Cebestafel

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englisch: Tabula Cebetis; französisch: Le Tableau de Cébès; italienisch: Tavola di Cebete.


Edmund W. Braun (1952)

RDK III, 383–390


RDK III, 385, Abb. 1. Erhard Schön, 1531.
RDK III, 389, Abb. 2. Amsterdam, 1573.

I. Quelle

Der Name C. (lat. Tabula Cebetis) geht auf einen philosophischen Dialog zurück, der unter dem Namen ΚΕΒΕΤΟΣ ΠΙΝΑΞ im 1. Jh. n. C. in Rom entstand. Der Verfasser ist unbekannt. Man sah hierfür den Sokratesschüler Kebes von Theben an und hielt den Dialog für pythagoräisch. Der Inhalt der Schrift ist etwa folgender: Vor einem Tempel des Kronos-Saturn – wohl in Athen – erklärt ein Greis einigen Fremden ein dort vorhandenes Wandgemälde allegorischen Inhalts. Darin werden einem nach äußeren Glücksgütern strebenden Leben die falsche und die wahre Bildung entgegengehalten, wobei zur falschen Bildung auch die sieben freien Künste zählen, denen man sich im Vorübergehen wohl einige Zeit widmen dürfe, ohne jedoch die echte Bildung aus dem Auge zu lassen, die auf die Erlangung der Glückseligkeit durch Tugenden allein gerichtet ist; auch von den Glücksgütern solle man annehmen, was Fortuna gibt, sich aber auf dem Wege nicht beirren lassen. Nach G. F. Hartlaub war die C. „zugleich ein Beispiel saturnischer Meditation über Werden und Vergehen, Wandlung und Läuterung“.

Dieser Dialog wurde seit E. 15. Jh. häufig herausgegeben; er diente zum Unterricht in der griechischen Sprache und als philosophischer Text. Die Humanisten machten ihn den Künstlern zugänglich, welche ihn als eine anschauliche Allegorie des menschlichen Lebens gern aufgriffen; eine Handschrift Pirkheimers mit deutscher Übersetzung wird, allerdings erst 1606, in Nürnberg durch Hans Imhoff in Druck gegeben („Tugendbüchlein, seinen Söhnen Joh. Hieronymus und Paulus Imhoff gewidmet“). H. Wolf gab ihn 1560 in Basel als Anhang zu Epiktets Encheiridion heraus. Die Jesuiten nahmen ihn 1599 in ihre „Ratio studiorum“ auf (S. M. Pachtler, Ratio stud. et Instit. scholast. Soc. Jesu IV, Berlin 1894 [= M. G. Paed. XVI], S. 7 u. 183). Die Anzahl der Ausgaben ist groß und reicht bis E. 19. Jh. Im protestantischen Gymnasium in Straßburg war er um 1825 noch in Gebrauch.

II. Darstellungen

a. Die bedeutendste künstlerische Darstellung fand die C. in Holbein großem Titelholzschnitt (W. 227, P. 90; F. Lippmann, Kupferstiche und Holzschnitte alter Meister in Nachbildungen VIII, Berlin 1897, Taf. 44). Seit 1521 kommt dieser Meisterholzschnitt in vier Varianten in Basler Holzschnittwerken von Proben, Curio und Cratander vor. Die Kenntnis der C. mag Holbein seinem Freunde Erasmus verdanken.

Thema ist der in der C. beschriebene Weg zur Glückseligkeit: der menschliche Lebenslauf wird von einer Mauer umschlossen, zu der vorn ein Rundbogen den Eingang bildet; spielende Kinder bitten einen „Genius“ genannten Greis um Einlaß und erhalten einen Einlaßzettel. Hinter der Pforte beginnt der Aufstieg des Menschen; der Weg teilt sich in zwei Hälften, zwischen denen der Buchtitel eingefügt ist. Rechts die nackte, geflügelte Fortuna mit Pokal und Zaumzeug, ihr gegenüber „Suadela“ (Betrügerei) in prächtigem Gewand, ebenfalls mit einem Pokal, aus dem sie den Irrtum als Trank reicht. Hinter Suadela die „Opiniones“, die Begierden und Wollüste, auch reich gekleidet. Durch ein hinter diesen liegendes Portal geht der Weg der Menschen in den zweiten Ring, den Ring der Luxuria, Avaritia, Incontinentia und einiger anderer Laster. Der nächste Bereich führt den Weg wieder höher, vorbei an den Folgen der Laster: Dolor, Tristitia hinüber zur Penitentia, die den Menschen vor der spitzbogigen Pforte, welche in den Garten der falschen Bildung führt, empfängt. Hier geht der Weg des Menschen an den sieben freien Künsten vorüber in ein steiles, felsiges Gelände, wo ihm aber beim Aufstieg durch Fortitudo und Audacia geholfen wird. An der nun folgenden Pforte empfängt ihn eine Heilige in Nonnentracht auf einem kleinen Podest, „Vera Disciplina“, die wahre Bildung, begleitet von Veritas und Persuasio. Der anbetende Mensch schreitet hindurch und ist im Garten der Glückseligkeit, in dem sich die „Arx verae Felicitatis“ erhebt, die Tugenden und weibl. Heilige einhergehen und Felicitas selbst, gekrönt mit der Kaiserkrone und auf einem Thron sitzend, den Menschen in ihr Reich aufnimmt, indem sie ihn krönt. Sehr geschickt ist der ganze Weg des Menschen immer von einer Seite auf die andere hinübergeführt. Für die Burg der Glückseligkeit fand Holbein ein Vorbild in dem bischöfl. Schloß in Chur [6 S. 200].

Die Komposition Holbeins wurde mit kleineren oder größeren Abweichungen in den folgenden Jahrzehnten nachgeahmt.

So von Erhard Schön 1531 (Abb. 1. – G. Pauli, H. S. Beham Nr. 1427; C. Dodgson, Catalogue of woodcuts I, 1903, S. 492 Nr. 1f.), der jedoch die Tore übereinander anordnet und deshalb keine so klare Wegleitung hat. Die reichhaltigen Beischriften verweisen auf einen von Hans Sachs gedichteten Begleittext in deutscher Sprache. Schön hat den Holbeinschen Typenschatz noch um viele Figuren erweitert.

Hans Dürer lag für seine – allerdings stark ergänzten – Fresken im Landtagssaal des Krakauer Schlosses zweifellos ebenfalls eine deutsche Übersetzung vor. Hier konnte der Aufstieg zum Gipfel nicht dargestellt werden; die Personen folgen sich in langen Zügen, da die räumliche Situation nur langgestreckte Wandbilder zuließ. Die Portale sind aber, ebenso wie die Reihenfolge, beibehalten (Dag. Frey, Krakau, Berlin [1941] Taf. 45f., S. 33). Frey gibt als Vorlage einen Wiener Frühdruck aus der latein. Ausgabe der C. von 1519 an.

Auch ein reich illustrierter Pariser Druck von G. Corrozet 1543 löst die einzelnen Szenen aus dem Zusammenhang und verteilt sie auf die Textseiten (Aukt. Kat. Karl & Faber, München, VIII, Nov. 1933, Bibl. Marcus Fugger II Nr. 95 II, S. 31). – Ein Holzschnitt von Daniel Kandel in Straßburg, 1547, hält sich an Holbeins Schema, macht aber ein Breitblatt daraus (Archives alsaciennes 2, 1928, 92).

Der niederländische Manierismus hat gleichfalls eine Reihe graphischer Darstellungen der C. veranlaßt, von denen 5 Drucke erwähnt seien (Mitt. der UB. Erlangen).

C.-Ausgabe Leiden 1640 bei Maire, mit einem Stich N. I. Visscher exc. 1640 in großem Format. – C.-Ausgabe Leiden-Amsterdam 1670 in Quart, ohne Künstlerangabe (das Titelkupfer signiert: Romyn de Hoghe sc. et inv.). – Der gleiche Stich erscheint in einer Ausgabe zu Delft, Vidua Gerardi de Jager 1683. – Eine vierte Ausgabe erschien gleichfalls in Delft bei Adrian Beman 1723; sie enthält einen Stich von Romyn de Hoghe (des. et sc. 1670), der eine seitenverkehrte, leicht veränderte Kopie der vorigen ist. Die Ausgaben sind stets mit Epiktets Encheiridion vereint. – Einen C.-Holzschnitt des Cornelis Bos (Bosch) nennt Nagler Mon. I, S. 969 Nr. 29.

An italienischen Ausgaben mit Darstellungen der C. sei ein Venezianer Druck von Giov. Pietro Pinelli 1642 erwähnt: Discorsi morali di Agostino Mascardi su la tavola di Cebete Tebano; Titelkupfer 2.8 × 4.5 cm, im unteren Teil die C. mit drei aufsteigenden Mauerringen, zwischen denen Gestalten erscheinen; den oberen Abschluß bildet ein Zelt. – Ein aus drei Teilen bestehender Stich eines italianisierenden Meisters im Kk. Berlin (Nr. 453/1895), der stilistisch dem Lambert Lombard nahesteht, wird von Ad. Goldschmidt (Jb. d. preuß. K.slg. 40, 1919, 208f.) mit der in Lombards Lebensbeschreibung von Dominicus Lampsonius – der übrigens selbst ein C.-Gedicht schrieb – erwähnten, in Grisaille gemalten C. in Verbindung gebracht, entweder als Stich nach der Grisaille oder nach einer Nachzeichnung Lombards.

Als feststehend kann betrachtet werden, daß die Erfindung Holbeins lange Zeit hindurch kanonische Geltung hatte, von der nur selten und in Einzelheiten abgewichen wurde. Anders bei den Tafelbildern mit Darstellung der C., deren Anzahl allerdings gering zu sein scheint.

Das Amsterdamer Rijksmus. besitzt eine Tafel auf Eichenholz aus dem Jahre 1573 (heute in Schloß Muiden ausgestellt. – Abb. 2). Eine Wiederholung, ebenfalls auf Holz, im Hess. Landesmuseum Kassel (0.97 × 1.72 m), die dem Kreis des Lambert Lombard zugeschrieben wird. Auch hier hat Holbeins Holzschnitt vorgelegen. Es scheint aber auch, daß der Maler das Blatt von D. Kandel kannte. Das breitformatige Bild zeigt Typen in holländischer Tracht und viel genreartige Züge. Die Partie des Aufstiegs über den zweiten Mauerkranz mit ihrem jäh aufragenden Bergmassiv und dem Rundtempel im Palmenhain ist aber offenbar eigne Erfindung. Auch die ikonographische Bereicherung ist groß, obwohl die Grundgedanken streng beibehalten sind: Genius, ein Mann von doppelter Größe, gewährt den Einlaß, Persuasio überreicht den Irrtumstrank, Felicitas krönt den Tugendhaften. Die einzelnen Stationen dagegen sind durch eine Fülle von Personifikationen, die durch lateinische Inschriften kenntlich sind, bereichert. Eine moralisierende Inschrifttafel steht vorn links.

1624 hat Joris van Schooten für die latein. Stadtschule in Leiden eine C. in Breitformat gemalt (Leiden, Städt. Gymnasium; [8] Abb. 61). Hier tritt wieder das Bergmassiv auf, doch ist der figürliche Teil ganz anders: in einer Ruinenlandschaft ein Getümmel bekleideter und nackter Menschen, deren einzelne Bedeutung nicht leicht zu erkennen ist. Es fehlt durchaus die lehrhafte Ordnung der bisherigen Beispiele. Felicitas sitzt nicht auf dem Bergplateau, sondern vorn rechts und ist das Ziel der Anbetung einiger Kinder und Erwachsener, während die Menge sich um die nackte Fortuna drängt.

Eine C.-Tafel des Quentin Varin in Rouen erwähnt O. Kurz (Burl. Mag. 92, 1950, 239).

Zu untersuchen wäre noch, ob die C. bei ihrer großen Beliebtheit unter den Humanisten und Künstlern nicht auch beim Entstehen anderer Allegorien beteiligt war, etwa bei Erhard Schöns Holzschnitt „Lügenberg“ (Geisberg, Einblattholzschnitte Nr. 1166, Bilderkatalog S. 202. – Amtl. Ber. aus d. Berliner Mus. 40, 1918/19, 133. – Zugehörig ein Text von Hans Sachs, 1533: Hans Sachs’ Werke von A. v. Keller u. Goetze, Bd. 5 S. 325–33, Bd. 24 S. 142f., Bd. 25 Nr. 628). Desgleichen könnte die C. auf Dantes Schilderung des Höllenbergs eingewirkt haben (Inferno VI, 13–15; VIII, 70–73; IX, 35–42; XXXI, 43. – s. a. Hölle). Damit würde sich auch das Rätsel um die Höllenberge aus Bronze lösen, von denen zwei in der ehem. Slg. Figdor, ein dritter in der ehem. Slg.

H. W. Cook in London waren (Leo Planiscig, Andrea Riccio, Wien 1927, Abb. 63–71 und 170–72).

Zu den Abbildungen

1. Erhard Schön (um 1500–1542), Tabula Cebetis Thebani. Holzschnitt 1531, 38.5 × 30.2 cm o. Titel. Nach M. Geisberg, Einblattholzschnitte XV, 30.

2. Amsterdam, Rijksmuseum, Kat. Nr. 81 a. Cebestafel, holländisch, dat. 1573. Öl auf Eichenholz, 119.5 × 177 cm. Phot. Mus.

Literatur

1. M. Denis, Wiens Buchdruckergeschichte bis 1560, Wien 1782, S. 198, 542; Nachtrag 1793 S. 44 Nr. 766. – 2. Joh. Schweighäuser, Cebetis tabula sive vitae humanae pictura graece, Straßburg 1806. – 3. J. Ch. Brunet, Manuel du libraire I, S. 1011, 1709–11. – 4. J. G. Th. Graesse, Trésor de livres rares et précieux, 1859–69, II S. 95f.; Nachträge VIII S. 168. – 5. Alfr. Woltmann, Holbein und seine Zeit, Leipzig 1868, I S. 198; II S. 20ff., 426. – 6. S. Vögelin, Ergänzungen und Nachweisungen zum Holzschnittwerk H. Holbeins d. J., Rep. f. Kw. 5, 1882, 179–203. – 7. M. Boas, De Nederlandsche Cebes-literatuur. „Het Boek“, 2. Reihe d. Tijdschr. voor Boek- en Bibliotheekswezen 7, 1918, 11ff. – 8. B. Knipping, De iconografie van de contra-reformatie in de Nederlanden I, Hilversum 1939, 95f. und 322.