Colatorium

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englisch: Colatorium, liturgical wine-strainer; französisch: Couloire liturgique, Passoire liturgique; italienisch: Colatorium, colatoio liturgico.


Hans Martin von Erffa (1953)

RDK III, 824–825


RDK III, 825, Rekonstruktion nach Theophilus, um 1100.

A. Im MA

I. Begriff, Namen, Quellen

Mit C. (colum, catia, cochlear, sia [vom ahd. sîha], syon) bezeichnet man einen liturgischen Seiher, durch den der zur Konsekration bestimmte Wein in den Kelch gegossen wurde. Sein Gebrauch ist seit frühchristlicher Zeit bis zum Ende des MA nachweisbar, heute aber nicht mehr üblich.

Die älteste Quelle über die Verwendung des C. als Altargerät findet sich in der Carta Cornutiana von 471 (L. Duchesne, Liber Pontifìcalis, Paris 1886/92, Introduction S. CXLVI). Die Ordines romani (8./9. Jh.) nennen es verschiedentlich, z. B. der Ordo von St. Amand: „Deinde tenet subdiaconus colatorium super calicem et mittitur de vino, quod est in sciffo, quos offert populus“ (L. Duchesne, Origines du culte chrétien, Paris 1908, S. 460). Häufig sind Erwähnungen des C. in Inventaren des 12., 13. und 14. Jh., seltener des 15. und 16. Jh.

II. Gebrauch

Das liturgische C. war dem profanen Gebrauch der Antike entnommen und diente dazu, den Wein zu seihen, der von den Gläubigen geopfert wurde. Mit dem Aufhören der Weinoblationen kam das C. außer Gebrauch, da man dann keine Unsauberkeit des Weines mehr zu befürchten hatte. Doch scheint das Seihen zu einer liturgischen Zeremonie geworden zu sein, so daß man den Gebrauch des C. vereinzelt noch in nach-m.a. Zeit feststellen kann. Im MA war das C. auch eine Art Abzeichen des Subdiakons, der es mittels eines am oberen Stielende angebrachten Ringes am kleinen Finger trug.

III. Material und Form

Über Material und Form des C. unterrichtet – neben den genannten Quellen – vor allem Kap. 56 des III. Buches der Schedula diversarum artium des Theophilus (um 1100), wo seine Anfertigung genau beschrieben ist. Das Material war zumeist Silber, oft unvergoldet, zuweilen aber auch Gold. Der Durchmesser des eigentlichen Seihers war etwa 8–10 cm, in seiner Mitte waren kreisförmig kleine Löcher angeordnet. Der Stiel – wenn ein solcher vorhanden war – war (nach Theophilus) eine Elle lang und daumenbreit; an jedem Ende des niellierten Stieles war ein Löwenkopf, der die Schale bzw. den Tragering trug, angelötet (W. Theobald, Technik des Kunsthandwerks im 10. Jh., Berlin 1933, S. 109 und 334f.; Rekonstruktion von Fr. Witte im Kat. der liturgischen Geräte d. Schnütgen-Mus. Köln; Abb.). Auch sonst hören wir von Schmuck: so 1127 von zwei edelsteingeschmückten goldenen C. im Bamberger Dom und 1250 daselbst von einem ebensolchen von fast 6 Mark Gewicht [1, S. 448]; ein von Kaiser Lothar der Abtei Prüm geschenktes goldenes C. mit Edelsteinen wird 1003 erwähnt [1, S. 449].

IV. Anzahl

Die Anzahl der in einer Kirche vorhandenen C. muß im hohen MA zuweilen beträchtlich gewesen sein (so nennt z. B. das Inventar des Mainzer Domes von 1150 neun silberne und ein goldenes C., [1] S. 448), meist werden aber nur ein oder zwei C. in den Kircheninventaren aufgezählt. Erhalten hat sich im Abendland kein einziges Stück. Die bildliche Darstellung eines C. erkennt Heinr. Otte in der Fußkonsole auf einem Vortragekreuz in Planig bei Kreuznach, durch welche das Blut des Gekreuzigten in drei Strahlen in einen darunter dargestellten Kelch fließt (Bonner Jahrbücher 44, 1868, Taf. X und S. 198).

B. Protestantische Kelchlöffel

Der protestantische Kult benutzte seit dem 17. Jh. ebenfalls einen seiherartigen Löffel zur Entfernung etwaiger Fremdkörper aus dem Abendmahlswein. Er hat die Form eines 10–15 cm langen Löffels mit tiefer oder flacher Schale, die mit Löchern oder Schlitzen durchbrochen ist. Dieses Gerät, meist Kelchlöffel genannt, wird noch heute bei Abendmahlsfeiern verwendet. Zahlreiche, z. T. mit Ornament verzierte Stücke des späten 17, und des 18. Jh. haben sich in nord- und mitteldeutschen Kirchen erhalten [1, S. 451].

Zur Abbildung

Rekonstruktion des von Theophilus (Buch III Kap. 56) beschriebenen Colatoriums. Um 1100. Nach Fritz Witte, Die liturg. Geräte der Slg. Schnütgen, Berlin 1913, Abb. S. 36.

Literatur

1. Braun, Altargerät, S. 448–54. – 2. Ders., Liturgisches Handlexikon, Freiburg 19242, S. 316.