Devotionsbild

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englisch: Devotional picture; französisch: Image de dévotion, miniature de dévotion; italienisch: Illustrazione di devozione.


Eva Lachner (1954)

RDK III, 1367–1373


RDK II, 1467, Abb. 32. Brevier aus Michaelbeuern, zw. 1161 u. 1190.
RDK III, 1367, Abb. 1. Halberstadt, vor 975.
RDK III, 1367, Abb. 2. London, 1. H. 13. Jh.
RDK III, 1369, Abb. 3. Paris, A. 15. Jh.
RDK III, 1371, Abb. 4. Psalterium Mariae, um 1496.
RDK III, 1371, Abb. 5. P. P. Rubens, 1632.

I. Begriff

Das D. steht in enger Verbindung mit dem Dedikationsbild (Sp. 1189ff.) und weist eine gleiche Entwicklung auf. Es bezeugt die Verehrung des Autors, Schreibers oder Stifters einer Hs. gegenüber Christus oder Maria (nicht jedoch Gottvater). Sie kann mit einer Buchübergabe verbunden sein, notwendig ist nur, daß der Dargestellte in irgendeiner, auch inneren Beziehung zur Hs. steht, was aber nicht unbedingt in der Darstellung selbst zum Ausdruck kommen muß. Grenzverwischungen treten besonders oft bei Dedikationen an Heilige auf, die an der Stelle von Christus erscheinen oder auch zu diesem vermitteln. Darüber hinaus werden auch Darstellungen aus den Evangelien mit der Andacht des Stifters oder Autors verknüpft. Das D. ist immer Ausdruck persönlicher religiöser Gefühle: der Stifter oder Autor empfiehlt sich durch sein Werk der göttlichen Gnade.

II. Frühchristl. Zeit

Schon die frühchristliche Zeit kannte die Darstellung der Buchübergabe an Christus durch die Vermittlung von Heiligen (Rabulas-Hs. aus Zagba in Mesopotamien, 586, Florenz, Bibl. Laur.). In der byzantinischen Buchmalerei kommt das Motiv der Verehrung häufig vor, wobei gewöhnlich Maria zu Christus vermittelnd auftritt (Rom, Bibl. Vat., reg. christ. gr. 1, um 950). Die Akzentuierung des Vorganges durch starke Größenunterschiede sowie die Zerlegung in mehrere Streifen setzte hier früher ein als im Dedikationsbild (Mailand, Bibl. Ambros. 250 inf., um 950). Frühchristliche und byzantinische Vorbilder, auf die die romanische Zeit zurückgriff, haben sich jedoch nicht erhalten.

III. Frühes MA; Typen des romanischen D.

Die eigentliche Entwicklung des D. geschah etwa zwischen 800 und 1200. Zunächst beschränkte es sich in der karolingischen Zeit auf die frankosächsischen Schulen, auch später wurde es im norddeutschen Bereich stärker als im süddeutschen gepflegt. So kennt man das D. zuerst nur als Darstellung des Stifters oder Autors im Gebet unter dem Kreuz, wie in dem Bildergedicht des Hrabanus Maurus (Fulda gegen 806; Rom, Bibl. Vat., reg. 1, 124, fol. 34 v).

In Verbindung mit dem Gekreuzigten hat diese Art der Darstellung stark weitergewirkt. Darüber hinaus entstanden noch zwei weitere Typen des D., so daß wir in der romanischen Zeit deutlich drei Entwicklungsreihen unterscheiden können:

A. Vor dem gekreuzigten Christus erscheint der Stifter im Gebet. Im Gebetbuch für Karl den Kahlen (München, Residenzmus., Hs. B. 63, fol. 38 v u. 39 r, nordfrz. nach 850) ist unter deutlicher Trennung beider Welten eine zweiseitige Anlage entstanden, die den Herrscher vor Christus zeigt. Die gleiche Szene wurde im Ludwigpsalter (Berlin, Staatsbibl., Hs. theol. lat. 58, fol. 120 r, süddeutsch, wohl zwischen 840 und 876) zu einem Bild zusammengezogen, die Figur des Betenden erscheint im Profil, den Rahmen überschneidend. Diese Art der Gestaltung kommt auch bei den beiden anderen Typen häufig vor und setzt hierbei die himmlische Sphäre deutlich von der irdischen ab. Durch Hinzuziehung von Maria und Johannes wurde die Darstellung zur eigentlichen Kreuzigungsgruppe erweitert. In einem niederrheinischen Missale in Halberstadt, vor 975 (Abb. 1), haben wir das früheste abendländische D. dieser Art. Im Eberhardpsalter aus Kloster Geisenfeld (München, Staatsbibl., Clm. 7355, fol. 6 r, nach 1000) ist die Kreuzigungsszene auf fünf Figuren angewachsen, zu denen dann noch ein kniender Mönch, wohl der Schreiber, kommt. Im 11. Jh. wird das Bild häufig in zwei Streifen zerlegt (Sakramentar, St. Gallen, Stiftsbibl., Hs. 343, fol. 16 v, vor 1000); in der Anbetung erscheinen oft zwei Figuren, fast immer Geistliche.

B. Christus, thronend oder stehend, tritt als Empfänger der Hs. auf (Abb. 2). Im Folchardpsalter ist er nur segnend zugegen (St. Gallen, Hs. 23, fol. 12 v, um 870), in einem anderen Werk der St. Gallener Schule um 900 (Einsiedeln, Stiftsbibl., Hs. 17, fol. 12 r) überreicht der kniende Stifter vom Betschemel aus das Buch. In einem wahrscheinlich niederrheinischen Evangeliar, zwischen 940 und 970 entstanden (Haag, Kgl. Bibl., Hs. 7611, fol. 215 r), befindet sich die früheste abendländische Darstellung der Gebetsvermittlung durch einen Heiligen, wobei die Verbindung zur Hs. nur durch die innere Beziehung vorhanden ist. Das D. aus den Werken des Gregor von Nazianz, wahrscheinlich aus Kloster Stablo, vom E. 10. Jh. (Brüssel, Bibl. roy., Ms. II 2570, fol. 3 r), zeigt eine Buchüberreichung durch den hl. Gregor an Christus, verbunden mit einer figurenreichen Fürbitte für den Schreiber. Die Vermittlung von Heiligen kommt auch im D. regelmäßig vor (s. a. Dedikationsbild), daneben können auch Engel empfehlend auftreten (Evangeliar der Abtei Poussey, Reichenau 980–90, Paris, B. N., ms. lat. 10514, fol. 3 v, 4 r). Nicht selten bestimmen starke Größenunterschiede die Bildgestaltung (Sakramentar aus Echternach um 1000, Darmstadt, Landesbibl., Hs. 1946, fol. 18 v). Dedikation und Devotion vermischen sich besonders stark, wenn der Vorgang in mehrere Stufen zerlegt wird (Hornbacher Sakramentar in Solothurn, Reichenau um 980, fol 10 v). Nach 1000 erscheint Christus oft mit zwei Begleitfiguren in symmetrischer Anordnung; die Gliederung der Darstellung erfolgt durch bauliche Motive oder durch Streifenteilung, wobei das Buch gewöhnlich die Verbindung schafft (Brevier aus Michaelbeuern, RDK II 1467, Abb. 32). Gelegentlich wendet sich auch eine Gestalt gleicher Größe mit der Buchübergabe unmittelbar an Christus (Evangeliar, belgisch, wahrsch. vor 1075, Fulda, Landesbibl., Hs. Aa 21, fol. 2 v).

C. Maria, mit oder ohne Kind, nimmt die ihr gewidmete Hs. in Empfang. Erst um 1000 entwickelte sich dieser Typus, hat aber in der Folgezeit die beiden anderen verdrängt. Im Uta-Evangeliar (Regensburg, zwischen 1002 und 1025; München, Staatsbibl., Clm. 13601, fol. 2 r) ist diese Überreichung durch die Äbtissin aufs großartigste gestaltet und reich ausgeschmückt. Immer kommt die Ergebenheit durch den räumlichen Abstand zum Ausdruck, Rahmenüberschneidungen sind weniger häufig als in den beiden anderen Typen. Als realistischer Vorgang erscheint die Buchübergabe im Bernward-Evangeliar (Hildesheim um 1020, Hildesheim, Domschatz, Hs. 18, fol. 16 v, 17 r), wo der Bischof die Hs. auf dem Altar niederlegt, während Maria, zwischen den Erzengeln Gabriel und Michael sitzend, auf dem gegenüberliegenden Blatt dargestellt ist. Diese der Wirklichkeit entsprechende Übergabe hat kaum eine Nachfolge gehabt. Als alleinige Empfängerin der Hs. thront Maria im Codex Aureus (Echternach, zwischen 1036 und 1038, Escorial, Bibl. Princ. fol. 3 r; RDK II 1455, Abb. 23), um von König Heinrich III. und seiner Gemahlin Buch und Verehrung entgegenzunehmen. Als segnende Maria erscheint sie im Swanhild-Evangeliar (Manchester, Ryland’s Libr., Hs. 110, fol. 17 r, Essen um 1075), während die Stifterin mit einer Kanonisse betend vor ihr steht. Vermittelnd treten die beiden Johannes als Patrone des Braunschweiger Domes im Evangeliar für Heinrich den Löwen auf (um 1180, Gmunden): durch seine aufrechte Haltung weist der Herrscher auf seine weltliche Stellung hin, während die Streifenteilung trennend wirkt.

IV. 13. Jh.

Im 13. Jh. ist der Typus C am häufigsten vertreten. Typus A wird seltener, begegnet aber noch im 14. Jh. (Missale in St. Florian, Ms. 221 A, vor 1325, Stange I, Abb. 9; Brevier in Koblenz, Archiv Abt. 701 Nr. 109, 1. V. 14. Jh., Ebd. Abb. 69; Missale in Klosterneuburg, Cod. 71, 1317–35, Ebd. Abb. 138). Auch Typus B ist nur gelegentlich zu finden (Abb. 2). So erscheint fast immer die thronende Muttergottes mit dem Kind (Matutinalbuch aus Scheyern, um 1210–15; RDK II 1473, Abb. 38), die sie verehrende Gestalt wird klein in das Bild eingefügt (Köln, Staatsarchiv, W 255; Evangeliar aus Hohenwart, um 1240, München, Staatsbibl. Clm. 7384), vom Rand überschnitten wie in Scheyern oder auch mit betonter Trennung auf einen eigenen Streifen gesetzt (Historia Scholastica des Petrus Comestor, Scheyern um 1241, München, Staatsbibl. Clm. 17405, fol. 2 v). Daneben finden sich aber jetzt auch Anbetende in Verbindung mit anderen Darstellungen, z. B. bei der Marienkrönung in einem Gebetbuch der Diözese Basel (St. Gallen, Stiftsbibl. Ms. 402, 13. Jh.), so daß man nur noch bedingt von einem wirklichen D. sprechen kann. Besonders reizvolle Darstellungen zeigt ein Legendar der Dominikanerinnen zum hl. Kreuz in Regensburg (zwischen 1271 und 1276; Oxford, Keble Coll.): unter jeder der 60 Miniaturen befindet sich ein Stifterbildnis mit Namen in betender Stellung.

V. 14. Jh.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts mußte das D. gegenüber dem Dedikationsbild stark zurücktreten. Nur in den Darstellungen der Muttergottes kam neben der Erzählung auch noch das religiöse Gefühl zum Ausdruck. In der Dichtung „Une orayson nostre dame“ der Christine de Pizan (1363–1431) weist das D. (Paris, B.N., ms. fr. 12779, fol. 154; Abb. 3) fast lyrische Züge auf, die intime Darstellung ist von einer starken Unmittelbarkeit. Auch in einer rheinischen Miniatur von 1444 (Berlin, Kk., 1167 v) findet die Verehrung ihren altgewohnten Ausdruck, während sich die Beziehung zur Hs. sehr gelockert hat.

VI. Spätgotik und Neuzeit

Das gedruckte Buch ließ das D. noch stärker in den Hintergrund treten. Zwar wurde zunächst der Versuch gemacht, das D. im Titelholzschnitt zu erhalten, wenn es mit dem Inhalt des Buches in Verbindung stand. So treten im „Novum beatae Mariae virginis psalterium“ (Kloster Zinna, um 1496; Abb. 4) die geistigen Paten des Buches, Kaiser Friedrich III. und Maximilian, vor Maria auf. In Bonaventuras „Speculum sanctae Mariae“ (Furter, Basel, E. 15. Jh.) überreicht der Verfasser kniend sein Werk der Muttergottes. Auch im Schlußbild zu Sebastian Brants „Richterlich Klagspiegel“ (Hupfuff, Straßburg, 1516) widmet Brant sein Buch der Maria. Allmählich aber verdrängte die andere Ausdruckskraft des Humanismus das D., nur im Einblatt lebte die alte Form noch lange fort.

Der großartige Stil der Heiligenverehrung läßt das D. im Barock gelegentlich noch einmal aufleben. Christus und Maria erscheinen wie irdische Herrscher und nehmen die ihnen gewidmeten Werke entgegen. In diesem Sinne schuf Rubens das Titelblatt zu den Werken des Abtes Ludovicus Blosius, hrsg. von Antonius de Winghe, 1632 (Abb. 5). Das aufgeschlagene Buch zeigt den Titel und ist zum Mittelpunkt des Bildes geworden. Damit hat die eigentliche Devotionsdarstellung ihre Berechtigung verloren, wie im Dedikationsbild nimmt auch hier das Wort ihre Stelle ein.

Zu den Abbildungen

1. Halberstadt, Bibl. des Domgymnasiums, Hs. 153, fol. 13 v. Missale. Niederrheinisch, vor 975. Nach J. Prochno, Das Schreiber- und Dedikationsbild i. d. dt. Buchmalerei, Leipzig 1930, Abb. 67.

2. London, B.M., Arundel Ms. 156. Missale. Diözese Würzburg, 1. H. 13. Jh. Nach Hanns Swarzenski, Die lat. illum. Hss. d. 13. Jh., München 1936, Abb. 840.

3. Paris, B.N., ms. fr. 12 779, fol. 154. Christine de Pisan, Une orayson nostre Dame. Christine vor der Muttergottes. Anf. 15. Jh. Phot. Marburg 144 944.

4. Novum beatae Mariae virginis psalterium, Zinna (Brandenburg) um 1496 (Hain *11 891), Titelholzschnitt. Die Kaiser Friedrich III. und Maximilian I., Propst Adolf von Magdeburg, Abt Vico von Zinna und zwei weitere Geistliche vor der Muttergottes. Phot. RDK (nach d. Orig. in d. Bayer. St.Bibl.).

5. P. P. Rubens, Titelblatt der Werke des Abts Ludovicus Blosius, Antwerpen, Plantin-Moretus, 1632. Kupferstich von Cornelius I Galle. Nach H. F. Bouchery und F. v. d. Wijngaert, P. P. Rubens en het Piantijnsche huis, Antwerpen 1941, Abb. 65.

Literatur

s. unter Dedikationsbild und Buchmalerei.