Couse

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englisch: Couse, glaive; französisch: Couse, couteau de brèche; italienisch: Couse.


Alexander von Reitzenstein (1953)

RDK III, 869–872


RDK III, 869, Abb. 1. Joh. Nik. Hogenberg, 1530.
RDK III, 871, Abb. 2. München, 1580.
RDK III, 871, Abb. 3. München, 1612-19.

Die C. ist eine Stangenwaffe, welche der vorzüglich im 14. Jh. gehandhabten Glefe nahe verwandt ist, doch ohne deren (allerdings auch nur sekundäre) Eignung für Stich und Stoß; sie ist also insonderheit Hiebwaffe. Auf eine etwa 2 m lange Stange ist mittels Tülle ein breitklingiges Messer mit konvex gekrümmter Schneide und geradem oder auch leicht konvex oder konkav gekrümmten, von Spitze bis etwa Mitte auch meist geschärften Rücken aufgesetzt und mit mehreren Federn an ihr befestigt.

Die Ableitung des anscheinend erst von den Waffenhistorikern des 19. Jh. in diese Form gebrachten Wortes C. von frz. couteau ist sachlich möglich, aber etymologisch fragwürdig; das heute in Frankreich übliche couteau de brèche ist jung (alte Bezeichnung fauchard, doch etwas weiteren Begriffs als C). In Wiener Hofzahlamtsrechnungen wird sie 1548, 1553 gusy (Jb. Kaiserhaus 7, 1888, Reg. 4824 und 5, 1887, Reg. 4112), im Inventar des Wiener kaiserl. Zeughauses von 1685 Gusien (Zs. f. hist. Waff. u. Kost.kde. N.F. 8, 1944, 75) genannt.

Vorform der C. ist die insbesondere in Frankreich vom 13. bis ins 15. Jh. geführte „Vouge“ (älter Voulge), deren Blatt nur schlanker, spitzer und auch längeren Teils zweischneidig ist. In der 2. H. 15. Jh. dürfte sich (in Burgund – Niederlande?) die C. abgezweigt haben. Doch ist mit der Möglichkeit einer eigenständigen Entwicklung – Ausgang wäre das Stangenmesser als Provisorium bäuerlicher Notbewaffnung – zu rechnen.

Frühe bildliche Überlieferung der C. findet sich in der Berner Chronik des Diebold Schilling 1474/78 (die von Böheim [3] S. 347 angezogene Miniatur im Münchner Boccaccio des J. Fouquet zeigt die Vouge). Erhaltene früheste Originale sind etwa gleichzeitig, E. 15. Jh.

Nach offenbar sehr kurz bemessener Phase der Feldtauglichkeit wurde die C. zur Trabantenwaffe ab- bzw. aufgewürdigt. Frühes Beispiel einer Trabanten-C. ist die im Lech bei Augsburg gefundene mit geätzter Jahreszahl 1530 (Slg. Kuppelmayr, Kat. 1895 Nr. 391 Taf. 26). Nach Böheim ([3] S. 348, ohne Beleg) war die C. Waffe der Hartschiere des ersten spanischen Habsburgers, Erzherzog Philipp von Burgund, König von Kastilien, der sie aus dem französisch-burgundischen Bereich übernommen haben wird. Bildlich bezeugt ist sie erst für den Sohn, Kaiser Karl V., dessen Trabanten sie beim Einzug in Bologna, 24. Febr. 1530 (Abb. 1), und auch auf dem Schäufelein zugeschriebenen „Triumph Karls V.“ von 1537 führen (Gg. Hirth, Kulturgesch. Bilderbuch II S. 496f.); das Blatt ist geätzt und zeigt die Säulen des Herkules unter der Krone. Vielleicht rührt auch die genannte C. der Slg. Kuppelmayr, nach Jahr und Fundort (Reichstag!) zu schließen, von Karl V. her.

Indes bürgerte sich die C. am spanischen Hofe nicht, um so fester aber am österreichischen ein. Da 1548 von der Neubewaffnung der Hartschiere König Ferdinands mit „Gusy“ verlautet (Jb. Kaiserh. 7, 1888, Reg. 4824; 1536–37 hören wir noch von schäflineisen, Ebd. 2, 1884, Reg. 2019 u. 2039, die übrigens auch 1548 noch nicht abgetan sind), dürfte die Einführung der C. am Wiener Hof in diese Zeit fallen. Sie erhielt sich von Ferdinand I. bis Joseph II. Mit Ferdinand setzt auch die Reihe der erhaltenen, im Ätzdekor sich zunächst mit Wappen und Initialen bescheidenden, dann immer reicher geschmückten kaiserlichen und erzherzoglichen Trabanten-C. ein.

Als zweiter deutscher Hof bewaffnete der bayerische die Leibwache der Hartschiere mit der C., wahrscheinlich 1580 unter Herzog Wilhelm V. (Sohn einer Habsburgerin) und wohl unter Einfluß des Wiener Hofes. Die älteste bayerische C., reich geätzt, ist 1580 datiert (Abb. 2). Die „Gusi“ (so im Inventar der Harnischkammer 1634) bleiben bis 1918, also bis zum Ausgang der Monarchie, Symbolwaffe der Hartschiere.

Außerhalb dieser beiden Höfe, an deren einen sich der Salzburger, mit Beispielen des frühen 17. Jh. (Abb. 3), angelehnt haben dürfte, spielt die C. keine nennenswerte Rolle. Glefe, Helmbarte, Partisane herrschen als Trabantenwaffe vor. Wenige italienische Höfe wie der von Mantua und der von Parma-Piacenza (Beispiele des 17. Jh.) werden den Gebrauch der C. von Wien übernommen haben.

Zu den Abbildungen

1. Joh. Nik. Hogenberg, Aufzug Papst Clemens’ VII. und Kaiser Karls V. in Bologna nach der Krönung am 24. 2. 1530. Kupferstich, 1530. Nach Gg. Hirth, Kulturgesch. Bilderbuch I, S. 378.

2. München, B.N.M., Inv. Nr. A 392, Couse mit Wappen Herzog Wilhelms V. von Bayern, 1580. Eisen, geätzt. Phot. Mus.

3. München, B.N.M., Inv. Nr. A 1046, Couse mit Wappen des EB. Marcus Sitticus von Salzburg (1612–19). Eisen, geätzt. Phot. Mus.

Literatur

1. Quirin Leitner, Die Waffenslg. des Österreichischen Kaiserhauses, Wien 1866–70, 11. – 2. Viollet-le-Duc, Mobilier VI, Paris 1875, 357ff. (unter „Vouge“). – 3. Wend. Böheim, Hdb. der Waffenkunde, Leipzig 1890, 347f. – 4. A. Demmin, Die Kriegswaffen, Leipzig 1893, 802ff. (unter „Gläfe“). – 5. G. Bleuler, Die Vouge, eine Stangenwaffe des spätern MA, Anz. f. schweizer. Altertumskunde N.F. 3, 1901, 179–82. – 6. H. v. Kretzschmar, Zur Benennung der Stangenwaffen, Zs. f. hist. Waff. u. Kost. Kde. IV, 1906–08, 214. – 7. E. Haenel, Alte Waffen, Berlin 1913, 26. – 8. Rud. Wegeli, Inventar der Waffen-Slg. des Bernischen Histor. Mus. in Bern, Jb. d. Bern. Hist. Mus. in Bern 17, 1937, 38ff.

Verweise