Crudelitas

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englisch: cruelty; französisch: cruauté; italienisch: crudeltà.


Claudia Hattendorff (2014)


Die Personifikation der „crudelitas“ im Kampf, Cremona, Anfang des 7. Jahrzehnts des 12. Jh.
Die Grausamkeit der Liebe, Florenz, zwischen 1465 und 1480.
Hieronymus Wierix, Crudelitas, 1577.
Antonio Bellucci, Die Schrecken des Krieges: Grausamkeit, zwischen 1697 und 1704.
William Hogarth, The First Stage of Cruelty, 1750/51.
Daniel Chodowiecki, Grausamkeit aus Rachbegierde, 1774.
Francisco Goya, Que crueldad, 1810/1811.
Ford Maddox Brown, Die Stufen der Grausamkeit, 1890.


I. Begriff

Die Etymologie des Wortes „crudelitas“ und damit seine Ableitung von „crudus“ (roh) ist unklar.[1] In der Antike ist die Verwendung des Begriffs nicht nur im Sinne von „saevitia“ (Wildheit), sondern auch von „inhumanitas“ (Unmenschlichkeit) belegt.[2] Im Mittelalter wurde der Begriff vor allem im Sinne von „saevitia“ und „ferocitas“ als Synonym für Wildheit verwendet.[3]

Das Substantiv „Grausamkeit“, mit dem „crudelitas“ übersetzt wird, ist erst seit dem 15. Jh. nachweisbar, wohingegen das Adjektiv „grausam“, von dem es abgeleitet wurde, schon um 1300 bezeugt ist. Das Adjektiv geht auf das Mittelhochdeutsche „gruwesam“ (Schrecken erregend) zurück. Dem entsprechend wurde das Wort „Grausamkeit“ zunächst vor allem verwendet, um Schrecken erregendes Verhalten zu beschreiben; in diesem Sinne bedeutet es auch Gewalttätigkeit und Härte.[4]

II. Quellen

A. Bibel

In der Vulgata wird der Begriff mehrfach verwendet (II Par 28, 9; II Macc 7, 42 und 12, 5; Est 7,4 und 16,10).

Entscheidender für die Bildtradition war jedoch die Beschreibung grausamer Handlungen, wie zum Beispiel des Bethlehemitischen Kindermords, der durch Herodes veranlasst wurde. Für den Typus des grausamen Herrschers oder Feldherrn finden sich auch Beispiele im Alten Testament, so z. B. Nebukadnezar oder Holofernes, der von Judith getötet wird. Diese wurden jedoch erst in der Neuzeit als Exempla für die Grausamkeit an sich zitiert (siehe B).

B. Literatur

In Senecas Schrift „De clementia“ ist der Grausamkeit des Tyrannen die Milde des Herrschers bei der Bestrafung gegenübergestellt. Er definierte: „crudelitas quae nihil aliud est quam atrocitas animi in exigendi poenis“ (De Clementia pars secunda II,4,1). Grausam sei auch das Töten aus reiner Mordlust, wie es Busiris und Prokrustes getan hätten,[5] und führte schließlich aus: „Das allerdings ist Grausamkeit; aber weil sie keine Vergeltung sucht, denn sie ist nicht verletzt worden, und keinerlei Vergehen zürnt, denn es ging kein Verstoß vorauf, liegt sie außerhalb unserer Begriffsbestimmung; die Bestimmung nämlich hatte Zügellosigkeit im Vollzug von Strafe zum Inhalt. Wir können sagen, nicht ist das Grausamkeit, sondern Rohheit, der sinnlose Quälereien ein Vergnügen sind. Wir können es eine Geisteskrankheit nennen, denn von ihr gibt es verschiedene Erscheinungsformen, aber keine deutlichere als die, die bis zu Mord an Menschen und Metzelei geht. Jene nenne ich grausam, die Grund zum Strafen haben, dabei aber kein Maß halten wie bei Phalaris, der wie es heißt nicht nur gegen unschuldige Menschen, sondern über alles menschliche und noch zu billigende Maß hinaus gewütet hat. Wir können [...] in der Weise definieren, daß Grausamkeit eine seelische Bereitschaft zu übermäßiger Härte ist. Die Milde weist sie aus ihrer Nähe und heißt sie weit von ihr entfernt stehen, denn zusammen mit der Strenge paßt Härte zur Grausamkeit.“[6]

Prudentius stellte in seinem Märtyrerlob „Crudelitas“ der „Spes“ gegegenüber.[7] Valerius Maximus beschrieb im neunten Buch seiner „Facta et dicta memorabilia“ die Grausamkeit im Zusammenhang mit anderen Lastern als eine hassenswerte Eigenschaft, der es gelte, Einhalt zu gebieten; er definiert sie folgendermaßen: „Die Grausamkeit aber hat ein schreckliches Aussehen, ihr Blick ist finster, ihre Gesinnung gewalttätig, ihre Stimme furchterregend, sie besteht nur aus Drohungen und blutigen Befehlen“.[8] Als Beispiele nannte er u. a. Sulla, Hannibal und den Erfinder des ehernen Stiers, unter dem ein Feuer entfacht wurde, nachdem Menschen eingeschlossen wurden; ihr Geschrei sollte sich wie das eines Tieres anhören, um nicht das Mitleid des Tyrannen Phalaris zu erwecken. Der Künstler erlitt schließlich als erster dieses Schicksal.[9]

Thomas von Aquin diskutierte die Grausamkeit in Auseinandersetzung mit Seneca in der 159. Frage „De crudelitate“ seiner „Summa Theologica“ (II, II, 159, 1–2).[10] Er verstand sie wie jener als überzogenes Strafen im Gegensatz zur Milde. Die Grausamkeit sei die menschliche Bosheit („malitia humana“) und somit zu unterscheiden von Wildheit („saevitia“), die nur mehr tierisch sei.[11]

Die ausführlichste, auch theologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Grausamkeit vor allem in der Geschichte lieferte der Antwerpener Domherr, Censor, Erzpriester und Apostolischer Protonotar Laurentius B. Beyerlinck (1578–1627) in seiner Enzyklopädie „Magnum theatrum vitae humanae“. Beyerlinck, der „crudelitas“ mit „saevitia“ gleichsetzte. Er nannte unterschiedliche Arten der Grausamkeit im persönlichen Bereich sowie in Politik, Ökonomie etc. mit überaus zahlreichen Beispielen.[12]

Darüber hinaus erscheint der Begriff in Florilegien der Barockzeit: In dem von Joseph Lang herausgegebenen Werk werden als grausame Personen der Geschichte u. a. Kaiser Tiberius, Augustus, Caligula und aus dem Alten Testament u. a. Kain, die Brüder des Joseph, Saul und Herodes genannt.[13] In den „Flores doctorum“ wird u. a. Seneca zitiert: „Crudelitas minime humanum male est, indignumque regio animo ferina ista rabies est, sanguine gaudere, ut vulneribus, & abjecto homine in sylvestre animal transire.“[14]

III. Darstellungen

A. Personifikationen

Die ältesten bekannten Darstellungen zeigen die Personifikation im Kampf: Auf dem Mosaik aus dem siebten Jahrzehnt des 12. Jh. im Dom zu Cremona bohren sich die beiden männlich personifizierten Laster „Crudelitas“ und „Impietas“ gegenseitig ihre Lanzen in den Leib (Abb.).[15] In den Illustrationen von Francesco da Barberinos (1264–1348) „Documenti d'Amore“, entstanden in Rom 1309–1313, erscheint die Personifikation der „Crudelitas“ mit Pfeil und Bogen gegenüber der Personifikation der „Pietas“, auf die sie zielt.[16]

In der weiteren Bildtradition war jedoch zumeist die ein Kind ermordende Frau - gelegentlich ist es auch ein Mann - die üblichste Form, das Laster der Grausamkeit veranschaulichen. In dieser Gestalt wird die Grausamkeit als Form der Tyrannis, des schlechten Regiments und als Eigenschaft des Krieges gezeigt.

Im Kontext der Darstellung der „Schlechten Regierung“ von Ambrogio Lorenzetti, zwischen 1337 und 1340, in der Sala dei Nove im Palazzo Pubblico in Siena ist die Personifikation der Grausamkeit neben Verrat, Betrug, Raserei, Zwietracht, Krieg sowie Neid, Hochmut und Prahlerei der Personifikation der Tyrannei zugeordnet, die die Gerechtigkeit hat fesseln lassen. Die „Crudelitas“ hält hier in der erhobenen Rechten ein kleines Kind, in der Linken ein sichelförmiges Messer. Eine vergleichbare Personifikation findet sich im Deckenprogramm der Villa „Il Cataio“ des Pio Enea Obizzi bei Padua. Giambattista Zelotti führte dort zwischen 1570 und 1573 unter anderem Darstellungen der verschiedenen Regierungsformen aus. Bildern von Monarchie, Demokratie und Aristokratie im Erdgeschoss stehen im ersten Obergeschoß drei Ausprägungen von Tyrannis gegenüber. Einer Darstellung des Tyrannen Damokles sind dort zwei ovale Bildfelder beigegeben, in denen die Personifikationen von Verzweiflung und Grausamkeit erscheinen. Auch hier ist Crudelitas in der Art einer Kindsmörderin gebildet, da sie „per un’ piede, & per l’altro con amendue le mani smembra un fanciullino ignudo“.[17]

Außerhalb eines spezifischen Kontextes wurde die Grausamkeit in einer der beiden von Cesare Ripa in seiner „Iconologia“ aufgeführten Personifikationen der „Crudeltà“ als Kindsmörderin gekennzeichnet.[18] Ihre Attribute sind neben der ihre blutigen Gedanken bezeichnenden roten Färbung von Gesicht und Kleidung, dem furchteinflößenden Blick und der Nachtigall auf dem Kopf auch der kleine Knabe, der von der weiblichen Figur erwürgt wird, denn die wesentliche Wirkung von Grausamkeit mit ihrem unstillbaren Appetit auf Böses sei sinnloses Töten von Unschuldigen. Die Nachtigall verweise dabei auf die Geschichte von Prokne, für deren Interpretation als Gegenbeispiel zur Liebe der Eltern zu ihren Kindern Ripa das Emblem CXCIV „Amor filiorum“ des Andrea Alciati zitierte. In Johann Georg Hertels Ripa-Ausgabe (Augsburg, um 1755 bis 1761) ist diese Personifikation Gegenstand einer ganzseitigen Darstellung (Nr. 77). Die das Kind erwürgende Frau ist dort kombiniert mit einem Tiger, der ein Lamm reißt, sowie, im Sinne eines wiederum auf das Schlechte Regiment verweisenden Kontextes, mit einer Historia im Hintergrund, die zeigt, wie der Tyrann Phalaris den Bildhauer Perillus (Perilaos) im Bauch des von ihm geschaffenen ehernen Stieres bei lebendigem Leib braten lässt.[19]

Einen weiteren Kontext für eine Crudelitas als Kindsmörderin stellten Darstellungen der Gefolgschaft des Kriegsgottes Mars oder der Personifikation des Krieges dar. Bei der 1565 zu den Feierlichkeiten für die Hochzeit von Francesco I. de' Medici und Johanna von Österreich in Florenz aufgeführten Mascherata „Della geneologia degli dei“ stand im Zusammenhang mit dem sechsten, Mars gewidmeten Festwagen auch eine Personifikation der Grausamkeit „tutta rossa et tutta ... spaventevole, un piccol fanciullo uccidendo“.[20]

In Hendrick Goltzius’ im vierten Zustand als „Currus Belli“ bezeichneten Stich von 1578[21] ist eine inschriftlich als Crudelitas benannte bewaffnete Frauengestalt dem alles verheerenden Zug des Krieges beigegeben. Im Laufschritt begleitet die gerüstete Personifikation den von „Furor“ gelenkten Wagen der Verkörperung des Krieges, wobei sie eine Lanze geschultert hält, auf der neben zwei abgeschlagenen Menschenköpfen auch ein kleines Kind aufgespießt ist.

Ripa beschrieb eine zweite Verkörperung der „Crudeltà“ als eine in ein eisernes Gewand gekleidete Frau mit einem großen, auf ihre Hartherzigkeit verweisenden Diamanten auf der Brust, die zum Zeichen ihrer Grausamkeit einen Häuserbrand und ein Massaker an kleinen Kindern lachend mit in die Seite gestemmten Armen betrachte; Vorfälle, die auf Nero und Herodes verwiesen.[22] Die Personifikation wurde leicht verändert von George Richardson, 1779.[23] Bereits vor Ripas Beschreibung gab es eine Reihe von Darstellungen, in denen die Crudelitas ebenfalls nicht dem oben beschriebenen Darstellungsmuster folgt, wenn auch, wie bei Ripa, der Aspekt der Grausamkeit gegenüber Kindern anklingen kann. Wiederum im Gefolge des Kriegsgottes Mars wird eine Crudelitas in der Unterschrift eines Stiches des Cornelis Cort oder des Dirck Volkertsz. Coornhert nach Maarten van Heemskerck von 1564 erwähnt, der auf einem Festumzug zum Thema „Kreislauf des menschlichen Daseins“ beruhte, welcher in Antwerpen zur Prozession anlässlich des Festes der Beschneidung Christi im Jahre 1561 veranstaltet wurde.[24] Der Vers sagt aus, dass die Grausamkeit die im Krieg gemachten Gefangenen vorantreibe mit finsterer Miene und rauer Stimme („Trucique uultu, & voce captiuos agens polii omista bellies CRUDELITAS“, eine Charakterisierung, die - wenn auch nicht im Wortlaut - so doch im Sinn mit der Beschreibung der Grausamkeit bei Valerius Maximus [Facta et dicta memorabilia IX.2] übereinstimmt). Im Bild entspricht der Inschrift „Crudelitas“ nicht, wie im Falle der anderen Figuren, eine Personifikation, sondern lediglich ein Zug von Kriegsgefangenen im Hintergrund, da sich die Personifikation selbst vielleicht nicht in die Komposition integrieren ließ.

Als Gegnerin von Gerechtigkeit und Wahrheit erscheint die Verkörperung der Grausamkeit in einem großformatigen allegorischen Gemälde Giorgio Vasaris, das dieser im Auftrag Kardinal Alessandro Farneses 1543 für den Palazzo della Cancelleria in Rom ausführte (sog. „Giustizia Farnese“, Neapel, Museo di Capodimonte, Q 101; Abb.): Zusammen mit Personifikationen der Korruption, der Unwissenheit, der Furcht, des Verrats, der Lüge und der Verleumdung mit Ketten an eine thronende Justitia gefesselt, ist die Crudelitas dort eine gerüstete Figur „volta con la faccia in la, non guardando nessuno“ (Brief von G. Vasari an A. Farnese).[25] Eine wohl ähnliche Personifikation der Grausamkeit mit Sichel, einer Sturmhaube in Gestalt eines Tigerkopfes und Stiefeln wie Krokodilfüßen trat in Gesellschaft von Zwietracht, Zorn, Raub und Rache im vierten Intermedio der Commedia auf, die bei der Hochzeit von Francesco I. dei Medici 1565 in Florenz aufgeführt wurde.[26] Da die Commedia auf Apuleius’ Geschichte von Amor und Psyche fußte, wurde die Grausamkeit hier in einen Zusammenhang gestellt, in dem die Unwägbarkeiten des Lebens und der Liebe in der Interaktion irdischer und himmlischer Mächte thematisiert wurden.

Eine theologische Dimension des Themas deutet ein Stich des Hieronymus Wierix nach Maarten de Vos, um 1577 (Abb.)an,[27] in dem die Figur der Crudelitas auf einem Getreidesack thront und einem Hund Brot und Fisch reicht, während sie einem erschreckt zur Flucht ansetzenden Kind einen von einer Schlange umwundenen Stein anbietet. Eine Inschrift verweist auf Mt 7,9 „Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?“.

Bei der Ausmalung des Treppenhauses im Palais Liechtenstein in Wien, zwischen 1697 und 1704, wählte der Maler Antonio Bellucci bei seiner Darstellung der Grausamkeit als einer der Schrecken des Krieges eine männliche Personifikation, die ein kleines Kind an einem Bein hochhält und es mit einem langen Dolch zu töten droht (Abb.). Daniel Nikolaus Chodowiecki personifizierte 1775 in einer Radierung die Grausamkeit ebenfalls männlich. Sie zeigt das Brustbild eines Mannes mit Schnurrbart. Dessen hässliche Physionomie weist einen verschlagenen Zug auf.[28]

B. Exempla

Neben der personifizierten Grausamkeit konnten auch Darstellungen von historischen Exempla dieses Laster zur Anschauung bringen. In Valerius Maximus’ „Facta et dicta memorabilia“ werden im neunten Buch im Kapitel „De crudelitate“ Beispiele für Grausamkeit gegeben, die in Illustrationen dieser Schrift mitunter im Bild erscheinen. So wird in einer französischen Valerius-Maximus-Handschrift, um 1475, der Tod des dort (IX.2, ext. 1) und an anderer Stelle genannten römischen Konsuls M. Atilius Regulus gezeigt, der als Gefangener der Karthager von diesen mit einer mit Nägeln beschlagenen Maschine (meist als Fass dargestellt) zu Tode gefoltert wurde (Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, ms. 66 B 13, fol. 2r). Außerhalb von Illustrationen zur Schrift des Valerius Maximus hat sich eine Bildtradition für die Marter des M. Atilius Regulus (etwa in einer Serie von Stichen römischer Helden von Georg Pencz von 1535[29]) sowie in den Ausstattungsprogrammen der Rathäuser zu Lüneburg und Nürnberg[30] und für die Geschichte von Phalaris, Perillus und den ehernen Stier[31] ausgebildet. Gemäß einer über Valerius Maximus hinausgehenden textlichen Überlieferung dieser Geschichten und bestimmter Bedeutungsfestlegungen durch einzelne Kontexte ist jedoch davon auszugehen, dass der inhaltliche Schwerpunkt dabei auf anderen Aspekten als dem der Grausamkeit liegen kann.

Außerhalb historischer Exempla wird im 18. und im 19. Jahrhundert die Grausamkeit moralisierend durch allgemeingültige zeitgenössische Beispiele zur Darstellung gebracht. William Hogarths Folge von vier Stichen mit dem Titel „The Four Stages of Cruelty“ von 1750/51[32] verbildlicht die Grausamkeit als einen Missstand der modernen Gesellschaft, der sich von Tierquälerei im Kindes- und im Mannesalter bis zum Mord und zur anatomischen Sektion des hingerichteten Mörders steigert (Abb.). Einen Bezug zu Hogarths Folge stellte Ford Maddox Brown durch den Bildtitel „Stages of Cruelty“ seines mehrfach, zuletzt 1890, ausgeführten Gemäldes her[33], in denen der Tierquälerei des Kindes die Grausamkeit der gleichgültigen Frau gegenüber ihrem sich verzehrenden Liebhaber gegenübergestellt wird (Abb.). In einem zentralen Werk der pädagogischen Literatur des 18. Jh., J. B. Basedows „Elementarwerke für die Jugend und ihre Freunde“, erscheint unter den „Bösen Neigungen“ die Grausamkeit aus Rachbegierde; sie wird durch einen von Daniel Chodowiecki entworfenen Kupferstich illustriert, der eine Mutter zeigt, die gerade ihr Kind erstochen hat. Seine Ermordung hatte sie bereits kurz nach dessen unehelicher Geburt angeordnet; der Vater des Kindes hatte jedoch das Kind von einer Bauersfrau aufziehen lassen und hoffte mit der Zusammenführung auf ein glückliches Ende (Abb.).[34]

Die erlebten Schrecken des Krieges verarbeitete Francisco Goya in seinem Tagebuch mit einer Pinselzeichnung, die einen geknebelten Mann auf einer Drehwinde mit verdrehten Gliedern zeigt (Abb.). Er kommentierte dies mit dem Ausruf „Welche Grausamkeit“ .

C. Embleme

In der Emblematik werden verschiedene Arten der Grausamkeit vorgestellt: Diejenige gegen die eigene Art, die auch als unnatürliche Grausamkeit erscheint, sowie die Grausamkeit der Natur und der Liebe.[35] Die letztgenannte Art ist bereits in der florentinischen Druckgraphik des 15. Jh. ein Thema (Abb.).

Darüber hinaus wird sie als Beispiel schlechten Verhaltens oder als eine Eigenschaft, deren Überwindung zur Tugend führt, dargestellt. So ist sie in Paolo Aresis Impresensammlung von 1635 unter dem Motto „Necessitatem non habens“ illustriert durch einen Falken, der einen Vogel ohne Grund tötet und damit ein Beispiel von unnötiger Grausamkeit darstellt.[36] Die Pictura mit einem abgeholzten Eichenwald, aus dem neue Sprößlinge hervorsprießen, kommentierte Laurentius Wolfgang Woyt moralisch als Bild falscher Herrschaft: „Civil. Die Grausamkeit eines Potentaten gegen seine Diener und Unterthanen macht ihme nur noch mehrere Feinde.“[37]

Anmerkungen

  1. Lateinisches Etymologisches Wörterbuch, neubearb. von Johann Baptist Hofmann, Heidelberg 3. Aufl. 1938, Bd. 1, S. 294.
  2. Thesaurus linguae Latinae, Bd. 4, Leipzig 1906-1909, Sp. 1229.
  3. Glossarum Mediae et Infimae Latinitatis Conditum a Carolo Dufresne Domino Du Cange ..., digessit G. A. L. Henschel, Bd. 2, Paris 1842, S. 672.
  4. vgl. Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, 4. Bd., 1. Abt., 5. Teil, Leipzig 1958, Sp. 2202-2208; Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Bd. 1, Leipzig 1872, Sp. 1109.
  5. „Doch manche Menschen vollziehen keine Strafe, grausam sind sie dennoch, etwa wenn sie Unbekannte und Passanten nicht zur Bereicherung, sondern einfach aus Mordlust umbringen und, vom bloßen Töten nicht befriedigt, wüten, wie Busiris und Prokrustes und Seeräuber, die ihre Gefangenen foltern und bei lebendigen Leibe ins Feuer werfen.“ (zit. nach L. Annaeus Seneca, De Clementia. De Beneficiis, Über die Milde. Über die Wohltaten, übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Manfred Rosenbach [L. Annaeus Seneca Philosophische Schriften, lateinisch und deutsch, 5]), Darmstadt 1989, S. 17-19).
  6. L. Annaeus Seneca, De Clementia. De Beneficiis, Über die Milde. Über die Wohltaten, übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Manfred Rosenbach (L. Annaeus Seneca Philosophische Schriften, lateinisch und deutsch, 5), Darmstadt 1989, S. 19; dazu: Susanna E. Fischer, Seneca als Theologe. Studien zum Verhältnis von Philosophie und Tragödiendichtung, Berlin 2008, S. 31f.
  7. Dazu Reinhart Herzog, Die allegorische Dichtkunst des Prudentius (Zetemata. Monografien zur Klassischen Altertumswissenschaft, 42), München 1966, S. 34.
  8. Valerius Maximus. Facta et dicta memorabilia, lateinisch, deutsch, Stuttgart 1998 (Universal-Bibliothek, 8695), S. 258-261; vgl. Factorum et dictorum memorabilium libri novem, hg. von Carl Kempf, Berlin 1854, Nachdruck Stuttgart 1966, S. 576f.
  9. Valerius Maximus. Facta et dicta memorabilia. Denkwürdige Taten und Worte, Lateinisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und hg. von Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart 1998 (Universal-Bibliothek, 8695), S. 261-265.
  10. Die deutsche Thomas-Ausgabe. Vollständige, ungekürzte deutsch-lateinische Ausg., Bd. 22, Graz usw. 1993, S. 190-193.
  11. Die deutsche Thomas-Ausgabe. Vollständige, ungekürzte deutsch-lateinische Ausg., Bd. 22, Graz usw. 1993, S. 195.
  12. Laurentius Beyerlinck, Magnum theatrum vitae humanae, Köln 2. Auflage 1631, Bd. 2, S. 524–602.
  13. Anthologia sive Florilegium Rerum et Materiarum Selectarum: Praecipuè Sententiarum, Apophthegmatum, Similitudinum, Exemplorum, Hieroglyphicorum; Ex sacris Literis: Patribus item: aliisque Linguae Graecae & Latinae Scriptoribus probatis collectum / Studio & operâ Josephi Langii Caesaremontani, 1. Auflage London 1631, Straßburg 1674, Bl. 133f.
  14. Flores doctorum penè omnium tam graecorum quam latinorum, 1. Auflage Wien 1735, S. 190.
  15. Arturo Carlo Quintavalle, I mosaici del Camposanto a sud della Cattedrale, in: Cattedrale di Cremona, Parma 2007, S. 65 mit Abb. S. 64.
  16. Rom, Biblioteca Vaticana, Cod. Barb. lat. 4076, fol. 1r; Rom, Biblioteca Vaticana, Cod. Barb. lat. 4077, fol. 1r.
  17. Giuseppe Betussi, Ragionamento [...] sopra il Cathaio, Padua 1573, fol. CLI v.
  18. Cesare Ripa, Iconologia overo descrittione di diverse imagini cavate dall’ antiquità, e di propria inventione, Rom 1603, S. 99.
  19. Für die Geschichte Ovid, Ibis 435–438 und Plinius, Naturalis historia 34, 89 (s. Des berühmten italiänischen Ritters Caesaris Ripae allerley Künsten und Wissenschaften dienliche Sinnbilder und Gedanken. Verlegt bei Johann Georg Hertel in Augsburg, hg. von Ilse Wirth, München 1970, S. 17 und 21) sowie Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia IX,2,9.
  20. Giorgio Vasari, Le Vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori nelle redazioni del 1550 et 1568, ed. Rosanna Bettarini und Paola Barocchi, Bd. 6, Florenz 1987, S. 346.
  21. Netherlandish Artists, Hendrik Goltzius, ed. by Walter L. Strauss, New York 1980 (The Illustrated Bartsch 3,1), Nr. 108 [36].
  22. Cesare Ripa, Iconologia overo descrittione di diverse imagini cavate dall’ antiquità, e di propria inventione, Rom 1603, S. 99.
  23. George Richardson, Iconology; or, a Collection of Emblematical Figures [...], Bd. 2, London 1779, Taf. LXXI.
  24. The New Hollstein. Dutch & Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450-1700, Bd. 1,2 (Maarten van Heemskerck, Part II), bearb. von Ilja M. Veldman, Roosendaal 1994, S. 167, Nr. 486 mit Abb.
  25. Giorgio Vasari, Der literarische Nachlass, ed. Karl Frey, Bd. 1, München 1923, S. 121.
  26. Giorgio Vasari, Le Vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori nelle redazioni del 1550 et 1568, ed. Rosanna Bettarini und Paola Barocchi, Bd. 6, Florenz 1987, S. 319.
  27. Hollstein's Dutch & Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450-1700, Bd. LXVI, bearb. von Zsuzsanna van Ruyven-Zeman, Rotterdam 2004 (The Wierix Family Part VIII), S. 108f., Nr. 1776 mit Abb.; Vorlage: Hollstein's Dutch & Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450-1700, Bd. XLIV (Maarten de Vos), bearb. von Christiaan Schuckman, Rotterdam 1996, Nr. 1209.
  28. Plattenmaße: 10,9 x 7,7 cm: Jens-Heiner Bauer, Daniel Nikolaus Chodowiecki, Das druckgraphische Werk, Hannover 1982, S. 53, Nr. 233.
  29. Hollstein's German Engravings, Etchings and Woodcuts 1050-1700, Bd. XXXI (Michael Ostendorfer to Georg Pencz), bearb. von Robert Zijlma, Roosendaal 1991, Nr. 129, mit Abb.
  30. Susan Tipton, Res publica bene ordinata. Regentenspiegel und Bilder vom guten Regiment. Rathausdekorationen in der Frühen Neuzeit, Hildesheim u. a. 1996 (Studien zur Kunstgeschichte, 104), S. 360, 377.
  31. Beispiele bei Andor Pigler, Barockthemen, Bd. 2, 2. erweiterte Aufl. Budapest 1974, S. 337.
  32. Ronald Paulson, Hogarth’s Graphic Works, Bd. 1-2, New Haven und London 1965, Kat. Nr. 187–190.
  33. Mary Bennett, Ford Madox Brown. A Catalogue Raisonné, Bd. 1, New Haven und London 2010, S. 182-186, A 67-A 67.4.
  34. Siehe dazu die komplizierte Geschichte: Des Elementarwerks Zweiter Band (Dessau 1774), S. 232; Digitalisat: http://digital.bibliothek.uni-halle.de/hd/content/pageview/755996
  35. Beispiele: Arthur Henkel und Albrecht Schöne (Hg.), Emblemata Handbuch zur Sinnbildkunst des 16. und 17. Jh., Stuttgart/Weimar 1996, Sp. 135, 265f., 698, 969, 1534, 1591 und 1623f.
  36. Paolo Aresi, Delle Sacre Imprese ..., Bd. 6,2, Tortona 1635, S. 586 (= 602).
  37. Laurentius Wolfgang Woyt, Emblematischer Parnassus, Bd. 2, Augsburg 1727-1730, Taf. 18-06.

Verweise