Ceres

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englisch: Ceres; französisch: Cérès; italienisch: Cerere.


Leopold Ettlinger (1952)

RDK III, 397–403


RDK III, 397, Abb. 1. Boccaccio, Ulm 1473.
RDK III, 397, Abb. 2. Hans Sebald Beham, 1549.
RDK III, 399, Abb. 3. Wenzel Jamnitzer, 1578, Wien.
RDK III, 399, Abb. 4. Joh. Peter Wagner, nach 1771, Veitshöchheim.
RDK III, 401, Abb. 5. Ovid, Nürnberg 1787.

I. Antike

Die ursprünglich italienische Göttin C., der 493 v. Chr. der erste Tempel in Rom geweiht wurde, ist schon von den Römern der griechischen Demeter gleichgesetzt worden [1]. Sie ist die Beschützerin des Ackerbaues und die Göttin der Fruchtbarkeit und gilt auch als die Erfinderin des Pfluges (Ovid, Metamorphosen V, 341ff.). In der antiken Kunst wird sie meistens stehend, zuweilen aber auch auf einem Throne sitzend dargestellt. Ihre Attribute sind die Ähre bzw. das Ährenbündel oder die Ährenkrone, Fackel und Stab und in einigen Fällen auch das Füllhorn [2].

Die Gleichsetzung mit Demeter brachte es auch mit sich, daß die Sage vom Raub der Proserpina, die Demeter dann auf der ganzen Erde vergeblich suchte, auf C. übertragen wurde.

II. Darstellung im MA

Im Mittelalter sind Darstellungen der C. nicht häufig, sie wurde aber zuweilen als eine typische Vertreterin der heidnischen Götterwelt benutzt. So erscheint sie zusammen mit anderen klassischen Göttern auf dem aus dem 12. Jh. stammenden Becken von St. Denis (J. Adhémar, Revue Archéol. 1936 Teil I, S. 224ff.) und auf einer allegorischen Darstellung der „Civitas Terrena“ in einer sächsischen Handschrift von Augustins „De Civitate Dei“, die im 3. V. 12. Jh. entstanden sein muß (De Laborde, Manuscrits à peintures de la Cité de Dieu, Bd. I, S. 218ff. Handschrift in Schulpforta Ms. A 10). Auf dem Becken von St. Denis finden wir lediglich die Köpfe der Götter, meist mit Attributen und stets mit Namensbeischriften, in kreisförmigen Vertiefungen, während sie in der Augustinhandschrift als Halbfiguren in den die Hauptszenen rahmenden Medaillons erscheinen. Gleich ihren Begleitern ist auch C. nur an ihrem Attribut, dem Ährenbündel, kenntlich. Obgleich diese Darstellung wahrscheinlich auf ein karolingisches Vorbild zurückgeht, hat C. aber in ihrer Erscheinung jeden Zusammenhang mit klassischen Vorbildern verloren.

Das mythologische Handbuch des Franziskaners John Ridewall, der sog. Fulgentius metaforalis, das um die Mitte des 15. Jh. entstand, enthält ein Kapitel über C. [3]. Der Text zeigt eine allegorisierende Auffassung der antiken Götter, und die in den verschiedenen Handschriften erhaltenen Illustrationen haben keinerlei Zusammenhang mit der Antike, sondern sind auf Grund des Textes frei erfunden. So ist z. B. in einer in Deutschland angefertigten Handschrift dieses Werkes C. eine reich gekleidete Frau mit einer Art Blumenkrone (Bibl. Vatic. Pal. lat. 1726 fol. 49 r). Noch in Schedels Weltchronik von 1493 ist C. nur eine Dame in zeitgenössischer Tracht, diesmal sogar ohne alle Attribute (fol. 25 r). In diesen Zusammenhang gehört auch die moralisierende Legendenauslegung des MA, wie wir sie im Ovide moralisé finden, wo C. auf der Suche nach Proserpina der Kirche, die die verlorenen Seelen sucht, gleichgesetzt wird (J. Seznec, La survivance des dieux antiques, S. 84).

III. Neuzeitliche Darstellungen

Die mythographische Literatur des ausgehenden MA bereitete jedoch den Weg für eine der ursprünglichen Form gemäßere Darstellung der antiken Götter, die wir seit der Renaissance wieder finden. Auf französischen Miniaturen zum Werke der Christine de Pisan, in italienischen Handschriften von Boccaccios „De claris mulieribus“ (z. B. Dresden, Landesbibl. F. 171 b, fol. 10 v), und endlich auch in der deutschen Ausgabe letzteren Werkes, die Johann Zainer in Ulm 1473 herausbrachte, wird C. zwar immer noch als eine mittelalterliche Königin mit Krone (Abb. 1; hier auch mit Szepter) dargestellt, aber sie führt jetzt entweder selbst den Pflug, oder steht als Schutzpatronin über pflügenden und erntenden Bauern. Ihre Funktion entspricht jetzt genau der von Ovid gegebenen Beschreibung, und sie gehört zu den Göttern, die als die großen „Erfinder“ gefeiert werden (Seznec a. a. O. S. 25).

Wenn seit dem 16. Jh. C. als Einzelfigur dargestellt wird, wie etwa von Hans Sebald Beham (Wien, Albertina; Abb. 2), so erscheint sie in klassischer Nacktheit mit Ähren und Früchten als Attributen. Diesen wird nun meist auch die Sichel hinzugefügt (süddeutsche Plakette vom E. 16. Jh., E. W. Braun, Deutsche Renaissanceplaketten Nr. 164), während der Pflug aus den Darstellungen verschwindet. Dieser Typus der C. findet in der Folgezeit weite Verbreitung und lebt besonders in den häufigen Gartenfiguren des 18. Jh. weiter. Stiche, wie der des Virgil Solis (P. 568) mögen diese neue Auffassung weithin bekanntgemacht haben.

Einem schon aus der antiken Kunst bekannten Schema folgend (Roscher I S. 859) wird C. nun auch auf einem Throne sitzend mit ihren Attributen dargestellt, wie in Johann Herolds „Heidenwelt“ (Basel 1554) und auf einem aus dem 17. Jh. stammenden Pokal im B.N.M. München (Kat. Berliner S. 64f. Nr. 227).

Zugleich aber wird C. seit der Renaissance zu einer Allegorie des Erntereichtums und der Fruchtbarkeit schlechthin. Sie gibt daher ihre Attribute nicht nur an die Abundantia ab (Stich von C. Robetta B. 18; Cesare Ripa, Iconologia 1603 S. 1; s. a. RDK I 105ff.), sondern sie übernimmt auch zuweilen das Füllhorn und die Früchte von ihr (Vasari, Florenz Pal. Vecchio; Gemälde von Karl Loth, Braunschweig). Die umfangreichste Darstellung dieses Typus finden wir auf den beiden ersten Behängen einer Brüsseler Wandteppichfolge des 17. Jh., die aus der Werkstatt des Marc de Vos stammt (Göbel I, 1 S. 390). Andrerseits wird sie bei Darstellungen der vier Jahreszeiten mit dem Sommer identifiziert (Wenzel Jamnitzer, Abb. 3; Goslar, Kaiserhaus 1596; Statue von O. Mosto, Salzburg Mirabellpark [Inv. Österr. 13 S. 159 und 205, Abb. 268]; Balthasar Permoser, Dresden, Zwinger, 1718 [Michalski Taf. 63]). Die Darstellung kann auch so vielgestaltig werden, daß die Göttin zugleich als C., Abundantia und Sommer erscheint, wie etwa auf dem Deckengemälde des Matthäus Günther im Schlosse von Sünching (1761; Gundersheimer S. 54, Abb. 86), wo die sitzende Figur der C. einmal durch ihren Platz zwischen Frühjahr und Herbst als Sommer charakterisiert ist, während sie zugleich Sichel und Ährenbündel hält und unter ihr ein großes Füllhorn mit Früchten sichtbar ist.

Endlich macht auch die Renaissance C. zur Göttin der Fruchtbarkeit schlechthin, wenn sie, wie auf einer Hans Holbein zugeschriebenen Zeichnung in Basel (Stein, Holbein S. 292, Abb. 113), nicht nur die Ährenkrone trägt, sondern auch Milch aus ihrer Brust verspritzt. (Zu diesem Typus vgl. auch Montfaucon, Supplement Bd. I. S. 75.)

Wird C. mit anderen Göttern zusammengestellt, so ist dies nur ausnahmsweise Apollo (Relief von M. Bossi in Würzburg [Feulner, Hdb. d. Kw. S. 103, Abb. 99]) oder ein Gott wie Neptun (Anonyme Zeichnung des 17. oder 18. Jh., Berlin, Kk.), wo wegen der Nähe des Meergottes vielleicht eine Gleichsetzung mit Tellus vorliegt. Am häufigsten ist die Verbindung mit dem Bacchusknaben, oder dem erwachsenen Gott des Weines (Veitshöchheim, Abb. 4; Statue von Peter Wagner, Würzburg Hofgarten [Münchner Jb. 10, 1916, S. 150]; Gemälde von Hans von Aachen, Wien Staatsgalerie Nr. 1416; C. Poelenburgh, Kassel Nr. 193). Diese Verbindung der Göttin des Getreidebaues mit dem Gotte des Weines geht auf antike Vorstellungen und Bildanregungen zurück [1].

Am Ende der Entwicklung steht die Verwendung der C. in allegorisierenden Porträts, wenn eine vornehme Dame als C. verkleidet erscheint, die von ihrer Familie Opfer in Empfang nimmt, wie auf einem Familienbild von Angelika Kauffmann (Manners-Williamson, Taf. geg. S. 194).

IV. Verspottung der C.

Abgesehen vom Raub der Proserpina wird ein dramatisches von Ovid geschildertes Ereignis aus dem Leben der C. wiederholt abgebildet. Als C. auf der Suche nach Proserpina bei einer alten Frau verschmachtend einkehrte und sie um einen Trunk Wasser bat, wurde sie wegen ihres haftigen Trinkens von einem Knaben verspottet, den sie zur Strafe in eine Eidechse verwandelte (Ovid, Metamorphosen V, 446ff.). Elsheimer hat diese Sage dargestellt (Zeichnung in Hamburg [Buchner in Sb. d. bayr. Ak. d. Wiss. 1950, Nr. 4, S. 10 Abb. 12]; Gemälde im Prado [Weizsäcker Taf. 91]). Diese Komposition ist durch eine Radierung (Ebd. Taf. 107) und einen Stich Goudts verbreitet worden (italienische Kopie bei A. Perotti, I Pittori Campi, S. 54 Abb. 36). Wenzel Hollar hat Goudts Stich im Gegensinne nachgestochen (Parthey, Hollar Nr. 273).

Mehr oder weniger von Elsheimer abhängig hat besonders die niederländische Kunst dies Thema gern dargestellt, meist als Nachtstück behandelt, wie auf dem Bilde von M. Stomer in München (Voß, Monatsh. f. Kw. I, 2, 1908, S. 997). Noch eine Zeichnung Rembrandts geht über Goudts Stich auf Elsheimer zurück (Valentiner, Kl.d.K. Nr. 606). In den illustrierten Ovidausgaben wird die Szene regelmäßig dargestellt ([4]; Abb. 5).

Zu den Abbildungen

1. Ceres als Erfinderin des Ackerbaues. Holzschnitt aus Boccaccios Buch von den berühmten Frauen. Ulm, Johann Zainer (1473). Phot. Warburg Inst.

2. Hans Sebald Beham, Ceres, Handzeichnung 1549. Wien, Albertina. Nach H. Tietze, Katalog V, Taf. 61.

3. Wenzel Jamnitzer, Der „Sommer“ aus der Folge der Jahreszeiten, Tragefiguren vom 1578 vollendeten „Lustbrunnen“ für Kaiser Rudolf II. Bronze, vergoldet. Wien, Kh.Mus. Phot. Mus.

4. Johann Peter Wagner, Ceres mit dem Bacchusknaben, Sandsteingruppe im Park von Veitshöchheim, nach 1771. Phot. Gundermann, Würzburg.

5. Verspottung der Ceres, Kupferstich aus Ovidii Theatrum, Nürnberg 1787, Blatt 52. Phot. Warburg Inst.

Literatur

1. Pauly-Wissowa III 1970–79. – 2. Roscher I, 1 859–66. – 3. Hans Liebeschütz, Fulgentius Metaforalis (Stud. d. Bibl. Warburg), Leipzig 1926, S. 128. – 4. M. D. Henkel, Illustrierte Ausgaben von Ovids Metamorphosen, Vorträge der Bibl. Warburg 1926/27 (1930), S. 59ff. – 5. F. Altheim, Terra Mater, Gießen 1931.

Verweise