Burg

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Castle, fort; französisch: Château fort, forteresse; italienisch: Rocca, castello.


Karl Heinz Clasen (1950)

RDK III, 126–173


RDK II, 273, Abb. 4. u. 5. Steinsberg in Baden, 13. Jh.
RDK III, 127, Abb. 1. Hunneschans (Holland) 9. Jh.
RDK III, 127, Abb. 2. Hainburg (Niederösterreich), 1050.
RDK III, 129, Abb. 3. Hanstein im Eichsfeld, 1308ff.
RDK III, 131, Abb. 4. Burg Eltz a. d. Mosel, 12.-17. Jh.
RDK III, 133, Abb. 5. Ratzeburg, 1588.
RDK III, 135, Abb. 6. Breuberg im Odenwald, um 1200 u. später.
RDK III, 137, Abb. 7. Marksburg a. Rhein, 14. Jh. u. später.
RDK III, 137, Abb. 8. Ehrenburg a. d. Mosel, 14. Jh.
RDK III, 139, Abb. 9. Schema eines frühgeschichtl. Turmhügels am Niederrhein.
RDK III, 139, Abb. 10. Handschuhsheim, E. 15. Jh.
RDK III, 141, Abb. 11. Balduinstein i. Taunus, 1319.
RDK III, 141, Abb. 12. Baldeneck im Hunsrück, c. 1325.
RDK III, 143, Abb. 13. Münzenberg, 12.-13. Jh.
RDK III, 145, Abb. 14. Thurant a. d. Mosel, um 1200.
RDK III, 147, Abb. 15. Hohandlau im Elsaß, M. 14. Jh.
RDK III, 149, Abb. 16. Runkel a. d. Lahn, um 1200.
RDK III, 151, Abb. 17. Bernstein im Elsaß, 1. H. 13. Jh.
RDK III, 153, Abb. 18. Hornberg am Neckar, 14. Jh.
RDK III, 153, Abb. 19. Berneck im Schwarzwald, um 1200.
RDK III, 155, Abb. 20. Schönburg am Rhein, 14. Jh.
RDK III, 157, Abb. 21. Wildenburg im Odenwald, um 1200 u. 1. H. 13. Jh.
RDK III, 161, Abb. 22. u. 23. Burgschwalbach, 1368-71.
RDK III, 163, Abb. 24. Ortenberg im Elsaß, 2. H. 13. Jh.
RDK III, 163, Abb. 25. Boymont in Tirol, um 1230.
RDK III, 165, Abb. 26. Kastell Genap in Flandern, 14./15. Jh.
RDK III, 167, Abb. 27. Neu-Leiningen i. d. Pfalz, um 1240.
RDK III, 169, Abb. 28. Gutenfels am Rhein, 1. H. 13. Jh.
RDK III, 171, Abb. 29. Nippenburg (Hohenschramberg), nach M. 15. Jh.

I. Begriff und Wesen

Unter B. versteht man heute eine m.a. Architekturform, in der sich gleichzeitig Wehrwille und Wohnabsicht eines Einzelbesitzers oder einer kleinen Besitzergruppe verkörpern. In diesem Sinne und vor allem in ihrer soziologischen Verallgemeinerung bedeutet die m.a. B. in der abendländischen Entwicklung, wie sie mit der Spätantike einsetzt, etwas Neues.

Kelten und Germanen kannten als Hauptform ihres Verteidigungswesens die Flieh - B., als rein militärischen, weitläufigen Wehrbau mit oft mächtiger Umwallung, der sich der in unbedeutenden Hütten und Häusern kaum geprägte Wohnzweck völlig unterordnete. Auch das Lagerkastell oder Castrum der frühen römischen Expansion setzte sich als vorwiegend militärisches Gebilde aus einer starken Mauerbefestigung und davon unabhängigen Wohnbauten zusammen.

Erst als die Römer seit dem 3. Jh. in die Verteidigung gedrängt wurden, entstand das Kastell, ein einheitlicher Wehrbau, dessen Wohnraum an die von Vierecktürmen flankierte Mauer gerückt war. Aber trotz dieser schon burgartigen Konzentration handelte es sich hier um eine befestigte Kaserne, um eine Soldaten-B., bei der der Wohnwille des einzelnen hinter dem Verteidigungsinteresse des Staates zurücktrat. Eine weitere Vorform für den m.a. B.-Bau muß im römischen Burgus erblickt werden. Aus einem Turm mit Wall und Graben bestehend, diente er zur Aufnahme kleiner militärischer Besatzungen und bildete so einen Stützpunkt im Zuge der großen Grenzbefestigung.

Im Gegensatz zu diesen Vorformen und gänzlich anders gearteten älteren Verteidigungseinrichtungen bedeutet die deutsche Burg die architektonische Erfüllung und Verquickung von Wehrzweck und Wohnzweck. Da sie sich aber erst allmählich aus den gekennzeichneten Vorstufen herauslöst, überwiegt zunächst der Wehrgedanke. Doch das immanente Streben nach bequemerem Wohnen schafft sich wachsend baulichen Ausdruck, befindet sich eine Zeitlang im Gleichgewicht mit der Verteidigungsfähigkeit und überwuchert diese schließlich fast ganz. Damit tritt wieder eine Trennung von Wohn- und Wehrzweck, von Wohnbauten und militärischen Anlagen ein, die zugleich das Ende der m.a. B. bedeutet. Wichtiger jedoch als dieser geschichtliche Ablauf dürfte zunächst die Gesetzmäßigkeit sein, aus der sich die verschiedenen deutschen B.-Formen ergeben.

II. Gesetzmäßigkeit der Formbildung: südliches und nördliches Abendland, das nordische Prinzip der Geländeausnutzung und seine verschiedenen B.-Typen

Nordraum und Südraum des Abendlandes zeigen, wie in ihrem gesamten künstlerischen Schaffen, so auch im B.-Bau, grundsätzlich völlig verschiedene Gestaltungsweisen. Der Süden: Italien, Frankreich, Spanien, blieb bei der römischen Gewohnheit, die Wehrbauten nach freier Planung aufzuführen. Dem Prinzip der Flankierung entsprechend, spannen sich die südeuropäischen B., wenn es die Geländeverhältnisse nur irgend erlauben, mit möglichst gleichmäßig verteilten Verteidigungsakzenten in gerade Grenzen. Leittypus ist das Kastell mit seinen flankierend vorspringenden Türmen, von denen einer oft zum Hauptturm ausgestaltet wird.

Im Norden dagegen herrscht scheinbar völlige Willkür. Die B. ist dem Gelände angepaßt, und jede einzelne macht den Eindruck, aus immer wieder anderen Bodenbedingungen heraus zufällig geworden zu sein. Der Grundriß bleibt unregelmäßig begrenzt, kurvig fließend, der Aufbau uneinheitlich, ohne klar gewollte Prägung. Diese Architektur entstand naturgewachsen aus dem Prinzip der Geländeausnutzung. Trotzdem wird sie nicht weniger zwangsläufig zum Kunstwerk. Bei aller Ausschaltung individueller Planung gewinnen auch bei ihr treibende Kräfte mit letzter Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit in einer überraschenden Reihe fester Typen Gestalt.

A. Die Ringburg mit ihren Untertypen

In erster Linie kam es bei der Gestaltung der deutschen B. darauf an, welche natürliche Deckung das Gelände dem B.-Platz bot oder nicht bot. Gleichmäßig abfallender Bergkegel, Insel in einem See oder Fluß, gleichförmig gebreitete Ebene – geographische Formationen bedingen keine typischen Unterschiede – verlangten bei rundherum gleichen Angriffsmöglichkeiten auch eine gleichmäßig verteilte Abwehr. Dieses Prinzip allseitig gleichmäßiger Deckung ließ die Ringburg mit ihren verschiedenen Untertypen entstehen. Kreis und Oval bildeten ihren idealen, wenn auch nur selten erreichten Grundriß. Die Organisation der Abwehr konnte auf verschiedene Weise geschehen: durch einfache Mauer, durch Zusammenstellen der B.-Häuser, durch Türme an zentralen, beherrschenden Punkten. Naturgemäß fehlt es nicht an Übergangsformen, so daß sich mitunter die Grenzen zwischen den einzelnen Typen verwischen.

1. Ringmauer-B.

Die Ringmauerburg, bei der die Verteidigung von einer selbständigen Umwallung aus geschah, tritt etwa im 9. Jh. in einer primitiven Formung auf. Ein Holzerdewall umzog rundlich die Pipinsburg bei Sievern (Kr. Lehe) und die Hunneschans am Uddeler Meer in Holland (Abb. 1). Geschützt hinter ihm standen die noch unentwickelten Hausbauten. Namentlich in den östlichen Grenzgebieten baute man ausgedehnte steinerne Mauerringe um einen oft zweiteiligen B.-Bezirk, Ihre ursprüngliche Prägung, bei der der Turm durchaus nicht zu fehlen brauchte, ging meist später durch schloßartigen Ausbau verloren (die Schlösser Koburg, Bernburg, Ortenburg und Mildenstein i. Sa.). Deutlicher blieb der Charakter solcher weitgedehnten Ring-B. mit ihrem architektonisch unbedeutenden Wohnbau etwa bei der Hainburg in Niederösterreich (1050 angelegt; Abb. 2) oder der ebenfalls frühen Burg Lengenfeld in der Oberpfalz erhalten. Ältere weitläufige Beringe erhielten oft später noch stattliche B.-Gebäude, die aber dann über die weite Gesamtanlage kein Übergewicht mehr erlangen konnten (Lengenfeld, Salzburg in Unterfranken). Ein spätes Beispiel des Typus bietet die von Karl IV. mit dreieckigem Grundriß errichtete Burg Tangermünde. Unter dem Einfluß der Feuergeschütze tritt die reine Mauerverteidigung wieder stärker in den Vordergrund. Man legt jetzt um ältere B. gerne für die neuen Geschütze eingerichtete Mauerzüge. Aber auch gänzliche Neubauten, wie Gröditzberg in Schlesien oder Eisenhart bei Belzig, passen sich durch eine von den Wohnbauten getrennte Ringmauer den veränderten Verhältnissen an.

2. Randhaus- oder Gaden-B.

Die aus primitivem Material errichteten B.-Häuser der vor- und frühgeschichtlichen Anlagen besaßen keinerlei Verteidigungswert. Aus Stein erbaut, rückten sie jedoch dicht an die Ringmauer und überragten sie sogar (Uffoburg bei Todenman, Salzburg in Unterfranken). Der wachsende Wohnbedarf, der mit dem 14. Jh. einsetzte, brachte es mit sich, daß die Häuser den B.-Bering oft völlig schlossen. So entwickelte sich der Typus der Randhaus- oder Gadenburg. Gaden nannte man namentlich bei den volkstümlichen Friedhofsbefestigungen solche Randbauten. Die Burg Hanstein im Werratal, eine einheitliche Planung des 14. Jh., setzt sich aus turmartigen Randhäusern zusammen, unter Verzicht auf einen beherrschenden Bergfried (Abb. 3). Malerisch krönt sie den fast gleichmäßig abfallenden Gipfel einer Berghöhe. Ähnliche Verwachsenheit mit der Berglandschaft hat die im Typus verwandte Burg Eltz in der Moselgegend (Abb. 4) geradezu zum Inbegriff der deutschen B. gemacht. Ihre auf der inselartig isolierten Berghöhe zu einem Oval gruppierten Turmhäuser für vier Familienzweige entstammen dem 12.–17. Jh. Auch das 1237 begonnene Runkelstein in Südtirol muß diesem Typus zugezählt werden und ebenso, trotz ihrer Schildmauer, die wuchtige Schauenburg in Wttbg. (13. Jh.). Mitunter wurde der Hausbering nicht so lückenlos geschlossen, oder es schoben sich hohe Wehrtürme ein (Limburg a. d. L., Pernstein in Mähren, Hülchrath und Linn am Niederrhein). Ein sehr schönes Beispiel für solche Anlagen in der Ebene bot die nur in Abbildungen erhaltene, auf einer Insel gelegene Ratzeburg (Abb. 5). Auch Schloß Marburg muß architektonisch zum Typus der Randhaus-B. gerechnet werden, obwohl ihm planvolle Gestaltung eine Sonderstellung im deutschen B.-Bau gibt.

3. Turm-B.

Dasselbe Prinzip allseitig gleichmäßiger Deckung, dem Ringmauer-B. und Randhaus-B. ihre Entstehung verdanken, bringt die Turmburg hervor, sobald der Grundsatz der Randverteidigung durch den der Zentralverteidigung ergänzt wird. Die unverkennbare Gipfelung m.a. Verteidigungssystems, der Turm, besaß bei den ausgedehnten Ring-B. einen wehrtechnischen Sinn nur im Zuge der Außenbefestigung. Bei kleineren Ring-B. dagegen konnte man von dem zentral gestellten Bergfried (RDK II, Sp. 269ff.) sich über die Umwallung hinweg mit den Schußwaffen verteidigen. Maßgebend wurde für die Gesamtgestaltung der Turm-B. wiederum das Gelände. Bergkuppen und Bergkegel, natürliche und künstliche Inseln boten ihr bequeme Ansatzstellen.

Besonders charakteristisch ausgeprägte Turm-B. mit Zentralturm und starker Randbefestigung weist das Odenwaldgebiet mit seinen hohen rundlichen Kuppen auf (Breuberg, Abb. 6; Lindenfels, Erbach, Starkenburg). Die Feste Marienberg bei Würzburg muß vor dem schloßartigen Ausbau des 15. und 16. Jh. mit ihrem schönen Rundturm (RDK II, Sp. 271, Abb. 1) inmitten eines allerdings ziemlich weiten Beringes den Typus viel wirkungsvoller verkörpert haben als heute. Auch am Rhein erheben sich mehrere schöne Turm-B. (Godesberg, 1210 beg., Nürburg in der Eifel). Ihre reinste Verkörperung bedeutet heute, als schönes Gegenstück zu Eltz, die Marksburg b. Braubach a. Rh. (Abb. 7). Auf der kleinen Plattform des Berggipfels gruppieren sich die B.-Häuser dreieckig um einen kleinen Innenhof. Aus ihm steigt der viereckige, ziemlich schlanke Bergfried auf. M.a. und neuzeitliche Außenbefestigungen vervollständigen dieses prächtige B.-Bild. Verwandte Anlagen haben sich in der Burg Falkenberg (Oberpfalz) und der Inselburg Chillon im Genfer See erhalten.

Nicht immer jedoch verlief die Gestaltung der Turm-B. so regelmäßig wie bei der Marksburg. Geländeverhältnisse erzwangen Verschiebung des Zentralturmes oder Unsymmetrie durch Anlage schützender Vor-B. Auch tritt an Stelle des Häuserringes mitunter der Mauercharakter der Umwallung stärker in Erscheinung (Ohlbrück, Neuerburg und Felsberg in Niederhessen, Otzberg und Vetzberg in Oberhessen). Sehr schön spiegelt Burg Steinsberg in Baden, mit polygonalem Bergfried (RDK II, Sp. 274, Abb. 4 u. 5) und Ringmauer um 1250 entstanden, den Übergang zum Randhausbering wider. Denn hier sind die Häuser an der Ringmauer erst im 14. Jh. ausgebaut worden. Die eindrucksvolle Regelmäßigkeit dieser Anlage wurde noch von der jetzt arg verstümmelten Burg Egisheim im Elsaß übertroffen. Durch regelmäßige Planung zeichnet sich auch der 1325 errichtete Pfalzgrafenstein auf einer Rheininsel bei Caub aus. Wie ein steinernes Schiff ragen Mauerbefestigung und Bergfried aus dem Strome auf.

Besondere Geländeformationen, spitz auslaufende Bergkegel, kleine Inseln, boten oft so wenig Ansatzfläche, daß neben dem Turm kaum noch Raum für einen Hausbau übrigblieb. Wenn dann etwa ein Turm unmittelbar krönend aus einer Bergspitze herauswächst, der Wohnbau sich unauffällig den Berglinien angleicht, verschmelzen Berg und Bau, Landschaft und Menschenwerk zu einer großartigen und charakteristisch nordischen Einheit. Burg Ehrenberg (Abb. 8) in einem Seitentale der Mosel, mit ihrer spitz aufdrängenden Silhouette, bietet ein schönes und imposantes Beispiel für diese B.-Form. Ihr schildmauerartiger, aus zwei Einzeltürmen mit kurzer verbindender Mauer bestehender Bergfried tritt auch bei anderen B. des Rheinlandes auf.

Der Turm, auf dem mitunter die architektonische Bedeutung solcher Turm-B. fast ausschließlich beruhte, hatte entweder Wohncharakter, oder er war ein vorwiegend für die Verteidigung bestimmter Bergfried (RDK II, Sp. 269ff.). Das frühe MA stellte diese Türme gerne auf künstlich geschüttete Erdhügel (Abb. 9), um so stärkere Überhöhung und größere Sicherheit zu erreichen. Der Ursprung solcher Anlagen muß im römischen Burgus gesucht werden oder in anderen monumentaleren spätantiken Bauten dieser Art, wie sie eine Darstellung in der Wiener Genesis festhält. Das MA entwickelte sie im nordwestlichen Frankreich und in England zu der gewaltigen Donjon-B., mit einem mächtigen Wohnturm als einzigem Gebäude innerhalb des Mauerrings. Zu so monumentaler Ausprägung ist der Typus in Deutschland nicht gelangt.

4. Wohnturm-B.

Primitive Wohnturmburgen besaßen gewöhnlich Holztürme auf künstlichen oder natürlichen Hügeln innerhalb einer Holzerdeumwallung (Gräfte bei Driburg, Hünenburg bei Pyrmont, Neuhochstaden im Erfttal). Dann ging man zum steinernen Turmbau über (Hardenberg bei Mettmann, Hardtburg bei Rheinbach, Marodei in Mecklenburg, Grenzlerburg bei Goslar), ohne daß jedoch die primitiven Anlagen so bald aus der Entwicklung verschwanden. Gelegentlich entstanden einmal umfangreichere Anlagen, wie etwa der mächtige sechsgeschossige Turm von Baierdorf in der Steiermark. Mit dem wachsenden Wohnzweck gegen E. des MA wurde auch bei diesem B.-Typus der wohnlich geweitete Charakter des Turmes immer mehr zum Ausdruck gebracht (Handschuhsheim bei Heidelberg, Abb. 10; Vlattenhaus bei Eynatten, Heyden und Groß-Vernich in der Rheinprovinz, Kriebstein i. Sa., Bober-Röhrsdorf in Schlesien).

Auch bei den Berg-B. fand der Wohnturm Eingang, namentlich dort, wo die Bergspitze zu klein war, um Raum für größere selbständige Wohnbauten zu bieten. Oder aber man gestaltete ihn als fortifikatorisches und architektonisches Zentrum, dem sich Palas und andere Hausbauten anordneten (Drachenfels a. Rh., 1147 beg.; Trifels in der Pfalz, um 1200; Landeck in Tirol; Flossenbürg in der Oberpfalz; Haderburg bei Bozen; Habsburg in der Schweiz). Auch diese Wohntürme weiten sich in der Spätzeit m.a. B.-Baues und nehmen oft hausartige Proportionen an (Ramstein im Elsaß, seit 1293; Karlstein in Böhmen, 1348–57; Hermannstein im Taunus, seit 1375).

Entsprechend der in Deutschland vorherrschenden Gewohnheit, den Hauptturm nicht für dauerndes Wohnen einzurichten, ersetzte man den Donjon meist durch den verteidigungsfähigeren Bergfried (RDK II, Sp. 269ff.) Eine Art von Übergang zwischen beiden Turmformen kann man in der früh-m.a., durch Ausgrabung bekannt gewordenen Burg Eschborn bei Höchst am Main sehen. Die ebenfalls recht frühe Oberburg bei Rüdesheim setzte den alten Erdhügel in Steinarchitektur um und begnügte sich, wie auch Burg Eschborn, mit leichten Wohnbauten im Zwingerraum. Stattliche Wohn- und Wirtschaftsgebäude gruppierten sich um den Bergfried der seit 1184 errichteten Barbarossapfalz in Kaiserswerth a. Rh. Als einfache Turmhügel-B. kommen Vertreter dieses Typus noch ganz im Sinne des römischen Burgus als Warten bei Landwehren und in der Nähe von Städten vor (Warten bei Wetzlar und Fritzlar). Die Berg-B. kennt ebenfalls den Bergfried als beherrschendes Zentrum, dem sich oft ein kleiner Palas fest angliedert (Sterrenberg a. Rh., Kreidenturm und Gescheibter Turm bei Bozen, Arco in Tirol, Hohegisheim und Rappoltstein im Elsaß, Ramstein in der Schweiz, Heimbach in der Eifel). In der Weiterentwicklung konnte sich mitunter eine malerisch bewegte Masse von Gebäuden um den Turm schmiegen, so daß sehr wirkungsvolle Architekturbilder entstanden (Hohkönigsburg im Elsaß, Ried bei Bozen, Welsberg in Tirol, Kipfenberg bei Eichstätt).

5. Haus- oder Palas-B.

Schließlich wird die Ring-B. ganz zur Haus- oder Palasburg, sobald man den zentralen Turm durch ein hausartiges Hauptgebäude ersetzt. Unter Einwirkung des wachsenden Wohnzweckes wurde diese Form im Laufe des späten MA recht beliebt. Besonders eindrucksvoll sind die beiden B. des Erzbischofs Balduin von Trier, Balduinstein im Taunus (1319, Abb. 11) und Baldeneck im Hunsrück (Abb. 12) und das 1332 vom Bischof von Straßburg erbaute Neuwindstein im Elsaß. Reich ist auch die Schweiz, unter Einwirkung des westlichen Donjontpyus, an derartigen Denkmälern von mitunter schon schloßartigem Charakter (Lausanne 1397 bis 1431, Vufflens, Nyon, Siders und Persen). In der Oberpfalz vertritt das gut erhaltene Heimhof den Typus der Haus-B., in Unterfranken Alzenau, in Schwaben das Schleglerschloß zu Heimsheim. Die Verteidigungsfähigkeit wird meist auf ein Minimum reduziert und fast ausschließlich einer kleinen Außenbefestigung übertragen, so auch bei den rheinischen B. dieser Art (Quadenhof bei Gerresheim, Gymnicher Burg, Genanes bei Kempen, Grittern bei Erkelenz, Hardenberg bei Neviges).

6. Zweiturm-B.

Eine sinngemäße Umgestaltung erfuhr die Ring-B. mit Zentralverteidigung, wenn Geländeverhältnisse dem B.-Bezirk eine gestreckte Form gaben. Dann reichte der in die Mitte gestellte Turm nicht mehr zu vollem Schutze aus. Ganz konsequent verteilte man in solchen Fällen zwei Bergfriede auf die B.-Länge und gelangte so zu dem Typus der Zweiturmburg (Abb. 13–15). Zunächst stellte man die Türme mit Vorliebe frei in die Brennpunkte des ovalen Beringes, später verwuchsen sie gewöhnlich mit dem Wohnbau. War der B.-Platz besonders ausgedehnt, so konnten auch drei und sogar mehr Türme seine Verteidigung übernehmen, wobei sich jedoch keine geschlossene Architekturform zu ergeben brauchte.

Schon 1196 wurde die Kogelburg in Hessen gebaut, bei der sich der Typus jedoch mit dem einer Abschnitts-B. vermischt. Ganz rein verkörpert ihn Burg Münzenberg in Oberhessen (Abb. 13), ebenfalls noch im 12. Jh. begonnen. Ihren beiden aus der Bergkuppe herauswachsenden runden Bergfrieden gesellen sich prächtige Palasbauten des 13. Jh. Ähnlich geschlossen, über schiffsförmigem Grundriß, wenn auch im einzelnen durchaus verschieden, bauen sich Thurant an der Mosel (Abb. 14), Kohren in Sa., Saaleck in Thür. als Früh-B. mit zwei Türmen auf. Daneben gibt es weniger architektonisch zusammengefaßte Anlagen, wie die Hohenstaufenpfalz Wimpfen, Yburg und Rötteln in Baden, Freudenstein bei Bozen, Liebenfels in Kärnten, Fragenstein in Tirol, Bösig und Hasenburg in Böhmen.

Das 14. Jh. brachte auch der Zweiturm-B. hausartigen Zusammenschluß. Bei der Burg Hohandlau im Elsaß (Abb. 15) rücken die beiden runden Bergfriede von außen an die Schmalseiten des großen viereckigen Palas (ca. 1340). Eine Parallele zu dieser Anordnung bietet das 1361 erbaute Karlsberg in Böhmen. Unregelmäßiger und malerischer setzen sich in Niederösterreich Kronsegg und Weitenegg aus je zwei Türmen und ausgedehnten Palasbauten zusammen. Durch nachträglichen Ausbau gewann Burg Prozelten am Main eine Hohandlau verwandte Form. Ursprünglich spätromanische Abschnitts-B. mit Frontturm, erhielt sie im 14. Jh. an der schmalen Talseite einen zweiten Bergfried und zwischen beiden verbindend um einen schmalen Hof mächtige Wohnhäuser.

An die Stelle der reinen Wehrtürme traten auch gelegentlich zwei Wohntürme oder Wohnhäuser, wie bei Hohen-Geroldseck in Baden, wo diese Form auch in Wiesneck und Diersburg vorkommt. In Niederhessen besitzt die Weidelburg zwei turmartige B.-Häuser und ähnlich in Unterfranken Burg Reußenberg. Nur in wenigen Fällen steigerte sich die Zahl der Bergfriede auf drei. Bei den drei Exen von Hohegisheim sichern den langgestreckten Höhenrücken noch drei fast selbständige Turm-B. Zu einer monumentalen, höchst eigenartigen Einheit verschmelzen dagegen die drei Türme mit Palasbauten bei der Burg Runkel an der Lahn (Abb. 16). Ursprünglich eine einfache Turm-B., wurde sie im 14. Jh. ausgebaut. Die gleiche, wenn auch weniger gewaltige dreiteilige Gliederung weist Kropfsberg in Tirol auf.

B. Die Abschnittsburg mit ihren verschiedenen Formen

Weit häufiger als die Ring-B. tritt ein anderer B.-Typus, die Abschnittsburg, im deutschen Sprachgebiet auf. Lief ein Geländestück nicht allseitig gleichmäßig in die Umgebung aus, so daß stellenweise Begrenzungen durch Steilhänge, Wasser oder Sumpf natürlichen Schutz gegen Angriffe boten, dann brauchte die Befestigung des B.-Platzes nicht überall in gleicher Stärke aufgeführt zu werden. Die gefährdeten Strecken dagegen verlangten Verstärkungen, die architektonisch zu Gipfelungen der Baumassen wurden. Meist wählte man das B.-Gelände so, daß nur ein schmaler Abschnitt als Angriffsseite in Betracht kam. Aus diesen naturgewachsenen Anlagen wurden Verkörperungen des Prinzips der Frontal- oder einseitig verstärkten Deckung. Die architektonische Ausgestaltung der Angriffsseite solcher Abschnitts-B. konnte in verschiedener Weise vor sich gehen, so daß sich eine Reihe von Untertypen ergab.

Vor- und frühgeschichtliche Befestigungen riegelten Berg- und Landzungen gewöhnlich durch trockengeschichtete Steinmauer oder Holzerdemauer ab. Türme im Zusammenhang mit Abschnittswällen sind eindeutig noch nicht nachgewiesen. Doch muß schon in den Anfängen der m.a. B. der Turm in der einen oder anderen Form sich der Mauer hinzugesellt haben. Aber lange noch bleibt bei einer Reihe älterer Abschnitts-B. der Mauercharakter der Abriegelung weitgehend gewahrt. Bis in die Anfangszeit der m.a. Entwicklung, etwa ins 9. Jh., muß die erste Anlage der Salzburg in Unterfranken zurückgehen, denn ihr breitgelagerter B.-Platz setzt andere militärische Verhältnisse voraus, als sie im Lehnswesen des reifen MA gegeben waren. So besitzt sie denn auch an der Angriffsseite, wohl als Ersatz für die ältere Holzerdemauer, eine langgedehnte Mauerbefestigung des 12. Jh. mit vier quadratischen Zwischentürmen, die formengeschichtlich zu den wenigen von syrischer Kreuzfahrerarchitektur abhängigen deutschen Denkmälern gehört. Ähnlich wie die Salzburg entwickelte sich Burg Kaimünz in der Oberpfalz von dem noch erhaltenen primitiven Abschnittswall zu einer kleineren m.a. Abschnitts-B. mit langer, von halbrunden Zwischentürmen ausgebuchteter Frontmauer. Eine dem Wesen nach gleichartige Mauerbefestigung aus der 2. H. 13. Jh. schützt die Vor-B. der Homburg in Unterfranken. Frühzeit und Spätzeit m.a. B.-Baues berühren sich auch bei dieser B.-Form. Unter dem Einfluß der Feuergeschütze errichtet man wieder gerne Mauerzüge mit Zwischentürmen, aber als niedrige und breite Bollwerke (Vianden in Luxemburg, Trimberg in Unterfranken, Siegmundskron in Südtirol, Wertheim a. M.).

1. Frontturm

Daneben fand der Norden schon früh einen Typus der Abschnitts-B., der seiner Eigenart am meisten entsprach. Man stellte die Hauptverteidigungsform, den Bergfried, an die Angriffsseite, rückte ihn bei dieser Abschnittsburg mit Frontturm als fast einzigen Schutz vor den eigentlichen B.-Bezirk oder stellte ihn auch, namentlich wenn die Angriffsseite breiter war, ein Stück hinter die Abschnittsmauer. Der Palas oder die Schildmauer konnten frontbildend hinzutreten. Es ergab sich also wiederum eine Fülle von Möglichkeiten und Variationen.

Bei einigen frühgeschichtlichen B. reckt sich bereits ein Bergfried dem Angriff entgegen, ohne daß jedoch dieser Verteidigungsgedanke zu architektonischer Konzentration führt. Bei der Uffoburg (Schaumburg-Lippe) steht der Turm im Zuge der Ringmauer, wie die übrigen B.-Gebäude. Auch bei der Großen Harzburg Heinrichs IV. ist er, diesmal hinter der Frontmauer isoliert, noch kein architektonisch beherrschendes Bauglied geworden. Erst im 12. Jh. tritt der Typus in zahlreichen Denkmälern fertig geprägt auf. Er hat die älteren Ring-B. fast gänzlich verdrängt und wird überhaupt zur Lieblingsform des deutschen B.-Baues.

Im Elsaß verkörpert die Ulrichsburg bei Rappoltsweiler, in der 2. H. 12. und 1. H. 13. Jh. entstanden, sehr eindrucksvoll die Abschnitts-B. mit Frontturm. Der übereck gestellte Bergfried hinter tief eingekerbtem Felsengraben deckt die zerklüftete Bergzunge mit ihren schönen und stattlichen Wohnbauten. Das benachbarte Giersberg, kleiner und unbedeutender in der architektonischen Ausgestaltung, vertritt das gleiche Prinzip. Regelmäßiger und schon einheitlicher gefügt, gruppieren sich die prächtigen spätromanischen Burgen Bernstein (Abb. 17) und Birkenfeld aus deckendem Bergfried und Palasbauten auf der gestreckten Bergzunge. Reine Turmdeckung wie die Ulrichsburg besitzt am Neckar die zwar in ihrer geschichtlichen Entwicklung völlig anders geartete, aber in der Anlage sehr ähnliche Burg Zwingenberg. Von der ganz regelmäßig organisierten Burg Gutenfels am Rhein (Abb. 28) wird noch an anderer Stelle zu reden sein. Bei der stark befestigten und umfangreicheren Burg Nideggen in der Eifel stellte man anstatt eines Bergfrieds einen Wohnturm dem Angreifer entgegen. Er ist breit rechteckig und romanisch, während bei der Burg Katz am Rhein, die erst 1390 entstand, sich ein runder und weit weniger machtvoller Bergfried gegen die Angriffsseite erhebt. Schlank und in die hohe Ringmauer eingebaut, übersteigt der Turm der Burg Windeck an der Bergstraße den länglichen Hof mit den reichlichen Wohnbauten des 14. Jh. Auch bei der Denernburg (Mans) im Taunus aus derselben Zeit paßt sich der Turm der Ringmauer ein. Diese weniger architektonische Zusammenfügung von Turm und gedehntem Mauerzug tritt auch sonst häufiger auf (Gräfenstein in der Pfalz, Lützelburg im Elsaß, Donaustauf in der Oberpfalz).

Eine andere Abart der Abschnitts-B. mit Frontturm kennzeichnet sich durch isolierte Stellung des Bergfrieds hinter der Mauer. Diese Anordnung verleiht der Burg Miltenberg a. M. ihr charakteristisches Gepräge. Bischofsstein an der Mosel gliedert sich wirkungsvoll in zwei Hauptakzente, hohen Rundturm hinter der Mauer der Angriffsseite und Palas an der Schutzseite. Bei der Frankenburg im Elsaß gesellt sich zu dem Frontturm ein zweiter niedriger Turm an der Schutzseite, so daß sie fast zur Zweiturm-B. wird. Auch die 1399 zerstörte und im 19. Jh. ausgegrabene Burg Tannenberg im Odenwald gehört zu dieser Gruppe, ebenso wie eine ganze Anzahl von B. in allen deutschen Landesteilen (Mellnau und Jesberg in Hessen, Schwarzburg in der Pfalz, Kaysersberg und Freudeneck im Elsaß, Rechberg in Wttbg., Klingenberg a. Rh., Rotenfels und Scheerenburg in Unterfranken, Karneid bei Bozen, Trausnitz und Enn in der Oberpfalz).

Rückt zu dem Turm noch der Palas, gewöhnlich mit der Giebelseite, an die Angriffsfront, dann ergeben sich besonders eindrucksvolle Aufbauten. Bei der Rudelsburg an der Saale ragt der quadratische Bergfried in einer Ecke der Stirnseite auf, während der giebelige Wohnbau die andere ausfüllt. Ganz ähnlich gruppierte sich Burg Wertheim a. M. in ursprünglicher Gestalt. Schön und ausdrucksvoll baut sich dies einfach komponierte B.-Bild auch bei der Burg Trimberg in Unterfranken auf. Die Grundlagen dieser adligen Wohnsitze reichen meist in das 12. Jh. zurück, doch sind die Hausbauten oft später erneuert. Das 14. Jh. zeigt sich auch hier mehr malerisch und weniger kraftvoll, so bei der besonders schön entwickelten Angriffsseite der Burg Hornberg am Neckar (Abb. 18), deren Bezirk sich auf leicht abfallendem Berghang schmal hindehnt.

Zuweilen fügte man dem einen Frontturm einen zweiten zu. So besitzt Schloß Hirschberg in der Oberpfalz zwei die Angriffsseite schützende Türme, von denen der eine das Tor birgt, während der andere als Eckturm dient. Bei Schloß Rochlitz i. Sa. wird die Eingangsseite von zwei mächtigen quadratischen Ecktürmen flankiert, und ganz ähnlich sichert sich die Burg Landstein in Böhmen.

2. Schildmauer-B.

Die Gesetzmäßigkeit nordischen Wehrbaues beweist besonders eindrucksvoll der Typus der Schildmauerburg. Der aus Holz und Erde oder aus geschichteten Steinen primitiv errichtete Schutzwall an der Angriffsseite war zwar sehr breit angelegt, konnte aber nicht hoch aufgeführt werden. Sobald jedoch der Mauerbau und mit ihm das Prinzip gesteigerter Überhöhung in die nordischen Länder eindrang, ließ sich die Breite dieser Wälle verringern und die Höhe beträchtlich vermehren. Damit entstand aus dem primitiven Abschnittswall eine mächtig aufsteigende, feste Mauer, die das Hintergelände einer Abschnitts-B. schildartig deckte. Namentlich in Schwaben vollzog sich im MA diese Entwicklung konsequent aus vorgeschichtlichen Wehrgewohnheiten. Aber auch in anderen Gegenden Deutschlands tritt gelegentlich die sehr eigenartige und völlig deutsche Schildmauer-B. auf. Die hohe Abschnittsmauer bildet ähnlich wie der Bergfried einen selbständigen Verteidigungsbau, der sich von den Ringmauern durch größere Höhe und Dicke und stärkere Bewehrung abhebt. Im Vergleich mit dem Turme bot sie den Vorteil einer besseren Deckung des Hintergeländes gegen Sicht und Schuß. Aber sie war nicht so widerstandsfähig und barg keinen Aufenthaltsraum. Die einfachste Form der Schildmauer tritt bei B. wie Berneck (Schwarzwald, Abb. 19) auf. Aus Buckelquadern geschichtet, nicht einmal sehr dick, steigt sie ohne bauliche Bereicherung mächtig empor. Ihre Höhe trägt einen leicht abgesimsten, von zwei Ecktürmchen begrenzten Wehrgang. Hinter ihr duckt sich schutzsuchend das kleine Wohnhaus. Diese einfachen, nur selten gebrochenen Frontmauern gehören meist dem 12. und 13. Jh. an (Stolzeneck, Hirschhorn und Freyenstein am Neckar, Altweißenstein und Amlishagen in Württemberg, Wasenstein im Elsaß, Dhaun im Hunsrück, Badenweiler im Schwarzwald, Kräheneck an der Nagold, Sterrenberg a. Rh.). Oft nimmt der B.-Bezirk in ihrem Schutze ein regelmäßigeres, drei- oder viereckiges Grundrißschema an (Tannenburg in Württemberg, Hammereisenbach und Schauenburg in Baden). Im 14. Jh. wird die reine Schildmauer seltener und verliert auch an monumentaler Kraft (Ardeck im Taunus, Frauenburg a. d. Nahe). Mitunter bog man die Mauer an ihren Enden winkelig um, um auch noch einen Teil der abfallenden Burgseite zu schützen (Rheinstein und Rodenstein im Odenwald, Schönburg a. Rh., Abb. 20).

Mitunter wird die Schildmauer von verstärkenden Türmen begrenzt, wie etwa bei der Burg Ehrenfels a. Rh. oder, etwas primitiver, bei der Burg Nolling unweit Lorch. Stärker, fast bergfriedartig sind die Seitentürme der Schildmauer von Reichenberg im Taunus. Dieses eigenartige Bauwerk steht nicht deckend an der Angriffsseite, sondern wie ein zentraler Bergfried mitten im Burgplatz, eine Anordnung, die in den Rheingegenden noch öfter vorkommt (Ehrenburg a. d. Mosel, Abb. 8; Kasselburg, Greifenstein). In Hohenstein im Taunus wurde nur der eine Seitenturm stärker ausgebildet. Diese Burg besitzt noch eine zweite Schildmauer zum Schutze der Angriffsseite. Zwei Schildmauern, die, entsprechend den Bergfrieden einer Doppelturm-B., zwei Seiten zu decken haben, weist die Burg Langenau an der Lahn auf.

Unter dem Einfluß der Feuerwaffen gewinnt die Schildmauer eine neue Bedeutung. Sie verliert zwar wie der Turm an Höhe, wird dafür aber breiter angelegt und birgt oft sogar Hohlräume für die Geschütze. Ein frühes Beispiel bietet Thomasberg in Niederösterreich. Zur turmartigen Bastion wird diese Abschnittsdeckung bei der Ehrenburg an der Mosel oder der Hartenburg in der Pfalz. In Wertheim a. M., bei der Hohkönigsburg im Elsaß und den schwäbischen Burgen Hohen-Schramberg, Wildenstein und Werenwag behält sie jedoch ihren alten Mauercharakter. Neuscharfeneck in der Pfalz erfuhr im gleichen Entwicklungsabschnitt einen Umbau der romanischen Schildmauer in ein zeitgemäßes Befestigungswerk.

3. Schildmauer und Frontturm

Die Vorteile von Bergfried und Schildmauer verbanden sich bei der Schildmauerburg mit Frontturm. Eine der schönsten Prägungen dieser wiederum völlig deutschen Befestigungsart, die Wildenburg bei Amorbach (Abb. 21), stellt den Bergfried übereck hinter die Mitte ihrer Schildmauer, ähnlich die Burg Kienzheim im Elsaß. In Liebenzell an der Nagold fügt sich der quadratische Bergfried fest der einfachen Schildmauer ein. Er ragt in Lahneck spitz aus der Mauer heraus, die außerdem noch von runden Ecktürmen flankiert wird. Diesen schönen Frontlösungen der ausgehenden Romanik gesellt sich aus dem 14. Jh. Burgschwalbach mit einem runden Bergfried, der sich in die Ecke der stumpfwinklig gebrochenen Mauer schiebt (Abb. 22 u. 23).

Schließlich konnte sich der Bergfried auch völlig frei hinter der Schildmauer aufbauen, wie bei den Burgen Leofels an der Jagst, Hohen-Nagold und Zavelstein im Nagoldtal. In Schwaben liegen zudem Wohnbauten gerne hinter der deckenden Mauer, während sie sonst meist an die Schutzseite gerückt werden. Bis zur Burg Duino am Golf von Triest drang dieser B.-Typus vereinzelt vor. Bei der 1355 begonnenen Burg Hohlenfels im Taunus erhebt sich vor dem besonders dicken Bergfried eine Schildmauer mit Ecktürmen, das Ganze, entsprechend der Weiterentwicklung, schon nicht mehr so monumental und eher malerisch behandelt. Noch ganz unter der Auswirkung der klassischen Zeit deutschen B.-Baues steht dagegen eine seiner schönsten und wuchtigsten Verkörperungen, die dem 13. Jh. angehörende Burg Ortenberg im Elsaß (Abb. 24). Wie sich der keilförmige Turm in die viermal geknickte Schildmauer schmiegt und diese Architektur der Angriffsseite als überragender Akzent doch wieder mit den Wohnbauten ein einheitliches Ganze bildet, das ergibt eine Gestaltung von einfacher gesetzmäßiger Großartigkeit. Auch das weit schlichtere Freienfels im Taunus führt die Schildmauer um den Bergfried herum. Bei breiter Angriffsfläche rückt mitunter der Turm an das eine Ende der Schildmauer (Hohen-Baden, Stetten am Kocher, Spesburg i. E.)

4. Hausdeckung

Naturgemäß konnte die Abschnittsburg mit Hausdeckung nur geringe Ausbildung erfahren. Indessen hat man gelegentlich, wie bei der Homburg in Unterfranken, den Palas dem Angriff entgegengestellt, dafür allerdings die Vor-B. besonders stark befestigt. In der Steiermark steht der vierstöckige Palas der Frauenburg aus dem 12. Jh. an der Frontseite.

C. Der südliche Kastellgedanke in seiner Auswirkung im deutschen Raume

Das durch die Römer nach Deutschland getragene Verteidigungsprinzip geradliniger Flankierung, dessen burgmäßige Verkörperung das Kastell wurde, wird namentlich in den westlichen Grenzgebieten des Reiches heimisch, dringt jedoch auch nach anderen Landschaften vor. Es bleibt lebendig in mehreren Untertypen, bei denen meist südliche Tradition und nordische Baugewohnheit sich auszugleichen suchen.

Wie bei Abschnitts-B. und Ring-B. herrscht auch beim deutschen Kastell der Frühzeit der Mauercharakter vor. Das beweisen besonders die karolingischen Königshöfe, wie sie namentlich für Niedersachsen nachgewiesen wurden. Ähnlich den römischen Limeskastellen, liegt der Wohnbau meist frei innerhalb der Umwallung. Der kastellartige Charakter tritt hauptsächlich bei einigen Anlagen von mehr militärischer Bedeutung hervor. 789 ließ Karl d. Gr. zum Schutze gegen die Slaven das Kastell Hohbuoki „ex ligno et terra“, das heutige Höhbeck bei Lenzen a. d. Elbe, anlegen. Die sorgfältig zu einem Rechteck geordneten Wallseiten sichert es ganz nach römischer Weise durch einen Spitzgraben. Die Ecken selbst sind, wie bei den Limeskastellen, leicht abgerundet. Auch die Heisterburg in Niedersachsen ist regelmäßig in ihrem Grundriß, während andere karolingische Bauten dieser Art größere und kleinere Abweichungen vom geradlinigen Kastelltypus zeigen. Nirgends gleicht sich der Wohnraum den Verteidigungseinrichtungen an. Beide Entwicklungselemente der m.a. B. stehen noch getrennt nebeneinander.

1. Mauerkastell

Aber auch im Elsaß läßt sich das Nachleben des Mauerkastells feststellen, obgleich hier schon deutlicher Anklänge an die m.a. B.-Form auftreten. Die Ähnlichkeit der Plixburg mit Hohbuoki liegt hauptsächlich im gestreckten, rechteckigen Grundriß und in der Abrundung der Ecken. Doch sind die schmalen und architektonisch wenig bedeutenden Häuser, die sich bei den karolingischen Kastellen noch frei im B.-Hof gruppierten, an zwei Mauerseiten gerückt. Auch der Bergfried inmitten des Hofes beweist, daß die Anlage der Plixburg bereits dem fortgeschrittenen MA angehört. Eine andere Befestigung dieser Art, die Köpfel genannten Ruinen bei Ottrott (Kr. Molsheim), müssen dagegen auf frühgeschichtliche Entstehung zurückgehen. Ihre langgestreckt rechteckigen Mauerzüge auf kuppenartig losgelöster Bergzunge bauen sich ohne Mörtelverbindung aus roh behauenen großen Quadern auf. An einer Schmalseite setzt ein rechteckiges Gebäude an, an der andern steigt ein Turm auf. Den Nachklang solcher frühen Anlagen bewahrt das MA in B. der Zeit um 1200, wie Hoh-Landsberg, Liebenstein und Hugstein. Auch bei der kastellartigen Burg Adolfsbühl in Franken erhielt sich der Mauercharakter, wenn sich auch bereits kleinere Wohnbauten am Rande aufreihten.

2. Randhauskastell

Im Randhaus- oder Gadenkastell finden nordische und südabendländische Eigenart ihre stärkste Verschmelzung. Auf der Grundlage des römischen Kastells erwächst hier eine im Aufbau dem Kastelltypus durchaus fremde, nordisch gehaltene B.-Form. Mit ähnlich malerischer Unregelmäßigkeit wie bei der Randhaus-B. steigen die Hausbauten auf, und ihre geradlinige, rechtwinklige Anordnung hat mit dem Flankierungsprinzip kaum mehr etwas zu tun, da Ecktürme oder Wehrgänge nur spärlich und verkümmert auftreten.

So ist die Martinsburg bei Oberlahnstein am Rhein nur noch Kastell in diesem rein deutschen Sinne. Von den regelmäßigen und seit geschlossenen Kastellen Italiens und Frankreichs unterscheidet sie sich durch willkürlich lockere, aber reizvolle Gruppierung der Türme, Häuser und Mauern. Den beherrschenden Bergfried kann auch das deutsche Randhauskastell nicht entbehren, und so überragt er bei der Martinsburg an einer der vier Außenecken die zersplitterte Baumasse. Dagegen verkümmern die Flankierungstürme. Nur ein einziger, schmal und niedrig und daher ohne großen Verteidigungswert, sichert die Eingangsseite. Die um 1200 erbaute Burg Boymont in Südtirol (Abb. 25) bringt dagegen wieder stärker den Charakter eines südlichen Mauerkastells neben dem der nordischen Wohn-B. zum Ausdruck. Die nach innen geschobenen Ecktürme und die Palasbauten, unregelmäßig in ihrer Anordnung, werden durch die mächtige Außenmauer zusammengehalten. Übereinstimmungen mit Boymont in dieser architektonischen Auffassung zeigt die Burg Maretsch bei Bozen. Dem 14. Jh. gehört die erzbischöfliche B. zu Eltville a. Rh. an. Auch sie hat einen mächtigen Bergfried als Eckturm und gruppiert sich ähnlich malerisch wie die Martinsburg.

Ein Hauptgebiet nordischer Randhauskastelle lag am Unterlauf von Rhein und Maas in den Niederlanden. Durch ältere Abbildungswerke wird unsere Kenntnis dieser Bauten wesentlich gefördert. Danach bildet Schloß Genap in Flandern (Abb. 26) inmitten eines Sees aus aneinandergereihten B.-Häuser die bewegte Silhouette eines annähernd quadratischen Beringes. Ein turmartiges Torhaus birgt den Eingang, während sich der quadratische Bergfried, in den Mauerzug eingebaut, wieder an einer Ecke erhebt. Vor-B. waren bei solchen Anlagen die Regel. Wenn auch die Anfänge dieser Kastelle in das 14. Jh. und weiter zurückreichen, so wurde doch ihr Aussehen, wie schon bei der Martinsburg, stark durch neuzeitliche Umbauten mitbestimmt. So erhielt auch das um 1330 erbaute Schloß Cleydael in Flandern erst im 16. Jh. seinen malerisch gesteigerten Wohncharakter. Von seinen vier Ecktürmen gehen nur zwei auf die erste Bauzeit zurück. Wie das Ganze war und wie es geworden ist, bleibt es immer von dem auf Turmflankierung beruhenden südabendländischen Kastell, etwa dem von Mantua, völlig verschieden.

3. Vierturmkastell

Aber auch das Vierturm-Kastell fand in Deutschland Eingang und Verbreitung. Burg Lahr in Baden, jetzt fast ganz verschwunden, besaß buckelgequaderte romanische Ecktürme aus der Zeit um 1200. Bei der etwas jüngeren Burg Neu-Leiningen (Abb. 27) flankieren ebenfalls starke Ecktürme den rechteckigen Mauerbering. Geschlossene Baumassen, von Ecktürmen begleitet, weisen mehrere Kastelle am Niederrhein auf, so die holländische Burg Muiden, die auf das 13. Jh. zurückgeht und zwei Wohnflügel um einen quadratischen Hof gruppiert, Schloß Moyland bei Cleve, die kurkölnischen Landes-B. Kempen und Zülpich, denen kubische Zusammenfassung große Ähnlichkeit mit italienischen Kastellformen des 14. Jh. verleiht.

4. Einhauskastell

Von einem Einhauskastell kann man sprechen, wenn nur ein Wohnflügel vorhanden ist und drei Mauerseiten den vorgelagerten Hof umschließen. Besonders monumental wird dieser Typus durch die Burg Lechenich im Rheinland vertreten. Einer der vier Ecktürme, der älteste Teil der Anlage, bildet einen mächtigen Wohnturm. Auch Konradsheim in derselben Gegend ist ein viertürmiges Kastell, dessen eine Seite der Wohnbau einnimmt. Hervorragend großartige Ausgestaltung erhielt dieses Einhauskastell neben dem voll entwickelten Kastelltypus im Deutschordenslande Preußen.

5. Deutschordens-B.

Der Wehrbau des Deutschen Ordens in Preußen bedeutet nicht nur die großartigste deutsche Architektur des 14. Jh., sondern vielleicht sogar die schöpferische Tat der deutschen Profanbaukunst überhaupt. Man kann allenfalls die B. und Pfalzen der Zeit um 1200 an künstlerischer Bedeutung mit den preußischen Denkmälern vergleichen. Doch fehlt ihnen schon in den Ausmaßen jene gewaltige Monumentalität, die in B. wie Marienburg, Rheden, Ragnit erreicht wird. Als Typus stellt die Deutschordensburg eine eigenwertige Gestaltung des Kastellgedankens dar. Ihre Besonderheit und schöpferische Höhe rechtfertigen ihre Behandlung in einem besonderen Artikel.

6. Festung und Schloß

Unter dem Einfluß der Feuerwaffen löst sich auch beim Kastell die Verteidigungseinrichtung wieder vom Wohnbau los, so daß mit dem 15. Jh. die viereckigen, von Geschütztürmen flankierten B.-Mauern immer mehr an Gewicht gewinnen. Die Entwicklung vollzieht sich zunächst in einer an die Frühzeit erinnernden Weise, bei der wieder Wohnhäuser, klein und schmal, in einem geweiteten Mauerviereck stehen. Schloß Friedewald von 1476 wirkt noch stark wie ein Kastell des 14. Jh., nur daß sich sein B.-Haus in der Breite reduziert. Dautenstein in Baden, eine alte Kastellanlage, wurde um 1600 als Hofbefestigung, von Rundtürmen flankiert, mit kleinem Wohnhaus neu angelegt. Solche kleinen turmbewehrten Anlagen, oft auch mit zentralem Wohnbau, entstanden im 15. und 16. Jh. im deutschen Sprachgebiet recht zahlreich.

Festungsartiger als bei diesen wehrhaften Wohnsitzen des kleinen Adels tritt der Kastelltypus bei den späten Verteidigungswerken der Landesherren auf. Mörsberg i. E., ein zum unregelmäßigen Viereck verschobenes Kastell, besaß außer zwei großen Rundtürmen, die die Wohnbauten flankierten, weitere halb- und dreiviertelrunde bastionartige Eck- und Zwischentürme. Um 1515 soll die Neuanlage dieses Kastells erfolgt sein. Montclair, auf einer Bergzunge über der Saar bei Mettlach, setzt seine Mauermasse vorwiegend aus ähnlich verschiedenformigen, gerundeten Türmen zusammen. Neu erbaut wurde auch Mensberg in Lothringen um die M. 16. Jh. Den rechteckigen Hof umziehen Mauern und schmale Wohnhäuser; ein Rundturm, nach innen abgeflacht, schützt die eine Ecke, während die anderen von schon bastionartig spitz vorgezogenen, niedrigen, viereckigen Türmen gesichert werden. Vier Rundtürme, bereits schloßmäßiger zusammengefaßt, besitzt die Wasserburg Landskron in Pommern. Eine großartige Festung, aber ebenfalls mit schloßartiger Ausschmückung, war die Plassenburg in Oberfranken, von deren Wehrhaftigkeit noch alte Abbildungen eine Vorstellung geben. Ihr Ausbau fand um 1554 statt.

III. Der geschichtliche Ablauf

Alle diese aus der besonderen Gesetzmäßigkeit der deutschen B.-Architektur entstandenen Typen, Ring-B., Abschnitts-B., Kastell, mit ihren Unterarten und Übergängen, erfahren vom Ausgang der Antike bis zum Beginn der Neuzeit keine wesentliche Veränderung. Aber die Art, wie sie architektonisch verwirklicht werden, unterliegt einer deutlichen und stetig fortschreitenden Wandlung. Es ist, wie schon eingangs betont wurde, das sich allmählich umkehrende Verhältnis von Wehrzweck und Wohnzweck, das diese Entwicklung hervorruft. Ein anderer geschichtlicher Faktor schließlich, das Aufkommen der Feuerwaffen, trug dann dazu bei, den aus immanenter Gesetzlichkeit bereits erlöschenden m.a. B.-Bau zu völligem Abschluß zu bringen.

Der geschichtliche Ablauf der deutschen B. hat seine Quellen in der Vor- und Frühgeschichte des deutschen Raumes. Die einzelnen Typen, gewachsene B. und geplante Kastelle, bestimmen bereits, wenn auch als rein militärische Anlagen, den Wehrbau der Kelten und Germanen und den der Römer. In einer Früh- oder Übergangsstufe, die mit der ersten Festigung des deutschen Reichsgedankens in der Karolingerzeit einsetzt und bis zum Ende des ersten Jahrtausends andauert, schwingen sehr stark frühgeschichtliche und spätantike Verteidigungsgedanken nach. Dann aber entwickelt sich in einer Werdezeit bis um die M. 12. Jh. die B. im rein m.a. Sinne, um bis tief in das 13. Jh. hinein zu einer klassisch ausgeglichenen Prägung zu gelangen. Die schon auflockernde Spätstufe umfaßt im wesentlichen das 14. Jh., während das 15. und 16. als Ausgangsstufe die Umgestaltung der B. in Schloß und Festung bringen.

Die Kriege Karls d. Gr., besonders die gegen die Sachsen, die vielfachen Kriegswirren unter den späten Karolingern, das Erstarken des Adels bilden den geschichtlichen Hintergrund für eine immer reichere Entfaltung des B.-Baues in den letzten Jh. des 1. Jahrtausends. Unter dem Sachsenkönig Heinrich I., der zahlreiche B. zum Schutze des Landes anlegte, und unter seinen Nachfolgern fand die B. der Früh- oder Übergangsstufe eine Gestaltung, in der der Abschluß der alten Auffassung und bereits der Beginn einer neuen liegt. Die frühgeschichtlichen Wehranlagen der Franken, Sachsen, Thüringer und Bayern, von denen wir die im Kriege mit Karl d. Gr. angelegten der Sachsen besonders gut kennen, waren Volks-B. für die einzelnen Volksstämme. Sie knüpften also unmittelbar an die Gewohnheiten der vorgeschichtlichen Befestigungsweise an und dienten, als rein militärische Anlagen, Wohnzwecken nur bei kriegerischen Ereignissen. Die zahlreichen B. dieser Art, Erisburg, Sigiburg, Skidroburg, Iburg u. a., hat Schuchhardt [14] eingehender erforscht. Hinter ihren mächtigen Wällen aus Holz mit Erdschüttung oder aus geschichteten Steinen können nur leichte Hütten gelegen haben, von denen kaum mehr Spuren übrigblieben. Auch kleinere Anlagen, wie etwa die Lipporner Schanze, oder wehrhafte Königshöfe, wie die Heisterburg oder die Wittekindsburg bei Rulle, besaßen nur weit umwallte Bezirke mit kleinen, unscheinbaren Gebäuden. Selbst die etwas späteren Befestigungen an der Ostgrenze des damaligen Reiches, die meist auf breiten Kuppen angelegten B. von Süddeutschland bis nach Mitteldeutschland hinauf, etwa Marienberg bei Würzburg oder die Koburg in ihrer ursprünglichen Gestalt, behielten noch etwas von dem Gedehnten älterer Volks-B. Bei den einfachen Turm-B. aber, die für diese Stufe schon anzunehmen sind, kann angesichts der rein militärischen Bedeutung des Zentralturmes ebensowenig von einer Gestaltung des Wohnzweckes gesprochen werden.

Das Neue, das diese Zeit zu bieten hat, zeigt sich am auffälligsten bei den sogenannten Königshöfen. Es handelt sich hier bereits um befestigte Einzelsitze, um Stützpunkte für Beamte der Reichsgewalt, also um B. mit dauerndem Wohnzweck. Überhaupt wurde es immer mehr üblich, daß der noch in Entstehung begriffene Adel, zunächst die Stammesherzöge und Gaugrafen, seine Wohnsitze an verteidigungsfähigen Plätzen aufschlug. Lediglich in diesem neuen Brauch, nicht in der Formgebung, liegen die ersten Wurzeln der m.a. B. Sein Aufkommen zeitlich näher festzulegen, ist kaum möglich, da unsere Kenntnis der frühgeschichtlichen Befestigungen nur auf spärlichen urkundlichen Erwähnungen und auf höchst unsicherer Denkmälerüberlieferung beruht. Wahrscheinlich setzt die Entwicklung im Westen in der Merowingerzeit langsam ein, um erst unter den Karolingern deutlicher in Erscheinung zu treten.

Den Übergang von älteren Wehrgewohnheiten zur m.a. Form kennzeichnen die bereits erwähnten Anlagen der Pipinsburg bei Sievern und der Hunneschans am Uddeler Meer (Abb. 1) mit ihren zahlreichen, im Schutze des Walles aufgereihten Wohnhäusern. Auch die dreieckige Haupt-B. der Aseburg bei Herzlake i. W. besaß solche Randhäuser um einen freien Mittelhof. Da viele Herdstellen auf diesen B. nachgewiesen wurden, können sie kaum für eine einzelne Familie gedient haben. Angesichts ihrer geringen Größe lassen sie sich aber auch nicht mehr als Volks-B. ansprechen. Es muß sie vielmehr eine aus mehreren Familien bestehende B.-Genossenschaft bewohnt haben. Wir erfahren über diese ersten Anfänge der Ganerben- oder Genossenschafts-B., die offenbar den vor- und frühgeschichtlichen Brauch des Wohn rechts an Volks-B. verfestigt, durch einen Erlaß Heinrichs I. zum Schutze des Reiches gegen die Ungarn. Danach sollten immer neun „milites agrarii“ eine B. erbauen und immer einer von ihnen darin wohnen, während die anderen für ihn mit die Felder bestellten [14]. In dieser Übergangszeit vollziehen sich auch Veränderungen der Einzelformen. Die Mauern besaßen zunächst keine allzu bedeutende Stärke. Auch war der vorgelagerte Graben rundlich oder nach römischer Weise spitz profiliert. Nun, wie schon bei der Pipinsburg und der Hunneschans (Abb. 1), erhielten die Wälle einen sehr starken Durchmesser, und die Gräben, etwa bei der Aseburg, wurden breit und rechteckig angelegt. Es scheint im Zusammenhang mit den Normanneneinfällen eine neue Angriffs- und Verteidigungsweise aufgekommen zu sein. Von den B. Heinrichs I. ist die zu Werla am Nordrande des Harzes durch Untersuchung und Ausgrabung eingehender bekannt geworden. Ihre Haupt-B. schiebt sich, als Abschnittsbefestigung durch äußeren Abschnittswall, mehrere Gräben und große Vor-B. und durch Steilhänge geschützt, in die vorspringende Spitze einer Uferhöhe. Innerhalb des weiten, fast kreisrunden Mauerrings lagen vereinzelt und ohne jede architektonische Beziehung zu ihm die Kapelle und zwei kleinere B.-Häuser. Zwei Tortürme mit Vorhöfen und ein kleiner runder Eckturm befanden sich an der Angriffsseite, die aber sonst noch in keiner Weise architektonisch betonte Gestalt angenommen hatte.

Auch bei kleineren B.-Anlagen, die, wie man annehmen muß, Sitze einzelner Dynasten oder kleinerer Adelsgeschlechter waren, tritt der Wohnzweck noch völlig hinter dem Wehrzweck zurück. In der Nähe des Klosters Loccum (Prov. Hannover) wurde die B. der Grafen von Lucca, die bereits im 12. Jh. nicht mehr bestand, eingehender ausgegraben. Sie besaß eine kreisrunde, ungefähr 2 m dicke Umfassungsmauer aus Sandsteinplatten mit Kalkmörtel und davor einen Graben mit horizontaler Sohle von fast 9 m Breite. Im Innern ließen sich keinerlei Turm- oder Hausbauten nachweisen, die also nur primitiv und aus Holz gewesen sein können. Ähnlich müssen die B. Wahrenholz und Mundburg ausgesehen haben, die Bischof Bernward von Hildesheim um das Jahr 1000 errichtete. Ebensowenig tritt der Wohnzweck bei den frühen Turm-B. hervor, deren zentraler Turm auf einem meist künstlichen Hügel stand und noch klein und oft aus Holz war (Abb. 9). Sie dringen von den Rheingegenden nach Norddeutschland vor, wo etwa die Gräfte bei Driburg als ein Musterbeispiel gelten kann. Ihr Turm war aus Fachwerk und erhob sich über einem Steinfundament. Dem 1. Jahrtausend dürfte auch noch die Hünenburg auf dem Königsberge bei Pyrmont angehören. Ihr kleiner quadratischer Wohnturm zeigt bereits Steinmauerung. Das erste Bild einer B.-Anlage im m.a. Sinne bietet uns die schon erwähnte Hünenburg bei Todenman, die um 900 ein Graf Uffo anlegte. Hier sind steinerne Wohnbauten vorhanden, aber noch ganz untergeordnet dem Mauerring angegliedert.

Während der mit dem neuen Jahrtausend einsetzenden Stufe der werdenden Formen hat es ebensowenig wie vorher an äußeren Anlässen zum B.-Bau gefehlt. Kämpfe mit den Ungarn und Slaven forderten auch jetzt starke Grenzbefestigungen von mehr militärischem Charakter. Aber zugleich trugen Parteikriege im Innern, namentlich unter Heinrich IV., wie bereits unter Otto I., zur weiteren Erstarkung des Lehnswesens bei. So überzieht sich ganz Deutschland schnell mit einem Netz von wehrhaften Adelssitzen in größerem oder kleinerem Ausmaß. Schließlich bringen die Kreuzzüge, wenn auch kaum umwälzende Neuerungen, so doch einen neuen Impuls in den deutschen B.-Bau. Um die M. 12. Jh. etwa zeigt sich dann ein neuer Aufschwung und eine veränderte Auffassung, die zu der folgenden Entwicklungsstufe überleitet.

Die bald nach 1050 errichtete Hainburg in Niederösterreich (Abb. 2) und ebenso die in den sechziger Jahren desselben Jh. von Heinrich IV. angelegte Harzburg, von deren ursprünglichem Aussehen wir uns ein ungefähres Bild machen können, zeigen, wie etwa auch die Salzburg in ihrer Grundgestalt, immer noch das unorganisch Geweitete, architektonisch Zerfließende früher Anlagen. Selbst das Kastell besitzt auf dieser Stufe noch keine bauliche Zusammenfassung, sondern eine gedehnte Lagerform, die stark an die fränkischen Königshöfe erinnert. Im Jahre 1008 verließen zwei Söhne Arnolds von Hohenburg ihre heimatliche B. an der Lahn. Der eine, Adolf, baute Adolfsbühl in Adelsberg (Unterfranken), ein Kastell, dessen Kenntnis jedoch nur durch Pläne überliefert wurde. Die offenbar in ganz verschiedenen Zeiten entstandenen Teile dieser B. lassen sich danach schwer scheiden, doch ist wohl sicher, daß der quadratische Mauerbering in seiner weiten Führung dem 11. Jh. angehört, während der Wohnbau, der in seiner Mitte liegt, späterer Zeit entstammt. Der zweite Bruder baute die bereits erwähnte Homburg, die ebenfalls Altertümliches in der Gesamtanlage aufweist.

Bei den kleinen Turm-B. dieser Stufe hat sich naturgemäß nur wenig verändert. Immer noch bestehen sie aus einem Erdhügel mit Turm und konzentrischer Umwallung. Aber der Steinbau gewinnt langsam die Oberhand und ermöglicht so monumentale Bildungen wie die B. zu Rüdesheim, die in dieser Zeit entstanden sein müssen. Am stärksten verkörpert, wie gezeigt wurde, die Oberburg den Typus des Turmhügels, während die Niederburg später durch Wohnbauten kastellartiger ausgestaltet wurde.

Durch die Kreuzzüge wurden die verschiedenen Entwicklungen Europas und Vorderasiens in einem einzigen Brennpunkte gesammelt. Die unmittelbare Weiterwirkung antiken Verteidigungswesens im byzantinischen Reiche und das, was in Europa Italien und Frankreich, aber auch Spanien, England und Deutschland an Verteidigungsbauten hervorgebracht hatten, ergab in Syrien eine Wehrarchitektur, die man wohl als die großartigste des ganzen MA ansehen darf. Sie ist nicht ohne Einfluß auf die Gestaltungsweise des deutschen Wehrbaues geblieben. Aber es sind mehr einzelne Baugedanken und Einzelformen, die Eingang finden, neben einer ganz allgemeinen monumentalen Gesinnung, die um 1200 im gesamten Europa der Blüte syrischer Verteidigungsarchitektur parallel geht. Die klassische Stilstufe dieses Wehrbaues von etwa M. 12. bis gegen E. 13. Jh. zeichnet sich schon in der Verwendung und Bearbeitung des Baumaterials aus. Sorgsam behauene Quader, meist gebuckelt vorspringend, sorgsame Schichtung der Mauern, gute, dekorativ wirkende Einzelformen bei Maueröffnungen bekunden deutlich die ästhetische Haltung dieser Zeit. Auch in der Gesamtorganisation des B.-Bezirkes verrät sich eine Wandlung. Das Lehnswesen steht auf seinem entwicklungsgeschichtlichen Höhepunkt, der Adel ist der beherrschende Stand. Er verfügt über den materiellen und kulturellen Besitz und über die politische Macht. Seine Wohnansprüche sind gewaltig gewachsen. Der bequem und schön eingerichtete Palas, das Wohnhaus, wird ihm ebenso wichtig wie der Bergfried und die Ringmauer. So entsteht ein geradezu klassischer Ausgleich der beiden entwicklungstreibenden Faktoren, Wohnzweck und Wehrzweck. Aber das Klassische der Gesinnung zeigt sich noch weiterhin in der sorgfältiger durchgeführten Grundrißplanung. Wenn es irgend angeht, werden selbst auf unregelmäßigen B.-Plätzen die Baumassen gegeneinander ausgeglichen, die Mauern geradlinig und rechtwinklig gefügt, so daß eine freie Planung gegen die Tradition des Naturgewachsenen ankämpft.

Die verschiedenen Typen bestehen als allgemeine Grundlage weiter. Die kleine Turm-B. tat als Stützpunkt des Kleinadels immer noch gute Dienste. Gelegentlich nahm ihr Wohnturm, entsprechend dem wachsenden Wohnzweck, größere Dimensionen an, so bei der Flossenbürg (Oberpfalz), oder, schon an der Grenze des deutschen Sprachgebiets, bei der 1180 errichteten B. in Gent. 1184 wurde unter Friedrich Barbarossa die B. Kaiserswerth auf einer Rheininsel neu aufgeführt. Hier trat zu dem mächtigen viereckigen Bergfried noch ein zweiflügliger Wohnbau hinzu, und ganz ähnlich erweiterte man, wohl um dieselbe Zeit, die schon mehrfach erwähnte Niederburg in Rüdesheim durch Wohnbauten. Unter den Berg-B. lassen zahlreiche, gut datierbare Denkmäler, wie Drachenfels, Godesberg, Runkelstein, Münzenberg (Abb. 13), Kogelburg in Niederhessen, immer wieder den gesteigerten Wohncharakter erkennen. Namentlich bei Kaiserpfalzen (Pfalz), etwa Gelnhausen, die auch repräsentative Bedeutung hatten, erfährt das Wohngebäude eine betonte Ausgestaltung. Unter den Ring-B. kennzeichnen regelmäßige Bildungen, wie Steinsberg, Egisheim u. a., gut die neue Gesinnung.

Sie tritt bei Abschnitts-B. nicht weniger auffallend in Erscheinung. Miltenberg aus dem A. 13. Jh. ordnet sich in breitem Oval auf einer Bergzunge. Der Palas bestand ursprünglich aus Holz und wurde erst am E. 14. Jh. in Stein errichtet. Aber die sorgsame Art, mit der man Turm und Mauern ausführte, und eine gewisse Festigkeit in der Planung unterscheiden selbst eine unregelmäßige Anlage dieser Stufe von älteren oder späteren Bauten. Regelmäßiger ist der Grundriß der Burg Gutenfels (Abb. 28) aus derselben Zeit, an dessen quadratischen Bergfried sich rechts und links von einem schmalen Zwischenhof je ein Wohngebäude anlehnt. Während hier mehr Zusammenfassung der Baumassen erstrebt wurde, wirkt eine andere der schönen B. vom A. 13. Jh., die Wildenburg bei Amorbach (Abb. 21), stärker durch Auswägen getrennter Baukomplexe. An der Abschnittsseite ragen Schildmauer und Bergfried empor; sie finden ihr Gegengewicht in dem schönen Palas, der die geschützte Schmalseite begrenzt. Auch hier ist Regelmäßigkeit in der Grundrißführung angestrebt. Als Beispiel für die regelmäßigere Organisation einer SchildmauerB. mag noch einmal auf Ehrenfels a. Rh., ebenfalls aus den ersten Jahrzehnten des 13. Jh., hingewiesen werden.

Ein Kastell der klassischen Stufe entstand um 1240 in der B. Neu-Leiningen (Abb. 27). Auch hier zeigt sich der besondere Charakter dieser Blütezeit in der sorgsamen Mauertechnik und in der geschlossenen und einheitlichen Durchbildung von Türmen, Mauern und Wohnbauten.

Der Einfluß der Kreuzzüge ist immer stark überschätzt worden. Gelegentlich auftretende Einzelheiten weisen auf Vorbilder in Syrien, sind aber andererseits damals schon so allgemein über Europa verbreitet, daß man keine unmittelbare Einwirkung anzunehmen braucht. Die in die Abschnittsmauer der Salzburg eingeschobenen quadratischen Türme sind in Syrien, aber ebenso in Frankreich zu Hause. Der Bergfried zu Miltenberg besitzt Wehrerker mit Werfscharten, die auch sonst um jene Zeit ab und zu in Deutschland auftreten. Sie sind letzten Endes syrisch und umziehen z. B. in regelmäßigen Abständen die Mauerhöhen der Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers.

Im 14. Jh. vollzieht sich dann in Deutschland, noch bevor die Feuerwaffen ihre umwälzende Einwirkung ausüben, die Auflösung der klassischen B.-Form. Mit dem Interregnum im 3. V. 13. Jh. beginnt eine immer stärker werdende Zersetzung der zentralen Kaisermacht und ein Erstarken der Einzelgewalten. Die hoch entwickelte Kultur des Rittertums verfällt nach und nach. Auf die Städte und das Bürgertum gehen allmählich Macht, Wohlstand und Kultur über. Im B.-Bau zeigt sich parallel zu dieser Wandlung eine Zersplitterung der architektonischen Kraft. Während die zentralen Landesgewalten in Frankreich, England, Spanien mächtige Bollwerke schaffen, behält in Deutschland der einzelne Wehrbau geringen Umfang und büßt die technische Sorgfalt ein. Dafür entstehen weit mehr kleine B. als in anderen Ländern. Sie sind jetzt meist aus Bruchstein aufgeführt, nur selten mit größerem monumentalen Aufwand und daher ärmer an schönen dekorativen Einzelheiten als auf der Stufe vorher. Schicksalsschwerer jedoch als das politische Geschehen erweist sich das Aufkommen der Feuerwaffen am Ende dieses Entwicklungsabschnittes. Bald nach 1320 muß die explosive Wirkung der Pulvermischung bereits bekannt gewesen sein. Im letzten V. des Jh. verstand man es, diese Explosivwirkung für Geschütze auszunutzen, die Metallstücke und Steinkugeln gegen die Befestigungen schleuderten. Doch wurden solche Geschütze für den m.a. Wehrbau erst verhängnisvoll, als sie um die Jh.-Wende größere Ausmaße annahmen. 1399 wurde die B. Tannenberg an der Bergstraße mit schweren Steinbüchsen zusammengeschossen. Diese Schicksalswende der deutschen B. um 1400 bedeutet den Abschluß der Spätstufe einer Blütezeit und zugleich den Beginn der völligen Umwandlung m.a. Verteidigungsgewohnheiten.

Schon das ausgehende 13. Jh. gibt die gute, sorgsame Mauerung langsam auf. B. Ortenberg im Elsaß (Abb. 24) ist noch aus regelmäßigen Quadern gefügt, die jedoch keine Buckelung mehr besitzen. Die 1293 in nächster Nähe errichtete B. Ramstein dagegen baut sich bereits aus Bruchsteinlagen auf, die mit unregelmäßig behauenen Steinen wechseln. Sie besteht aus einem mächtigen rechteckigen Wohnturm und der üblichen Außenbefestigung. Solche Türme werden jetzt gerne fast hausartig erweitert, wie auch bei der 1319 gegründeten B. Balduinstein im Lahntal (Abb. 11) und dem Hermannstein, den 1373–79 Landgraf Hermann I. von Hessen errichtete. Der Donjontypus, den das westliche Frankreich und England schon im 12. Jh. zu gewaltigen Ausmaßen entwickelten, findet jetzt, wenn auch hausartiger gelagert, unter der Einwirkung des wachsenden Wohnzweckes in Deutschland bereitwillige Aufnahme. Dem Ausgang dieser Stufe gehört B. Alzenau in Unterfranken an, wiederum ganz Wohn-B., mit nur noch geringer Entwicklung von Wehrformen. 1417 erwähnt man sie als kürzlich errichtet. Beim Karlstein in Böhmen (1348–57) bleibt der Turm Donjon im älteren Sinne. Aber dafür sind, wie schon betont wurde, mehrere stattliche Wohnbauten dem B.-Bezirk eingefügt worden.

Den Gegensatz zwischen einer Abschnitts-B. der klassischen Zeit um 1200 und einer des 14. Jh. enthüllt etwa der Vergleich zwischen der 1368–71 erbauten Burgschwalbach (Abb. 22 u. 23) und der Wildenburg (Abb. 21). Nun sind Befestigungsanlagen und Wohnbau nicht mehr in ihrer architektonischen Bedeutung ausgeglichen, sondern der Wohnbau überwiegt und verleiht dem Ganzen schon einen hausartigen Charakter. Dem großen Saalbau an der Schutzseite schließen sich schmale Gebäudeflügel beiderseits eines vorgelagerten kleinen Hofes im Schutze der Schildmauer an. Ein ähnliches Überwiegen der Wohnbauten kann immer wieder bei B. dieser Zeit festgestellt werden (Hohlenfels 1354, Ardeck 1394). Unter den Ring-B. bilden Steinsberg und Hanstein (Abb. 3), Godesberg und Eltz (Abb. 4), Münzenberg (Abb. 13) und Hoh-Andlau (Abb. 15) solche Gegensatzpaare. Gerade die Ring-B., die an ihren Außenmauern gute Ansatzflächen boten, erlebten wie Godesberg oder Breuberg (Abb. 6) im 14. und 15. Jh. eine starke Bereicherung ihres Wohnbaues und damit eine Verschiebung ihres ursprünglichen Charakters. Was die Kastelle anbetrifft, so braucht nur noch einmal auf die Martinsburg bei Oberlahnstein oder das Kastell in Zülpich verwiesen zu werden, um zu zeigen, wie stark auch hier der Wohnzweck zugenommen hat. Durch die ausgedehnten und dem nordischen Prinzip entsprechend unregelmäßigen Wohnbauten wird das B.-Bild reicher und damit malerischer. Die freie Planung der klassischen Ausgleichstufe gibt man wieder auf, so daß auch der Grundriß ein bewegteres Formenspiel begünstigt.

Während des 15. Jh., in der Ausgangsstufe der deutschen B., tritt die Dezentralisation der m.a. Reichsmacht in ein Endstadium ein. Einzelne Territorialgewalten stehen fast selbständig nebeneinander. Gleichzeitig wird das alte Ideal des Rittertums immer mehr zu einem leeren Begriff. Als neuer Kriegerstand lösen die Söldner die ritterliche Kampforganisation ab. Auch die Städte spielen jetzt eine ganz neue Rolle in der Kriegsführung. Sie halten sich ihre eigenen Söldnerhaufen und drängen das selbständige Rittertum immer stärker zurück. Die Wohn-B. wandelt sich allmählich zur Militär-B., zur Festung, und auf der anderen Seite zum wenig befestigten oder ganz unbefestigten Schloß. Zugleich gestaltet die neue Wirkungsweise der Feuerwaffe die architektonische Form der Wehranlage um. War vorher die Verteidigung von der Höhe, das Überhöhungsprinzip, der formbestimmende Faktor, so veranlaßt jetzt die horizontale Schußwirkung und größere Durchschlagskraft der Geschütze ein Zurücksinken der Mauerhöhe und eine Vergrößerung der Mauerdicke. Dabei wird gerne Erde als Hinterschüttung benutzt. Auch erhält durch den geradlinigen Schuß das Flankierungsprinzip eine neue Bedeutung für den B.-Bau (vgl. Bastion, RDK I, Sp. 1508ff.). Die freie Planung mit mathematisch ausgerechneter, winkliger Führung der Mauerzüge ersetzt die unregelmäßige, naturgewachsene Anlage. Im 16. Jh. vollendet sich dieser Prozeß, und schon mit dem Beginne des 17. kann von einer B. im eigentlichen Sinne nicht mehr die Rede sein.

Wie sehr sich in dieser Ausgangsstufe die alten Grundlagen bereits gelockert haben, veranschaulicht die 1402 erbaute Turm-B. Wernerseck in der Moselgegend. Sie liegt auf einem ausgeprägten Abschnittsgelände, wurde aber dennoch regelmäßig geplant. Ihre schon für Feuergeschütze berechneten niedrigen Rundtürme flankieren die Außenmauer um einen Bergfried mit jetzt verschwundenem kleinen Palas. Feste Turmhäuser kommen im Rheinland noch bis zum A. 16. Jh. vor (Haus Raaff bei Eynatten um 1500, Burg Heyden 15. Jh.). Sie bewahren die alte Tradition der Turmhügel-B. und gehen schließlich in schloßartige Gebilde über (Schloß Hardenberg bei Neviges). Die wehrhafte Außenmauer um das Haus bleibt die letzte Erinnerung an den ursprünglichen B.-Charakter (Friedrichsburg bei Vohenstrauß 1586–90). Die kleine Turm-B. bot zu wenig Raum für Söldner und war deshalb für die Entwicklung zur Festung nicht geeignet. Dagegen gestaltete man die umfangreichere Ring-B. gerne im neuen Sinne um. Gröditzberg in Schlesien (1470–73) zeigt mit seinen niedrigen Mauern und Türmen bereits deutlich die neue Befestigungsweise. Auch B. Eisenhart bei Belzig erhielt 1465 eine weitgestreckte, vieleckige B.-Mauer, niedrig und von runden Flankierungstürmen begleitet. Ganz zur Festung wurde neben manchen anderen B. der Hohen-Neussen in Württemberg, während man B. Breuberg im Odenwald durch eine vorgelagerte Mauer mit Geschütztürmen der Weiterentwicklung anzupassen versuchte. Überall treten im 16. Jh. solche in den Graben gestellten Geschützmauern auf (Marienberg bei Würzburg). Den Übergang zum Schloß findet dieser Typus ebenfalls sehr leicht. 1471 begann man die Albrechtsburg bei Meißen als fürstlichen Prunksitz auszubauen. Auch sonst erfuhren im 15. und 16. Jh. zahlreiche Ring-B. in Thüringen und im übrigen Deutschland eine Umgestaltung in ausgedehnte, gebäudereiche Schlösser.

Recht charakteristische Umbildungen erlebte ferner die Abschnitts-B. Bei der Schramburg oder Nippenburg (Abb. 29) schieben sich drei ausgebuchtete Bastionen dem Angreifer entgegen. In die innere paßt sich der Palas hinein. Überall rechnet man mit dem Flankierungsprinzip und gibt den Bauten niedrige Form von geduckter Kraft als Gegenwirkung gegen die Feuergeschütze. Im Prinzip gleichartig, entstand ebenfalls im 16. Jh. die Hartenburg bei Neustadt a. H. Ältere B., wie Rheinfels bei St. Goar, wurden durch Verteidigungslinien im neuen Sinne modernisiert. Bei anderen Abschnitts-B. dagegen – Hellenstein in Württemberg – haben schloßartige Wohnbauten den Wehrcharakter fast gänzlich verwischt.

Die Entwicklung zur Festung äußert sich beim Kastelltypus in der Zurückdrängung des Wohnbaues und in der stärkeren Ausgestaltung der Mauern und Türme (Friedewald in Hessen, 1476). Völlig in diesem Sinne zur neuzeitlichen Festung werden ältere B. wie Herzberg in Hessen und Sparenberg in Westfalen. Häufiger jedoch nimmt dieser Typus den Weg zum Schloß. Die regelmäßige Anordnung war einer solchen Entwicklung günstig. So läßt sich eine besondere Schloßform in der Anlage auf bestimmte Kastelltypen zurückführen (Schloß Gudenau bei Bonn, Schloß Rimpar in Unterfranken, Schloß Aschaffenburg).

Zu den Abbildungen

1. Hunneschans am Uddeler Meer (Holland), 9. Jh. Nach Holwerda, Oudheidkundige Mededeelingen 1909.

2. Hainburg (Niederösterreich), angelegt 1050. Nach Piper [37].

3. Hanstein im Eichsfeld (Kr. Heiligenstadt), 1308ff. Nach Inv. Prov. Sachsen 28, S. 81.

4. Burg Eltz a. d. Mosel, 12.–17. Jh. Phot. Verf.

5. Ratzeburg (Lauenburg), 1588. Nach Inv. Mecklenburg-Strelitz 2, Taf. S. 31/32.

6. Breuberg i. Odenwald (Kr. Erbach), um 1200 u. später. Phot. Verf.

7. Marksburg a. Rhein, Neubau des 14. Jh. mit späteren Ergänzungen. Nach Inv. Reg. Bez. Wiesbaden 5, S. 47.

8. Ehrenburg a. d. Mosel, Bergfried, 14. Jh. Phot. Verf.

9. Schema eines frühgeschichtl. Turmhügels am Niederrhein. Nach alter Vorlage.

10. Handschuhsheim im Odenwald, E. 15. Jh. Nach Bronner [28].

11. Balduinstein im Taunus, 1319. Nach Inv. Reg.-Bez. Wiesbaden 3, S. 228.

12. Baldeneck im Hunsrück, c. 1325. Phot. Verf.

13. Münzenberg i. Oberhessen, 12.–13. Jh. Phot. Verf.

14. Thurant a. d. Mosel, um 1200, Phot. Verf.

15. Hohandlau im Elsaß, M. 14. Jh. Phot. Verf.

16. Runkel a. d. Lahn. Ursprüngl. Turmburg um 1200, im 14. Jh. ausgebaut. Phot. Verf.

17. Bernstein im Elsaß, 1. H. 13. Jh. Phot. Verf.

18. Hornberg am Neckar, 14. Jh. Phot. Verf.

19. Berneck im Schwarzwald, um 1200. Phot. Verf.

20. Schönburg am Rhein, 14. Jh. Phot. Verf.

21. Wildenburg b. Amorbach, um 1200 u. 1. H. 13. Jh. Nach Inv. Bayern II, 18, S. 328.

22. u. 23. Burgschwalbach, 1368–71, Grdr. u. Querschnitt. Nach Inv. Reg. Bez. Wiesbaden 3, S. 238 u. 240.

24. Ortenberg im Elsaß, 2. H. 13. Jh. Phot. Verf.

25. Boymont in Südtirol, um 1230. Nach Weingartner [35].

26. Kastell Genap in Flandern, 14./15. Jh. Stich von Hardouyn. Nach Le Roy.

27. Neu-Leiningen i. d. Pfalz, um 1240. Nach Inv. Bayern, Pfalz 8, S. 425.

28. Gutenfels am Rhein, 1. H. 13. Jh. Nach Inv. Reg. Bez. Wiesbaden 5, S. 59.

29. Nippenburg (Hohenschramberg) i. Württ. (O. A. Ludwigsburg), nach M. 15. Jh. Nach Ebhardt [4].

Literatur

I. Allgemein. 1. G. H. Krieg von Hochfelden, Geschichte der Militärarchitektur in Deutschland mit Berücksichtigung der Nachbarländer von der Römerherrschaft bis zu den Kreuzzügen, Stuttgart 1859. 2. Aug. von Essenwein, Die Kriegsbaukunst; Hdb. d. Archit. II, 4, 1, Darmstadt 1869. 3. Aug. von Cohausen, Die Befestigungsweisen der Vorzeit und des MA, Wiesbaden 1898. 4. Bodo Ebhardt, Deutsche Burgen, Berlin 1899–1907. 5. Ders., Deutsche Burgen als Zeugen deutscher Geschichte, Berlin 1925. 6. Ders., Der Wehrbau Europas im MA, Bd. 1, Berlin 1939. 7. Ed. Anthes, Ringwallforschung, Bericht d. Röm.-germ. Komm. 1 u. 2, Frankfurt a. M. 1905 u. 1910/11. 8. Hans Lehner, Der Festungsbau der jüngeren Steinzeit, Prähist. Zs. 2, 1910, S. 1ff. 9. Otto Piper, Burgenkunde. Bau, Wesen und Geschichte der Burgen, zunächst innerhalb des deutschen Sprachgebietes, München 19123. 10. Carl Schuchhardt, Die Burg im Wandel der Weltgeschichte, Potsdam 1931. 11. Dehio, Dt. K. 2, S. 300ff. 12. Karl Heinz Clasen, Die deutsche Burg (Manuskript).

II. Nach Landschaften. 13. Aug. von Oppermann u. Carl Schuchhardt, Atlas vorgeschichtlicher Befestigungen in Niedersachsen, H. 1–12, Hannover 1887 bis 1916. 14. Carl Schuchhardt, die frühgeschichtlichen Befestigungen in Niedersachsen, Bad Salzuflen 1924. 15. Ed. Anthes u. Wilh. Unverzagt, Das Kastell Alzey, Bonner Jbb. 122, Bonn 1912. 16. Ed. Anthes, Spätrömische Kastelle und feste Städte im Rhein- und Donaugebiet, Bericht d. Röm.-germ. Komm. 10, 1917. 17. Edm. Renard, Rheinische Wasserburgen, Bonn 1922. 18. Theod. Wildemann, Rheinische Wasserburgen und wasserumwehrte Schloßbauten, Köln 1936. 19. Walter Hotz, Staufische Reichsburgen am Mittelrhein, Berlin 1937. 20. Friedr. Sprater, Schlößl und Schloßeck, zwei pfälzische Burgruinen der Salier- und Hohenstaufenzeit, Der Burgwart 39, 1938, S. 1ff. 21. Gottfr. Schlag, Die deutschen Kaiserpfalzen, Frankfurt a. M. 1940. 22. Ernst Happel, Hessische Burgenkunde. 1. Die Burgen in Niederhessen und dem Werragebiet. 2. Die Burgen im oberen Hessen, Marburg 1905. 23. Ders., M.a. Befestigungsbauten in Niederhessen, Burgwart 15, 1914. 23. Herm. Schrotler, Die sächsische Königspfalz Werla bei Goslar und ihre Ausgrabung, Germanien 10, 1938, S. 49ff. u. 75ff. 25. Walter Hotz, Kaiserpfalzen und Ritterburgen in Franken und Thüringen, Berlin 1940. 26. Viktor Schaetzke, Schlesische Burgen und Schlösser, Schweidnitz 1927. 27. Jul. Naeher, Die Burgenkunde für Südwestdeutschland, München 1901. 28. Carl Bronner, Odenwaldburgen, Mainz 1927. 29. Adolf Zeller, Burg Hornberg am Neckar, Leipzig 1903. 30. Edm. Schuster, Die Burgen und Schlösser Badens, Karlsruhe o. J. (1908). 31. Fel. Wolff, Elsässisches Burgenlexikon, Veröff. d. Kaiserl. Denkmalarchivs zu Straßburg 9, Straßburg 1908. 32. Raoul Nicolas, Die Burgen der deutschen Schweiz, Frauenfeld u. Leipzig 1927. 33. Erwin Poeschel, Das Burgenbuch von Graubünden, Zürich 1930. 34. Die Burgen und Schlösser der Schweiz Bd. 1–20, Basel 1929ff. 35. Jos. Weingartner, Bozner Burgen, Innsbruck 1922. 36. Ders., Tiroler Burgenkunde, Wien 1949. 37. Otto Piper, Österreichische Burgen T. 1–8, Wien 1902–1910. 38. G. Rey, Étude sur les monuments de l’architecture militaire des croisés en Syrie et dans l’Ile de Chypre, Paris 1871.

Verweise