Charadrius

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englisch: Charadrius; französisch: Caladre (oiseau); italienisch: Caradrio.


Liselotte Stauch (1952)

RDK III, 417–424


RDK III, 419, Abb. 1. Brüssel, 10. Jh.
RDK III, 421, Abb. 2. Klagenfurt, 12. Jh.
RDK III, 421, Abb. 3. Oxford, um 1240/50.
RDK III, 421, Abb. 4. Oxford, 1. H. 13. Jh.

I. Name und Art

C. (charadrius pluvialis oder aureus) ist der Goldregenpfeifer. Der Name stammt aus dem Sanskrit (haridrava – gelber Läufer). Die griechische Volksetymologie hat χαριδροός in χαραδριός verwandelt. Im Vulgärlatein kommt die Form caladris vor, die zu Verwechslungen mit calandris = Lerche führte. In der Vulgata (Lev. XI, 19 und Deut. XIV, 18) ist das hebräische anaphah = Strandläufer mit charadrios übersetzt. Durch die Luthersche Übertragung in Reiher ist der C. auch mit diesem Vogel verwechselt worden. Im Mittelalter ergeben sich durch ständige Ummodelung die Formen karadrius, kaladrius, kaladrus, galadrius, golodrius; und in Verwechslung mit der Lerche calandrius, kalander, galander, galiander und golander. Doch wird z. B. bei Heinrich von Neustadt (Apollonius von Gotes zuokunft) ausdrücklich zwischen galander, der als Singvogel charakterisiert, und galâdrius, der mit dem Pelikan zusammen genannt wird, unterschieden (ed. Jos. Strobl, Wien 1875, S. 71).

II. Erzählung und Deutung

Ein uralter, indogermanischer Aberglaube besagt, daß der C. Gelbsüchtige heilen könne, wenn er sie anblicke. Schon in den ältesten Veden (Rigveda I 50, 12) ist zu lesen, daß dem Vogel haridrava die Gelbsucht eines so Erkrankten angewünscht wird. In der griechischen Antike war die Heilkraft des C. eine verbreitete Vorstellung. Nach Aristophanes (Vögel 266) saßen auf dem Markt zu Athen Vogelhändler mit gefangenen Regenpfeifern, deren gelbes Gefieder sie bedeckten, damit sich die Kranken nicht unentgeltlich durch den Anblick des Vogels kurieren könnten (Otto Keller, Die antike Tierwelt, Leipzig 1913, unter „Goldregenpfeifer“). Plutarch († um 125 n. Chr.), Aelian (2. H. 2. Jh.) und Heliodor (3. Jh.) berichten von dieser Gabe des C.; Plinius d. Ä. (hist. nat.; 1. Jh. n. Chr.) erzählt das gleiche vom Vogel „Icterus“ (= Gelbsucht).

Während die antiken Schriftsteller die Heilkunst des C. auf die Gelbsucht beschränken, erweitert der Physiologus ebenso wie vor ihm Hermes Trismegistos (um 80 n. Chr.) in Abhängigkeit von der gleichen Vorlage diese Fähigkeit auf alle Krankheiten. Nach dem Physiologus ist der C. ein ganz weißer Vogel, der nichts Schwarzes an sich hat. Mit seinen Exkrementen kann man Blinde heilen. Man findet ihn an Königshöfen. Wenn jemand krank ist, so erkennt man durch ihn, ob er sterben muß oder wieder gesund wird. Führt die Krankheit zum Tode, so wendet der C. den Kopf weg; soll der Kranke aber gesunden, so blickt der C. ihn an und zieht die Krankheit an sich. Er fliegt damit zur Sonne, die die Krankheit vernichtet. Im Gegensatz zur antiken Überlieferung werden hier also dem C. weniger heilende als prognostische Fähigkeiten zugeschrieben. Er ist nur das Werkzeug eines höheren Willens. Die Kennzeichnung des C. als ganz weißen Vogel steht im Gegensatz zur Natur des Goldregenpfeifers und ist vermutlich eine Hinzufügung im Hinblick auf die sich anschließende Christus-Symbolik. In den Koiraniden des Hermes Trismegistos steht nichts davon. Ebenso scheint der Bericht, er lebe an Königshöfen, eine Weiterbildung der Urquelle (Bolos-Demokritos um 200 v. Chr.) zu sein. Hermes, der auf die gleiche Urquelle zurückgeht, nennt den C. nur einen königlichen Vogel, wohl wegen der Pracht und Buntheit seines Gefieders [6 S. 55]. Der Methode des Physiologus gemäß wird der C. zunächst in Beziehung zur Bibel (3. Mos. 11, 19 und 5. Mos. 14, 18) gesetzt, wo er als unreiner Vogel den Juden als Speise verboten wird; dann folgt die naturgeschichtliche Erzählung und daran wird die christlich-symbolische Auslegung geknüpft. Der weiße Vogel ohne Flecken ist Christus; er wendet seinen Blick von dem kranken Volk der Juden und richtet ihn auf die Heiden. Er nimmt ihre Krankheit, d. i. ihre Sünde, auf sich, steigt damit auf das Kreuz und macht sie gesund, d. h. erlöst sie von ihren Sünden.

Über den Physiologus, die Bestiarien und die Kirchenschriftsteller (Petrus Damianus 1006–1072, Migne P. L. 145, 772; Hugo von St. Victor 1096–1141, Migne P. L. 177, 77 u. 139; Albertus Magnus, De animalibus 23, 20, 3. V. 13. Jh.) drang die Geschichte vom C. tief in die mittelalterliche Vorstellungswelt ein. Schon im 13. Jh. ist sie in das isländische Märchen vom Königssohn und dem Tode eingegangen (Gering, Isländische Sagen, Novellen u. Märchen, Bd. 2 S. 146). Der Minnesänger „Der Misznaere“ besingt ihn und den symbolischen Bezug auf Christus (von der Hagen, Dt. Liederdichtung d. 12., 13. u. 14. Jh., Leipzig 1838, T. 3, Bd. 1, S. 92). Im jüngeren Titurel (Albrecht von Scharfenberg, vor 1272; ed. K. A. Hahn 1842, S. 508) und im Bestiaire d’amour des Richard de Fournival († um 1260; ed. C. Hippeau, Paris 1860, S. 15) wird der leben- oder todkündende Blick des C. in Beziehung gesetzt zum leben- oder todspendenden Blick der Geliebten.

Durch Mißverständnisse wurde die Geschichte von der Heilkraft der Exkremente des C. verändert. Die Stelle des Physiologus „cuius interior fimus oculorum caliginem curet“ führte durch Verwechslung von fimus (Mist) mit femur (Oberschenkel) zu der Version, daß man mit dem Mark des Oberschenkelknochens des C. Blinde heilen könne (z. B. bei Vinzenz von Beauvais, † 1264, Speculum naturale Buch XVI Kap. 123). Dem Spruchdichter Boppe (1275–78 nachweisbar) zufolge trägt der galadrius in seinem rechten Bein einen Stein, der für die Augen heilsam ist. Diesen Stein wünscht er den Herren, damit sie ihre Augen damit bestreichen und daraufhin mit geschärftem Blick die ihrer Gaben Würdigen von den Unwürdigen unterscheiden könnten; sich selbst aber wünscht er den Blick des C., damit er durch Wegblicken den Tod der geizigen Reichen herbeiführen, durch Anblicken der Freigebigen (milten) deren Glück dauerhaft machen könne (v. d. Hagen, Dt. Liederdichtung Bd. II S. 378; [2] S. 198).

Selbst Leonardo berichtet in seiner „Studie über Leben und Gewohnheit der Tiere“ die Geschichte des „callendrino“ noch und vergleicht damit in etwas gezwungener Weise die „Liebe zur Tugend“, die niemals auf Niedriges, sondern immer auf Reines und Tugendhaftes blickt (Jean Paul Richter, The literary works of Leonardo da Vinci, London 1883, S. 315; Richter hat das „callendrino“ Leonardos fälschlich in „cardellino“ (gold-finch) verändert; s. Rob. Reinsch, Das Thierbuch des normannischen Dichters Guilleaume Le Clerc, Leipzig 1892, S. 192).

III. Darstellung

In den illustrierten Physiologus- und Bestiar-Handschriften ist die C.-Geschichte mit erwähnenswerten Verschiedenheiten dargestellt.

Im Berner Physiologus (9. Jh.; Bern, Stadtbibl. Cod. 318) liegt auf einem Lager eine Gestalt, die die Arme nach dem am Fußende sitzenden und auf sie blickenden Vogel ausstreckt [7 Fig. 32]. Sehr weit ausgesponnen in zwei getrennten Darstellungen ist die Geschichte im Brüsseler Ms. 10 074 des 10. Jh. (Cam. Gaspar und Fréd. Lyna, Les principaux mss. à peintures de la Bibl. roy. de Belgique Bd. 1, Paris 1937, S. 21–26). Die positive Szene bringt außer dem Krankenbett mit dem zum Kranken blickenden Vogel den zur Sonne auffliegenden C. mit der Beischrift: „et portans infirmitatem suam a radio solis“. Die negative Szene (Abb. 1) zeigt das Einfangen des Vogels, der in einer Art Ädikula sitzt mit der Beischrift: „Ubi caladrius comprehenditur in domui regum“ und das Heranbringen des scharf zurückblickenden C. an das Bett des Kranken: „Ubi caladrius evertit oculos suos ab infirmo“. Positive und negative Szene in eins zusammengezogen zeigt die Hs. aus Millstatt (12. Jh.; Klagenfurt, Rudolphinum Cod. VI, 19. Beschreib. Verz. der ill. Hss. in Österr. Bd. 3 S. 50ff. – Abb. 2). Auf dem Krankenbette steht ein C. dicht beim Kranken mit dem Schnabel an dessen Mund – „ist daz er genesen sol so chert sich der vogil zuo dem manne unde tuot sinen snabil in des mannes munt unde nimet des mannes unchraft an in“ (Th. G. von Karajan, Dt. Sprachdenkmale d. 12. Jh., Wien 1846, S. 104 Abb. 31); ein zweiter Vogel sitzt vom Kranken abgewendet am Fußende des Lagers. –

Einen Kranken mit anblickendem C. und einen zweiten daneben mit wegblickendem C. zeigt das einem Bestiar beigegebene Aviarium des Hugo von Folieto vom E. 13. Jh. im Brit. Mus. (Sloane Ms. 278). – Die Version, daß die Krankheit nicht durch den Blick des C., sondern durch das Herausholen aus dem Munde des Kranken bezwungen wird, zeigt weiterhin eine Handschrift um 1240/50 in Oxford (Bodleiana Ms. 602), in der der Vogel mit offenem Schnabel auf den Kranken zufliegt (Abb. 3). Im 13. Jh. ist der Kranke oft mit einer Krone dargestellt (Oxford, Bodleiana Ms. Ashm. 1511); ebenso als König, aber mit dem Ausdruck und der Gebärde des Schmerzes in einer Hs. der 1. Hälfte 13. Jh. in Oxford (Bodleiana Ms. 764. – Abb. 4). Eine Veränderung des ursprünglichen Berichtes, daß der C. an Königshöfen lebe, wie sie sich z. B. bei Albertus Magnus (De animalibus 23, 20) findet, kann zur Erklärung der Darstellung des Kranken als König dienen: est enim aves (caladrius) quam propter augurium multi regum requirunt. – (Verf. dankt Dr. Bruno Fürst, Oxford, für frdl. Mittn. und Photobeschaffung.)

Im Psalter der Isabella von England (München, St. Bibl. Cod. gall. 16, 58 r) ist der C. auf dem Bett eines Kranken sitzend und ihn scharf anblickend dargestellt; es ist wahrscheinlich, daß die Psalmstelle „Inclina ad me auram tuam et salva me“ auf der gegenüberstehenden Seite die Anbringung des C. veranlaßt hat (vgl. Le Bestiaire d’amour de Richard de Fournival, ed. Hippeau, Paris 1860, S. 114).

Über die Natur des Vogels herrscht keine klare Vorstellung. Einmal ist er wie eine Gans und in enger Anlehnung an den Physiologus-Text ganz weiß gebildet (Abb. 4), dann wie ein Rebhuhn (Ashm. 1511) oder mit krummem Schnabel wie ein Raubvogel (Sloane 278 und Klagenfurt), schließlich fast wie ein Drache (Brit. Mus. Stove 1067).

In der Architekturplastik ist bisher nur ein sicheres, durch Inschrift bezeugtes Beispiel bekannt. Am Bogenfries des Portals der Kirche zu Alne in Yorkshire (2. H. 12. Jh.) fliegt der C. auf einen im Bette liegenden Kranken zu (Abb. bei G. C. Druce, Archaeol. Journal 25, 1919). Das sechste Tier der Archivolte der nördlichen Chorschranke des Trierer Doms [8 S. 142 Abb. 17] kann erst dann als zur Sonne auffliegender C. gedeutet werden, wenn sich eine ähnliche beglaubigte Darstellung nachweisen läßt. – In ganz anderer Haltung und deutlich fliegend ist der C. auf dem Glasfenster der Kathedrale von Lyon [5 Fig. 14] dargestellt. Das Medaillon trägt die verstümmelte Inschrift KLADRIUS und zeigt außer dem auffliegenden C. die Krankenszene mit einem zweiten sich dem Munde des Kranken nähernden Vogel. Das Ganze ist im Anschluß an Honorius Augustod., Speculum ecclesiae, als Gegenstück zu der in der Mitte dargestellten Himmelfahrt Christi anzusehen, der auf der anderen Seite, als zweites Symbol, die Szene mit dem zur Sonne auffliegenden Adler und seinen Jungen gegenübersteht [5 S. 41].

Das die Tiersymbolik weit ausspinnende und zugleich verwässernde spätere MA bringt den C. in Zusammenhang einmal mit der Milde (Largitas), vielleicht aus Gedankengängen wie denen des Spruchdichters Boppe (s. o.) heraus, und der Mäßigung (Temperantia), ein andermal benutzt es die Geschichte als Beweis für die jungfräuliche Geburt Christi. Im „Buch von den sieben Todsünden und den sieben Tugenden“, das auf einen anonymen Autor des 14. Jh. zurückgeht (zahlreiche Hss. in der Münchener Staatsbibl. [4 S. 38]) und 1474 bei Johann Baemler in Augsburg mit Holzschnitten versehen gedruckt wurde, trägt die Milde den C. (Golander) im Schild (Schramm, Frühdrucke 3 S. 9 Abb. 218), während eine Variante des Traktats (Hs. von 1409 aus Aspach, München clm. 3249) den C. als Schildfigur der Temperantia zeigt. Auf dem Bildteppich mit der Psychomachie im Regensburger Rathaus (Ende 14. Jh.) hat in Anlehnung an den Traktat die Milde den C. als Helmzier ([4] Abb. S. 34; Kurth, Bildteppiche S. 169 u. Taf. 244–46).

1417 benutzte der Dominikaner Franz von Retz in seinem Defensorium inviolatae virginitatis b. M. die C.-Geschichte unter Bezugnahme auf Albertus Magnus als Beweis für die jungfräuliche Geburt Christi: Calandrius si facie egrotum sanare valet, cur christum salvatorem virgo non generaret? Dieses Werk liegt zahlreichen Darstellungen der Geburt Christi umgeben von marianischen Symbolen zugrunde. Unter diesen fehlt die C.-Szene des im Bett liegenden Kranken mit dem ihn scharf anblickenden Vogel nicht.

Miniaturblatt im Kunsthist. Mus. Wien [3 Taf. XVI]; Votivaltar von 1426 in der Zisterzienserkirche Stams in Tirol (Abb. bei K. Atz in Zs. f. christl. Kunst 28, 1905, Taf. 10); Tafelbild um 1450, ehem. Gal. Schleißheim, jetzt München. St. Gem.Slg. [3 Taf. XVII]; eine mit kolorierten Federzeichnungen gezierte Hs. des Bruders Antonius von Tegernsee 1459 (München, clm. 18 077); eine Anzahl Blockbücher des 15. Jh., von denen hier nur das von Fr. Walther von 1470 und das in Gotha befindliche von Eysenhut aus dem Jahre 1471 [3 Taf. XIX] genannt seien; schließlich ein Druck von G. Reyser in Würzburg 1475–80 [3].

Zu den Abbildungen

1. Brüssel, Bibl. roy., Ms. 10 074, fol. 142 v. Physiologus aus der Benediktinerabtei St. Laurent in Lüttich. Maas (?) 10. Jh. Phot. Bibl. roy. Brüssel.

2. Klagenfurt, Rudolfinum, Cod. VI/19, fol. 100.

Deutscher Physiologus aus Kloster Millstatt in Kärnten. 12. Jh. Phot. Landesmuseum für Kärnten, Klagenfurt.

3. Oxford, Bodleiana, Ms. 602. Bestiarium, englisch um 1240/50. Phot. Oxford Univ. Press.

4. Oxford, Bodleiana, Ms. 764, fol. 63 v. Bestiarium, englisch 1. H. 13. Jh. Phot. Oxford Univ. Press.

Literatur

1. Pauly-Wissowa III 2115 (M. Wellmann). – 2. Frdr. Lauchert, Geschichte des Physiologus, Straßburg 1889. – 3. J. v. Schlosser, Zur Kenntnis der künstlerischen Überlieferung im späten MA. Jb. Kaiserh. 23, 1902, 279–338. – 4. Frdr. v. d. Leyen u. Ad. Spamer, Die altdt. Wandteppiche im Regensburger Rathause, Regensburg 1910. – 5. Mâle II 48ff. – 6. Max Wellmann, Der Physiologos. Eine religionsgesch.-naturwiss. Untersuchung. Philologos, Suppl. XII, Heft 1, Leipzig 1930. – 7. Helen Woodruff, The Physiologus of Bern. A survival of Alexandrian style in a 9th century ms., Art Bull. 12, 1930, 226–53. – 8. Vera v. Blankenburg, Heilige und dämonische Tiere, Leipzig (1943).

Verweise