Crayonmanier

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englisch: Crayon (chalk) manner; französisch: Crayon, gravure en manière de, gravure en manière de Crayon; italienisch: Maniera di matita.


Margarete Pfister-Burkhalter (1953)

RDK III, 872–877


RDK III, 873, Abb. 1. Rob. Bénard, 1767, Encyclopédie.
RDK III, 873, Abb. 2. Joh. Gottl. Prestel, 1779, Reproduktionsstich.

I. Crayonmanier

A. Technik

Die C. (auch Kreidemanier, Zeichnungsmanier, Kreidezeichnungsstich, Kreidefaksimilestich, Rötelmanier; fr. gravure en manière de crayon o. ä., engl. crayon manner) ist ein Tiefdruckverfahren, das vereinzelt in England, den Niederlanden und Deutschland, häufig in Frankreich im 18. Jh. geübt, bereits zu Anf. des 19. Jh. indessen durch die Lithographie verdrängt wurde, die mit weniger Zeit- und Arbeitsaufwand ähnliche Effekte hervorbrachte. Sie erstrebt eine möglichst treue Wiedergabe des Kreide- oder Rötelstriches und erreicht bei ihren besten Vertretern eine das bloße Auge oft täuschende Wirkung. Sie kann rein oder mit andern Kupferstichtechniken kombiniert angewendet werden. Als Material dienen eine oder mehrere mit geschwärztem Ätzgrund, wie zum Radieren, bedeckte Kupferplatten. Das Werkzeug rekrutiert sich aus Instrumenten, die z. T. von Kupferstich oder Radierung her bekannt sind, wie die Radiernadel und die Roulette. Dazu kommen eigens für die C. erfundene gespaltene Nadeln und Stichel mit 2 oder 3 ungleich dicken Spitzen und vor allem der Mattoir und die Echoppe. Der Mattoir ist eine Art Punze mit oder ohne Holzgriff und vielen ungleich und unregelmäßig zerstreuten Zähnen auf der Prägeseite. Mit Griff wird er von Hand, ohne Griff mit dem Hammer durch den Ätzgrund in die Platte getrieben. Er wird in den Schattenpartien und für tonige Flächen angewendet. Die Echoppe ist ein runder Stahlstift mit scharfer Kante, wie sie sich aus dem Schrägschnitt eines Stahldrahtes ergibt, die Roulette ein bewegliches Rädchen in Zylinderform mit aufgerauhtem bzw. gezähntem Mantel, drehbar um eine Achse, welche an einem Stiel mit Holzgriff befestigt ist.

Die franz. Bezeichnungen des meistgebrauchten Handwerkszeugs verraten Frankreich als Ursprungsland. Im 5. Tafelband der großen frz. Enzyklopädie, Paris 1767, werden auf Taf. 8 (Abb. 1) alle Werkzeuge der C. sowie 5 Proben des mit ihnen erzielten Strichbildes gezeigt.

Die Legende, verfaßt von M. Prevost, erklärt Gebrauch, Verwendung und Ergebnis:

Fig. 1–3: Radiernadel mit 1, mit 2 u. mit 3 Spitzen.

Fig. 4: Punze mit 2 verschieden breiten Spitzen zur Nachahmung des groben Kornes, an dem die Kreide, resp. die Druckerfarbe haftet.

Fig. 5–7: Mattoir, eine Art Punze mit vielen unregelmäßig verteilten, verschieden dicken Zähnen, verwendet zur Nachahmung des feinen Kornes.

Fig. 8–9: Roulette, wie sie in verschiedenen Zylinderhöhen verwendet wird. Unter d das mit ihr erzeugte graphische Bild.

Fig. 10: Doppelseitiger Grabstichel mit verschiedenen Enden, zur Verstärkung einzelner Linien.

Fig. 11–13: Kreuzschraffen u. gekörnter Grund, erzeugt durch die Anwendung der angeführten Werkzeuge. Unten rechts das als Radierung und in C. angelegte, links das in C. vollendete Ohr.

B. Geschichte

Der Stich in C. wird kurz Crayonstich genannt. Er wurde erfunden, als die Wertschätzung der Handzeichnung als Wandschmuck eine Vervielfältigung wünschbar machte, im Zeitalter des Rokoko. Zu den lichten Farben der Tapeten und Stoffbezüge, zu Gold, Kristall und Stuck paßten Zeichnungen und graphische Blätter mit ihrem höchstens mittelgroßen Format und hellen Grund ausgezeichnet. Die einfache Strichwiedergabe wurde aber wohl der Federzeichnung, nicht der weichen Kreide gerecht. Aus der Erkenntnis, daß sich bei genauem Zusehen das Strichbild der Kreide aus verschieden umfänglichen Punkten zusammensetzt, wurden Werkzeuge geschaffen, die zur Zerlegung des rein linearen Striches befähigten. Als Erfinder gilt – obwohl der Engländer Arthur Pond (um 1705 bis 1758), ohne Schule zu machen, schon seit 1735 ein ähnliches Verfahren anwandte – der französische Graphiker Jean Charles François (1717–69), der seine ersten Versuche 1740 in seinen „Principes de dessein faciles“ in Lyon bekannt gab. Er förderte seine Technik hernach in Paris und reichte 1757 den Bericht über die Erfindung seiner C., samt graphischen Proben, der Académie Royale zu Paris ein. Obgleich der wohlunterrichtete damalige Sekretär der Académie, Nicolas Cochin, englische Blätter mit ähnlicher Technik kannte, wurde François doch mit einer Pension von 600 Livres und 1758 mit dem Titel eines Graveur des dessins du cabinet du Roi belohnt. Trotz dieser amtlichen Sicherung machten ihm in der Folge die beiden jüngeren Zeitgenossen Gilles Demarteau aus Lüttich (1722–76) und Louis Marin Bonnet aus Paris (1743–93) den Erfinderrang – wohl zu Unrecht – streitig. Aber beide führten die C. zu einer Höhe, die die künstlerische Leistung des François weit übertraf. Blieb François gleichsam der pröbelnde Techniker, so machten die beiden Rivalen die C. durch die Wiedergabe der oft zwei- oder mehrfarbigen Handzeichnungen berühmter Zeitgenossen in Rötel-, Schwarz- und Mehrfarbendruck von zwei oder mehr Platten erst recht fruchtbar. Auf diese Weise wurden zu Schmuck- und Lehrzwecken (Zeichenvorlagen) Originale faksimiliert von Edmond Bouchardon, François Boucher, Gabriel François Doyen, Jean Honoré Fragonard, Jean Baptiste Huët, Louis Jean François Lagrenée, Jean Baptiste Leprince, Charles André van Loo, Jacques Philippe Joseph de Saint-Quentin, Antoine Watteau u. a. Unter den Niederländern sei als Crayonstecher Cornelis Ploos van Amstel (1726–90) genannt, der zwischen 1765–82 46 Faksimilés niederländischer Zeichnungen, zum Teil in C., von 1 oder 2 Platten abgezogen, herausgab.

In Deutschland brachten Johann Gottlieb Prestel (1739–1808) und seine Gattin Maria Katharina (1747–94) und Tochter die C. zu Ansehen. Sie faksimilierten Originalzeichnungen des Praunschen Kabinetts in Nürnberg in den Jahren 1778–80, des G. J. Schmidt’schen Kabinetts zu Hamburg 1779 (Abb. 2) und 1783 aus verschiedenen Sammlungen, teilweise in C. – Bei Anwendung einer Tonplatte eignete sich die C. auch zur Wiedergabe von Fresken. So reproduzierte J. G. Prestel z. B. Michelangelos Fresko der Judith und des Holofernes aus der Sixtinischen Kapelle in Rom.

II. Weichgrundmanier

Als Vorstufe der C. in der Wirkung, nicht in der technischen Handhabe, kann die von dem Zürcher Dietrich Meyer d. Ä. (1572 bis 1658) erfundene Weichgrundtechnik genannt werden. An Stelle des sonst üblichen harten Ätzgrundes bedeckte er die Kupferplatte mit einer durch Zusatz von Fett erweichten Ätzmasse, auf die er ein körniges Papier legte, worauf er mit relativ hartem Stifte zeichnete. Durch den Druck des Stiftes verdrängte er den Ätzgrund und legte an jenen Stellen die Platte für die Einwirkung der Säure frei. Im Abdruck erhielt der Strich die Unregelmäßigkeiten der Dichte, die durch das Papierkorn hervorgerufen werden.

III. Pastellmanier

Die Pastellmanier ist eine Weiterbildung der C. Ihr Erfinder ist zugleich ihr bedeutendster Vertreter: Louis Marin Bonnet (1743–93). Den zweifarbigen Kreide-Rötelstich erweiterte er durch die Erfindung des Pastell- und 1774 des Goldbronzedrucks. Er schrieb darüber eine Abhandlung, betitelt „Le pastel en gravure inventé et exécuté par Louis Bonnet 1769“. Das Manuskript bewahrt die Bibliothèque de l’Arsenal zu Paris; es scheint nie gedruckt worden zu sein. Aber die Académie Royale hat auch ihn, 1769, mit einem Ehrensold von 50 Louisd’or belohnt.

Für jeden Farbton verwendete Bonnet eine Platte, und da er eine weiße Druckfarbe erfand, die unveränderlich haltbar ist, konnte er die Lichter zuletzt aufdrucken. Diese Technik wurde gern mit anderen Verfahren, besonders der Aquatintamanier und der Schabkunst, vermischt. Unter Bonnets Schülern sei C. L. Jubier, in Deutschland wieder die Familie Prestel erwähnt.

Zu den Abbildungen

1. Robert Bénard (*1734), Gravure en manière de crayon. Signierter Crayonstich in: Diderot – d’Alembert, Encyclopédie etc., Recueil des planches, sur les sciences, les arts libéraux et les arts mécaniques, avec leur explication. Ve vol. Paris 1767, Pl. VIII. Phot. Kk. Basel.

2. Johann Gottlieb (Theophil) Prestel (1739–1808), Halbfigurenbildnis eines jungen Mannes. Reproduktionsstich in Crayonmanier mit Tonplatte, nach einer weißgehöhten Kreidezeichnung, holländisch 17. Jh., ehemals als van Dyck bezeichnet, im Kabinett des Gerhard Joachim Schmidt in Hamburg, jetzt verschollen. 1779. (Nagler Kstl. Lex. 13, 263 Nr. 110). Phot. Kk. Basel.

Literatur

1. Adam v. Bartsch, Anleitung zur Kupferstichkunde I, Wien 1821, 26–29. – 2. J. M. Herman Hammann, Des arts graphiques destinés à multiplier par l’impression considérés sous le double point de vue historique et pratique. Genf-Paris 1857, 229–32. – 3. Hans W. Singer, Geschichte des Kupferstichs, Magdeburg u. Leipzig (1895), 210–12. – 4. Paul Kristeller, Kupferstich und Holzschnitt in vier Jahrhunderten, Berlin 1905, 505–08. – 5. Arthur M. Hind, A short history of engraving and etching for the use of collectors and students with full bibliography, classified list and index of engravers. London 19112, 287–90. – 6. François Courboin, L’estampe française. Essais. Brüssel-Paris 1914, 47–50. – 7. Elfried Bock, Geschichte der graphischen Kunst von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin (Propyläen) 1930, 11, 72, 78f., 687, 690.

Verweise