Clavus

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englisch: Clavus; französisch: Clavus; italienisch: Clavus.


Renate Jaques (1953)

RDK III, 791–796


RDK III, 791, Abb. 1. London, 4. Jh.
RDK III, 791, Abb. 2. London, 6.-7. Jh.
RDK III, 793, Abb. 3. Krefeld, 3.-5. Jh.
RDK III, 793, Abb. 4. London, 6. Jh.
RDK III, 989, Abb. 2. Rom, 640-42.

C. nennt man die meist streifen- oder kreisförmigen textilen Besatzstücke, welche, als Abzeichen oder zur Zierde, in der Antike und der frühchristlichen Zeit auf der Tunika, im frühen MA auf der Dalmatik angebracht wurden.

I. Antike

Schon in der Antike wird die Bezeichnung C. (urspr. = Nagel, dann Streifen [5]; [8] S. 15) für streifenförmige Vertikalbesätze auf Gewändern geführt. Durch Material, Technik und Farbe, durch Ornament und Darstellung heben sie sich aus dem als Gewandstoff benutzten Grundgewebe ab. Ihre Farbe wird mit Purpur angegeben. Für hervorragende Fälle sind auch goldene Claven bezeugt, eine Tatsache, die sich noch in christlicher Zeit wiederholt.

Die schmalen C. (angusti clavi) trugen römische Ritter und die ihnen Gleichgestellten. Wir wissen weiter, daß die breiten C. (lati clavi) allen vorbehalten waren, die Senatorenrang bekleideten. Nach Leclercqs Untersuchungen [5] wäre es auch möglich, daß diese Gewandart zunächst erbliches Privileg des aristokratischen Patriziates gewesen wäre, da Augustus den jungen Patriziern und den Söhnen der Senatoren gestattet, die tunica laticlava zur selben Zeit anzulegen wie die toga virilis. Dieses würde sich wohl auch darin bestätigen, daß diese jungen Männer mit dem Beinamen „laticlavii“ belegt wurden.

Aus dem Obigen geht bereits hervor, daß die C. zum mindesten in der frühen Zeit immer auf der Tunika angebracht waren. Sie erweisen sich als lange, von den Schultern herabgeführte Vertikalstreifen. Schon DeWaal [1] und Leclercq [5] widerlegten die Meinung, daß der Laticlavus nur aus einem breiten, über die Brust herabgeführten Streifen bestanden hätte, mit Beobachtungen, daß diese Art der Verzierung orientalischer und phönizischer Handhabung entspräche und ihr Erscheinen auf römischen Denkmälern daher nicht als originale römische Tracht anzusprechen sei. So erweist sich auch die von Norris [8, S. 15] gegebene Formulierung für den Laticlavus als einzigem, vorn angebrachtem Streifen als irrig. Forrer [2] weist nach, daß der Clavus aus einer uralten Art der Gewandverzierung hervorgegangen ist; er zieht als Belege neolithische Fundstücke, griechische, orientalische und phrygische Trachten heran, bei denen ein ursprünglich farbiges Gewebe einem anderen Stoff als Zierstück eingewirkt oder aufgenäht war.

Mit Beginn der römischen Kaiserzeit gingen C. in jeder Form als breite und schmale Streifen ohne hemmende Standesvorschriften in den allgemeinen Gebrauch über. Während frühe Katakombenfresken die ersten Christen, die als Personen von Rang noch nicht anerkannt waren, ohne C. zeigen, ist auch hier jede Unterscheidung zu Beginn des 3. Jh. n. Chr. gefallen. Vom 4. Jh. an erscheinen schließlich die C. nicht mehr als ursächlich mit der Tunika zusammenhängend; sie schmücken ebenso die Dalmatica, die Paenula wie die Chlamys und andere Gewänder [1; 5]. Wir wissen auch, daß Männer und Frauen das gleiche Gewand trugen.

Die Wurzel für diese Wandlung vom Abzeichen zum Zierat sieht Dimand [6, S. 18] in östlichen Einflüssen, die zur römischen Zeit in den orientalischen Provinzen aufgenommen wurden. Hierfür führt Bossert [7, S. 114] die Fresken von Dura-Europos aus dem 1. Jh. n. Chr. an.

II. Frühchristliche Zeit

Die Mumienportraits aus Fayum, Antinoe und Hawara, die den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten angehören, zeigen noch die Figuren mit Tuniken bekleidet, die ungemusterte Purpurstreifen aufweisen. Die ersten weiteren Zierstücke auf Ärmeln und am Hals begegnen uns ebenfalls am Ende des 2. Jh. Sie zeigen schon ornamentalen Schmuck.

Die eindeutigen Beweise für diese Art textilen Schmucks liefern die Gewänder und Gewandteile, die aus den koptischen und römisch-byzantinischen Gräberfeldern von Sakkarah im Fayum und Achmim-Panopolis bekannt wurden (Abb. 1, 2). Forrer [2] hat sie nach Farbe und Verzierung gruppiert. Er gelangte zu dem Schluß, daß die älteste Form von tief schwarzblauer Färbung ohne wesentliche Schmuckelemente war. In der Folgezeit erscheinen geometrische Motive, Ornamente wie Mäander und laufender Hund, Spiral- und Volutenmusterung ebenso wie runde und eckige Flechtmotive. Die Musterung, fast immer in weißem Leinenfaden gegeben, ist nicht als Stickerei anzusehen, die im zweiten Arbeitsgang eingefügt wurde, sondern als die technische Raffinesse der sogenannten „fliegenden Nadel“ – im direkten Schuß nicht regelmäßig, sondern nur von Zeit zu Zeit, und oft mehrere farbige Schüsse überquerend – eingetragen. Rankenbordüren aus Akanthuszweigen und Weinranken zeigen Tiere in den Zwischenfeldern. Figurale Darstellungen aus der antiken Mythologie lassen neben der reinen Zweifarbigkeit sparsames Einstreuen anderer Farben beobachten. Allmählich nimmt der Purpur hellere rote Töne an und wird durch gelbe, grüne und rote Farben ergänzt. Die Themen erweitern sich sowohl zu Tierkämpfen, zu Reiter- und Kriegsszenen wie zu christlichen Symbolen und Themen.

Schon seit langem war der C. nicht mehr ein bis zum Saum herablaufender Streifen. Verkürzt endet er jetzt über ein schmales Band in einem Medaillon, dem sog. Sigillum (Abb. 2). Dieses nimmt auch nicht selten Blattform an (Abb. 3), deren Vergrößerung den eigentlichen C. zum schmalen Stengel zusammenschrumpfen läßt. Neue Zierstücke in quadratischer, rechteckiger, runder und ovaler Form treten hinzu und werden am Hals, auf den Schultern, der Brust oder am Rock angebracht. Als Saumborte bestimmte Streifen werden an den Seiten rechtwinklig gebrochen und enden – hier nach oben gerichtet – wie C. in einem Medaillon. Die Musterung dieser Zierstücke tritt in einen organischen und darstellerischen Zusammenhang mit den C. In der entwickelten koptischen Zeit ist der C. selbst in rechteckige Felder zerlegt, welche Einzelfiguren zeigen (Abb. 4). Die Saumborten wachsen nicht nur zur beachtlichen Breite, sondern zeigen dann auch wieder einen vom übrigen abweichenden Schmuck.

Diese Entwicklung im ägyptischen Raum umfaßt Wirkereien aus der römischen, konstantinischen und byzantinischen Kaiserzeit. Aus byzantinischer Zeit sind zweifarbig abgepaßt gewebte C. und hierzu passende runde oder viereckige Zierstücke aus Seide bekannt geworden; für deren Herstellung nennt sich u. a. ein Meister Zacharias durch eingewebte Signatur. Weiterhin sind C. auch in Stickerei angefertigt worden [7, S. 186f.].

III. Clavenverzierung der Dalmatik

Aus der Quelle der antiken profanen Tracht entstammt die Ciavenverzierung der Dalmatik als christlich geistlichem Gewand. Diese wird schon in vorkarolingischer Zeit als eine bis zu den Füßen reichende, weißfarbige, mit sehr weiten Ärmeln versehene Tunika beschrieben, verziert mit zwei schmalen Vertikalstreifen und schmalen Zierstreifen rings um die Ärmel, deren Farbe in der frühen Zeit schwärzlich-violett, in der späteren Zeit rot ist [3; 4]. Nach dem Liber Pontificalis hat Papst Eutychianus († 283) befohlen, die Märtyrer in einer Dalmatik zu bestatten, die mit purpurnen C. geziert sei [8, S. 44].

Ebenso wird berichtet, daß Bischof Sylvester von Rom angeordnet habe, daß die Diakonen beim Gottesdienst Dalmatiken tragen sollten [8, S. 46]. Eine im Vikt. und Alb.-Mus. in London erhaltene Dalmatik aus dem 4. Jh. stimmt mit diesen Beobachtungen überein [8, S. 44]. Dalmatiken mit roten C. zeigen z. B. die Figuren der hll. Venantius und Domnius in den Mosaiken von S. Venanzio am Lateran (um 640; s. RDK, Art. Dalmatik, Abb. 2), eine zu Moyen-Moutier aufbewahrte Dalmatik, die spätestens aus dem 8. oder 9. Jh. stammt, und die Darstellung des hl. Laurentius auf einer Miniatur eines Tropars von Prüm, heute in der Bibl. nat. in Paris.

Wenn auch Innocenz III. im 13. Jh. noch auf die unveränderte Verzierung der Dalmatik hinwies, war ihr Aussehen doch schon lange in der Veränderung begriffen. Wir finden die roten C. bestimmt noch auf bildlichen Darstellungen bis zur Wende des 12. Jh. Die in jener Zeit sich ausbildende liturgische Farbenregel bringt die roten Streifen zum Verschwinden und ersetzt sie durch vielfältige Besätze.

Zu den Abbildungen

1. London, Vikt. u. Alb. Mus., Inv. Nr. 36–1887. Leinene Tunika mit eingewebten purpurnen Wollstreifen. Aus Achmim-Panopolis. Oberägyptisch 4. Jh. Nach Diagramm von Herb. Norris, [8] Abb. 58 (vgl. auch Art. Dalmatik, Abb. 1).

2. London, Vikt. u. Alb. Mus., Inv. Nr. 820–1903. Leinene Tunika mit applizierten gewebten Seidenornamenten. Wahrscheinlich aus Achmim-Panopolis. Oberägyptisch 6.–7. Jh. Phot. Mus. T 1351. Crown Copyright.

3. Krefeld, Gewebe-Slg. der Textilingenieurschule, Inv. Nr. 00042. Blattförmiger Clavus, Wolle, gewebt, 29.6 × 18 cm. Ägyptisch 3.–5. Jh. Phot. Gewebe-Slg.

4. London, Vikt. u. Alb. Mus., Inv. Nr. 1278–1888. Streifenförmiger Clavus mit figürlichen Darstellungen, Leinen und Wolle, gewebt, 57 × 18 cm. Ägyptisch 6. Jh. Phot. Mus. T 1549. Crown Copyr.

Literatur

1. A. de Waal, Art. „Clavus“ in Kraus I 295–97. – 2. Rob. Forrer, Reallexikon der prähistorischen, klassischen und frühchristl. Altertümer, Berlin u. Stuttgart o. J. (1907), S. 149–60, Taf. 40–46. – 3. Braun, Lit. Gewandung, 259–61. – 4. Ders., Hdb. d. Paramentik, Freiburg 1912, 113. – 5. Cabrol-Leclercq III, 2, 1847–50. – 6. M. Dimand, Die Ornamentik der ägyptischen Wollwirkereien, Leipzig 1924. – 7. Bossert V 180ff. – 8. Herb. Norris, Church vestments, their origin and development, London o. J. (1949), S. 15, 44–48, 56.