Deutschordensburg

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englisch: Castle of the Teutonic Knights; französisch: Château de l'Ordre Teutonique; italienisch: Castello dell'Ordine Teutonico.


Ernst Gall (1954)

RDK III, 1304–1312


RDK III, 1303, Abb. 1. Gollub, um 1300.
RDK III, 1305, Abb. 2. Marienburg, 1309-44.
RDK III, 1307, Abb. 3. Marienburg, um 1330.
RDK III, 1309, Abb. 4. Heilsberg (Ostpreußen), Bischöfliche Burg.
RDK III, 1309, Abb. 5. Heilsberg (Ostpreußen), Bischöfliche Burg.

I. Begriff und Bauprogramm

Als D. gelten die über 200 Burgen des Deutschritterordens (1198 als Ritterorden begründet) in dem ehemaligen Deutschordensland Preußen (1226–1525) und den seit 1237 angegliederten baltischen Gebieten (Kurland, Livland, Estland), die der Orden bis 1561 besaß.

Die Herrschaft des Ordens erstreckte sich zur Zeit seiner höchsten Blüte gegen E. 14. Jh. von Leba bis nach Narwa entlang der Ostsee und reichte im Süden von Schlochau über Thorn, Johannisburg, Kowno und Dünaburg bis Ludsen.

In diesen Landen hat der Orden in langem Werdegang eine Burgform geschaffen, die sich von allen sonstigen Burgen deutlich sondert, auch von den älteren Ordensburgen im Orient (Montfort in Syrien), in Siebenbürgen (Marienburg = Földvár bei Kronstadt) und den jüngeren im altdeutschen Mutterland (Prozelten), wo sich seine barocken Schloßbauten nicht von den sonstigen landesfürstlichen Schlössern unterscheiden (Ellingen, Mergentheim).

Die Ordensritter lebten nach strenger Regel (M. Perlbach, Die Statuten des Deutschen Ordens, Halle 1890) wie bewaffnete Mönche. Der eigentliche Kern der Burganlage, das „Haus“, sollte eine Art Klosterbau sein mit gemeinsamen Wohn- und Schlafräumen, der wehrhaft zu sichern war und mit einer Befestigung aus Mauern und Gräben umgeben werden mußte. Zu einem normalen Konvent gehörten 12 Ritterbrüder unter dem Befehl eines Komturs, daher erübrigte sich eine größere Kirche, für den Gottesdienst genügte eine den Wohnräumen leicht anzugliedernde Kapelle. Für Wirtschaftszwecke und die Behausung der dienenden Brüder (entsprechend den Konversen der Klöster) war ein von Ställen, Scheunen und einfachen Wohngebäuden umgrenzter Hof nötig; er konnte in einer Vorburg untergebracht werden, die in die Befestigung einzubeziehen war.

II. Hauptform

Diesem Bauprogramm entsprechend ist die typische D. der Reifezeit des 14. Jh. ein hoher kastellartiger Backsteinbau auf Feldsteinsockel aus meist 3 Geschossen auf rechteckigem oder quadratischem Grundriß. Seine 4 Flügel umschließen einen geräumigen Binnenhof, dessen Wänden gewöhnlich ein doppelgeschossiger Laubengang (bei einfachen Bauten aus Holz) mit abschließendem Pultdach als Zugang zu den Innenräumen vorgesetzt ist (Abb. 4). Der festungsartige Charakter verbot im unteren Teil der Außenmauern Fensteranlagen, daher waren die Haupträume nicht wie in den Klöstern im Erdgeschoß, sondern im Obergeschoß untergebracht, während jenes der Küche, Wirtschafts- und Vorratsräumen vorbehalten war und das dritte Stockwerk als Rüstkammer und Speicher diente. Die wichtigsten, künstlerisch betonten Räume sind vor allem die Kapelle und der gewöhnlich neben ihr angeordnete Kapitelsaal, in dem die vorgeschriebenen gemeinsamen Versammlungen unter dem Vorsitz des Komturs stattfanden, ferner die Remter, die den Ritterbrüdern als Speisesaal (Refektorium) oder als Tagesraum dienten, und der gemeinsame Schlafsaal (Dormitorium), endlich die kleineren Wohnräume für den Komtur. – Die militärische Sicherheit beruhte auf den kräftigen Außenmauern und einem oberen Wehrgang, der das ganze Haus unter den Dächern umzieht. Im Unterschied zu den spätantiken und italienischen Kastellen ist in der Regel auf kräftige Ecktürme zur Flankierung verzichtet. Mewe und Rehden besitzen sehr schlanke, hohe, nur wenig vorspringende Türme als Verstärkung der Ecken, die diesen sonst gewöhnlich erst am Ansatz des Daches zur monumentalen Betonung ohne eigentlichen Verteidigungswert aufgesetzt sind. Nur Schwetz hat, wohl nach südlichen Vorbildern, starke Rundtürme an den Ecken. Zwei kräftige, die Eingangsseite flankierende quadratische Ecktürme hat Neidenburg. Die Verwandtschaft der D. mit dem nordischen Burgenbau kommt durch einen stattlichen bergfriedartigen Einzelturm zum Ausdruck. Er ist entweder innen in eine Ecke gestellt (Beispiele: Marienburg, Mewe, Schlochau, Lochstedt), wo er auch frei ohne unmittelbare Verbindung mit dem Bau des „Hauses“ stehen kann (Beispiele: Graudenz, Rehden, Strasburg), oder außen ganz unabhängig vorgesetzt (Beispiel: Gollub, Abb. 1). Zu den frei vorgestellten Türmen gehört auch der Dansker, der mit dem „Haus“ nur durch einen Gang verbunden die Abortanlagen enthält und deshalb über oder neben dem Burggraben steht. Dieser gehört schon zu den eigentlichen Befestigungsanlagen, denn um das „Haus“ zieht sich der schmale Zwinger (in der Ordenssprache „Parcham“), von Gräben und turmbewehrten Mauern umgeben, die auch die Vorburg sichern, von der das „Haus“ durch den Hausgraben mit darüber führender Brücke getrennt ist. Die Art dieser äußeren Befestigung ist jeweils von der besonderen Lage an einem natürlichen Gewässer oder auf einer Höhe abhängig, doch hat man sich auch nicht gescheut, auf große Entfernung Gräben zur Heranleitung des nötigen Wassers zu ziehen.

Eine Sonderform zeigt die Marienburg (Abb. 2), die 1309 zum Sitz des Hochmeisters und der Ordensverwaltung erkoren wurde. Dieser hohen Bedeutung entspricht die Anlage des ausgedehnten „Mittelschlosses“ zwischen dem „Hochschloß“, das als Konventshaus älteren Ursprungs war, und einer geräumigen Vorburg, die ebenfalls neu angelegt wurde. Das Mittelschloß war für den Palast des Hochmeisters bestimmt, außerdem fanden hier ausgedehnte Gastkammern, die Amtswohnung des Komturs und die Herrenfirmarie Platz.

Dagegen verzichteten kleinere Burganlagen für bescheidenere Konvente oder für die Pflegerämter auf den vierflügeligen Ausbau des „Hauses“ und beschränkten sich auf 1–3 Flügel innerhalb der Befestigung durch Mauer und Graben (Beispiele: Bütow, Preuß. Mark, Birgelau, Rastenburg; auch die ältere Marienburg hatte nur 3 ausgebaute Flügel, an der Ostseite zunächst nur eine Mauer).

Andere D. zeigen eine wesentlich abweichende Gestalt wegen der besonderen ihnen zugedachten Aufgaben militärischen Charakters. So lag in Königsberg, dem Sitz des obersten Ordensmarschalls, das fast quadratische Konventshaus innerhalb eines älteren, sehr ausgedehnten und mit vielen Türmen bewehrten, nicht ganz regelmäßigen längsrechteckigen Mauervierecks, dessen weiter Hof sicherlich für die Sammlung und Ausrüstung der Ordensheere bestimmt war, lag doch Königsberg nahe an der kampfumtobten litauischen Grenze.

Unter den Innenräumen der D. verdienen die Kapitelsäle und Remter besondere Beachtung. Sie sind in bedeutenderen Anlagen, bei denen es auf künstlerisch-repräsentative Wirkungen abgesehen war, zweischiffig und mit reich durchgebildeten vielseitigen Sterngewölben (Dreistrahlgewölbe) bedeckt, deren Rippen sich aus den schlanken Stützen gleich Fontänenstrahlen schwungvoll erheben (Abb. 3). Das gotische Streben, jeden Raum durch die in ihm verteilten Stützen und die Rippen der es bedeckenden Gewölbe mit lebendig aufsprießenden Kraftströmen zu erfüllen, hat hier unter allen profanen Räumen die edelste und feierlichste Verklärung gefunden. Die Wandflächen und die Gewölbekappen waren mit malerischen Darstellungen aufs reichste geschmückt, von denen sich reizvolle Beispiele in Lochstedt erhalten hatten [1, Bd. III]. Auch einschiffige Remter haben reiche Gewölbeformen (Abb. 5).

Im Außenbau der älteren Burgen kommt die wehrhafte Bestimmung in der strengen Formung des Baukörpers zum Ausdruck, insbesondere bilden die Wände des „Hauses“ glatte Flächen, deren auf wenige Fenster und Torbogennischen beschränkte straffe Spitzbogengliederung eine von starken Energien getragene Haltung zeigt. Während der Blütezeit des Ordens im 14. Jh. wurde mehrfach durch Formsteine und dunkelglasierte Ziegel eine Belebung der Flächen erstrebt (z. B. Rehden und Mewe), wofür die Erinnerung an ähnliche Muster orientalischer Ziegelbauten maßgebend gewesen sein könnte, geht doch auch die Verwendung von Schriftbändern aus glasierten Buchstabensteinen auf östliche Vorbilder zurück. Bei einigen bedeutsameren Burgen wurden die oberen Teile der Wände gern mit hell verputzten Blenden und Fialengiebeln voll vielseitigen Maßwerks ausgestattet, so daß die Türme und Dachaufbauten schon im Fernbild prächtig wirken. Zu monumental gesteigerter Form ist die Wandgliederung des Hochmeisterpalastes der Marienburg gestaltet, dessen kräftige Strebepfeiler und Ecktürme auf flachen Bogen einen aufs zierlichste dekorierten Wehrgang mit Wurfscharten tragen.

III. Entstehung und Voraussetzung

Die ältesten während der Eroberung zur Sicherung des neu gewonnenen Landes angelegten D. waren nur einfachste Behelfsbauten aus Erde, Lehm und Holz, wobei man die Anlage auf dem vorderen Kamm eines von seitlichen Abhängen geschützten Höhenzuges bevorzugte („Abschnittsburg“). Für die jüngeren Steinbauten war man vor der Errichtung größerer Ziegeleien auf Feldsteine angewiesen, sogar am E. 13. Jh. wurde noch Papau ganz aus solchen erbaut. Die früheren D. folgten dem Gelände und erheben sich daher auf unregelmäßigem Grundriß, doch zeigten sich schon bald Bestrebungen nach einer klar ausgerichteten Vierecksanlage (Beispiele in Birgelau und Graudenz), deren älteste Muster der erste gegen 1280 errichtete Bau der Marienburg (noch mit nur 3 ausgebauten Flügeln) und die etwas spätere Burg zu Mewe waren. Während die ersten Bauten der Kampfzeit den Gewohnheiten des im dt. Mutterlande üblichen Burgenbaues folgten, richteten sich die späteren nach einem neuen Programm, das dem Leben der seßhaft gewordenen Ritterbrüder entsprach: das Vorbild des Klosterbaues gewann jetzt an Bedeutung, wobei sich das Werden des neuen Typus klar erfassen läßt: die um einen regelmäßigen Viereckhof gestellten Rechteckhäuser mit Giebeldach bildeten als solche die eigentliche Grundlage, nicht der fertige Typus des spätantiken Kastells. Die D. ist also eine im östlichen Kolonialland neu geschaffene Bauform, die aus den Lebensbedingungen einer neuen sozialen Organisation allmählich entwickelt wurde.

IV. Ausstrahlungen

Die D. wurden das Vorbild für bischöfliche Burgen des Landes. Das künstlerisch vollendetste Beispiel bietet Heilsberg (Abb. 4 und 5), kleiner sind Allenstein, Rössel, Fischhausen, Schönberg und Mehlsack, die z.T. nur zwei ausgebaute Hauptflügel haben.

Die Burgen im Baltenland folgten seit dem 14. Jh. in ihrer Anlage ebenfalls dem preußischen Vorbild. Beispiele in Fellin, Riga, Narwa, Reval; unter den bischöflichen Burgen sind hier vor allem Arensburg und Ronneburg zu nennen. Wegen des anderen Baumaterials (Kalkstein) im nördlichen Teil des Landes haben die Burgen ein anderes Aussehen, aber auch sonst fehlen die Schmuckformen, wie sie einen Teil der preußischen Bauten charakterisieren; eine Ausnahme bildet die Blendenverzierung am Hauptturm der bischöflichen Burg Neuhausen.

Außerhalb des alten Deutschordenslandes zeigen die Burgen von Rügenwalde (Pommern), Traken (Litauen) und Zichenau (Masowien) gewisse Einflüsse der D.

Zu den Abbildungen

1. Gollub, Westpreußen, Schloß der Deutschordenskomturei. Lageplan mit Grundriß des Hauptgeschosses. Um 1300. Nach [1] Bd. II Abb. 37.

2. Marienburg, Westpreußen, Deutschordensburg. Ansicht von Südosten (Landseite): Hochschloß 1309ff. mit Benutzung älterer Teile von 1280; Kapellenturm um 1340, Schloßkapelle 1344 vollendet. Phot. K. H. Clasen.

3. Marienburg, Großer Remter im Hochmeisterpalast. Um 1330. Nach einem Gemälde von Joh. Karl Schultz (1801–73), ehem. Berlin, Verwaltung der Staatl. Schlösser. Phot. Verw. d. St. Schlösser, Berlin, I 5870.

4. Heilsberg, Ostpreußen, Bischöfliche Burg (1241 vom Dt. Orden gegr.). Oberer Hofumgang, 4. V. 14. Jh. (Neubau der Burg 1350ff.). Phot. Willi Birker (DKV).

5. Heilsberg, Bischöfl. Burg, Großer Remter. Um 1400 (Aufnahme nach der Restauration von 1931 bis 1933). Phot. Staatl. Bildstelle.

Literatur

1. Conrad Steinbrecht, Die Baukunst des Dt. Ritterordens in Preußen. 4 Bde., Berlin 1885–1920.– 2. Karl Heinz Clasen, Die m.a. Kunst im Gebiete des Deutschordensstaates Preußen, Königsberg i. Pr. 1927. – 3. Erich Lindemann, Das Problem des D.-Typus, Diss. Berlin 1938. – 4. Bernhard Schmid, Die Burgen des Dt. Ritterordens in Preußen, Berlin 1938, Ergänzungsheft 1940. – 5. Ders., Die Burgen des Dt. Ordens in Preußen, Dt. Archiv für Landes- und Volksforschung 6, 1942, 74–96. – 6. Ders., Gebietiger-Gemächer in den Ordenshäusern, Mitt. d. Ver. f. d. Gesch. von Ost- und Westpreußen 17, 1943, 33–43.

Verweise