Capriccio

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englisch: Capriccio; französisch: Caprice; italienisch: Capriccio.


Peter Halm (1952)

RDK III, 329–335


RDK III, 331, Abb. 1. Georg Phil. Rugendas, 1698.
RDK III, 331, Abb. 2. Franz d. P. Ferg, 1726.
RDK III, 333, Abb. 3. François de Cuvilliés, um 1750.

Eine wortgeschichtliche Untersuchung des Begriffs C. (frz. caprice, span. capricho) liegt bisher nicht vor. Auch die Etymologie ist noch nicht eindeutig geklärt (Battisti-Allessio, Dizion. etimol. ital. I, Florenz 1950, S. 745: Capriccio, capricciosità 19. Jh.; capriccioso 16. Jh. = idea fantastica, 17. Jh. = voglia bizarra. – Tommaseo-Bellini, Dizion. della lingua ital. II, Turin 1929, S. 135f.: Componimento o opera d’arte che abbia o paja aver del singolare con leggerezza o con agilità; far di capriccio = operare di propria invenzione senza esempio, ed è opposto a ricavare o far dal naturale).

Die adjektivische Form capriccioso im Sinne von eigentümlich, geistreich, die (von der Antike abgeleiteten) Regeln durchbrechend, findet bereits bei Vasari als ein geläufiges lobendes Epitheton Verwendung (H. Wölfflin, Renaissance und Barock, München 19264, S. 16 mit Anm. 1); dazu auch in der Vita des Filippino Lippi (Mil. 3, 462): „Fu maravigliosa cosa a vedere gli strani capricci che egli espresse nella pittura“.

Cesare Ripa fügt in seiner Iconologia (Ausgabe Rom 1603, S. 49) zum Begriff C. das allegorische Bild eines Jünglings in einem farbenreich gedachten Kleid mit Federhut, der in der Rechten einen Blasbalg und in der Linken einen Sporen hält, und gibt dazu die Erläuterung: „Capricciosi si dimandano quelli, che con Idee dall’ordinarie de gl’altri huomini diuerse fanno prendere le proprie attioni, mà con la mobiltà dall’una all’altra pur del medesimo genere, & per modo d’Analogia si dicono capricci le idee, che in pittura, ò in musica, ò in altro modo si manifestano lontane dal modo ordinario: l’inconstanza si dimostra nell’età fanciullesca, la varietà nella diuersità dei colori.

Il capello con le varie penne, mostra che principalmente nella fantasia sono poste queste diuersità d’attioni non ordinarie. Lo sperone, & il mantice mostrano il capriccioso pronto all’adulare l’altrui virtù, ò al pungere i vitij“.

Fil. Baldinucci bietet in seinem Vocabulario Toscano dell’Arte del Disegno (Florenz 1681) folgende Definition für C., die den subjektiv-persönlichen Zug der künstlerischen Erfindung betont: „Proprio pensiero e Immaginazione. Quindi, fatto a capriccio ò di fantasia, cioè di proprio pensiero e inuenzione“.

In substantivischem Gebrauch erscheint das Wort C. ferner häufig seit dem späteren 16. Jh. in der ital. Musik, und zwar sowohl für Vokal- wie Instrumentalstücke, jedoch nicht als musikalischer Formbegriff im eigentlichen Sinne: Jachet de Berchem 1561, Giov. P. Manenti 1586, Lodovico Balbi 1586, Conte Roncelli 1594, Ottavio Bariola 1594 usw. (Hans Engel, Die Musik in Geschichte und Gegenwart II, Kassel [1952], Sp. 838ff.).

Dieses musikalische C. definiert Michael Praetorius in seinem Syntagma Musicum, Bd. III, Wolfenbüttel 1619, S. 21: „Capriccio seu Phantasia subitanea: Wenn einer nach seinem eigenem plesier und gefallen eine Fugam zu tractiren vor sich nimpt, darinnen aber nicht lang immoriret, sondern bald in eine andere fugam, wie es ihme in Sinn kömpt, einfället: Denn weil ebener maßen, wie in den rechten Fugen kein Text darunter gelegt werden darff, so ist man auch nicht an die Wörter gebunden, man mache viel oder wenig, man digredire, addire, detrahire, kehre unnd wende es wie man wolle. Und kann einer in solchen Fantasien und Capriccien seine Kunst und artificium ebenso wol sehen lassen“.

Aus dem Bereich des Musiklebens am Florentiner Hof könnte Jacques Callot Wort und Begriff übernommen haben, als er 1617 mit einer Widmung an Lorenzo Medici die Folge seiner „Capricci“ herausgab und damit – anscheinend als der erste – die neue Bezeichnung in die bildende Kunst einführte. Gleichzeitig schuf er den charakteristischen Typus graphischer Serien, der bis ins 18. Jh. gültig blieb: Einleitung durch ein Titelblatt (zuweilen mit Dedikation), Bevorzugung eines ziemlich kleinen, meist gleichmäßig beibehaltenen Bildformats, und innerhalb dieser geringen äußeren Bindungen eine Neigung zur Improvisation, Freiheit in der Wahl der Motive, die zuweilen wie ein „tema con variazioni“ einen Grundgedanken umspielen, dazu formal eine skizzenhafte Lockerheit in Erfindung und Ausführung. Der entscheidende Zug aber ist die völlige Ungebundenheit der Phantasie, die ohne jede programmatische Festlegung von einem Bildgegenstand zum anderen übergehen kann.

Callot hat mit den 50 Radierungen seiner C. die umfänglichste und auch thematisch reichste Folge ihrer Art geschaffen. Sie umfaßt Einzelfiguren, Gruppen, Landschaftsausschnitte, Ansichten von Straßen und Plätzen, auf denen sich Kavaliere und Volk bewegen, – wie Einzelausschnitte aus der großen „Fiera di Impruneta“. Die Bildserien der Nachfolger sind von wesentlich geringerem Umfang und variieren häufig nur ein einzelnes Thema: z. B. J. W. Baur (Schlachten), Stefano della Bella (capricij militarij), J. H. Schönfeldt (Studienköpfe), Gg. Ph. Rugendas (Pferde; Abb. 1), F. d. P. Ferg (ländliche Gruppen von 3–4 Personen; Abb. 2). In Stefano della Bella’s 24 Radierungen der „Diversi Capricci“ betonen Orientalen, Elefanten u. ä. in besonderem Maße das phantastische Element.

Frühzeitig wird der Name C. auch auf rein ornamentale Folgen übertragen (Montana, Stefano della Bella) und von italienischen, französischen und deutschen Künstlern bis in das Ende des 18. Jh. festgehalten (Echter, Buffagnotti, Bodenehr, G. L. Crusius, P. Th. Leclerc), wobei sich ganz im Sinne einer kapriziösen Laune der Phantasie Figürliches und Ornamentales verbinden. Einen absoluten Höhepunkt in dieser Art stellen die „Morceaux de Caprices“ von François de Cuvilliés dar (10 Folgen von 4–6 Blatt; Abb. 3).

In dem Werk G. B. Piranesis werden vier Vergänglichkeitsphantasien überwucherter Ruinen antiker Monumente, geöffneter Gräber usw. als C. bezeichnet, die in die „Opere Varie di Architettura ...“ aufgenommen wurden. Auch der erste Titel der „Carceri“ trug die Bezeichnung „Invenzioni capric di carceri“. G. B. Tiepolo verbindet in den lichterfüllten Radierungen seiner „Varii capricci“ Krieger und Orientalen, Hirten und fahrendes Volk, Tiere und Satyrn, Antikes und Exotisches zu eindrucksvollen phantastischen Gruppen.

In einem ganz freien Sinn findet die Bezeichnung C. Anwendung für einzelne kleine Gemälde und in sich abgeschlossene Zeichnungen von Fr. Guardi, die – ohne vedutenhafte Bindung an die Wirklichkeit – aus wirklichkeitsnahen Einzelheiten phantasievoll-gefällige Szenerien aufbauen (vgl. M. Göring, Fr. Guardi, Wien 1944 und J. Byam Shaw, The Drawings of Fr. Guardi, London 1951).

Fr. de Goya endlich hat mit seinen in den letzten Jahren des 18. Jh. entstandenen, 1803 erstmals veröffentlichten „Caprichos“ völlig neue Wege beschritten. Die 80 Aquatinta-Radierungen stellen und lösen eine Aufgabe, die sich mit den viel bescheideneren Absichten der kleinen Blattfolgen des 17. und 18. Jh. nicht mehr vergleichen läßt. Es sind nicht mehr skizzierende Niederschriften, spielende Variationen mehr oder minder indifferenter Themen, sondern in sich vollendete gedankenbeladene Bilder im Dienste einer bitteren Zeit- und Gesellschaftskritik, die sich in Traumbildern ausspricht.

Nicht immer deutlich ist die Abgrenzung von C. gegen verwandte Bezeichnungen, wie pensieri, scherzi di fantasia, morceaux de fantaisie, varie figure.

Das nachstehende Verzeichnis graphischer Bildserien, die unter dem Namen „Capricci“ o. ä. erschienen sind, zeigt, wie groß der Anteil deutscher Künstler an diesen Spielen der Phantasie ist. (Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Titel abgekürzt.)

J. Callot, Capricci di varie Figure di Jacopo Callot, erste Ausgabe Florenz 1617 (Meaume 768–817), zweite, neu radierte Ausgabe Nancy 1623 (M. 818–867).

G. B. Montano, Diversi Ornamenti Capricciosi ... inventati Da G. B. M ... Dati in luce Da G. Soria. Rom 1625 (Kat. der Ornamentst. Slg. Berlin Nr. 2610/2611).

Joh. W. Baur, Capricci di varie Battaglie. 1635. (W. v. Seidlitz in Meyers Allgem. K. Lex. III, S. 154 Nr. 24. – 15 Blatt).

Stefano della Bella, Caprice faict par De La Bella, ca. 1642 (de Vesme 104–116). – Raccolta di varii cappricii et noue inuentioni di cartelle et ornamenti, 1646 (de Vesme 1027–1044). – varii cappricii militari, ca. 1646 (de Vesme 258–263). – Diversi Capricci fatti per SDBella, ca. 1648 (de Vesme 128–151).

Joh. H. Schönfeldt, Varie teste de Capricci, 1656. (L. H. Krapf, J.H. Schönfeldts Radierungen. München 1938, Nr. 4–16. Datierung nicht 1626, sondern 1656 zu lesen. Nr. 14 kopiert nach Stefano della Bella, d. V. 339).

Gg. Andr. Wolfgang, Varie Capricci, nach J. H. Schönfeldt 1661 (7 Blatt; Nagler, Kstl. Lex. 25, S. 6 Nr. 46; Leblanc 20).

Matthias Echter, Raccolta Di Varij Cappricij et Noue Inuentionij di fogliami Romane ..., Graz 1679. (Kat. O. Bln. Nr. 65; nach Nagler, Mon. IV 1762: 12 Blatt).

Carlo Buffagnotti, Vari Capricii Di Fughe, ca. 1680. (Kat. O. Bln. Nr. 578, 12 Blatt).

Gg. Philipp Rugendas, Capricci, 1698 (Stillfried 14–19; Reiter- und Pferdegruppen; Abb. 1).

Gabr. Bodenehr, Grotesche Capricciose: oder Neueröffnete Carnevals Redoutte. Augsburg o. J. (Kat. O. Bln. Nr. 4300).

Franz de Paula Ferg, Capricci fatti per ..., angeblich London 1726. (Nagler IV, S. 280. Nagler Mon. II, 2080. 8 Blatt. Ölgrisaille-Entwürfe in der Albertina, Wien; Kat. Bd. IV, Nr. 2026–2033; Abb. 2).

Gabriel Huquier, Premier Livre de Nouveaux Caprices D’Ornements ... Inventés et Gravés par Huquier. Paris, um 1730–35 (Kat. O. Bln. Nr. 397).

Giov. B. Piranesi, Titel der ersten Ausgabe der „Carceri“: Invenzioni capric di carceri ..., um 1745 (Giesecke 5; Hind S. 24); ferner vier um 1745 entstandene Tafeln (24–27) der 1750 erschienenen Folge der „Opere Varie di Architettura, prospettive, grotteschi / Antichità ...“ (s. Giesecke Nr. 3 und 9).

Giov. B. Tiepolo, Varij Capriccij ... 1. Ausgabe 1749 (viell. schon 1743), 2. Ausg. 1785 (de Vesme 3–12).

François de Cuvilliés, Morceaux de Caprice à divers usages ... In der zweiten Reihe des Sammelwerks: 1r Livre A, 6 Blatt, gest. von G. S. Rösch und J. H. Haid; 2e Livre B, 6 Blatt, gest. von Rösch und Haid; 4e Livre, 6 Blatt, gest. von C. A. de Lespilliez; 9e Livre, 4 Blatt, gest. von C. A. de Lespilliez; 10e Livre, 4 Blatt, gest. von C. A. de Lespilliez und J. G. Haid. München und Paris, um 1740–1750 (Kat. O. Bln. Nr. 146; vgl. Bérard, Cat. de l’Oeuvre de Cuvilliés père et fils, S. 15 Nr. 26–45; Abb. 3).

Gottl. Leberecht Crusius, Capricci Parte I, um 1760 (nach R. Berliner, Taf. 411. – Kat. O. Bln. Nr. 173; nach Nagler III, S. 213, 12 Blatt).

Pierre Thom. Leclerc, Caprices et Pensées De Divers Genres ... terminés par Fr. Janinet. Paris, 1782 (Kat. O. Bln. Nr. 494, unvollständig).

Franc. de Goya, Los Caprichos (J. Hofmann 1–80, bzw. 82 a; Delteil 38–117). 1793–1798 entstanden; erster Gesamtdruck 1799, I. Ausgabe 1803.

Zu den Abbildungen

1. Georg Philipp Rugendas I. (1666–1742), Capricci, 1698. Titelblatt. 8.3 × 10.2 cm. Phot. Staatl. Graph. Slg. München.

2. Franz de Paula Ferg (1689–1740), Capricci, angeblich London 1726. Titelblatt. 10.8 × 8.2 cm. Phot. Kunsthalle Karlsruhe.

3. François de Cuvilliés d. Ä. (1695–1768), Morceaux de Caprices à divers usages. Titelblatt des 10. Buches, gestochen von Charles Albert de Lespilliez, München und Paris um 1750. 45 × 32.2 cm. Phot. Staatl. Graph. Slg. München.