Darius

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englisch: Darius; französisch: Darius; italienisch: Dario.


Wolfgang J. Müller (1954)

RDK III, 1076–1083


RDK III, 1077, Abb. 1. Hannover, um 1200.
RDK III, 1079, Abb. 2. Spiegel menschlicher Behaltnis, 1476.
RDK III, 1079, Abb. 3. Spiegel menschlicher Behaltnis, 1476.
RDK III, 1079, Abb. 4. Albrecht Altdorfer, 1529, München.
RDK III, 1081, Abb. 5. Friedrich Sustris, um 1580, Augsburg.

I. D. als Gestalt des A.T.

Darstellungen des D. in der bildenden Kunst des MA sind nicht allzu häufig. Sie entspringen zwei verschiedenen Vorstellungskreisen: 1. dem A.T., 2. dem ritterlichen Alexanderroman. – Die aus dem A.T. abgeleiteten Darstellungen verdeutlichen bis E. 15. Jh. a) eschatologische und b) typologische Zusammenhänge.

a) in eschatologischem Zusammenhang

D. erscheint im MA zuerst mit eschatologischen Vorstellungen verknüpft: er verkörpert – neben Cyrus – das persische bzw. medisch-persische Reich in der Reihe der vier Weltreiche. Das Malerbuch vom Berge Athos (dt. Ausg. v. Godeh. Schäfer, Trier 1855, S. 139) schreibt schon als Vertreter des 2. Weltreichs den Perserkönig D. vor, auf einem Bären reitend (vgl. Dan. 7, 5), ein Schwert in der Hand.

Frühe Beispiele in Deutschland sind die Freskenzyklen in Schwarzrheindorf, 1151–56 (Clemen, Roman. Mon. Mal. S. 318ff.), und Hartberg, Stmk., A. 13. Jh. (Der Kirchenschmuck, Blätter d. chr. K.vereins d. Diözese Seckau, 28, 1897, S. 1–9, 17 bis 20, m. Abb.). Als Plastik wahrscheinlich am Freiburger Münster, gegen 1280 (J. Sauer, Alt-Freiburg, Augsburg 1928, Abb. 22f.), doch ist hier, wie bei den reitenden Königin der Regensburger Domfassade, nicht bestimmbar, ob D. oder Cyrus das 2. Reich verkörpert. S. im übrigen Weltreiche.

Die Darstellung des D. innerhalb der heilsgeschichtlichen Zyklen scheint als scholastisch bestimmte Vorstufe den bis ins 15. Jh. lebendigen typologischen Darstellungen des D. voranzugehen.

b) in typologischem Zusammenhang

In typologischen Darstellungen gilt D. als Vertreter heidnischen Königtums in der Welt ante legem und wird mit Darstellungen des Weltalters sub lege und sub gratia zusammengestellt (Sauer, Symbolik2 S. 58). Glasmalereien des 14. Jh., Heilsspiegelfenster in Mülhausen i. E. und Kloster Ebstorf Krs. Ulzen (H. Wentzel, Meisterwerke der Glasmalerei, Berlin 1951, S. 94) bilden die Voraussetzungen für die Inkunabel-Illustration: Armenbibel des Albrecht Pfister, Bamberg 1462–64, mit Darstellung des D., der Daniel in der Löwengrube erblickt (Dan. 6, 14); diese Darstellung ist der Begegnung des Bräutigams mit der Braut (Hoh. 6) und der Begegnung Christi mit Maria Magdalena zugeordnet (Schramm, Frühdrucke 1, Abb. 252). Ebenda: D. hört die Klage gegen Daniel, zugeordnet der Anklage der Jesabel gegen Elias und dem Verhör Christi vor Pilatus (Ebd. Abb. 226); ferner: D. erlaubt den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, zugeordnet dem Befehl zum Tempelbau durch Judas Makkabäus und der Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel (Ebd. Abb. 204).

Die späteren Inkunabel-Illustrationen geben die mehrfache Darstellung des D. auf und ordnen jeweils eine einzelne Darstellung des D. einer typologischen Vierergruppe ein, häufig D., von der Apamene verspottet, indem diese sich die Königskrone aufsetzt, nach 3.Esra (apokr.) 4, 29f. (zu Apamene-Apama vgl. Pauly-Wissowa I 2662, 1: Gemahlin des Seleukos I. Nikator, verwechselt mit der am Hofe D. II. Nothos einflußreichen Königin Parysatis); diese Darstellung des D. wird typologisch zusammengeordnet mit Christi Dornenkrönung, der Verspottung Hiobs und den Leiden Lamechs im Heilsspiegel des Günther Zainer, Augsburg 1473 (Schramm, Frühdrucke 2, Abb. 430), dem von Zainer abhängigen Spiegel menschlicher Behaltnis des Anton Sorg, Augsburg 1476 (Abb. 2 und 3), ferner im Heilsspiegel des Bernh. Richel, Basel 1476 (Schramm 21, Abb. 121), und dem gleichen Werk des Peter Drach, Speyer 1478 (Ebd. 16, Abb. 401). Ein Ölbild des 16. Jh. wurde 1909 in Ulm verkauft (Schwäb. MerkurNr. 523 vom 10. 11. 1909). Die Spätzeit des 15. Jh. verläßt auch diese typologisch gebundene Darstellung zugunsten einer im a.t. Sinne historischen: die Kölner Bilderbibel des Heinr. Quentell gibt um 1479 lediglich eine breit ausgesponnene Erzählung von D., wie er den Juden – an ihrer Spitze dem knienden Esra – den Wiederaufbau des Tempels gestattet (Schramm, Frühdrucke 8, Abb. 441; die gleiche Darstellung vergröbert und seitenverkehrt in Joh. Grüningers dt. Bibel, Straßburg 1485, Ebd. 20, Abb. 82). Hier geht also die Ikonographie des D. mit der des Cyrus parallel. Neugeformt erscheint die Szene in der ndt. Bibel des Steffen Arndes, Lübeck 1494 (Ebd. 11, Abb. 1031): D., als deutscher Herzog, und Esra, als Gelehrter im Talar, besichtigen den Tempelbau (der gleiche Holzstock, ohne Namen, ist für den Turmbau zu Babel benutzt: Ebd. Abb. 958).

Auch im Rahmen der Danielgeschichte tritt, neben Cyrus, D. auf, vor allem in den Darstellungen des Daniel in der Löwengrube nach Dan. Kap. 6. Eine bildmäßig geschlossene Szene mit dem thronenden König D. bringt der Schatzbehalter des Anton Koberger, Nürnberg 1491, als blattgroßen Holzschnitt (Ebd. 17, Abb. 324). Der Übergang von der typologischen zur historischen Darstellung wird noch deutlicher faßbar in Albrecht Pfisters Buch der Vier Historien, Bamberg 1462 (Ebd. 1, Abb. 133 u. 142).

II. D. als Gestalt der Alexanderliteratur

Darius III. Kodomannus wird als geschichtliche Persönlichkeit bis ins hohe MA im wesentlichen nur als Nebenfigur in der Alexanderliteratur dargestellt: die reichlich mit phantastischen Zügen ausgestattete Geschichte von Alexanders Kampf und Sieg über D. ist Anlaß für verschiedene Kampfbilder, z. B. im Hortus deliciarum, um 1180 (Straub-Keller Taf. 11 bis 60), oder auf dem schönen, wohl aus einer rheinischen Alexander-Hs. stammenden Fragment von 1200 im Kestner-Mus. Hannover (Abb. 1). Eine flämische Hs. des Romans vom A. 14. Jh. im Berliner Kk. hat A. Hübner veröffentlicht (Die Antike 9, 1933, 32–48). Vgl. im übrigen Alexander.

III. D. als Gestalt der nach-m.a. Geschichtsdarstellungen

Die phantastische Überlieferung des Kampfes zwischen Alexander und D., wie sie im Zusammenhang mit 1. Makk. 1, 1 und der daran anknüpfenden Alexanderliteratur im MA herrichte, tritt zu Beginn der Neuzeit zurück hinter der zunehmenden Kenntnis der antiken Autoren, vor allem von Curtius Rufus, Diodor und Arrian, und ihrer Übersetzungen (Valerius Maximus: Übersetzung von Peter Selbet, Straßburg 1533; Plutarch: Übersetzung von Hieron. Boner, Augsburg 1534). Unter Einwirkung des Humanismus treten profan-historische Darstellungen des D. auf, in die erst gegen 1600, wahrscheinlich unter dem Einfluß der Dramenliteratur des späteren 16. Jh., allegorisch-symbolische Züge eindringen. Das 17. Jh. scheint den D.-Stoff nicht mehr behandelt zu haben.

Bedeutendster Ausdruck des humanistischen Geschichtsinteresses in der bildenden Kunst ist Albrecht Altdorfers Darstellung der Alexanderschlacht in der Alten Pinak. (Abb. 4), voll. 1529 als Wanddekoration – mit anderen Schlachtbildern – für ein hzgl. bayer. Lustschloß in München; Altdorfer benutzte als Quelle C. Rufus (O. Hartig, Münchner Jb. N. F. 10, 1933, 147ff.).

Als selbständige Gestalt tritt D. bisweilen in der dramatischen Literatur des 16. Jh. auf, besonders bei Hans Sachs 1556–58 (Gesamt-Ausg. A. v. Keller, Tübingen 1876–80, Bd. 10, S. 491ff.; Bd. 11, S. 27ff.; Bd. 13, S. 477ff.), ferner in den Daniel-Dramen des Martin Balticus, Augsburg 1558, und des Bernhard Hederich von 1576 [5]. Deren historisch-moralisierende Auffassung bestimmt auch die künstlerischen Darstellungen des D. im späteren 16. Jh., während die dramatische Literatur des 17. Jh. (1663 „Daniel“-Oper des Hzg. Anton Ulrich von Braunschweig, ed. W. Flemming in Dt. Literatur, Reihe Barock Bd. 5, Leipzig 1933, S. 125ff.) in der Kunst ihrer Zeit keinen Widerhall gefunden hat.

Unter den Helden erscheint D. an der Prachttür der Lüneburger Ratsstube, zwischen Temperantia und Patientia an der rechten Drehsäule, 1580–84 von Albert von Soest (H. Wentzel, Hamburg 1947, Taf. 39 u. 41). Etwa gleichzeitig entstand das 1938 wiedergefundene Gemälde von Friedrich Sustris in der Augsburger Staatl. Gem. Galerie: D. weist den Rat des Charidemus zurück (Abb. 5; s. a. Kunstchronik 5, 1952, 84; zur dargestellten Episode vgl. Pauly-Wissowa III 2137f.). Das gleiche Thema Hellte Peter Candid 1612 im Saal des Rates in der Münchner Residenz dar (E. Bassermann-Jordan, Die dekor. Malerei der Renaiss. am bayer. Hofe, München 1900, S. 114).

Das ausgehende 18. Jh. bringt vereinzelt späte Beispiele einer rein historischen Darstellung des D. So schuf Chr. Bernh. Rode unter dem Einfluß K. W. Ramlers zwei Radierungen zur Alexanderschlacht: ein Soldat reicht dem verwundeten D. Wasser in seinem Helm, und Alexander bedeckt den Leichnam seines Gegners mit seinem Mantel (letzteres in zwei Fassungen; Nagler XIII, S. 275 Nr. 94f.). Das am 24. 10. 1831 in der Casa del Fauno in Pompeji entdeckte Alexandermosaik bot dann mit seiner D.-Darstellung dem 19. Jh. eine authentische und endgültige Formulierung. Seit seiner Entdeckung finden sich keine nennenswerten künstlerischen Darstellungen des D. mehr (H. Fuhrmann, Philoxenos von Eretria, Göttingen 1931).

Zu den Abbildungen

1. Hannover, Kestner-Mus. Zweikämpfe Alexanders d. G. mit Darius v. Persien und Poros v. Indien. Miniatur auf Pergament, aus einer Hs. des Alexanderromans, 13,5 × 19,6 cm. Rheinisch um 1200. Phot. Mus.

2. und 3. Holzschnitte aus dem „Spiegel menschlicher Behaltnis“, Augsburg 1476 bei Anton Sorg. Bl. 46 r (Dornenkrönung) und 47 r (Apamene setzt sich Darius’ Krone auf). Nach Schramm, Frühdrucke IV, Abb. 82 und 83.

4. Albrecht Altdorfer, Alexanderschlacht. Öl auf Lindenholz. München, Alte Pinak. Dat. 1529. Ausschnitt: Wagen des Darius. Phot. Carl Lamb, München.

5. Friedrich Sustris zugeschr. (früher Chr. Schwarz), Darius weist den Rat des Charidemus zurück. Öl auf Leinwand. Bayer. St. Gem. Slgn. Nr. 10 382 (Staatl. Gal. Augsburg). Um 1580. Phot. St. Gem. Slgn.

Literatur

1. Pauly-Wissowa IV 2184–2211 (Swoboda). – 2. R.G.G. I 1778ff. (Daniel) und II 364ff. (Esra). – 3. Molsdorf Nr. 1148. – 4. Sauer S. 422. – 5. M. Goldstein, Darius, Xerxes und Artaxerxes im Drama der neueren Literatur, Leipzig 1912.