Chippendale

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englisch: Chippendale; französisch: Chippendale; italienisch: Chippendale.


Charlotte Steinbrucker (1952)

RDK III, 482–488


RDK III, 483, Abb. 1. Th. Chippendale, 1754.
RDK III, 483, Abb. 2. D. Roentgen, um 1770.
RDK III, 483, Abb. 3. Altona, um 1770.
RDK III, 485, Abb. 4. Hamburg, 2. H. 18. Jh.
RDK III, 485, Abb. 5. Hamburg, E. 18. Jh.

C. = Chippendale, C.M. = Chippendale-Möbel.

I. Definition

Als CM. bezeichnet man nicht nur die von Thomas Chippendale d. Ä. (1709–1779) in London gefertigten, sondern, allgemeiner, die unter seinem Einfluß entstandenen Möbel, deren besondere Kennzeichen sind: Bevorzugung symmetrischer Formen und aus dem Holz geschnitzter Ornamente, tunliche Vermeidung von Metallbeschlägen und holzfremden Einlagen; Bevorzugung von Mahagoniholz, dazu in England auch Lack und Vergoldung; Anpassung der Sitzmöbel an die menschlichen Körperformen, wobei weniger mit Polsterung, als mit entsprechender Gestaltung des Holzes gearbeitet wird; im Stilistischen Schaffung eigener Formen durch Vermischung verschiedener Elemente. Es handelt sich dabei in erster Linie um Sitzmöbel (Stühle, Sessel, Sofas), aber auch um Schreibtische, Kabinette, zahlreiche Kleinmöbel und ganze Innendekorationen. Die starke Wirkung C.s, auch auf die dt. Möbelkunst, geht vor allem auf sein Musterbuch „The gentleman and cabinet makers Director“, London 1754, zurück.

Die von Thomas C. verwendeten und zu eigenen Formen und Typen verschmolzenen Elemente entstammen nur zum Teil der englischen Tradition, im übrigen aber dem französischen Rokoko, der ostasiatischen Kunst und der Gotik. In der Spätzeit treten klassizistische Elemente hinzu.

II. Herkunft der Stilelemente

Werke unter englischem Einfluß. Das vasenförmige Mittelstück an der Lehne im Queen-Anne-Stil löste C. in ein verschlungenes Bandwerk aus Kreisen, Voluten, Wellenlinien und naturalistischen Bandformen auf. Die beim Queen-Anne-Stil gebogenen Stuhlbeine ersetzte er durch gerade, die sich hin und wieder nach unten verjüngten oder durch Schnitzarbeit verziert waren. Bisweilen behielt er in der Frühzeit seines Schaffens an der Vorderseite die geschweiften Füße bei und ließ sie in Tatzen endigen. In einzelnen Fällen verwandte er auch Eigenheiten der georgischen Periode, z. B. die Löwenmasken an dem Mahagoni-Bibliothekstisch von 1767 in Nostell Priory [3 Taf. 36]. C. verarbeitete mit Vorliebe das seit A. 17. Jh. in England importierte, seit 1720 zu Möbeln verwendete Mahagoniholz, das infolge seiner Härte eine zierlichere Formgebung erlaubte und seit C. Zeit das beliebteste Möbelholz geblieben ist.

Werke unter französischem Einfluß. Das wellig durchbrochene, in Maschen geschlungene oder zwischen Voluten aufgehängte Band scheint auf Jean Bérain zurückzugehen. Einzelne Stühle und Kommoden zeigen geschweifte Füße und Rokokoornamente. Die letzteren verband C. auch mit chinesischen und gotischen Zierformen. Auch die – allerdings seltene – Verwendung feuervergoldeter Bronzebeschläge an den Schubladen geht auf das franz. Rokoko zurück.

Werke unter chinesischem Einfluß. Es besteht kein Zweifel, daß C. für viele seiner Entwürfe das große, 1735 in franz., 1741 in engl. Sprache erschienene Werk von J. B. de Halde über China benutzt hat. Sicherlich waren ihm auch die 1750 von Will. Halfpenny und 1753 von William Chambers veröffentlichten chinesischen Entwürfe bekannt (siehe Chinoiserie). In vielen Häusern, für die C. Möbel lieferte (z. B. Carlisle House, Soho Square), waren besondere Zimmer im chinesischen Geschmack eingerichtet. Der Einfluß Chinas auf die CM. liegt allgemein in der Verdrängung der geschwungenen Linie durch die Gerade. Die durchbrochene Lehne ist durch streng geometrisches Lattenwerk ausgefüllt, und die bisweilen, ebenso wie die Zarge, durchbrochenen geraden Beine sind oft durch Stege verfestigt (Abb. 4 und 5). Glas- und Kabinettschränke bekrönte C. häufig mit Pagoden, und reichen Gebrauch machte er bei den meist in Kiefer oder Fichte gearbeiteten chinesischen Möbeln von der Lackierung.

Stühle für Hagley Hall, Worcestershire; Schrank mit chines. Ornamenten in der Slg. D. Griffith; lackierte Bettstelle und Tisch [3 Taf. 24 und 29].

Werke mit gotischen Stilmerkmalen. Die im damaligen England herrschende Vorliebe für den gotischen Stil geht auf den Architekten Sanderson Miller, auf William Kent und die Veröffentlichung „Gothic architecture improved by rules and proportions in many grand designs“ von Betty und Thomas zurück. Sicherlich wurde C. zur Verwendung gotischer Ornamente auch durch Horace Walpole angeregt, der Möbel bei ihm bestellte. So entwarf er Stühle mit gebündelten Pfeilerfüßen, Spitzbogen oder einem Radfenster in der Lehne und verzierte mit ähnlichen Formen auch einige Tische und Schränke.

Im klassizistischen Stil sind die meisten der im Auftrag von Robert Adam nach dessen Zeichnungen (jetzt London, Soane-Mus.) ausgeführten Möbel gehalten.

Mahagonischreibtisch, eingelegte Kommode, Bilderrahmen und einige andere Möbel, 1766–70 nach Entwürfen Adams für Sir Rowland Winn in Nostell Priory, Yorkshire; Mobiliar für Sir Edward Knatchbull in Mersham Hatch, Kent, 1767–79 zum großen Teil nach Adams Zeichnung; eingelegter Schreibtisch mit Pilastergliederung und Widderköpfen, sowie andere nach Entwurf Adams 1771–75 angefertigte, besonders stark unter antikem Einfluß stehende Möbel für Edwin Lascelles (Lord Harewood) in Harewood House, Yorkshire; Kommode mit Intarsien im antiken Stil, wohl auch nach Entwurf Adams, Slg. H. H. Mulliner, London.

III. C.s „Director“

Das Vorbilderwerk “The gentleman and cabinet makers Director“ veröffentlichte C. 1754 „zur Verbesserung und Verfeinerung des Geschmackes“, weil er als erster den Standpunkt vertrat, daß der Kunsttischler dem Architekten gleichzuachten sei und sich als Künstler fühlen müsse (C. wurde 1760 in die „Society of Arts“ aufgenommen). Es enthält, nach der Darstellung der fünf Säulenordnungen (!), 160 gestochene Abbildungen der in seiner Werkstatt ausführbaren Möbel mit Angaben über mögliche Vereinfachungen und sonstige Verbesserungen. In den mannigfaltigsten Formen und Stilen sind Betten, Stühle, Tische, Schränke, Uhren (Abb. 1), Spiegel, Wandschirme, Girandolen, Kerzenhalter, Laternen, Sockel, Etageren, Weinkühler, Bilderrahmen, Teebehälter und andere Kleinmöbel dargestellt. Als Material ist nicht nur Mahagoni, sondern auch lackiertes und vergoldetes Holz empfohlen, und bei der Dekoration sind außer der Schnitzerei auch Bronzebeschläge und Intarsien aus farbigem Holz und Elfenbein verwendet.

Der Verdienst des Werkes liegt vor allem in der zweckdienlichen Zusammenstellung gebräuchlicher Typen. Ein ebenfalls von C. verfaßtes Musterbuch „Designs for sconces, chimney and looking-glass frames in the old French style“ mit 11 Tafeln ist undatiert.

IV. Deutsche C.M.

Der „Director“, der bereits 1755 und 1762 Neuauflagen erlebte und viel nachgeahmt wurde (Sheraton, Hepplewhite, aber auch einfachere Vorlagenhefte), ist das erste Werk seiner Art in England und machte mit einem Schlag die englische Möbelkunst in Europa bekannt. C. gilt als der Schöpfer eines nationalen englischen Möbelstils, der im 18. Jh. nicht nur für Großbritannien und Irland (wo man von „Irish Chippendale“ sprach), sondern zum Teil auch für das Festland, Skandinavien (Abb. 3), sowie für die USA verbindlich wurde. Sogar in China wurden für Europäer Möbel nach C.s Zeichnungen im chinesischen Geschmack angefertigt (Mitt. Dr. S. Müller-Christensen). Als Vorzüge seiner Möbel schätzte man vor allem die Zweckmäßigkeit und gute Proportion, die sorgfältige Ausführung und die Verarbeitung edlen Materials. In Deutschland beschränkt sich der direkte Einfluß C. auf die Gebiete nördlich der Mainlinie. In den Küstenstädten der Nord- und Ostsee wurden häufig Möbel nach C. Vorbildern angefertigt, vor allem Stühle und das in England gebräuchliche sideboard. Der größte Teil dieser hauptsächlich in Hamburg, Bremen, Lübeck und Danzig geschaffenen dt. Möbel kam, meist erst in neuerer Zeit, nach England, jedoch haben sich in dt. Museen noch ausgezeichnete Beispiele, vor allem Stühle, erhalten. Die von C. geschaffenen großen Bücherschränke mit Glastüren wurden in Norddeutschland häufig nachgeahmt und gingen in die dt. Möbelkunst über. Eine Anzahl Sitzmöbel läßt nicht erkennen, ob sie in England oder in Hamburg gefertigt wurde (Abb. 5 zeigt einen derartigen Stuhl; charakteristisch sind die Stege zur Versteifung der Beine, der Knick in den hinteren Beinen, das gotisierende Ornament der Rückenlehne).

Nach Hannover, dem damals englischen Kronland, wurden zahlreiche Möbel im C.-Stil importiert, ebenso seit 1764 nach Braunschweig, wohin die Gemahlin des Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand, eine englische Prinzessin, eine reiche, in London gearbeitete Ausstattung mitbrachte und später noch durch weitere Stücke ergänzte. Englische Möbel mit Verzierungen in Lackmalerei, die auch von C. gepflegt wurde, gelangen Johann Heinrich Stobwasser in Braunschweig, der einen besonders dafür geeigneten Lack erfunden hatte. Auch in der von diesem gegründeten, von Jean Guérin geleiteten Zweigniederlassung in Berlin wurden hauptsächlich Möbel in englischem Geschmack gearbeitet. Als hier die Akademie der Künste 1777 eine Rundfrage veranlaßte, wer von den Ebenisten die Kandidatur auf ein akademisches Diplom stellte, wurden nur englische Kunsttischler als dafür geeignet bezeichnet. An C. und andere englische Vorbilder wurde die Ausstattung von Schloß Paretz und Schloß Freienwalde angelehnt, und noch Friedrich Wilhelm II. bezog mehrfach Möbel aus England. In Anhalt-Dessau, wo Herzog Leopold Friedrich Franz (1740–1817) in der Ausstattung der Schlösser und Gärten seine Vorliebe für englische Kunst zum Ausdruck brachte, arbeitete der Dessauer Hoftischler Andreas Irmer nach dessen Angaben und nach auf englische Vorbilder zurückgehenden Entwürfen von Erdmannsdorff die verschiedensten Möbel. Sein als Vater Franz-Stuhl bekannter Birnbaumstuhl, der zu Hunderten hergestellt wurde, ist ein vereinfachtes C.M. In Weimar schuf Holzhauer der Jüngere für die Herzoginwitwe Anna Amalia ein Ameublement im englischen Stil und nannte sich „englischer Ebenist“, ebenso wie Abraham Roentgen, der auf seiner Wanderschaft die englische Tischlerkunst schätzen lernte und vorübergehend den Plan erwog, dauernd nach England überzusiedeln, und sein Sohn David, in dessen Möbeln Einzelheiten, z. B. die Umrahmung der Hauptfelder durch dunkle Bänder, die Verbindung der geschweiften Füße durch Diagonalstege und einzelne chinesische Ornamente auf C. weisen (Abb. 2). Der englische Einfluß läßt sich auch in den Aachener Möbeln vom E. 18. Jh. nachweisen. Oft sind in deutschen Modejournalen des 18. Jh. Hinweise auf englische Vorbilder und diesen nachgebildete Musterblätter veröffentlicht. Im Journal des Luxus und der Moden vom Januar 1786 S. 28 wird anerkannt: „Frankreich und Deutschland, Schweden und Dänemark haben indessen von England gelernt ... Das Englische Ameublement hat fast durchaus den Charakter, daß es solid und zweckmäßig ist.“ Auch die österreichische Tischlerkunst empfing von den C.M. mannigfache Anregungen, die jedoch meistens, ebenso wie in Deutschland, selbständig umgewandelt wurden (Arbeiten des Wiener Kunsttischlers Johann Bauernfeind, E. 18. Jh., im K.Gew.Mus. Budapest).

Zu den Abbildungen

1. Thomas Chippendale d. Ä., Entwurf einer Standuhr aus „The gentleman and cabinet makers Director, London 1754. Nach [3] Taf. 57.

2. David Roentgen (1743–1807), Standuhr um 1770, Teilansicht. Frankfurt/Main, ehem. J. Rosenbaum, aus dem Besitz der Grafen Marcolini. Nach [3] Taf. 57.

3. Altona, Museum. Stuhl mit Monogramm Christians VII. von Dänemark. Rotbuche mit Lederpolster. Altona um 1770. Nach H. Schmitz, Dt. Möbel des Barock und Rokoko, Stuttgart (19372), Taf. 292.

4. Hamburg, Mus. f. K. u. Gewerbe, Inv. Nr. 1903/38. Armstuhl mit Lederpolsterung. Hamburg 2. H. 18. Jh. Phot. Mus. 5176.

5. Hamburg, Mus. f. K. u. Gewerbe, Inv. Nr. 1893/62. Stuhl mit gotisierender Rückenlehne, Lederpolster. Hamburg oder England E. 18. Jh. Phot. Mus. 5173.

Literatur

1. Oliver Brackett, Thomas Chippendale, London 1924. – 2. Edwin J. Layton, Thomas Chippendale. A review of his life and origin. London 1928. – 3. Hans Huth, Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt, Berlin 1928. – 4. Joseph Downs, American Chippendale furniture, New York 1949.

Charlotte Steinbrucker. (1952)