Damast

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englisch: Damask; französisch: Damas; italienisch: Damasco.


Margarete Braun-Ronsdorf (1953)

RDK III, 998–1004


RDK III, 997, Abb. 1. Danzig, A. 15. Jh.
RDK III, 997, Abb. 2. Krefeld, um 1400.
RDK III, 999, Abb. 3. Breslau, um 1700.
RDK III, 1001, Abb. 4. Berlin, um 1720-30.

D. (frz. damas; engl. damask; ital. damasco, damaschino) ist eine rein webetechnische Bezeichnung. Man versteht darunter ein einkettiges Gewebe aus Seide oder Leinen, seltener Wolle; die Musterung ist aus wechselndem Kett- und Schußeffekt gebildet. Als Bindung wird meist 5- oder 8-bindiger Atlas oder auch Köper verwendet, also z. B. Figuren in Kettatlas und der Grund in Schußatlas oder umgekehrt (vgl. Bindung). Beide Seiten des Gewebes sind in der Musterung gleich, dadurch bildet einmal die Kette, das andere Mal der Schuß das Muster. Durch die entgegengesetzte Lage der Fäden in Figur und Schuß werden die einfallenden Lichtstrahlen zurückgeworfen, so daß der eine Teil glänzt, der andere matt erscheint. Gewebt wird Ton in Ton oder zweifarbig. Charakteristisch für D.-Gewebe sind die treppenartigen Abstufungen der Musterkonturen.

D. können nur mit einem besonderen D.-Webstuhl gewebt werden. Neben dem Harnisch muß der Webstuhl entsprechend der Musterung zahlreiche Vorderschäfte zur Hebung und Senkung der Abbindungen besitzen [5, S. 101]. Die Herkunft des D. ist noch ungewiß. Ob der Name tatsächlich von der Handelsmetropole Damaskus stammt, wo nachweislich im MA auch Webereien bestanden, läßt sich nicht beweisen. Es besteht auch die Möglichkeit, daß für diese Textilien, die vielfach auf dem Handelswege aus China über Syrien nach Europa kamen, Damaskus nur der Umschlagplatz war. Wann erstmalig seidene D. aus dem Fernen Osten nach Europa eingeführt wurden, läßt sich nicht genau feststellen. Um Christi Geburt muß es in China schon D.-Gewebe gegeben haben: wir kennen unter den frühen gemusterten Seiden der Hanzeit auch einige wenige D. mit gegenständigen Tieren in gebrochenen Rauten (F. H. Andrew, Ancient chinese figured silks, Burl. Mag. 37, 1920, 147).

In chinesischen Quellen des späteren MA (Keng tschi t’u, publ. u. übers. v. O. Franke, Ackerbau und Seidengewinnung in China, Hamburg 1913) werden uns u. a. auch zwei echte Damaste aus gleichwertigen und gleichfarbigen Kett- und Schußfäden beschrieben. Nach diesen Quellen kam der „Aya“ (chin. Ling genannt) schon im 3. oder 4. Jh. aus China über Korea nach Japan. Er ist ein echter Damast in Köperbindung, der sich aber erst seit der Tangzeit (etwa 7. Jh.) in Beispielen belegen läßt [9, S. 50-58].

Eine andere Form der frühen ostasiatischen Damaste ist der „Donsu“ (chines. Tuan genannt), ein Gewebe, das von der Köperbindung im Laufe der Entwicklung zur Atlasbindung übergeht. Über die Entstehungszeit des Donsu wissen wir noch wenig. Das älteste datierbare Stück ist der Stoff der Kaiserdalmatik in Wien von 1350 [10, Abb. 327]. Ob die ägyptischen Atlas-D. des 14. u. 15. Jh., die sog. Mamluk-D., auf diese frühen ostasiatischen Damaste zurückgehen, oder inwieweit sie von ihnen webetechnisch und mustermäßig beeinflußt sind, ist eine noch nicht zu klärende Frage.

In der älteren Literatur finden wir vielfach die Bezeichnung D. schon für Stoffe des 11. und 12. Jh. angewandt. So galt z. B. der goldgelbe, einfarbige Seidenstoff im Stifte St. Walburg in Eichstätt aus dem Grabe des 1074 verstorbenen Grafen Luitger von Graisbach (Inv. Bayern VI, 1, Abb. 206), ebenso wie das Seidengewebe des Siviardsudariums im Domschatz zu Sens, um 1000 [10, Abb. 193], als D.-Gewebe. Sie sind aber nur in scheinbarer D.-Technik gearbeitet, und zwar mit einer einfädigen Binde- und Musterkette von gleichem Material und einem andersfarbigen Seidenschuß, so daß der Seidenschuß mit den Fäden beider Ketten im ersten Schuß Leinwand, im zweiten Schuß aber als Figurschuß mustermäßig über bzw. im Grunde unter den Musterkettfäden liegt. Nur die Bindekette wird wieder leinwandartig gebunden.

Auch die in den m.a. Inventaren genannten diasperate sind webetechnisch keine echten D. (vgl. Diasper). Die kirchlichen Inventare des 13. Jh. führen wohl schon D. an, inwieweit sie echte D. sind, läßt sich nicht nachprüfen. In der neueren Literatur (u. a. A. Weibel [15]) wird der Begriff D. bei den m.a. Stoffen nur sehr sparsam angewandt.

Die D. mögen zur gleichen Zeit wie die frühen Atlasgewebe aus China gekommen sein. Wie die andern m.a. figürlichen Seiden Chinas waren die D., die nachzuahmen sich vor allem Italien im 14. Jh. bemühte, von hoher webetechnischer Qualität, dicht und feinfädig (Abb. 2). Die erste Kenntnis der einfarbigen, figürlichen D. Chinas ist sehr wahrscheinlich über Venedig erfolgt, wo in der Folgezeit neben Lucca diese Gewebe gearbeitet wurden. Hier wie auch in den andern Manufakturen Oberitaliens entwickelte sich im Laufe des 14. und 15. Jh. mit der Einrichtung der besonderen Zurichtung der Stühle ein rascher Aufschwung der D.-Weberei. Ihre Mustergebung lehnt sich eng an die der gleichzeitigen Brokate an, verwendet also Blumen und Tiere, die teils dem chinesischen Bereich entlehnt sind. In dieser Zeit werden auch D. mit leichter Broschierung gearbeitet.

Die m.a. Seiden-D. wurden meistens zu liturgischen Gewändern verarbeitet, wie wir sie vielfach noch in den kirchlichen Schatzkammern antreffen (W. Mannowsky, Danziger Paramentenschatz, Berlin 1931–33; nicht alle dort angeführten sind echte D.). Wegen ihrer großen Leichtigkeit wurden sie auch oftmals zu Futterstoffen verwendet. Daß sie ebenfalls zur Herstellung von profanen Gewändern benutzt wurden, wissen wir aus den Kleiderinventaren des MA (Gay I, 535ff.).

Selten sind Woll-D., wie die Kasel aus blau-rotem Woll-D. in Danzig, ital. E. 14. Jh. (Mannowsky a. a. O. II, Taf. 68 Nr. 50).

Mit dem seit der Renaissance steigenden Luxus, der nicht nur die Leibwäsche, sondern auch die Tischwäsche kostbar ausstattete, kam das gemusterte Leinenzeug immer mehr in Gebrauch. Im Laufe des 16. und noch mehr im 17. Jh. verbesserte sich die Herstellung feiner und feinster Leinengarne. Neben Italien waren vor allem Frankreich und die Niederlande Mittelpunkte der Leinendamastweberei. In Courtrai in Flandern wurde 1496 die erste Manufaktur eingerichtet. Die Niederlande, mit Haarlem (seit 1580) an der Spitze, waren das andere große Zentrum dieser Webereien. Hier wurden die im 17. Jh. so beliebten Bild-D. hergestellt, die in alle Länder Europas ausgeführt wurden. Die älteren Leinen-D. aus dem 15. Jh. zeigen noch rein geometrische Muster, werden aber E. 16. und im Laufe des 17. Jh. von D. mit bildlichen Darstellungen, teils heraldischen Mustern, teils gegenständigen Menschen- und Tierbildern oder locker verwendeten Blumenmustern abgelöst. Meist sind die Leinen-D. einfarbig gewebt, oftmals auch weiß mit einem andersfarbigen Faden als Kette oder Schuß.

Durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) wanderten viele der französischen D.-Weber nach England, den Niederlanden und Deutschland, so daß die schon vorher in Sachsen und Schlesien betriebene D.-Weberei neuen Auftrieb erfuhr. Friedrich d. Gr. förderte nach den schlesischen Kriegen diesen Zweig der Textilwirtschaft ganz besonders. Aus Schlesien kamen in der 2. H. 18. Jh. die großen Friedensdecken mit der Verherrlichung des Endes der Kriege. Die wichtigsten Zentren der D.-Weberei waren in Schlesien Hirschberg, Schmiedeberg, Greifenberg und Groß-Schönau, wohin die ersten niederländischen D.-Weber schon 1666 gekommen waren (Abb. 3 und 4; s. a. Decke).

Zu den Abbildungen

1. Danzig, Marienkirche, Kasel aus gelbem Seidendamast. Spanisch (?) A. 15. Jh. Lupenaufnahme. Nach W. Mannowsky, Danziger Paramentenschatz, II, Berlin 1931, Nr. 51 (Taf. E Nr. 27).

2. Krefeld, Gewebeslg. der Textilingenieurschule, Inv. Nr. 2100. Seidendamast, weiß in weiß. Italienisch (Lucca) um 1400. Orig. Gr. des Ausschnittes etwa 21 × 20 cm. Phot. Gewebeslg.

3. Breslau, Städt. Kunstsammlungen. Tischdecke in Leinendamast, weiß auf rot. Schlesisch um 1700. Phot. Mus.

4. Berlin, ehem. Staatl. Mus. f. dt. Volkskunde, Inv. Nr. 1318 (Leihgabe des Mus. Löbau, Sachs.). Tischdecke, rot-weißer Leinendamast. Schlesisch um 1720–30. Phot. Mus.

Literatur

1. Alfr. Zimmermann, Blüte und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien, Leipzig 1885. – 2. Jul. Lessing, Die Gewebeslg. im Schloßmus. in Berlin, Berlin 1900–13. – 3. Max Heiden, Handwörterbuch d. Textilkunde, Stuttgart 1904, S. 144f. – 4. Moriz Dreger, Künstlerische Entwicklung der Weberei u. Stickerei usw., Wien 1904. – 5. E. Fleming, Textile Künste, Berlin 1923, S. 101ff. – 6. H. Gravenor, Gammelt dekketoi av damask og dreiel (1550–1850), Oslo 1926, S. 8. – 7. Arno Kunz und Elis. Zimmermann, Greifenberger Leinen, Berlin 1928. – 8. G. Trecani, Art. „Damasco“, Encicl. Italiana XII, Mailand 1931, S. 271–73. – 9. Dorothee Klein, Materialien zur ostasiatischen Textilkunde, Ostasiatische Zs. N.F. 8, 1932, 44–64. – 10. O. v. Falke, Kunstgesch. d. Seidenweberei, Berlin 19363. – 11. Hugo Glafey, Textillexikon, Stuttgart 1937, S. 137–39. – 12. Nancy A. Reath und Eleanor B. Sachs, Persian textiles and their technique, New Haven 1937, S. 6 u. 24f. – 13. Wolfg. Schuchhardt, Bilddamaste der dt. u. europ. Volkskunst, Volkskunde 1941, 200–26. – 14. Ders., Damastgewebe mit Jagddarstellungen, Schlesische Heimat 4, 1939, 88–94. – 15. Adele C. Weibel, Two thousand years of textiles, New York 1952.