingewiesen auf die illustrierten Hss. der D.-Epen (z. B. Heidelberg, Pal. germ. 324 und 359), die sämtlich ins 15. Jh. gehören; einige stammen aus der Werkstatt Diebold Laubers zu Hagenau im Elsaß (Rud. Kautzsch, Centralbl. f. Bibl. Wesen 12, 1895, S. 77ff.; Ders., Notiz über einige elsäss. Bilderhss. aus dem 1. V. 15. Jh., in: Philologische Studien, Festgabe für Ed. Sievers, Halle a. d. S. 1896, S. 293).

Als der Buchdruck seit 1490 sich in den sog. Volksbüchern der alten Heldenstoffe bemächtigte, schmückte man diese Einzelbände ebenso wie die Sammelwerke „Heldenbuch“ und „Jüngeres Heldenbuch“ mit Holzschnitten, die die spätgotische romantische Auffassung der „Helden“ dem folgenden Jh. überlieferten (K. Schorbach, Seltene Drucke in Nachbildungen I–IV, 1893–1904).

Zu den Abbildungen

1. Leiden, Univ.Bibl. Cod. Vulc. 46, fol. 1 v. Titelbild zu den Gesta Theodorici. Fulda, vor 1176. Nach Marburger Jb. 8/9, 1936, 178 (Phot. Preuß. St.Bibl. Berlin).

2.–5. Andlau im Elsaß, Fries am Westbau der ehem. Benediktinerinnen-Klosterkirche. 2. V. 12. Jh. (3 und 4 am Mittelrisalit, 5 an der N-Seite, 6 am NW-Abschnitt). Phot. Marburg 26 111, 26 113, 26 106, 26 109 a.

6. Zürich, Großmünster, Kämpferrelief am 3. SW-Pfeiler, 2. H. 12. Jh. Phot. Schweizer. Landesmus. Zürich 17 805.

7. Innsbruck, Tiroler Landesmus. Ferdinandeum, Wandbild aus der Burgruine Lichtenberg im Vintschgau, Südtirol. Fresko. Um 1390. Nach J. v. Schlosser, Die Wandgemälde aus Schloß Lichtenberg i. T., Wien 1916, Taf. 4.

Literatur

1. Müllenhoff, Zur dt. Mythologie, Zs. f. dt. Altertum 12, 1865, S. 325–329, 344f., 372 u. ö. – 2. G. Schneege, Theoderich d. Gr. in der kirchlichen Tradition des MA und die dt. Heldensage, Dt. Zs. f. Gesch.wiss. 11, 1894, S. 18–45. – 3. F. Dahn, Theoderich d. Gr., Allgem. Dt. Biographie 37, 1894, S. 696–706. – 4. M. Brion, Théodorik, Paris 1935. – 5. N. Lukmann, Didreks Saga og Theoderiks Historie. Fra Historie til Saga og Folkevise (= Studier fra Sprog- og Oltidsforskning 187), Kopenhagen 1941. – 6. W. Mohr, Dietrich von Bern, Zs. f. dt. Altertum 80, 1944, S. 117ff. – 7. G. Zink, Les légendes héroïques de Dietrich et d’Ermrich, Paris 1950. – 8. Cabrol-Leclercq XV, 2252–65.