Dienst

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Respond; französisch: Dosseret; italienisch: Costola, costolone, colonnina.


Ernst Gall (1954)

RDK III, 1467–1479


RDK III, 1469, Abb. 1. Mont-St.-Michel, um 1060.
RDK III, 1469, Abb. 2. Knechtsteden, beg. 1138.
RDK III, 1471, Abb. 3. Laon, 1170-8o.
RDK III, 1473, Abb. 4. Paris, 4. V. 12. Jh.
RDK III, 1475, Abb. 5. St. Denis, beg. 1231.
RDK III, 1475, Abb. 6. Straßburg, 3. V. 13. Jh.
RDK III, 1477, Abb. 7. Reutlingen, 2. V. 14. Jh.
RDK III, 1479, Abb. 8. Doberan (Meckl.), vor 1368.

I. Begriff und seine Herkunft

Als D. werden gewöhnlich die Pfeiler- oder Wandvorlagen in m.a. Bauten bezeichnet, die in Gestalt von mehr oder minder schlanken stabförmigen Gliedern zu den Gewölbebogen und Rippen aufsteigen und als ihre Träger erscheinen; dabei werden meist die stärkeren D. unter den Gurtbögen als „alte“ und die dünneren D. für die Rippen als „junge“ benannt.

Die Bezeichnung D. findet sich allgemein seit F. Kugler, C. Schnaase und G. Ungewitter. Vorher war sie anscheinend ungebräuchlich, denn weder J. C. Costenoble, G. Moller, Büsching noch S. Boisserée kannten D. Sie sprachen nur von „Säulen“, „Säulchen“, „Schaften“ und „Stabwerk“. F. Kugler wie G. Ungewitter [1] erklärten, der Ausdruck D. stamme aus der „Handwerkssprache des Mittelalters“. In der Tat ist in den Wochenrechnungen des Prager Dombaus neben der Bezeichnung zeul czu failer auch failerdinst, sichte pilaris dicte dinst oder mehrfach der schlichte Ausdruck dinst zu finden [3, S. 47ff.].

Dürer, der in seiner „Unterweisung der Messung“ (hrsg. von A. Peltzer, München 1908, S. 84ff.) got. Pfeiler zeichnete und kurz beschrieb, sprach freilich nur von „Stäben“. Wenn Schlosser, Quellenbuch S. 399, in dem mittelhochdeutschen Gedicht „Von der Erlösung“ in der Beschreibung eines got. Thronstuhles (!) das Wort dinster mit D. übersetzt, so ist das fraglos falsch. In der Beschreibung des Gralstempels vom jüngeren Titurel ist nur von pfilern und siulen die Rede. In einem Xantener Bauvertrag mit dem Meister Alde aus dem Jahre 1481 werden die D. coleumen genannt (Steph. Beissel, Bauführung des MA, Freiburg Br. 1889, S. 172).

Die Einführung des Ausdrucks D. in die neuere Fachsprache scheint von Georg Gottfried Kallenbach auszugehen, der (Chronologie der deutsch-m.a. Baukunst usw., München 1843–45) aber noch meist das Wort „Cylinder“ gebrauchte, gelegentlich aber von den „Tragpfeilern oder Diensten“ sprach und die D. als „Gewölbeträger“ bezeichnete, die „unten aus einer einzelnen Säule“, „oben aus einem viereckigen Pfeiler mit drei fast vollrunden Säulen-Ansätzen“ bestehen, also eine Erklärung gab, die sich mit der heute üblichen nicht völlig deckt. Demnach dürfte wohl die Bezeichnung erst im Zeitalter der Neugotik allgemein gebräuchlich geworden sein.

Hier können nur die Wanddienste behandelt werden, für die Pfeilerdienste s. Pfeiler.

II. Formale Gestalung der Wanddienste

a) Die spätantike Baukunst bediente sich zur Eingliederung der Gewölbe in den baulichen Organismus meist der Säulen, die den Pfeilern und Wänden als Träger der Gewölbekämpfer frei vorgestellt wurden (Rom, Diokletiansthermen und Maxentiusbasilika). In den nicht gewölbten Basiliken Syriens findet man pilasterartige Vorlagen für die den Dachstuhl tragenden Schwibbögen (Ruweha) oder kurze, auf vorkragenden Konsolen angeordnete dünne Säulen zur Unterstützung der Dachbalken (Kalb Luseh; Kalat Sim’an).

b) die romanischen Gewölbebauten des frühen MA haben verschiedene Formen der Gewölbevorlagen: im allgemeinen sind es eingebundene hohe Halbrundschäfte für die Gurtbogen der Tonnengewölbe (Nevers, St. Etienne; Toulouse, St. Sernin; Santiago de Compostela), seltener auch der Kreuzgewölbe (Mainz, Dom; Heisterbach). Für diese wurden die Halbrundschäfte meist mit mehr oder minder flachen Wandpfeilern hinterlegt (Pontaubert; Avallon; Vézelay; Maria Laach; Knechtsteden, Abb. 2; Speyer, Dom; Fossanova), wie sie auch bei Tonnengewölben (Le Dorat) vorkommen. Statt dessen wurden auch zweifach gestaffelte Wandpfeiler (Arles, St. Trophime), pilasterartige antikisierende Vorlagen (Autun, Kathedrale; Beaune) oder schlichte Wandpfeiler (Eberbach) verwendet; in Südfrankreich begegnet man säulenartigen Vorlagen, offenbar nach antiken Vorbildern, die erst über den Pfeilern angeordnet sind und bis zum Gewölbekämpfer reichen (St. Paul-Trois-Châteaux). Bei Kreuzgewölben sind den Deckplatten der Wandpfeiler in einigen Fällen kleine Konsolen als Träger der Gewölbegrate angefügt (Rosheim, St. Peter und Paul; Eberbach). In Pontigny und Eberbach setzen die flachen Wandpfeiler erst oberhalb der Mittelschiffpfeiler auf vortretenden Konsolen an, wie es auch später nach Einführung der Rippengewölbe bei zahlreichen anderen Zisterzienserkirchen (Otterberg, Arnsburg, Walkenried, Heiligenkreuz, Chorin) üblich blieb. Im Braunschweiger Dom haben die Wandpfeiler statt der einfachen Kanten Rundstäbe, ebenso in anderen niedersächsischen Bauten. Außerdem kommen auch eigenartige Bildungen vor, so sind z. B. in der Kathedrale von Angoulême den kräftigen Vierungspfeilern paarweise schlanke Halbrundschäfte als Träger der Unterzüge für die das Kuppelgewölbe tragenden Bögen vorgesetzt. In gewissen Landschaften wurden schon bei flachgedeckten Mittelschiffen den Wänden vorgelegte Halbrundschäfte oder flache Wandpfeiler verwendet, die teils Schwibbogen (Florenz, S. Miniato; Verona, S. Zeno; Modena, Dom; Cerisy-la-Forêt; St. Georges-de-Boscherville), teils auch nur die Balkenköpfe des Dachstuhls trugen (Caen, St. Etienne; Mont-St.-Michel, Abb. 1; Lillers; Montivilliers; Ely, Kathedrale; St. Albans, Kathedrale). Bei einigen Bauten haben diese Wandvorlagen keine konstruktive Bedeutung, sie dienten entweder nur einer funktionellen Strukturierung der Wand (Jumièges; Morienval; Winchester, Kathedrale; Romsey, Kathedrale) oder durch Blendbogen miteinander verbunden ihrer reliefhaften Gliederung in dekorativer Rhythmik (Speyer, Dom Konrads II.; Hochelten; Köln, St. Ursula; Koblenz, St. Kastor).

Nach Einführung der Rippengewölbe wurden die Wandvorlagen entsprechend umgebildet, indem für die Rippen gewöhnlich noch besondere Rundschäfte hinzugefügt wurden (Durham, Kathedrale; Lessay; Beauvais, St. Etienne; Le Mans, Kathedrale; Mailand, S. Ambrogio; Rivolta d’Adda).

Schon frühzeitig wurden abgestufte Wandvorlagen verwendet (Sens, Langhaus der Kathedrale), deren eingebundene Schäfte verschiedene Stärke haben, die kräftigsten für die Gurtbogen, die schwächsten für die Schildbogen. Bei den sechsteiligen Gewölben wurden entsprechend den Zwischenrippen schlanke Schäfte (Sens, Kathedrale) oder auch zwei sehr dünne gepaarte Schäfte (Noyon, Kathedrale) der Wand vorgelegt, die erst über den Kapitellen der Zwischenstützen ansetzen. Die nach einem größeren Reichtum der optischen Erscheinung strebende Baugesinnung der 2. H. 12. Jh. kommt am deutlichsten in der Kathedrale von Laon zum Ausdruck (Abb, 3). Hier bestehen die D., die erst sämtlich über den Kapitellen der Rundstützen des Erdgeschosses aufsetzen, aus Bündeln von nur wenig differenzierten Schäften – fünf unter den Gurtbögen, drei unter den Zwischenrippen der sechsteiligen Gewölbe –; sie sind vollrund aus einzelnen hohen, nicht lagerhaft versetzten Rundstäben (colonnes en délit) zusammengesetzt und durch Ringstücke mit der Pfeilerwand verbunden, so daß bis zum Kämpfer der Gewölbe je sechs horizontale Schaftringe den Aufstieg der D. unterbrechen; dies erzeugt zusammen mit dem reichgegliederten viergeschossigen Aufbau und der schmuckfreudigen Behandlung der Kapitelle ein lebhaftes, durch Licht und Schatten noch verstärktes Formenspiel, dessen wesentliche Motive in funktionellen Vorstellungen wurzeln. Anders sind in der Pariser Kathedrale (Abb. 4) die einzelnen Schaftstücke der auch erst über den Deckplatten der Erdgeschoßstützen aufsteigenden D. behandelt – durchgehend nur je drei trotz der sechsteiligen Gewölbe –, sie sind wesentlich höher zugeschnitten und ohne sichtbare Verbindungsstücke vorgesetzt, so daß die D. fast linienhaft schlank erscheinen. Hier wird offensichtlich, daß sie nicht als Träger von Lasten, sondern als Verkörperungen aufwärts strebender dynamischer Kräfte gedacht sind, die den Raum umspannen, die Gewölbe selbst als leicht und schwerelos sowie das Ganze in vergeistigter transzendentaler Gestalt erscheinen lassen sollen, wenn auch der sonstige Aufbau der Wand noch in älteren Vorstellungen wurzelt und im ursprünglichen Entwurf statt einer klaren funktionellen Ordnung malerisch dekorative Tendenzen (reichverzierte Rundöffnungen über den Emporen) mitbestimmend waren.

Die Übernahme der Rippengewölbe führte in Deutschland im Zeitalter der Spätromanik zu einer starken Vermehrung der wandgliedernden Formen. Man verharrte im allgemeinen bei kräftiger plastischer Durchbildung im Wechsel von runden und eckigen Gewölbevorlagen, wobei die letzteren einen unverkennbar wandhaften Charakter bewahrten (Bamberg, Dom; Naumburg, Dom; Münster, Dom; Köln, St. Andreas und St. Kunibert; Worms, Dom; Schlettstadt, St. Fides; Rufach, St. Arbogast). Die Verwendung von nur kräftigen Wandpfeilern, denen am Kämpfer Konsolen für die Rippen angesetzt wurden, blieb zwar selten (Rosheim, St. Peter und Paul), ist aber für die deutsche Auffassung charakteristisch. Lediglich aus Rundschäften zusammengesetzte Dienste finden sich demgemäß nicht häufig (Basel, Münster; Riddagshausen). Daß die deutschen Baumeister vielfach eine Vorliebe für dekorative Bereicherung der Formen ohne funktionellen Charakter erstrebten, zeigen die kurzen auf Konsolen ansetzenden Dienstbündel wie im Trierer Dom und in Groß St. Martin zu Köln oder eine so eigenartige Wandgliederung wie in Methler, wo Rundschäfte zum Scheitel der Schildbögen aufsteigen. Von einem Bemühen um Mannigfaltigkeit der plastischen Gliederung zeugt auch die Form der D. im Magdeburger Domchor, wo stärkere und schwächere Rundschäfte übereinandergestellt sind und mit wandhaft rechteckigen Gurtbogenträgern wechseln; z. T. tragen die Runddienste auch plastische Figuren. In Limburg a. d. L. folgte der Architekt in der Gestaltung der D. dem Vorbild der Kathedrale von Noyon oder anderer verwandter Bauten, benutzte aber überdies plastisch dekorierte Konsolen als Träger der D., wie sie auch in der Trierer Liebfrauenkirche verwendet sind. Eine strengere Formgesinnung mit klarer funktioneller Gestaltung der als Rundschäfte gebildeten Dienste zeigt als erster deutscher Bau der Chor der Elisabethkirche in Marburg.

c) Eine deutlich von rationaler Ordnung bestimmte Bildung der Dienste setzte mit der reifen französischen Gotik ein. Ihr Ziel war es, die scheinbar in den D. aufsteigenden Kräfte wirkungsvoll als raumbestimmend zu veranschaulichen. Die Baumeister der Kathedralen von Chartres, Soissons, Reims und Amiens bemühten sich um eine stärkere Plastizität und Differenzierung der einzelnen Glieder, deren Höhenstreben durch wenige wohl verteilte horizontale Gesimse rhythmisch gegliedert wurden. Jetzt steigen die Gurtbogenschäfte wieder vom Sockel der Erdgeschoßstützen auf, während die Rippenschäfte erst über ihrer Deckplatte ansetzen, wodurch der Eindruck einer sprießenden Aktivität der vertikalen Kräfte erzeugt wird. Die vollkommene Lösung im Sinne des struktiven Gliedergefüges der Gotik bietet das Langhaus der Abteikirche in St. Denis von Pierre de Montreuil, das deshalb als der eigentlich hochgotische Bau angesehen werden sollte (Abb. 5): hier steigen die D. als Bündel aus drei gleich schlanken Rundschäften für Gurtbogen und Rippen vom Boden an aufwärts; ihnen sind vom Fußgesims des Triforiums, das die D. nicht mehr überschneidet, noch weitere Rundschäfte für Schildbogen und Fensterrahmen angegliedert, so daß das gesamte Kräftesystem in den Pfeilersockeln zu wurzeln und sich in lebendigster Dynamik zu entfalten scheint. Daß demgegenüber der Chartreser Meister noch um die Durchbildung der Einzelformen rang und z. T. sogar noch in alten Anschauungen vom optischen Reiz verschiedenartiger Gestaltung befangen war, zeigt der eigentümliche und sachlich ganz unmotivierte Wechsel von runden und achteckigen Schäften für die Gurtbogen. Ähnlich wie in St. Denis ist die Form der D. in den Kathedralen von Clermont-Ferrand, Limoges, Troyes, Evreux und Tours, im übrigen ist sie recht verschiedenartig. So hat man sich bei zweigeschossigem Aufbau ohne Triforium wie in den Chören von Coutances und Le Mans sowie im Langhaus der Kathedrale von Toul mit einem einzelnen, sehr schlanken Rundschaft als D. begnügt, wie er ähnlich auch im dreigeschossigen Aufbau der Kathedrale von Sees begegnet.

Allgemein ist für die spätere Zeit die Tendenz nach möglichst schlanker und linienhafter Schärfe der Schaftbildung charakteristisch. Statt des Rundstabs wird das zugespitzte Birnstab- und zuletzt das kantige Hohlkehlprofil der Rippen auch für die D. benutzt (Vendôme, Ste. Trinité; Albi, Kathedrale; Bordeaux, St. Michel; Nantes, Kathedrale; Paris, St. Séverin) oder es werden die einzelnen Schäfte durch tiefschattende Hohlkehlen voneinander getrennt (Rouen, Marienkapelle der Kathedrale; Troyes, St. Urbain; Auxerre, Kathedrale). Doch findet sich daneben auch die alte Form des schlanken Rundstabes (Dijon, St. Bénigne; St. Maximin; Tarascon, Ste. Marthe), oder der vordere Teil der Rundstütze des Erdgeschosses wächst als segmentförmiger D. aufwärts (St. Nicolas-du-Port), wie es auch schon früh in ähnlicher Weise in den inneren Seitenschiffen der Kathedrale von Bourges vorkommt. Charakteristisch für die Spätzeit ist weiter das kapitellose Übergehen der D. in die Gurten und Rippen, wodurch der fließende Zug der Bewegung in den strukturellen Gliedern besonders deutlich veranschaulicht wird (Moulins, Kathedrale; Nantes, Kathedrale; Riom, Ste. Chapelle u. a.), doch findet sich ein gleiches Prinzip schon früh in der sparsamen Bauweise der Bettelorden (Basel, Barfüßerkirche; Kolmar, Dominikanerkirche). Gegen Ende des MA wurden die Hohlkehlen zwischen den Rundstäben vielfach nur noch wellenförmig flach gebildet (Beauvais, St. Etienne, Chor).

Die englischen Bauten der Gotik zeigen auch in der Bildung der D. vielfach ihre charakteristische Eigenart, daß ursprünglich funktionelle Formen in dekorativer Weise umgestaltet wurden, indem die D. auf mehr oder minder reich verzierten Konsolen aufsitzen (Kathedralen von Gloucester, Lincoln, Wells, Hereford, Exeter, Beverley). In Frankreich kommen ähnliche Konsolen nur selten vor (St. Père-sous-Vézelay). Andere englische Kathedralen halten sich stärker an die französischen Vorbilder (Canterbury, York).

Unter den gotischen Bauten Deutschlands ist nur in wenigen Landschaften der basilikale Typus vorherrschend geblieben, weil der steile Aufstieg des Mittelschiffes dem sich entwickelnden deutschen Raumgefühl nicht entsprach; infolgedessen blieb auch die Gliederung weit mehr einer wandhaften Auffassung verhaftet und die Funktion der D. eine weniger strukturelle als in Frankreich. Ausnahmen bilden die wenigen großen Domkirchen, die unmittelbar französischen Vorbildern folgten, wie z. B. die Dome in Köln und Straßburg (Abb. 6), deren rundschäftige D. in ihrer Gestaltung der hochgotischen Stufe von St. Denis entsprechen. Die Bauhütten dieser Dome beeinflußten naturgemäß die Formensprache in den Nachbargebieten auch dort, wo an sich der bauliche Charakter durch einfachere Formen der Aufrißgestaltung gekennzeichnet ist, wie in Xanten oder Freiburg i. Br. Im Langhaus des Regensburger Doms sind die Rundschäfte der D. bereits von Hohlkehlen getrennt, wie auch in Altenberg und den jüngeren Teilen der Xantener Stiftskirche, sie sind aber mit schräg vortretenden rahmenartigen Wandstücken verbunden, die in dieser Form in Frankreich nicht vorkommen. Besondere Bedeutung erlangten die D. in den Bauten ohne Triforium mit hohen, nur von den Fenstern durchbrochenen Wänden über den Mittelschiffsarkaden; Beispiele bieten der Dom zu Halberstadt, die Stiftskirchen von Wimpfen, Urach und Überlingen, die Pfarrkirchen in Freiburg i. Br., Reutlingen (Abb. 7) und Ulm sowie die Kölner Minoritenkirche, die Regensburger Dominikanerkirche und die Salemer Zisterzienserkirche. Hier bilden die meist sehr schlanken, z. T. nur aus einem einzelnen Rundschaft gebildeten D. die entscheidenden Gliederungsformen, um den Wänden, sofern lie nicht in mauerhafter Schwere verharren, sondern in leichtem Aufbau flächenhaft ausgebreitet sind, einen leicht beschwingten Charakter zu verleihen. Im Langhaus des Magdeburger Doms entspricht den breiten und niedrigen Arkaden mit ihren kräftigen Unterzügen auch eine plastisch derbere Gestaltung der D., wie sie um diese Zeit (2. H. 13. Jh.) nirgends mehr in Frankreich zu finden ist; hier paart sich die räumliche Dehnung der Seitenschiffe mit einer wandhaften Gestaltung des Baukörpers und der plastischen Kraft seiner Glieder. Im schärfsten Gegensatz dazu zeigt der um fast 100 Jahre jüngere Prager Dom sehr dünne stabförmige D., die gegenüber den dekorativ aufs reichste ausgestatteten Horizontalen des Triforiums kaum zur Geltung kommen würden, wenn nicht im Triforium und Obergeschoß das Maßwerk der Fenster mit seiner ornamentalen Linienpracht in jedem Joch leicht nach außen versetzt wäre; hierdurch treten die Strebepfeiler mit den D. an ihrer Vorderseite ins Innere des Baues vor, wodurch ihre strukturelle Bedeutung augenfällig wird. In den basilikalen Backsteinbauten des Ostseegebietes sind die D. aus besonderen Formsteinen gebildet, daher sehr schlank, so daß zwischen den meist kräftigen Wandpfeilern als strukturellen Gebilden und den linearen Gliederungen der D. ein mehr ornamentales Verhältnis gegeben ist (Abb. 8). Entsprechend setzen die D. in der Stralsunder Marienkirche über Konsolen auf, wie sie auch sonst vorkommen (Barfüßer- und Predigerkirche in Erfurt).

Die italienischen Kirchen des hohen MA zeichnen sich meist durch weitgespannte Raumverhältnisse und ein starkes Gefühl für körperlich empfundene Gliederung der umschließenden Wände aus. Die Zisterzienserkirchen von S. Galgano, Casamari und Fossanova haben als Träger der Gewölbe bereits etwas kräftigere Wandvorlagen als die entsprechenden burgundischen Ordensbauten. Schlanke Bündel von Rundschäften finden sich als D. in der unter französischem Einfluß erbauten Kirche von S. Andrea in Vercelli, sonst sind sie meist wesentlich kräftiger gebildet (Assisi, S. Francesco; Florenz, S. Maria Novella; Arezzo, Dom; Mailand, Dom). Nur als Umbildung im Sinne wandhafter Auffassung können die abgeflachten D. in zahlreichen Kirchen (Verona, S. Anastasia; Florenz, Dom; Bologna, S. Petronio und S. Francesco; Venedig, Frarikirche und SS. Giovanni e Paolo) angesehen werden. Dazu kommt in einigen Kirchen die Dämpfung der vertikalen Tendenz durch breitvortretende Konsolengesimse (Florenz, Dom und S. Croce; Siena, Dom u. a.).

III. Ihre konstruktive und funktionelle Bedeutung

Soweit es sich bei den D. um kräftige Wandpfeilervorlagen handelt, haben sie als innere Verstärkung der äußeren Strebepfeiler, als der eigentlichen Widerlager des Gewölbeschubs, eine im statischen Sinne echte konstruktive Bedeutung. Hingegen haben die schlanken Rundschäfte lediglich funktionellen Sinn, insofern sie das Auge aufwärts zum Gewölbe führen und als Leitkörper dynamischer Kräfte erscheinen. Bei ihrem Fortfall würde die bauliche Statik als solche keine Einbuße erleiden; es war daher durchaus kein Wagnis, wenn statt ihrer nur Konsolen unmittelbar unter den Gewölbekämpfern verwendet wurden oder wenn die D. in beliebiger Höhe an der Wand auf Konsolen ansetzen. Bei der hochgotischen französischen Form der D. wirken diese als Fortsetzung der Stützen zwischen Mittelschiff und Seitenschiff, als Ständer eines hochaufschießenden Gerüstes, während die Bögen der Arkaden, des Triforiums und der Obergadenfenster nur als verbindendes Gefüge ohne wandfesten Charakter und nur dazu bestimmt erscheinen, den leuchtend farbigen Fensterflächen Halt zu gewähren. Allenfalls; können die nicht lagerhaft versetzten hohen Rundschäfte (colonnes en délit) eine gewisse Festigung des rückwärtigen Verbandes der Pfeiler oder Mauern bewirken, für die Aufnahme des seitlich nach außen wirkenden Schubes der Gewölbe bleiben sie nichtsdestoweniger ohne Bedeutung, so daß Viollet-le-Duc, dem der Begriff eines optisch wirksamen strukturellen Gliedergefüges unbekannt war, die colonnettes als „décoration“ erklärte [2, IV, S. 52]. Weil die D. selbst so schlank wie möglich und in ihrer runden Form als zur flachen Wand gegensätzliche Glieder gebildet wurden, gelten sie als selbständige Kraftträger und die anscheinend von ihnen getragenen Gewölbe wirken Schwerelos schwebend. Damit ist der überirdisch transzendentale Charakter der Wandgliederung und des gesamten Raumes gesichert, denn dieser lebt als solcher nebst seinen Proportionen vor allem von diesem Spannungsverhältnis als Ausdruck menschlicher Sehnsucht nach dem göttlichen Reich.

Zu den Abbildungen

1. Mont-St.-Michel, Abteikirche. Langhaus-Nordwand. Um 1060. Phot. Staatl. Bildstelle.

2. Knechtsteden, ehem. Prämonstratenser-Klosterkirche. Mittelschiff-Nordwand. Beg. 1138. Phot. Staatl. Bildstelle.

3. Laon, Kathedrale. Chor-Nordwand. Um 1170–80. Phot. Staatl. Bildstelle.

4. Paris, Notre-Dame. Mittelschiff-Nordwand. 4. V. 12. Jh. Phot. Staatl. Bildstelle.

5. St. Denis, Abteikirche. Mittelschiff-Südwand. Beg. 1231. Phot. Staatl. Bildstelle.

6. Straßburg, Münster. Langhaus-Nordwand. 3. V. 13. Jh. Phot. Preuß. Meßbildanstalt Nr. 173.

7. Reutlingen, Stadtpfarrkirche. Mittelschiff nach Osten. 2. V. 14. Jh. Phot. Landesbildstelle Württemberg 25 786 I.

8. Doberan (Meckl.), ehem. Zisterzienser-Klosterkirche. Mittelschiff und nördl. Querschiff. Vollendet 1368. Phot. Staatl. Bildstelle.

Literatur

1. Gg. Gottlob Ungewitter, Lehrbuch der gothischen Constructionen, Leipzig 1859 bis 64; 1890–923. – 2. Viollet-le-Duc, Architecture, vor allem Bd. IV, Art. „Construction“. – 3. Jos. Neuwirth, Die Wochenrechnungen und der Betrieb des Prager Dombaus in den Jahren 1372–78, Prag 1890.

Verweise