Cicero

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Cicero; französisch: Cicéron; italienisch: Cicerone.


Leopold Ettlinger (1953)

RDK III, 770–776


RDK III, 771, Abb. 1. München, A. 13. Jh.
RDK III, 773, Abb. 2. Holzschnitt, um 1493.
RDK III, 773, Abb. 3. London, um 1571.
RDK III, 775, Abb. 4. Jörg Syrlin, 1469-74, Ulm.
RDK III, 777, Jost Amman nach Joh. Melchior Bocksberger, 1563.

Marcus Tullius Cicero, römischer Redner, Staatsmann und Philosoph (106–43 v. Chr.).

I. In der Antike

Von den angeblich antiken Bildnissen C. ist nur die Londoner Büste (Apsley House) durch Inschrift gesichert; die bekannte vatikanische (Museum Chiaramonti 698; Amelung Bd. I S. 787), in der J. J. Winckelmann ein Bildnis C. zu erkennen glaubte, muß wohl ausgeschieden werden. Porträts auf Gemmen lassen sich vielleicht auf Grund der Londoner Büste bestimmen, jedoch mögen selbst diese Kopien der Renaissance nach verlorenen antiken Vorlagen sein (Furtwängler, Antike Gemmen III, S. 351f.). Antike Münzen aus Magnesia am Sipylos beziehen sich auf den Sohn des C., der Prokonsul der Provinz Asia war (Cat. of Coins in the Brit. Mus., Lydia, Taf. 16 Nr. 1).

II. Mittelalterliche Darstellungen

Die nachantiken Darstellungen bis hin zur Renaissance beschäftigen sich fast ausschließlich mit einem Gedanken: im Gedächtnis des Abendlandes lebte C. als typischer Vertreter der Rednerkunst fort und als solcher erscheint er, wenn die sieben freien Künste mit ihren Repräsentanten vorgeführt werden. Diese Zuordnung C. geht in erster Linie nicht auf eine bildliche, sondern auf eine bis in die Spätantike hinaufreichende schriftliche Überlieferung zurück. Die Ikonographie der freien Künste hat ihren Ursprung in der allegorischen Schrift des Martianus Capella, De nuptiis Philologiae et Mercurii. Auch Boethius und Isidor von Sevilla kennen C. in dieser Rolle, und im Zusammenhang mit der Rhetorik wird er im Mittelalter wiederholt genannt, etwa bei Alanus de Insulis (Anticlaudianus III, 2) und in einem deutschen Lehrgedicht des frühen 13. Jh. (Thomasin von Cerclaere, Der Wälsche Gast).

Die frühesten Darstellungen der freien Künste, und damit C., sind nur in Beschreibungen erhalten. Sie begegnen uns charakteristischerweise während der karolingischen Renaissance. Wir hören von zwei, vielleicht auch drei solchen Darstellungen (Schlosser, Schriftquellen S. 374ff.; Clemen, Roman. Mon. Mal. S. 744), die die Wände in den Pfalzen von St. Denis, Aachen und Ingelheim schmückten. Diese Tatsache macht es wahrscheinlich, daß ähnliche Darstellungen wohl schon in der Spätantike, als die oben erwähnten Schriften entstanden, vorhanden waren. Das Trierer Mosaik (Studemund, Jb. d. Arch. Inst. 5, 1890, S. 1ff.; Lafaye-Blanchet, Inventaire des Mosaïques I Nr. 1231), welches Musen, Dichter, Tierkreiszeichen usw. in enzyklopädischer Weise vereinigt, macht dies noch wahrscheinlicher; auch hier ist C. dargestellt.

In der Folgezeit finden wir C. wiederholt auf Darstellungen der Künste in Profanräumen. In der Bibliothek des Prämonstratenserklosters Brandenburg erschien C. als vir barbatus in bireto in Begleitung der Rhetorica (Schlosser, Jb. Kaiserh. 17, 1896, 96ff.), ähnlich auf einem Fenster der Klosterbibliothek von St. Albans (Schlosser, Beiträge z. Kg. a. d. Schriftquellen des fr. MA, Wien 1891, S. 153) und auf einem Fenster in Niederaltaich (Clemen, Rep. f. Kw. 15, 1892, 223). Da schließlich die freien Künste in das große enzyklopädische System der Scholastik eingebaut werden, haben wir wohl stets im Begleiter der Rhetorik, auch wenn er keinen Namen trägt, C. zu sehen, wie am Westportal in Chartres (Mâle II, S. 75ff.) oder im Triumph der Theologie in der spanischen Kapelle in S. Maria Novella, Florenz. Hartmann Schedel hat einen ähnlichen Zyklus Giusto’s in Padua beschrieben (Schlosser, Jb. Kaiserh. 17, 1896, 13ff.). In einer Illumination zu Bartolomeo di Bartolis „Canzone delle Virtù e Scienze“ ist der Begleiter der Rhetorica ausdrücklich als Marcus Tullius C. bezeichnet (Chantilly, Musée Condé, hrsg. L. Dorez).

Die Künste, und mit ihnen C., erscheinen auch auf profanen Gebrauchsgegenständen des Mittelalters. Zumindest eine der sog. Hansaschüsseln (A. Kisa, Zs. f. christl. Kunst 18, 1905, 227ff.), die dem frühen 12. Jh. angehören dürfte (G. Swarzenski, Bull. of the Mus. of Fine Arts, Boston, 47, 1947, 74ff.), enthält ein Bildnis C. (Zs. f. christl. Kunst 10, 1899, 233). Auch der sog. Almosenteller aus dem Halberstädter Domschatz (O. Doering, Halberstadt, 1927, S. 68) gehört in diese Tradition. Hier finden wir 14 heidnische Weise in Halbfiguren, die in zwei konzentrischen Ringen angeordnet sind; C. erscheint im äußeren zwischen Aristoteles und Theokrit. Idee und Komposition scheinen auf antike Vorbilder vom Typus des Trierer Mosaiks (s. o.) hinzuweisen.

Seit dem 13. Jh. tritt C. auch als Vertreter der Rhetorik in illuminierten deutschen Handschriften auf. In der Historia Scholastica des Petrus Comestor (München, Clm. 17405), angefertigt um 1241 vom Kustos Konrad für das Kloster Scheyern, ist Rhetorica von Gorgias und C. begleitet: Rhetorica thront, die beiden Vertreter sitzen rechts und links; sie hält über C. ein Schriftband mit der Inschrift: TULLIUS ELOQIi ROMANI MAXIMs AUCTOR. In einem Sammelband des 13. Jh. aus Aldersbach (München, Clm. 2595) erscheint C. nicht nur als Begleiter der Rhetorica (Abb. 1) – merkwürdigerweise jung und ohne Bart – sondern auch noch ein zweitesmal bärtig, als Begleiter des Martianus Capella (W. Gf. Rothkirch, Deutsche Kunst, Berlin 1934, S. 121). Schließlich gehören hierher auch die ziemlich rohen Illustrationen zu Tomasin von Cerclaeres Wälschem Gast (s. o.; A. v. Oechelhäuser, Bilderkreis, Taf. VI und VII). In allen diesen Fällen sind C. und die anderen Vertreter der Künste nur durch die Tituli kenntlich. Am E. 15. Jh. erscheint diese Bildvorstellung auch im Einblattholzschnitt auf einer Darstellung der Theologie mit den freien Künsten (Schreiber Nr. 1873; Abb. 2). Auf dem oberen Streifen sieht man die Allegorien der Künste allein, darunter noch einmal in etwas anderer Form mit ihren Vertretern. C. ist auch hier jung und ohne Bart dargestellt (die Hs. Salzburg, Studienbibl. Nr. 53; Beschr. Verz. II, S. 58, ist ein Vorläufer dieses Holzschnittes). Als Lehrer der Rhetorik mit zwei Schülern erscheint C. in einer deutschen Hs. des 15. Jh. (London, B.M.Add. 15 692, fol. 27 v), in der auch die übrigen freien Künste ähnlich dargestellt sind.

Die großartigste spät-m.a. Darstellung C. finden wir jedoch an Jörg Syrlin’s Ulmer Chorgestühl (Abb. 4). Hier erscheint der nunmehr ganz vergeistigte Kopf C. zusammen mit anderen antiken Denkern und Dichtern den Sibyllen gegenübergestellt. Vöge (Jörg Syrlin II, Berlin 1950, S. 74) hat nachgewiesen, daß auch hier ein älteres Exemplum zugrunde liegt.

Daß C. dem Mittelalter auch als Philosoph schlechthin bekannt war, läßt sich an mindestens einem Beispiel nachweisen. Auf einer Miniatur einer steirischen Hs. des frühen 13. Jh. sehen wir C. zusammen mit anderen Weisen dem Autor im Traum erscheinen (Wien, Ms. 858; Beschr. Verz. N.F. II, Taf. 44). Obwohl C. nicht durch eine Beischrift unterschieden ist, hat man ihn wohl mit Recht in dem hutlosen bärtigen Manne mit Rednergestus erkannt.

Als Exemplum des alten, weisen Staatsmannes erscheint C. auf den Fresken des Genfer Rathauses, merkwürdigerweise zweimal: zuerst als TULLIUS zusammen mit Aristoteles als Begleiter der Justitia, dann noch einmal als alter Mann mit Krückstock und langem weißem Bart und der Inschrift „Nichil afferunt in re publica qui in rebus gerendis versari senectutem abnegant. Cicero“ (Zs. f. schweiz. Archäol. u. Kg. 13, 1952, Taf. 45 Fig. 13).

III. In der Renaissance

Die Renaissance entwickelt dann ein ganz neues C.-Bild. Zunächst werden nun C.-Handschriften oft mit dem „Porträt“ des Autors geschmückt. Diese Entwicklung beginnt in italienischen Hss. Zuweilen ist C. noch der Typ des m.a. bärtigen Weisen (Wien Ms. 11, um 1470; Beschr. Verz. VI, Nr. 39), zuweilen erscheint er als Profilkopf, im Sinne einer antiken Münze oder Gemme stilisiert (Miniatur zur Ausgabe von C. De Oratore von 1465. Wien, Ms. Inc. 3; Beschr. Verz. VI, 3, Nr. 142). Dann aber tritt C. auch unter den berühmten Männern der Antike auf und wird als solcher gefeiert (Perugino, Cambio-Fresko in Perugia; Ghirlandajo, Sala del Giglio, Pal. Vecchio, Florenz). Ein deutsches Beispiel dieses Typus, wohl unter italienischem Einfluß, befindet sich in der Amtsstube des Weberhauses in Augsburg (1457), wo C. zusammen mit Seneca, Sokrates, Plato usw. dargestellt ist. (Vöge, Syrlin II, S. 40). Ein merkwürdiges Beispiel einer solchen Folge von imagines illustrium, stilisiert all’antica, bietet eine für Hzg. Albert III. von Bayern angefertigte Hs. aus der 2. H. 16. Jh. (Abb. 3). Alle Köpfe sind stark vergrößerte „Münzprofile“, ähnlich wie an der Certosa di Pavia. C. erscheint zweimal durch Inschrift und die Warze (cicer) klar gekennzeichnet (fol. 184 und 188).

Gleichzeitig beginnt nun auch die Darstellung von Szenen aus C. Leben. In der deutschen Kunst stammt die größte Folge aus vom Petrarkameister illustrierten Ausgaben der Schriften. (Th. Musper, Die Holzschnitte des Petrarkameisters, München 1927, passim). Besonders der Tod C. ist ein beliebtes Thema. Im ganzen muß es aber auffallen, daß die Anzahl der C.-Porträts in keinem rechten Verhältnis zu seinem literarischen Ruhm steht.

IV. Im 18. und 19. Jh.

Erst das 18. und 19. Jh. haben dem Thema C. neue Bildmöglichkeiten abgewonnen. Das arkadische Motiv der Entdeckung des Grabmals des Archimedes durch C. wird im 18. Jh. wiederholt dargestellt (Pierre Henry Valenciennes; F. Zucarelli, Supraporte in Wörlitz 1745, Inv. Anhalt II, 2, S. 52). Das mehr historisch denkende 19. Jh. nahm sich zuweilen die dramatischen und pompösen Eröffnungsworte der ersten catilinarischen Rede zum Bildvorwurf (C. Maccari, Pal. Madama, Rom, 1880; H. Schmid, Wandbilder zur griech. und röm. Geschichte, Wien o. J., T. 2. – Vgl. auch: Delacroix, C. klagt Verres an, Paris, Palais Bourbon).

Zu den Abbildungen

1. München, St. Bibl., Clm. 2599. „Musica“ des Johann Cotten, Hs. mit Federzeichnungen aus Kloster Aldersbach. Salzburg Anf. 13. Jh. (Swarzenski, Salzburg, S. 125, Anm. 3). Phot. Warburg Institute, London.

2. Holzschnitt „Die Theologie und die sieben freien Künste“ aus der Offizin von Peter Wagner in Nürnberg. Ausschnitt: „Tullius und Rethorica“, 8,9 × 8,8 cm. Nicht vor 1493. (Schreiber Nr. 1873). Phot. Warburg Inst.

3. London, B. M., Ms. Arundel 65, „Imagines regum, consulum etc.“, Bd. 4 fol. 184. Um 1571. Phot. Warburg Inst.

4. Jörg Syrlin d. Ä., Büste vom Chorgestühl des Ulmer Münsters. 1469–74. Phot. Marburg 60 363.

Literatur

1. L. Laurand, L’iconographie de Cicéron, Revue des Etudes Latines 9, 1931, S. 309ff. – 2. O. Kurz, Bibliographie z. Nachleben der Antike, hrg. v. Warburg Institut, Bd. I, 1931, S. 84 Nr. 322. – 3. F. Studniczka, Niccolò da Uzzano? in: Festschrift Heinrich Wölfflin 1924, S. 135ff.

Verweise