Byssus

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englisch: Byssus, byssus silk; französisch: Byssus, bysse; italienisch: Bisso.


Renate Jaques (1952)

RDK III, 298–302


RDK III, 301, Abb. 1. Aachen, Marienschrein.
RDK III, 301, Abb. 2. Aachen, Marienschrein.

B. (von griech. βύσσος) ist ein durchsichtiges, ungefärbtes Gewebe von verschiedener, besonders feiner Textur. Die Faser wird aus einer im östlichen Mittelmeerraum wachsenden Pflanze gewonnen [2]. Die Bezeichnung B. wird fälschlich [5] oft auf Muschelseide angewendet, eine Seide, die aus dem Bart einer Meeresmuschel hergestellt wird. Die moderne Textilindustrie bezeichnet irrtümlich auch Baumwollgewebe mit B. J. Braun [3, 4] ist hier zu berichtigen.

Die Zartheit und der besonders feine Glanz der Gewebe ließen oft die Vermutung zu, daß das Material eine Art Seide wäre. Diese Meinung wird auch von griechischen und römischen Autoren ausgesprochen. Anlaß hierfür war wohl die Kostbarkeit des B., der in seiner feinsten Gestalt ebensosehr hochgestellten Personen vorbehalten war wie die Purpurseide.

Die Gewebe sind meistens naturfarben, ungefärbt und in Leinenbindung hergestellt. Sie sind entweder ungemustert oder mit eingewebten Mustern verziert. Bock [1] meldet, daß in der ganzen römischen Kaiserzeit der B. mit geometrischen Mustern ausgestattet worden sei.

Die seit 2. H. 19. Jh. aus Ausgrabungen und Reliquienfunden bekannt gewordenen schleierartigen Gewebe zeigten in der Untersuchung drei verschiedene Arten von B.:

1. Ägyptischer B., mittelfein, in Unter- und Oberägypten zur Zeit der Pharaonen angebaut und für die Mumien der gleichen Zeit in Ägypten und den Nachbarländern verwendet.

2. Alexandrinischer B., allerfeinst, nur aus den zartesten Fasern der im fruchtbaren Nildelta wachsenden B.-Art gewonnen. Seiner Kostbarkeit steht nahe

3. Syrisch-antiochenischer B., sehr fein, in der Nähe von Antiochien und Syrien angebaut.

1. Verwendung von 2. und 3. In Ägypten wurden die Häupter hoher Verstorbener mit Streifen dieses hauchdünnen Gewebes umwunden; man erreichte auf diese Weise, daß die Züge der einbalsamierten Toten noch zu erkennen waren.

Das Gewebe eignete sich wegen seiner Zartheit auch als Kopfhülle und leichtes Obergewand. Für dieses, vorzugsweise aus alexandrinischem B. hergestellte Gewand sind die Namen linea nebula (Nebelleinen) oder opus araneum (Spinnenarbeit) überliefert. Für die Durchsichtigkeit erfand man den Vergleich, die Gestalt habe ausgesehen wie „vinum in vetro“. Im hohen Altertum, der Zeit des höchsten Luxus, bestand Veranlassung, auf Sitte und Anstand zu verweisen und ein Verbot zu erlassen, sich im B.-Gewand ohne Unterkleidung in der Öffentlichkeit zu bewegen.

2. Handelsplätze. Bis in die Zeiten der Arabereroberungen war das Nildelta und Alexandrien Hauptstapelplatz für den alexandrinischen B. Antiochia, Damaskus, Palmyra boten B. aus Syrien und Mesopotamien an. In frühchristlicher Zeit treten Byzanz, Smyrna und die Insel Cypern hinzu.

Erhalten sind uns B.-Gewebe außer aus Mumienfunden hauptsächlich in Schreinen und Schatzkammern von Domen und Kathedralen. Entweder werden sie selbst als Reliquie verehrt, oder sie dienen als adäquate Umhüllung von Reliquien. Kanonikus Bock [1] konnte diese Stoffe bei den Reliquiar- und Schreinöffnungen in der 2. H. 19. Jh. am genauesten Studieren, so daß wir weitgehend auf seine Berichte angewiesen sind.

Alexandrinischer B. Als ältesten alexandrinischen B., die feinste Gewebeart, das sog. Nebelleinen, nennt Bock aus Augenschein die zarten Streifen, die den Kopf Ramses II. umgaben, als man die Mumie in den 80er Jahren des 19. Jh. in den Grabkammern von Der-el-Bahri fand. Dieser B. ist ebenso ungemustert wie die beiden, stofflich wohl gleichen, vielleicht zu einem Stück gehörigen sudarii Domini, die Bock 1869 in Cornelimünster und Mainz, S. Emmeran, besichtigen konnte. – Ein in Aachen aufbewahrtes velamen B.M.V. erweist sich als besonders großes, mit Webekante an beiden Seiten versehenes alexandrinisches Nebelleinen, ebenfalls ohne Musterung. Zarte B.-Stoffe derselben alexandrinischen Herkunft befinden sich in Chartres und Prag. Es wird die Vermutung ausgesprochen, daß sie als Schenkungen aus der Aachener Pfalzkapelle in diese Schatzkammern gelangten, um so mehr als ihre Textur stark an den Aachener Schleier erinnert.

Syrisch-antiochenischer B. Bei der Öffnung des Kölner Dreikönigsschreines im Jahre 1864 erwiesen sich die – wohl nach ägyptischer Art einbalsamierten – ossa streifenförmig umwickelt wie die Mumien. Der sehr feine, antiochenische B. zeigt ein kleines, quadriertes Muster im Gewebe.

Auch das im Aachener Marienschrein verwahrte Mariengewand, das Bock 1867 untersuchte, besteht aus gleichem antiochenischem B. mit einer Art gewürfelten Musters. Er nimmt an, daß diese Gewebeart in Achmim-Panopolis hergestellt worden sei (s. Abb. 1 und 2).

Bock erinnert sich ferner an die Verwendung des antiochenischen B. als Zwischenlager oder Schoner für Initialen und Miniaturen in fast allen Pergamentcodices, insbesondere Purpurhandschriften, die vor dem 10. Jh. entstanden sind. In einem Codex der Bibl. des Priesterseminars in Autun ist der B. von mittelfeiner Struktur mit streifenförmiger Musterung, wofür nach Bock orientalische Herkunft annehmbar sein könnte.

Als Unikum erhaltener weltlicher Verwendung fand Bock in der Privatsammlung Kulmann, Hannover, ein B.-Gewand, dem eine Pergamenturkunde beigegeben war. Der Inhalt nennt Karl d. Gr. als Besitzer, die Urkunde ist von „Hradfridus notarius“ gezeichnet. Der Schnitt stimmt mit dem der Tunicella, die vor dem 10. Jh. als Subdiakonengewand üblich war, überein. Bock nimmt an, daß das Gewand als Geschenk Harun al Raschids an Karl d. Gr. gelangt sein könnte.

Noch für A. 11. Jh. hat Bock die Verwendung des mittelfeinen B. als Untergrund für eine gemalte Stickerei-Vorlage nachweisen können. Es war der Entwurf für das Meßgewand, das Königin Gisela von Ungarn mit ihren Damen für die Bischofskirche von Stuhlweißenburg gestickt hat; er wurde in der Benediktinerabtei Martinsberg bei Raab gefunden.

Zu den Abbildungen

1. und 2. Aachen, Dom, Mariengewand im Marienschrein. Phot. Aachener Dom (1951).

Literatur

1. Franz Bock, Die textilen Byssus-Reliquien des christlichen Abendlandes, aufbewahrt in den Kirchen Köln, Aachen, Cornelimünster, Mainz und Prag, Aachen. 1895. – 2. Max Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde aller Zeiten und Völker, Berlin 1904, S. 105. – 3. Joseph Braun, Die liturgischen Paramente, Freiburg/Br. 1924, S. 15. – 4. Ders., Liturgisches Handlexikon2, S. 56.– 5. Hugo Glafey, Textil-Lexikon, Handwörterbuch der gesamten Textilkunde, Stuttgart und Berlin 1937, S. 113.

Verweise