Dedikationsbild

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englisch: Dedication picture; französisch: Miniature de dédicace; italienisch: Immagine dedicatoria.


Eva Lachner (1954)

RDK III, 1189–1197


RDK II, 1445, Abb. 14. Vivianbibel, um 846.
RDK II, 1465, Abb. 30. Antiphonar aus St. Peter in Salzburg, um 1150.
RDK III, 1189, Abb. 1. Hrabanus Maurus, um 850, Wien.
RDK III, 1191, Abb. 2. Egbertcodex, um 980, Trier.
RDK III, 1191, Abb. 3. Ratmannmissale, 1159, Hildesheim.
RDK III, 1193, Abb. 4. Jean le Tavernier, 1460, Brüssel.
RDK III, 1195, Abb. 5. Martin Kaldenbach, 1513.

I. Begriff

D. nennt man in der Buchmalerei die Darstellung der Widmung eines Buches: der Verfasser, Schreiber oder Übersetzer, gelegentlich auch der Stifter oder Besteller einer Hs. übergibt sie einer höhergestellten weltlichen oder geistlichen Persönlichkeit, die auch zugleich Auftraggeber der Hs. sein kann, oder an die Kirchenpatrone als Vertreter Christi auf Erden, oft auch an eine Dame der Verehrung. Die Einmaligkeit des tatsächlichen Vorgangs wird häufig durch Begleitworte erläutert, da im allgemeinen der Darstellung die individuellen Züge fehlen. Dabei muß man jedoch unterscheiden zwischen einer Dedikation unter lebenden Personen und einer mehr geistigen Widmung, die sich besonders an Heilige richtet und oft mit einer Devotion (s. Devotionsbild) verbunden wird. Das D. steht gewöhnlich dem Gesamtwerk voran (s. Autorenbild), das Buch erscheint als Attribut, als Hinweis auf die ausgeübte Tätigkeit, später auch als Sinnbild der Weisheit und Gelehrsamkeit. In jedem Fall gibt das D. Auskunft über das Verhältnis der dargestellten Personen zueinander und vermittelt einen klaren Eindruck von der politischen Situation der jeweiligen Zeit (s. a. Stifterbild).

II. Frühchristliche Zeit

In spätantiker und frühchristlicher Zeit findet sich bereits das D. mit repräsentativem Charakter. Das um 512 entstandene Buch des Dioskorides über die Pflanzen (Wien, Nat. Bibl., cod. med. gr. 1) ist, wie aus dem D. hervorgeht, der Prinzessin Anicia von Byzanz gewidmet. Spätere Darstellungen übernehmen wohl die Stellung der Empfängerin der Hs. und ihrer Begleiterinnen, während die Überreichung durch einen Putto (Liebesgott?) keine Nachfolge findet.

III. Frühes MA

Die eigentliche Ausbildung des D. erfolgt in romanischer Zeit. Über die Verschiedenheit der Schulen hinaus zeigt gerade das D. allgemein einen stark symbolischen Charakter. Seit dem 10. Jh. kommen die D. regelmäßig in den Hss. vor.

In karolingischer Zeit findet man noch keine einheitliche Darstellung; Haltung und repräsentativer Charakter wurden meist von Byzanz übernommen. Die einfachste Art der Buchübergabe als Handlung zwischen zwei Personen erscheint zunächst in Form eines Schattenrisses in einem Evangeliar aus Tours um 845 (Wolfenbüttel, Landesbibl., Hs. 16, Aug. fol. 5 r). Daneben entstand gleichzeitig eine vielfigurige Komposition, wie sie bis 1100 nicht wieder vorkommt, in dem Widmungsbild der Vivianbibel, die Karl der Kahle vom Abt Vivian von Tours erhielt (RDK II 1445, Abb. 14). Wegweisend für die Folgezeit sind die D. in Hrabanus Maurus’ „De laudibus sanctae crucis“ und den zahlreichen Abschriften. In der Hs. in Rom (Bibl. Vat., reg. 1, 124, um 830; [5] Abb. S. 11), die dem Original am nächsten kommt, wird Hrabanus durch Alkuin dem hl. Martin zugeführt, dem er sein Werk widmet; eine Wiederholung findet sich in der Wiener Hs. (Nat. Bibl. cod. 652. – Abb. 1). Durch die Rolle des Vermittlers wird die eigentliche Dedikation erweitert. Abwandlungen dieser Form bilden die Grundlage vieler D. bis weit in das 12. Jh. Wesentlich für die Darstellung ist das frontale Sitzen des Empfängers, während der Donator eine etwas geneigte, jedoch stehende Haltung auf gleicher Ebene einnimmt.

Seit Mitte 10. Jh. wird das D. häufig in zwei Szenen aufgelöst, ein Gedanke, der bereits um 800 in einem verbrannten Reimser Sakramentar auftauchte. Im Perikopenbuch aus Kloster Reichenau um 970 (Darmstadt, Landesbibl., Hs. 1948, fol. 6 v und 7 v) erfolgt die Buchübergabe vom Schreiber zum Besteller auf einem und von diesem zum Patron auf dem nächsten Blatt. Eine wahre Stufenleiter muß die Hs. im Hornbacher Sakramentar, ebenfalls einem Werk der Reichenauer Schule um 980, durchlaufen, bevor es vom Schreiber über den Abt zum hl. Pirmin und von diesem über Petrus zu Christus gelangt (Solothurn; fol. 7 v, 8 v, 9 v, 10 v). Jede Szene wird von einer erklärenden Schriftseite begleitet. Auch durch augenfällige Größenunterschiede wurde der Vorgang der Buchübergabe ins Dramatische gesteigert, eine Form, die sich seit 2. H. 10. Jh. mehr und mehr durchsetzte. Im Egbertcodex in Trier (Reichenau um 980. – Abb. 2) tritt uns der Sinn für Maß und Ordnung als Zeugnis eines neuen Weltgefühls entgegen. Nicht selten wird jeder Figur eine eigene Seite eingeräumt, wie im Evangeliar für Otto III. (Reichenau um 990; Aachen, Münsterschatz, fol. 15 v), wo ein Geistlicher, Liuthar, allein mit der Hs. auf einem Blatt steht, während der Kaiser auf dem nächsten thront. Die demütige Haltung des Donators kann sogar bis zum Liegen führen (Evergerus-Lektionar, Köln, Dombibl. Hs. 143, fol. 3 V, 4 r; um 990). Als Empfänger treten meist Herrscher auf, am Ende der Salierzeit oft auch geistliche Würdenträger. Daneben erfolgen seit 1050 auch vielfach Donationen an Heilige.

Im 12. J h. wurde das D. nicht selten in zwei Bildstreifen zerlegt, wobei die Größenunterschiede nicht mehr so stark hervortraten. Eine klare Scheidung dieser Streifen zeigt das Antiphonar von St. Peter in Salzburg (M. 12. Jh.; RDK II 1465, Abb. 30): nur das nach oben gereichte Buch verbindet die drei Geistlichen mit den drei Heiligen. Der Überbringer wurde jetzt oft in kniender statt in geneigter Haltung dargestellt. Durch die Einbeziehung des architektonischen Hintergrundes erhielt das D. eine gewisse räumliche Gliederung, so im Ratmannmissale, 1159 (Abb. 3; ähnlich schon um 1030 im Hitdaevangeliar, Darmstadt, Landesbibl., Hs. 1640, fol. 6 v). Neue Darstellungsformen wurden in der Folgezeit kaum entwickelt; der Hrabanus-Maurus-Typus blieb die gebräuchlichste Form des D., wobei die Szene oft dekorativ ausgestaltet wurde. Als Empfänger erscheinen mehr und mehr Angehörige des mittleren und niederen Adels sowie Bischöfe, Äbte usw.; gelegentlich sind ihrer zwei dargestellt, wie im Goslarer Evangeliar (Echternach um 1047; Uppsala, fol. 4 r). In der Donizo-Hs. (Kölner Schule, 1115; Rom, Bibl. Vat.) finden wir die Überreichung an eine Gönnerin, die Markgräfin Mathilde von Tuscien.

IV. Spätes MA

Im 14. un d 15. J h. gab das D. seinen idealistischen Charakter und die Strenge seiner Darstellung zugunsten einer mehr erzählerischen, mit reichen Einzelzügen ausgestatteten Form auf. Empfänger der kostbaren Hss. sind jetzt Fürsten und Gönner, häufig auch Damen der Verehrung, aber nie Geistliche. Selten kommen noch Heilige vor, wie in der Bibel des Herword von St. Andrä (St. Pölten 1341; Wien, Nat. Bibl., cod. 1203). Reichste Gestaltung zeigen die Werke der Dichterin Christine de Pizan (1363–1431; Lucie Schaefer, Marburger Jb. 10, 1937, 119ff.). Die hier enthaltenen D. zeigen enge Beziehungen zu hohen weltlichen Würdenträgern. In allen Darstellungen wird größter Wert auf die prachtvolle Ausstattung sowie auf die zeremonielle Handlung gelegt (London, B. M., Harley 4431, fol. 1: Überreichung durch Christine an Königin Isabeau von Bayern, Gemahlin Karls VI. von Frankreich). Der Autor nimmt meist kniend oder in gebeugter Haltung die Bildmitte ein, während bedeutende Hofleute bei dem Vorgang zugegen sind, so in Rogier van der Weydens Widmungsbild zur Hennegauchronik von 1446 (Brüssel, Bibl. Nat. Nr. 9243, fol. 1; P. Post, Jb. f. Kw. 1923, S. 171). Einen intimeren Charakter zeigen häufig die Widmungen an Damen der Gesellschaft, in denen die Verehrung des Künstlers zum Ausdruck kommt (Phillipps-Hs. aus der 1. H. 16. Jh., Berlin, Staatsbibl. Phill. 1938, Bl. 1 v; J. Kirchner, Beschr. Verz. d. Miniaturen-Hss. d. Preuß. St. Bibl. zu Berlin I, Leipzig 1926, Abb. 127).

Oft wird das Beiwerk so reich, daß die eigentliche Dedikation nur einen bescheidenen Raum inmitten anderer Szenen erhält oder auch völlig in den Hintergrund gedrängt wird, wie z. B. bei Jean le Tavernier d’Oudenaarde (1460, Überreichung an Philipp den Guten. – Abb. 4).

In dem D. zu den „Comédies“ des Terenz (Le Térence des ducs, vor 1445, Paris, Bibl. de l’Arsenal, ms. 664, fol. 1) wird ein längst vergangenes Ereignis, die Überreichung des Werkes durch Terenz an seinen Gönner, den Senator Terentius Lucanus, vor Augen geführt (Henry Martin, La miniature française du 13 e au 15 e s., Paris 19242, Farbtaf. geg. S. 80). Diese Form findet man häufig im Zeitalter des Humanismus bei der Herausgabe klassischer Werke, zu der dann noch eine zweite Dedikation an eine lebende Persönlichkeit kommt. Bei der Übergabe von Stadtchroniken und Rechtsbüchern, die durch den Verfasser oder Übersetzer dediziert werden, sind oft mehrere Empfänger dargestellt (Meisterlinchronik 1457, München, Staatsbibl. Cgm 213). Eine Rückkehr zur klaren Form der einfachen Dedikation zwischen zwei Personen zeigt das Aquarell des Hausbuchmeisters von 1480, wo der Dichter Konrad von Soest kniend sein Werk dem Kurfürsten Philipp von der Pfalz überreicht (E. Gf. zu Solms, Städel-Jb. 9, 1935/36, S. 13).

V. Neuzeit

Im Humanismus erlangte das D. neue Bedeutung. Die Persönlichkeit des Verfassers tritt jetzt stärker hervor und steht oft gleichberechtigt neben dem Gönner. Nicht selten stellt so die Widmung an einen Fürsten eine vornehme Art des Gelderwerbs dar. Zunächst übernahm der Holzschnitt bei der Herausgabe älterer Werke auch die Form des D. (s. auch Accipies-Holzschnitt und Boethius). Oft entstanden dabei reine Phantasiebilder, wie in dem Titelholzschnitt zum „Bidpai“ (Konrad Feyner, Urach 1483), wo der indische Arzt Berosias dem König Anastres Tassri sein Buch überreicht. Als Konrad Celtes die Werke der Hroswitha von Gandersheim 1501 neu herausgab, stellte Dürer den Vorgang in einem doppelten D. dar. Das erste zeigt Celtes vor dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen, dem er das Werk widmet. Ein zweiter Holzschnitt „Hroswitha überreicht Kaiser Otto ihr Buch“ leitet den Text ein. Zur Illustration wurden meist bedeutende Künstler herangezogen: neben Dürer waren es vor allem Schäufelein (D. zu Hans von Leonrodts „Hymelswag und Hellwag“, Othmar, Augsburg 1517) und Burgkmair d. Ä. (D. zum Weißkunig, 1517; D. zu Wolfg. von Maen, Das Leiden Jesu, A. Burkhard, H. Burgkmair d. Ä., Meister d. Graph. XV, Berlin 1932).

Durch die Technik des Buchdrucks wurde jedoch das Einzelexemplar mehr und mehr entwertet und damit eine Dedikation überflüssig. So traten die Widmungsvorreden immer stärker hervor, die im Verlauf des 16. Jh. allgemein üblich wurden. Oft mit Wappen und Bild des Empfängers ausgestattet, nehmen sie nun die Stelle des D. ein (Karl Schottenloher, Widmungsvorreden deutscher Drucker und Verleger des 16. Jh., Gutenberg-Jb. 17/18, 1942/43). In der „Trophaea Bavarica“, der Festschrift zur Einweihung von St. Michael in München 1597, zeigt das Titelblatt (Stich nach einer Zeichnung von Friedr. Sustris 1589) die Darstellung der Hl. Familie mit der Michaelskirche im Hintergrund. Allein aus der Inschrift geht hervor, daß Bild und Bau zugleich dem Herzog gewidmet waren (Jos. Braun, Münchner Jb. N. F. 10, 1933, 247).

Zu den Abbildungen

1. Wien, Nat. Bibl. cod. 652, Hrabanus Maurus, De laudibus s. crucis. Um 850. Phot. Ad. Düringer, Wien.

2. Trier, Stadtbibl. cod. 24, Perikopenbuch des EB. Egbert von Trier, fol. 2 r. Reichenau, um 980. Nach [5] S. 35.

3. Hildesheim, Domschatz, Ms. Nr. 37, Missale des Ratmann. Hildesheim, dat. 1159. Phot. Stoedtner 83 378.

4. Jean le Tavernier d’Oudenaarde, Titelblatt der „Conquestes de Charlemaine“. Brüssel, Bibl. roy., Ms. 9066, fol. 11. Um 1460. Nach Frdr. Winkler, Die fläm. Buchmalerei, Leipzig 1925, Taf. 27.

5. Martin Kaldenbach, Holzschnitt aus Eucharius Rößlins „Der schwangern Frawen und Hebammen Rosegarten“. Straßburg bei Martin Flach 1513. Signiert MC. Phot. Landesmus. Hannover.

Literatur

1. Rich. Muther, Die dt. Buchillustration der Gotik und Frührenss., München-Leipzig 1884. – 2. St. Beissel, Gesch. der Evangelienbücher, Freiburg Br. 1906. – 3. Karl Schottenloher, Buchwidmungsbilder in Hss. u. Frühdrucken, Zs. f. Bücherfreunde N.F. 12, 1920. – 4. Friedr. Winkler, Die flämische Buchmalerei des 15. u. 16. Jh., Leipzig 1925. – 5. Joachim Prochno, Das Schreiber- und Dedikationsbild in der dt. Buchmalerei (= Die Entwicklung des menschlichen Bildnisses, hrsg. v. Walter Goetz, Bd. II), Leipzig 1930. – S. ferner die Lit. zu Buchmalerei.