Chronik

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englisch: Chronicle; französisch: Chronique; italienisch: Cronaca.


Hans Wegener (1953)

RDK III, 744–749


RDK III, 745, Abb. 1. New York, um 1450, Richental-Chronik des Konstanzer Konzils.
RDK III, 747, Abb. 2. Konstanz, um 1460, Richental-Chronik.
RDK III, 747, Abb. 3. Bern, 1484, Spiezer Chronik.

Unter C. versteht man die kommentarlose Aufzeichnung historischer Ereignisse in chronologischer Folge. Nach dieser Definition sind weit über das Mittelalter hinaus alle geschichtlichen Werke C. und ihre Illustrationen eben Historienbilder. Der Titel „Chronik“, in den meisten Fällen von der Philologie oder der Historie des 19. Jh. ganz willkürlich diesen Werken gegeben, charakterisiert weder im Text noch in der Illustration eine besondere Gruppe. Doch gibt es darunter einige wenige, die einen anderen Illustrationstypus zeigen, und, da sie meist die Bezeichnung C. tragen, unter diesem Stichwort abgehandelt werden müssen.

Es sind Geschichtswerke, die von Augenzeugen geschrieben und illustriert wurden oder doch in nächster Nähe der Ereignisse entstanden sind. Da hier der Autor neben den historischen Ereignissen auch die kleinen Details, Merkwürdigkeiten und Genrehaftes am Rand des Geschehens schilderte, gab er den Illustratoren Motive, die bisher noch keine Darstellung gefunden hatten. Es entstand in diesen C. das aktuelle Bild, das Ereignisbild, das in gerader Linie von den Handschriften über die Flugblätter in die Illustration der Zeitungen einmündet.

Als Vorläufer mag der Codex Balduini Trevirensis (Koblenz, Staatsarchiv) gelten, der die Romfahrt Kaiser Heinrichs VII. behandelt. Ob der Illustrator dieser Bilderfolge ein Reiseteilnehmer, mithin ein Augenzeuge war, läßt sich nicht beweisen. Die Zeichnungen sind sehr konventionell, doch werden hier schon die kleinen Ereignisse ohne historische Bedeutung für darstellenswert gehalten. Der Codex ist das früheste illustrierte Werk zeitgenössischer Geschichte.

Die ersten wirklich aktuellen Bilder bringt Ulrich v. Richentals C. des Konzils zu Konstanz. Richental hat als Konstanzer Bürger das Konzil aus nächster Nähe erlebt und war in verschiedenen Kanzleitätigkeiten selbst daran beteiligt. Die heute verlorene Urhandschrift muß während des Konzils entstanden sein, da die C. tagebuchartig geführt ist.

Der älteste der 9 erhaltenen Codices und wohl auch die dem Original am nächsten stehende Hs., früher im Besitz des Grafen Königsegg-Aulendorf, jetzt in der Public Library in New York, ist in die Zeit um 1450 zu datieren (Faksimileausg. v. Herm. Sevin, Karlsruhe 1880. – Abb. 1). Neben 834 Wappen der Konzilteilnehmer enthält sie 115 farbige Federzeichnungen, die nicht nur die wichtigsten Ereignisse, sondern auch allerlei Merkwürdigkeiten schildern: einen fahrbaren Backofen, das Treiben auf dem Markt, die griechisch-orthodoxe Messe, der umgestürzte Wagen des Papstes und anderes. Die künstlerisch wertvollste und am reichsten illustrierte Richental-Hs. aus der Zeit um 1460 befindet sich im Konstanzer Rosgarten-Mus. (Faksimileausg. v. German Wolf, Leipzig 1869, 1894. – Abb. 2). Sie ist textlich eine Neufassung, aus der viele der kleinen Beobachtungen des Verfassers verschwunden sind. Eine Kopie dieses Manuskriptes hat Anton Sorg in Augsburg als Vorlage für seine Druckausgabe 1483 gedient (Faksimile 1932). Eine zweite Ausgabe erschien mit Holzschnitten von Jörg Breu 1536 in Augsburg bei Steiner.

Die nächste Gruppe aktueller Illustrationen finden wir in den Schweizer Bilderchroniken von der Berner C. des Benedicht Tschachtlan von 1470 bis zur Zeitchronik des Johann Jakob Wick von 1560–87. In diesen C. nimmt die Zeit, in der die Autoren und Zeichner lebten, den weitaus größten Raum ein, auch wenn sie mit der älteren Geschichte beginnen. Die Illustratoren waren also Augenzeugen und konnten deshalb aus eigenem Erleben alle Einzelheiten des Geschehens, auch wenn es der Autor nicht erwähnt, in voller Lebendigkeit darstellen. Sie waren allerdings auch Parteigänger, denen es nicht auf die historische Wahrheit ankam, sondern auf den Ruhm ihres Landes und ihrer Stadt. Eine Fülle gut beobachteter Einzelheiten steckt in den ganz unschematischen Zeichnungen. Es sind Bilder der Erinnerung, die den Ort der Handlung, Besonderheiten des Verlaufes, Bewaffnung, Tracht und alle sonstigen Einzelheiten mit frischem Realismus schildern.

In den C., die Diebold Schilling, der Neffe des Berner Chronisten, schrieb und zum größten Teil auch illustrierte (Spiezer C. von 1484, Abb. 3; C. von Luzern 1513 u.a.) sind ganz neue Motive dargestellt: die Folgen eines Erdbebens, ein Meteorfall, der Einzug des römischen Königs, Volksfeste usw. Das sind Bildreportagen, die deutlich nach ihrem Sensationsgehalt ausgewählt wurden. Wenn Joh. Jak. Wick dann 1577 in seiner Zeitchronik eine Wundergeburt, Lawinenunglücke, ein Trinkgelage in der ausgetrockneten Limmat zeichnet, so war das damals nichts Neues mehr. Das aktuelle Bild war längst zum Motiv der Flugblattillustration geworden.

Keine C. zwar, aber doch ein aktueller Bericht ist auch die Beschreibung der Reise des Mainzer Domdechanten Bernhard von Breydenbach nach Jerusalem, gedruckt in Mainz bei Erhard Reuwich 1486 (Abb. Schramm, Frühdrucke 15, Taf. 1–24). Neu sind in diesen vorzüglichen Holzschnitten authentische Stadtbilder, Bilder aus dem Volksleben Palästinas und die Darstellung von Volkstypen. Der Illustrator Erhard Reuwich war von Breydenbach auf die Reise mitgenommen worden. Die Lokal-C. vom E. 15. Jh. gehören schon in die Zeit des gedruckten Buches, aber nur wenige sind gedruckt worden oder haben den Buchholzschnitten als Vorbild gedient (neben Richentals Konzilien-C. nur die 1477 in Straßburg gedruckte Burgundische C. Die Kölner C. 1499, die Johann Koelhoff herausbrachte und mit 368 Holzschnitten ausstattete, enthält keine aktuellen Bilder.

Im 16., 17. und auch noch im 18. Jh. sind eine ganze Reihe von C. geschrieben und illustriert worden: Länder-C. wie die Fränkische C. von Lorenz Fries (Original in Würzburg, mehrere Kopien), Stadt-C., Kloster-C. und Familien-C. Es sind wenige darunter, deren Bildschmuck ein beachtliches Niveau aufweist, und keine hat für die Motivgeschichte irgend etwas Neues gebracht. Die Illustrationen sind durchweg schematisch: Phantasiebildnisse, Wappen, Stammbäume, die üblichen Kampfszenen und gelegentlich authentische Bilder von Städten und Gebäuden. Einige wenige haben Wert als historische Dokumente; für die Kunstgeschichte sind sie fast alle unerheblich. Den Höhepunkt der C.-Illustration mit aktuellen Bildern bildete die Schweizer C. von 1470 bis zum Beginn des 16. Jh.

Zu den Abbildungen

1. New York, Public Library. Ulrich von Richentals Chronik des Konstanzer Konzils, Hs. mit kolor. Federzeichnungen aus dem Besitz des Grafen von Königsegg-Aulendorf. Um 1450. Markttreiben. Phot. Verf.

2. Konstanz, Rosgarten-Museum. Ulrich von Richentals Chronik des Konstanzer Konzils, Hs. mit kolor. Federzeichnungen. Um 1460. Krönungsfestzug Papst Martins V. Phot. German Wolf, Konstanz.

3. Bern, Burger-Bibl., Ms. hist. helv. I, 16. Diebold Schillings Spiezer Chronik, Hs. mit kolor. Federzeichnungen. 1484 für den Schultheiß Rudolf von Erlach geschrieben. S. 601: König Sigismund kommt nach Bern. Phot. Bibl.

Literatur

1. G. Irmer, Die Romfahrt Kaiser Heinrichs VII. Im Codex Balduini Trevirensis. Berlin 1881. – 2. R. Kautzsch, Ulrich von Richentals Chronik des Konstanzer Konzils. Zs. f. d. Gesch. d. Oberrheins N. F. 9, 1894, und 12, 1897. – 3. Jos. Zemp, Die Schweizerischen Bilderchroniken und ihre Architekturdarstellungen, Zürich 1897. – 4. L. Baer, Die illustrierten Historienbücher des 15. Jh., Straßburg 1903. – 5. Rob. Durrer und Paul Hilber, Diebold Schilling, Luzerner Bilderchronik 1513, Genf 1932. – 6. Paul Ganz, The Lucerne Chronicle of Diebold Schilling, Burl. Mag. 63, 1933, 127f. – 7. Hans Bloesch, Tschachtlan, Berner Chronik 1470, in „Schweizer Buchmalerei“ I, Genf 1933. – 8. Ders., Diebold Schilling, Spiezer Bilderchronik 1485, Genf 1939. – 9. Walter Muschg und E. A. Geßler, Die Schweizer Bilderchroniken des 15./16. Jh., Zürich 1941. – 10. Peter Volkelt, Die Städteansichten in den großen Druckwerken vornehmlich des 15. Jh., Diss. Marburg 1949 (masch.), S. 20–38, 261–92.

Verweise