Caraco, Casaquin

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englisch: Caraco, cassock; französisch: Caraco, casaquin; italienisch: Caracò, casacchino, casacca.


Hertha Simon (1952)

RDK III, 336–340


RDK III, 337, Abb. 1. Speyer, um 1790-95.
RDK III, 337, Abb. 2. Speyer, um 1790-95.
RDK III, 339, Abb. 3. Nürnberg, um 1770.
RDK III, 339, Abb. 4. Nürnberg, um 1770.

[I. Caraco]

Der C. ist eine in seiner Form variierende Schoßjacke des bürgerlichen weiblichen Kostüms des 18. Jh. Die Herkunft des Namens ist ungewiß. Der C. gehörte zu der sich gegen die „grande parure“ abgrenzenden Negligétracht und wurde in der 1. H. 18. Jh. vorwiegend als Morgen- und Hausbekleidung, später auch auf der Straße getragen. Seine Hauptblütezeit sind die Jahre um 1780–95. Dann wird er durch die antike Tracht verdrängt (s. à la grecque RDK I 323f.) und feiert unter anderem Namen in den Spenzern und Casaquen der Biedermeierzeit eine Auferstehung. Der C. kommt aus der mehr volkstümlichen bürgerlichen Tracht, war auch bei den niederen Ständen sehr beliebt und wurde da vielfach mit untergebundener Schürze getragen (Augsburger Kleidertracht, daselbst verlegt von Ph. D. Danner um 1750, gest. von J. D. Neißenthaler). Seine Einführung in die Mode der eleganten Welt soll der C. dem Herzog von Aiguillon verdanken, der ihn 1768 auf einer Reise durch Nantes von Bürgerfrauen getragen sah (M. v. Boehn, Menschen und Moden im 18. Jh., München 1909, S. 138f.). Mit der von England übernommenen Angleichung des weiblichen Kostüms an das männliche nähert er sich dem männlichen Frack und wird so als Jagd- und Reitjacke über dem Reifrock getragen, wie zahlreiche Porträts der Zeit bestätigen.

Der C. hat zwei Grundformen, die anscheinend zeitlich nebeneinander herlaufen. Einmal das lose fallende, nur am Hals fest ansitzende Jäckchen, z. T. mit einer weiten Rückenfalte, der „Watteaufalte“; zum zweiten das um Brust und Taille fest anschließende Leibchen mit in Länge, Schnitt und Weite verschiedenem, ein- oder mehrteiligem Schoß, der vorne aufspringt und bis zum Rocksaum reichen kann (Abb. 2). Beide Grundformen haben mehr oder weniger anliegende, meist dreiviertel lange Ärmel, die in einer Stulpe, sowie auch in aufgesetzten Band- oder gefältelten Stoffrüschen endigen oder mit einer Spitzenfalbel verziert sind. Der runde, herzförmige oder rechteckige Halsausschnitt ist vorne tief heruntergezogen und manchmal von einer Bandschleife zusammengehalten. In den 80er Jahren wird er durch ein dreieckig gefaltetes, vorn übereinandergelegtes Tuch, die Folette, verkleinert, später durch ein über der Brust gekreuztes Fichu, das z. T. noch durch Versteifungen gebauscht wurde. Der Verschluß, immer vorn, wird durch Haken oder verdeckte Schnürung erreicht. Knöpfe, meist nur der Dekoration dienend, sind seltener und bleiben hauptsächlich dem mit Tressen verzierten Reitrock vorbehalten. Häufig wird vorn ein entweder dem Rock verbundener oder auch am C. befestigter, westenartiger Latz sichtbar (Abb. 1), meist vom selben Stoff und mit Bandschleifen verziert oder auch aus Spitzen. Gesäumt wird der C. durch Rüschen und Bandeinfassung (Abb. 1) oder durch überfallende Revers, die oft als doppelter oder mehrfacher Klappkragen, analog dem männlichen Anzug, den Ausschnitt zieren (Abb. 2). Der Schoß ist den meisten Veränderungen unterworfen. Bald umschließt er einteilig, wenig abstehend, nur nach hinten sich etwas verlängernd und erweiternd, die Hüften (Abb. 3 und 4), bald umflattert er mehrteilig und von kompliziertem Schnitt mit übereinanderfallenden Patten den Rock oder wird auch gebauscht, so die graziöse Umrißlinie des Rokokokostüms vielfältig variierend.

Material zu diesem Kleidungsstück waren, nach den erhaltenen Originaljäckchen 211 urteilen, meist Seidenstoffe, dem Geschmack der Zeit entsprechend geblümte oder gestreifte Damaste, seltener und für die strengere Jahreszeit bestimmt wohl auch Tuche oder andere Wollstoffe mit Pelzverbrämung oder Fütterung. Die frühere Ansicht, der C. müsse in Stoff und Farbe vom dazugetragenen Rocke abweichen, wird durch in der Sammlung v. Bassermann-Jordan erhaltene Kleider widerlegt, bei denen alle Teile aus demselben Stoff gefertigt sind.

[II. Casaquin]

Casaquin, auch Casquin, Casakin, Casikin, aus dem frz. Diminutiv von casaque, ital. casachino (-a), engl. cassac, dt. auch Kosacklin, Kossäcklein, möglicherweise von Kosak abgeleitet, indem man den Namen des Trägers auf den Reitrock übertrug. Der C. ist „ein kurzes Wamms, ein kleiner, langer Überrock, den man im Hause zur Bequemlichkeit anzieht“ (Joh. G. Krünitz, Ökonomische Enzyklopädie 7. Teil, Berlin 17842). Die Bezeichnung C. ist im Gegensatz zum Caraco nicht nur für die weibliche, sondern auch für die männliche Tracht des 18. Jh. bezeugt. In Akten der 40er und 60er Jahre figuriert er als männlicher, vorwiegend bürgerlicher Hausrock, eine Art „Manns-Contouche“ (s. Kontusche) mit angenähten Westenvorderteilen, aus Wollstoff oder dem sommerlich leichteren „Cannefaß“ angefertigt (W. Stengel, Ein Kapitel von Körperpflege und Kleidung, Berlin 1949, S. 61ff.). Doch auch von Friedrich d. Gr. wird berichtet, daß er ein bis zu den Knien reichendes C. aus hellblauem Atlas in Auftrag gab und im Hause, meist in Krankheitsfällen, trug (R. Koser, Berichte der Zeitgenossen über die Erscheinung Friedrichs d. Gr., Hohenzollern-Jb. 1, 1897, S. 99 Anm. 5 u. 102). Ein Morgenkleid aus gelblichem Piqué mit bunter Wollstickerei, das aus einer alten, dem Hofe nahestehenden Familie Oelser stammt (Jb. d. Schles. Mus. N. F. 8, 1924, Taf. 38), war sicher für einen weiblichen Träger bestimmt; es ist tailliert mit langem, enganliegenden Überwurf und entstand 1730.

Diese Schoßjacke, auch Kossäcklein genannt, war eine vorwiegend weibliche, zunächst dem Hause vorbehaltene Bekleidung, die analog dem Caraco in Form und Schnitt von Schoß und Ärmeln wechselte; sie wurde in sächsischen Städten aber seit den 40er Jahren auch auf der Straße getragen [10 S. 264] und ist wohl im allgemeinen identisch mit dem Caraco, der in den Casaque und Spenzer benannten Jäckchen der Biedermeierzeit einen späteren Nachfahren hat.

Zu den Abbildungen

1. Speyer, Hist. Mus. d. Pfalz, Slg. v. Bassermann-Jordan Nr. 4. Kleid mit Caraco, um 1790. Bunter Seidendamast mit gepreßten Rüschen und Westenteil aus demselben Stoff; verdeckter Schnürverschluß. Phot. Mus.

2. Speyer, Hist. Mus. d. Pfalz, Slg. v. Bassermann-Jordan Nr. 11. Mädchenkleid, um 1795. Bis zum Rocksaum verlängerter Caraco, doppelter Klappkragen, verdeckter Schnürverschluß, Metallknöpfe als Verzierung. Rock dunkelbraune Seide, Überrock dunkelbraun und gelb gestreift. Phot. Mus.

3. u. 4. Nürnberg, G.N.M. Inv. Nr. T. 2741. Caraco um 1770 aus blauem, weißgeblümtem Damast auf versteiftem Leinenfutter; reich geschwungener, mehrteiliger Schoß. (3. Vorder-, 4. Rückenansicht). Phot. Mus.

Literatur

1. Beytrag zur Unterhaltung beym Nachtisch für Frauenzimmer vom Stande, Prag 1782, Nr. 8, 12, 15, 23. – 2. Damen Konversations Lexikon, Bd. 1/2, Adorf 1846. – 3. Br. Köhler, Allgemeine Trachtenkunde II, Leipzig o. J., S. 143, 152, 159, 162. – 4. Fr. Hottenroth, Handbuch der dt. Tracht, 1896, S. 805, 812, 820f., 909. – 5. W. Quincke, Handbuch der Kostümkunde, Lpz. 1908, S. 180, 188, 208. – 6. H. Mützel, Kostümkunde für Sammler, Berlin 19212, S. 58, 66–8. – 7. W. Fries, Die Kostümslg. des G.N.M. zu Nürnberg. Festschrift Th. Hampe, Nürnberg 1926, S. 51. – 8. E. v. Sichart, Praktische Kostümkunde, München 1926, S. 375, 402, Abb. 448f. – 9. J. de Jong, 50 Eeuwen Costuum, Amsterdam 1927, S. 82f., 89. – 10. E. ter Meer, Die Frauenkleidung im Rokoko, Zs. f. hist. Waffen- und Kostümkunde N.F. 3, 1931, S. 232ff., 261ff. – 11. M. M. Leloir, Histoire du costume de l’antiquité à 1914, Paris 1934, Bd. 8 S. 19, Abb. 14–16; Bd. 11 S. 52, Abb. 49–52. – 12. E. Nienholdt, Die deutsche Tracht im Wandel der Jahrhunderte, Berlin 1938, S. 158–60, 175. – 13. M. Tilke, Kostümschnitte und Gewandformen, Tübingen 1945, Taf. 127.

Verweise