Claudia

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englisch: Claudia; französisch: Claude; italienisch: Claudia.


Hans Martin von Erffa (1953)

RDK III, 788–791


RDK III, 789, Abb. 1. Boccaccio, Ulm 1473.
RDK III, 789, Abb. 2. Hans Kels, 1537.

I. Antike Quellen und Darstellungen

C. Quinta war eine vornehme Römerin aus dem Geschlecht der Claudier, von welcher Livius berichtet, daß sie unter den Frauen, die mit Scipio 204 v. Chr. den heiligen Stein der Göttermutter vom Ida einholten, die einzig bemerkenswerte gewesen sei; durch diese religiöse Tat sei sie, deren Ruf früher zweifelhaft gewesen sei, bei der Nachwelt wegen ihrer Keuschheit berühmt geworden (Livius XXIX, 14, 12; nach ihm Cicero, Plinius u. a.). Erst spätere Autoren haben diese Andeutung in die novellenhafte Form gebracht: das Schiff, mit dem das Symbol der Cybele aus Pessinunt in Kleinasien ankam, sei in der Tibermündung auf einer Untiefe aufgesessen und durch kein Mittel weiterzubewegen gewesen. C. habe darauf die Göttin im Gebet um ein Zeugnis für ihre Keuschheit gebeten, indem sie sich von ihr allein weiterbewegen lasse. Alsbald habe C. mit einem am Schiff angebrachten Gürtel dieses ans Land ziehen können (Ovid, Fast. IV, 305–44, Properz, Sueton u. a.). Nach anderen Quellen ging eine Weissagung voraus, nur eine keusche Jungfrau könne das Schiff vorwärtsbewegen; erst nach den vergeblichen Versuchen mehrerer anderer sei es der, nun als Vestalin bezeichneten, C. gelungen (Vir. illust. 46, u. a.).

Die Szene ist in der Antike mehrfach dargestellt worden [1]. Erhalten hat sich ein Relief auf der Basis eines der Magna Mater geweihten Altars im Museo Capitolino in Rom (H. Stuart Jones, Cat. of the Museo Capitolino, Oxford 1912, S. 181f. und Taf. 43). Hier ist C. als Vestalin wiedergegeben, wie sie mit einem Gürtel das Schiff ans Land zieht; anstelle des in den Quellen genannten Meteorsteines trägt das Schiff jedoch das Bild der thronenden Cybele. – Im Vestibül des Magna-Mater-Heiligtums in Rom war eine Statue der C. zur Erinnerung an das Mirakel aufgestellt.

II. C. in der Spätgotik und Renaissance

Augustinus erwähnt in seinem „De civitate Dei“ die Tat der römischen Jungfrau (Buch X, Kap. 12). Von hier kam die Erzählung in die Reihe der unerhörten Begebenheiten aus der Historie, die für die Möglichkeit einer unbefleckten Empfängnis Zeugnis ablegten, und wurde in den illustrierten Handschriften, Blockbüchern und Drucken des Defensorium abgebildet. Meist ist die Darstellung sehr einfach; in der Hs. des Bruders Antonius Pelchinger von 1459 (München, Clm. 18 077, fol. 50 r) steht C. am Ufer und zieht an einem Seil das Schiff, ein einfaches Boot, zu sich heran; die gleiche Darstellung, doch mit einem Schiff mit der Kreuzfahrerflagge, ist im Blockbuch des Joh. Eysenhut von 1471 (J. v. Schlosser in: Jb. Kaiserh. 23, 1902, Taf. XIX); ebenso findet sich die Szene im Blockbuch des Friedr. Walther von 1470 und auf einem Miniaturblatt im Wiener Kh. Museum (Schlosser a. a. O. Taf. XVI). Der Vers lautet zu allen diesen Darstellungen: „Si classem virgo Claudia ad litus trahere valet, cur spiritu sancto gravida virgo non generaret?“. Fr. Walther gibt noch den Titus Livius, De origine, als Quelle an.

Im Druck der Gebr. Johann und Conrad Hist in Speyer, um 1485 (Schramm, Frühdrucke 16, Abb. 650), zieht C. mit dem Gürtel das mit 2 Mann besetzte Schiff heran; der deutsche Vers dazu lautet: „Zog jungfrauw Claudia zu land ein kock / warumb gebare Maria nit mensch und got.“ Ähnliche Darstellung, doch mit lateinischem Text, bringt der Defensoriumdruck der Hurus in Saragossa (Faksimile-Ausg. von W. L. Schreiber, Weimar 1910).

Die im Defensorium des Bruders Anton (Clm. 18 077, fol. 50 v) dargestellte „Claudia“ mit dem Sieb ist eine Verwechslung mit der Vestalin Tuscia.

Boccaccio hat in seinem Buch „De mulieribus claris“ die Geschichte der C. wieder aufgenommen. In Johann Zainers Ulmer Druck von 1473 (lateinische und deutsche Ausgaben) erscheint die Erzählung deshalb wieder. Die Drucke sind mit Holzschnitten eines unbekannten Künstlers geschmückt. Die C.-Fabel wird auf Bl. 79 v. durch ein Bild (Abb. 1) mit der Unterschrift CLAVDIA QVINTA illustriert, das die kniende, zeitgenössisch reich gekleidete C. in Begleitung dreier vornehmer Damen zeigt, wie sie an ihrem Gürtel das Schiff heranzieht. Inmitten desselben, auf einer Säule, thront das Bild der Göttin, ein Zepter in der Hand. Ein stakender Schiffer und der Steuermann lenken das Schiff ans Ufer (Schramm, Frühdrucke 5, S. 3–5 und Taf. 13).

Die C., wenn auch nicht häufig dargestellt, gehört zu der Reihe von Bildern „Römischer Tugenden“, wie sie die Renaissance besonders liebte. So nahm sie z. B. auch Hans Kels in seine in Wien befindliche Serie von Brettsteinen auf, die er 1537 für ein Mitglied des Kaiserhauses nach eigenen Entwürfen schnitzte (Abb. 2). Auch hier wird die Szene in zeitgenössischen Gewändern vorgestellt. Cybele ist jedoch eine reine Phantasiegestalt geworden: eine nackte, geflügelte Gottheit, das Haupt von einem Strahlenkranz umgeben. Nur das Zepter ist aus der Antike entlehnt (Jb. Kaiserh. 3, 1885, S. 66, Taf. XI). Die Beischrift lautet: CLAVDIA • VIRGO • VESTALIS.

Während Mantegna auf seinem Bild in der Nat. Gall. in London die Einholung der Cybele-Büste durch Scipio dargestellt hat, bei welcher im Mittelgrund C. mit gegen die Büste ausgestreckten Händen erscheint, hat Girolamo da Carpi die eigentliche Tat der C. inmitten von Volk und Priestern auf einem Bild in der Gall. Corsini in Rom wiedergegeben.

Zu den Abbildungen

1. Claudia zieht das Schiff mit dem Cybele-Standbild ans Land. Holzschnitt aus Boccaccios Buch von den berühmten Frauen. Ulm, Johann Zainer (1473). Nach Schramm, Frühdrucke 5, Abb. 79.

2. Hans Kels d. Ä., Spielstein aus dem Brettspiel von 1537. Wien, Kh.Mus. Nach Jb. Kaiserh. 3, 1885, Taf. XI.

Literatur

1. Pauly-Wissowa III 2899 („Claudius“ Nr. 435, Münzer).

Verweise