Chimäre

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englisch: Chimaera, chimera; französisch: Chimère; italienisch: Chimera.


Hans Martin von Erffa (1952)

RDK III, 434–438


RDK III, 435, Abb. 1. Lotharevangeliar, 2. V. 9. Jh., Paris.
RDK III, 435, Abb. 2. Ambr. Holbein, 1514, Basel.
RDK III, 437, Abb. 3. Genf, 3. V. 12. Jh.

I. Antike

In der Antike ist die C. (griech. χίμαιρα) ein feuerspeiendes Fabelwesen, dessen Gestalt sich aus Teilen des Löwen, der Ziege und der Schlange bildet, und zwar beschreibt es Homer (Ilias VI 179/83; XVI 328) mit Löwenkopf, Ziegenleib und Schlangenschwanz, während es bei Hesiod (Theogonie 319/25) auch die Köpfe dieser drei Tiere trägt. In solcher Form zeigt es auch die bekannteste Darstellung der C., die etruskische Bronze von Arezzo im Nat.Mus. Florenz. Nach Hesiod entstammt die Chimaira der großen Familie von Ungeheuern, zu der auch Sphinx, Orthros, Hydra, Kerberos, Gorgo, Skylla, der nemäische Löwe u. a. zählen; der Ursprung der Vorstellung ist also in Karien oder Lydien zu suchen [1]. Lucian und Hyginus wiederholen die einfache homerische Beschreibung, die dann bei Ovid weiter reduziert wird („wie ein Drache geschwänzt, eine Löwin an Brust und an Antlitz“, Met. IX 648, nach Th. v. Scheffer).

Der Sage nach wird das feuerspeiende, von Menschen unbesiegliche Ungeheuer endlich im Auftrag des lykischen Königs durch Bellerophontes, der sich ihm auf dem Pegasus reitend entgegenstellt, besiegt und getötet (L. Malten, Bellerophontes. Jb. d. Dt. Archäol. Inst. 40, 1925, 121ff.). Über die antiken Darstellungen der C. siehe [2, 3, 5].

II. Frühchristl. Umdeutung

Bereits in frühchristlicher Zeit vollzieht sich die Umdeutung dieses Kampfes in einen Kampf des Guten gegen das Böse im christlichen Sinn. Bellerophontes wird zum Reiterheiligen, die C. steht hier noch an der Stelle des späteren Drachen. Im Athener Nat.Mus. hat sich die Mittelstütze eines frühchristlichen Tisches erhalten, wie sie in der Nähe von Märtyrergräbern zu eucharistischen Feiern benutzt wurden. Die Stütze zeigt den Kampf des Reiters mit dem Untier, dessen Ziegenkopf und Schlangenschwanz indessen verloren sind; es gibt Repliken dieser Gruppe (Karl Lehmann-Hartleben, Bellerophon und der Reiterheilige, Römische Mitt. 38/39, 1923/24, 264ff. u. Abb. 2).

III. M.a. Darstellungen

Am Beginn des Mittelalters stehen durchaus auf den antiken Vorstellungen fußende Beschreibungen der C: im „Liber monstrorum de diversis generibus“ aus dem 6./7. Jh. (Moritz Haupt in: Index lectionum per semestre aestivum, Berlin 1863, S. 240) heißt es: Chimaeram Graeci scribunt quandam fuisse bestiam triplicis monstruosa corporis foeditate terribilem. Quam flammis dicunt armatam eo quod tria capita ignem habuisset vomentia. Isidor von Sevilla (Etymolog. Buch XI Kap. 3. v. 36; Migne, P. L. 82, 423) sagt von ihr: fingunt et Chimaeram triformem bestiam: ore leonem, postremis partibus draconem, media capream. Quam quidam physiologi non animal, sed Lyciae montem esse aiunt, quibusdam locis leones et capreas nutrientem, quibusdam ardentem, quibusdam plenum serpentibus. Hunc Bellerophontes habitabilem fecit, unde Chimaeram dicitur occidisse.

Die m.a. Darstellungen, die sich mit Sicherheit auf die C. deuten lassen, sind selten. Da der spezielle symbolische Gehalt fehlt, da C. nur allgemein das Böse im Kampf mit dem Guten zu versinnbildlichen scheint, erhielt auch der Begriff C. im Laufe des MA einen allgemeineren Charakter.

Die Beispiele beschränken sich fast ausschließlich auf den außerdeutschen Raum. Als frühestes wird man die Darstellung der C. auf einer Zierleiste des Pariser Lothar-Evangeliars ansehen müssen (Abb. 1). Hier ist die antike Vorstellung noch rein verkörpert: einem Löwen entwächst auf dem Rücken ein Ziegenkopf, während sein Schwanz in einem Schlangenkopf endigt; in dem gegenüberstehenden Reiter auf dem Flügelroß erkennt man unschwer Bellerophontes. Die gleiche Darstellung enthält die Bibel Karls des Kahlen (Paris, Bibl. nat. lat. 1, um M. 9. Jh.; A. Boinet, La miniature carolingienne, Paris 1913, Taf. 52).

Eine Anzahl Verwirklichungen hat die klassische C. in Italien im 11./12. Jh. gefunden: Bischofsstuhl von S. Ambrogio in Mailand, 11. Jh. (Fernand de Dartein, Etude sur l’architecture lombarde, Paris 1865–82, Taf. 36 u. S. 119); Fußbodenmosaik im Dom zu Aosta, um 1110 (A. Kingsley Porter, Lombard architecture, New Haven 1917, Bd. I S. 338 und III S. 53f.; Abb. bei Ernst Aus’m Weerth, Der Mosaikboden in St. Gereon zu Cöln, Bonn 1873, Taf. 10); Fußbodenmosaik in Bobbio (Ebd. I 337f.); Fußbodenmosaik im Mus. Malaspina in Pavia, aus S. Pietro in Ciel d’Oro um 1132 (Venturi 3 Abb. 396); Steinplatte im Chor von S. Pietro in Civate, um 1195 (Kingsley Porter a. a. O. Taf. 57, 1 und Bd. I S. 337f., Bd. II S. 401); Relief im Dom zu Aquileja (Rich. Bernheimer, Roman. Tierplastik, München 1931, S. 40).

Eine ausdrücklich als CHIMERA bezeichnete Darstellung fand die C. an einem Kapitell der Kathedrale in Genf; auch hier sehen wir den Schlangenkopf am Schwanzende des Löwen und den herauswachsenden Ziegenkopf (Abb. 3. – Wald. Deonna in „Genava“ 27, 1949, S. 99 Nr. 9; eine weitere Ebd. S. 110 Nr. 7). Dagegen ist es zumindest fraglich, ob eine Reihe von ähnlichen Fabeltieren, die teils wegen ihrer Mehrköpfigkeit, teils allein wegen des Ziegenkopfes als C. gedeutet worden sind, diesen Namen zu recht tragen.

Englische Miniatur auf einem Blatt der Slg. Schloß Rohoncz, 11. Jh. (Kat. 1930 Nr. 84); Fabelwesen im unteren Streifen des Weltgerichtstympanons der Abteikirche in Beaulieu, 1. H. 12. Jh. [6]; Nevers, Mus. de la Porte du Croux, Kapitell aus St.-Sauveur, um 1135 (Kingsley Porter, Romanesque sculpture of the pilgrimage roads II, Boston 1923, Abb. 128; Bernheimer a. a. O. S. 40); Steinplastik im Louvre aus der Abtei Ste. Geneviève in Paris, 2. H. 12. Jh. (Pantheon 27, 1941, 136); Steinrelief in der Westfassade in Borgo San Donnino, 2. H. 12. Jh. (Abb. bei R. Hamann, Südfranzös. Protorenaissance, Marburg 1923, S. 72 Abb. 128); Speyer, Histor. Mus., Gewölbeschlußstein aus der ehem. Augustinerkirche, E. 13. Jh. (Inv. Bayern VI, 3, S. 414 u. Abb. 304); am ehesten kann man noch als C. ansprechen ein Mischwesen am Kämpferkapitell eines Mittelschiffpfeilers in Vignory, 11. Jh.; der Kopf ist undeutlich, könnte aber ein Ziegenkopf sein, der geflügelte Löwenleib endet in einen doppelten Schlangenschwanz.

Daß sich die C. in der Tierornamentik des MA vielfältig wandeln mußte, liegt nach alledem nahe. Deshalb ist es hier schwer, die Grenze zu anderen Fabelwesen zu ziehen. Schon im MA selbst scheint der Begriff auf Fabelwesen von verschiedener Gestaltung angewendet worden zu sein. In einem französischen Inventar von 1358 wird z. B. eine Tunika beschrieben, die mit in Goldfäden gestickten „ymagines seu chimere“ geziert ist (Gay I 372).

IV. Neuzeit

Vollends willkürlich wird die Benennung C. in der Neuzeit, nun auf jegliche Art von Mischwesen angewendet. In der Heraldik allein bildet sich ein Typ heraus, der schon in den Randzeichnungen Ambrosius Holbeins zum Baseler „Lob der Narrheit“, 1514, anklingt (Abb. 2): ein Wesen mit weiblichem Kopf, Vogelleib, Löwenfüßen und Fischschwanz. In ähnlicher Gestalt, doch mit Löwenleib und Schlangenschwanz, finden wir es z. B. als Wappen der Familie Chimera in Italien (Rietstap C Taf. 80). Im übertragenen Sinne nennt man nun auch Hirngespinste, beängstigende Vorstellungen C.

Von der C. von Arezzo beeinflußt zeigt sich eine kleine Porzellanfigur mit Löwenleib, menschlichem Gesicht, Schlangenkopf auf dem Rücken und Schlangenschwanz, welche von der Wiener Porzellanmanufaktur um 1740 geschaffen wurde (Friedr. Hofmann, Das Porzellan. Propyl. Kg., Berlin 1932, Abb. 417). Gelegentlich wird auch der Kampf Bellerophons mit der C. dargestellt (Reiterstatuette im K. F. M.).

Zu den Abbildungen

1. Paris, Bibl. nat. lat. 266, Lotharevangeliar, fol. 110, Ausschnitt. 2. V. 9. Jh. Nach A. Boinet, La miniature carolingienne, Paris 1913, Taf. 35.

2. Ambrosius Holbein, Die Chimäre. Randzeichnung zu Erasmus von Rotterdams „Lob der Narrheit“, Basel, Joh. Froben, 1514, f. Q 4'. Braune Tusche. Basel, Öff. Kslg. Nach Willy Hes, Ambr. Holbein, Stud. z. dt. Kg. 145, Straßburg 1911, Taf. XX.

3. Genf, Kathedrale, Pfeilerkapitell (2. Pfeiler N-Seite Lhs.). Molasse-Sandstein mit Resten von Polychromie, 3. V. 12. Jh. Phot. Archives du Vieux-Genève.

Literatur

1. L. de Ronchaud in Ch. Darenberg u. Edm. Saglio, Dictionn. des antiquités grecques et romaines I, 2, Paris 1880, S. 1102f. – 2. Roscher I, 1 Sp. 893–5. – 3. Pauly Wissowa III 2281f. – 4. Carl Meyer, Der griechische Mythus in den Kunstwerken des MA, Rep. f. Kw. 12, 1889, 159ff., 235ff. – 5. Anne Roes, The representation of the Chimaira, Journal of Hellenic Studies 54, 1934, S. 21ff. – 6. Ilse Adloff, Die antiken Fabelwesen in der romanischen Bauornamentik des Abendlandes, Diss. Tübingen 1947 (masch.).

Verweise