Bulle (bulla)

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englisch: seal, Bull (papal); französisch: Sceau; italienisch: sigillo, bollo.


Max Miller (1950)

RDK III, 84–90


RDK III, 87, Abb. 1. Goldene Bulle Kaiser Karls IV., 1356. Stuttgart
RDK III, 87, Abb. 2. Goldene Bulle Kaiser Karls IV., 1356. Stuttgart
RDK III, 89, Abb. 3. Bleibulle Papst Bonifaz' VIII., um 1300. Stuttgart.

Mit dem der lat. Sprache entlehnten Wort B. bezeichnet man heute allgemein die Metallsiegel, die an Urkunden von Päpsten und Souveränen, im MA auch von Fürsten und Bischöfen und allen Kategorien von Sieglern angehängt sind; im MA wurden mitunter auch Wachssiegel B. genannt. Da als Bleib. vorzüglich bei päpstlichen Urkunden verwendet, wurde die Bezeichnung auch auf die (mit einer Bleib. behängte) päpstliche Urkunde übertragen und bedeutet jetzt auch einen in feierlichster Form ausgefertigten Erlaß des Papstes, an den nach heutigen Kanzleivorschriften nur mehr in wichtigen Angelegenheiten die Bleib. angehängt, sonst ein aufgedrücktes rotes Wachssiegel mit den Häuptern der Apostelfürsten und dem Namen des Papstes als Umschrift bzw. ein Farbstempel angebracht wird. Hier ist nur das Metallsiegel zu behandeln.

Nach dem Stoff werden Gold-, Silber- und Bleibullen (bullae aureae, argenteae, plumbeae) unterschieden.

Metallsiegel in ähnlicher Verwendung wie heute im Güterverkehr als Verschlußmittel bei Warensendungen waren schon im Altertum bekannt. Im oströmischen Reich, wo Metallb. von alters herkömmlich waren und Wachssiegel sich nur selten finden, folgte man sehr wahrscheinlich einem älteren römischen Brauch. Ungeklärt ist, ob im Abendland die m.a. Metallsiegel diese römische Einrichtung direkt fortsetzen oder vielmehr byzantinische Vorbilder nachahmen. Letzteres gilt für die Einführung der Goldb. bei den abendländischen Kaisern seit Karl d. Gr. Jedenfalls bleibt der Gebrauch von Metallsiegeln, im bes. der Bleib., wohl wegen des im heißen Klima widerstandsfähigeren Stoffes, eine vorzüglich den Mittelmeerländern eigene Einrichtung, während diesseits der Alpen die Wachssiegel unbedingt vorherrschen und Bleib. nur in Perioden vorkommen, in denen italienische oder auch byzantinische Einflüsse besonders wirksam gewesen sind.

Der Gebrauch von Goldb. (auch vergoldeten Silberb.) scheint ein Vorrecht der Könige und der im Rang gleichstehenden Souveräne gewesen zu sein. Bei den deutschen (Königen und) Kaisern (Abb. 1 u. 2) bleiben sie von Karl d. Gr. bis Franz I. († 1765) beliebt, doch erfolgte eine Siegelung in Gold nur ausnahmsweise bei feierlichen Akten oder auf speziellen Wunsch des zahlenden Empfängers. Sehr häufig verwendeten die Könige von Sizilien Goldb., viel seltener die von Frankreich und anderen Ländern. Auch von russischen Großfürsten und Dogen von Venedig sind Goldb. erhalten, päpstliche erst seit dem 16. Jh.

Während Silberb. im byzantinischen Reich verhältnismäßig häufig vorkommen, sind sie im Abendland nur in vereinzelten Fällen nachzuweisen. Viel weiter als die Siegelung mit Gold und Silber war im MA die Verwendung von Bleib. verbreitet, zumal in den Ländern des Südens und im byzantinischen Einflußbereich, wo auch einfache Geistliche, Patrizier und Notare zeitweise mit Blei siegelten. Die Päpste benützten im 6. Jh. und vielleicht schon früher Bleib. und dies wohl oder nahezu ausschließlich bis zum 13. Jh., da ein zweites Typar für aufgedrückte Wachssiegel, der Fischerring, aufkam. Nach ihrem Vorbild haben die Konzile von Konstanz und Basel mit Bleib. gesiegelt. Auch die Ritterorden (Johanniter) bedienten sich ihrer. Im MA führten sodann Bleisiegel insbesondere italienische Städte, die Könige in mittelmeerländischen Reichen, in den südlichen Provinzen Frankreichs nicht bloß Könige, Bischöfe, Städte und Grafen, auch Kirchen, Gerichte und einfache Geistliche. Von den abendländischen Kaisern gebrauchten Bleib. neben Wachssiegeln wohl schon Karl d. Gr. und seine Nachfolger, vor allem aber die Kaiser von Otto II. bis Heinrich III.; doch vermochten die Bleib. nur in der Spätzeit Ottos III. die Wachssiegel vollständig zu verdrängen. Bekannt sind schließlich Bleib. einiger deutscher Bischöfe des 11. Jh., nur eine einzige aus dem 13. Jh. War im früheren MA der Gebrauch des Bleis als Siegelstoff uneingeschränkt, so bildete sich in späterer Zeit im Abendland die Anschauung, daß die Verwendung der Bleib. ein Vorrecht der Päpste und der byzantinischen Kaiser sei und von diesen als besondere Vergünstigung auch anderen übertragen werden könne.

Die B. sind den Urkunden ausschließlich angehängt und zwar meist in der Mitte des das Pergament verstärkenden Umbugs der Urkunde. Zum Befestigen verwendete man Hanf- und Wollschnüre, seidene Fäden oder Schnüre und Lederriemchen, bei Goldb. regelmäßig Seidenfäden oder -schnüre. Die päpstliche Kanzlei schied seit dem 12. Jh. scharf zwischen Privilegien und Gnadenbriefen mit Bleib. an Seidenfäden (litterae cum filo serico) und Mandaten und Justizbriefen mit Bleib. an Hanfschnüren (l. c. filo canapis). Fäden und Seidenschnüre waren mitunter gefärbt, zunächst ohne bestimmte Norm für die Wahl der Farben; in der päpstlichen Kanzlei im 14. Jh. rot und gelb. Bleib. sind stets massiv. In den Bleischrötling mit Durchbohrung für die Siegelschnüre wurden im MA wie bei der Münzprägung die beiden Bullenstempel mit Hammerschlägen hineingetrieben. Seit dem 15. Jh. benützte die päpstliche Kanzlei zangenförmige Apparate, A. 16. Jh. bemühte sich Bramante um die Herstellung einer handlichen Bullierungsmaschine, wie sie heute vervollkommnet noch im Gebrauch ist.

Gold- und Silberb. bestehen in der Regel aus 2 dünnen Blechen, die in die vertieft gearbeiteten Stempel hineingetrieben und dann durch Umbiegen der Ränder oder Auflöten auf Ring verbunden wurden; sie wurden mit Wachs ausgegossen. Die sehr seltenen massiven oder mit einem Bleikern ausgefüllten B. wurden wohl wie die Bleib. hergestellt.

Im Unterschied von den Wachssiegeln sind die B. kreisrund und bleiben in der Größe mehr konstant (Dm. der Papstb. des 10. – 19. Jh. 20–50 mm, der kaiserl. Bleib. 12–43 mm, der m.a. kaiserl. Goldbullen 40–60, der späteren 42–100 mm). Die Bestempelung ist regelmäßig zweiseitig im gleichen Durchmesser; einseitig beprägter Bleib., sog. Halbb., bedienten sich die Päpste seit Innozenz III. für die Zeit zwischen Wahl und Weihe. Von den aus Stahl oder Eisen gefertigten B.-Stempeln früherer Jh. sind keine erhalten; in der päpstlichen Kanzlei wurden die Namenstempel beim Tod eines Papstes durch die Plumbatoren vernichtet; so auch bei den deutschen Kaisern. Für die Goldb. gab es im späteren MA und in der Neuzeit regelmäßig ein eigenes Typar. Im MA schnitten oder gossen Goldschmiede die Stempel. Typare der deutschen Kaiser des 16.–18. Jh. besitzt das Staatsarchiv in Wien.

Inhaltlich behielten die päpstlichen Bleib. bis heute den im A. 12. Jh. festgelegten Typus bei: auf der einen Seite der Name des Papstes, auf der anderen die Köpfe der Apostel Petrus und Paulus mit den Schriftzeichen S. PA. und S. PE. (Abb. 3). Porträtb. des 11. Jh. zeigen auf der Rückseite das Bild der Roma aurea. Die Metallsiegel der abendländischen Könige machen ein gutes Stück Wegs der reichen Entwicklung der Wachssiegel mit. Die Bleib. der deutschen Kaiser halten auf dem Avers in der Regel am Brustbild seit, der Revers bringt den Namen, das Monogramm oder eine Inschrift. Die Bildseite der Goldb. wechselt vom Porträt über das Brustbild und ganze Figuren zum dauernd beibehaltenen Throntyp, während für deren Revers in alter Zeit meist nur eine Inschrift, später das Abbild des goldenen Rom herkömmlich bleibt, bis Maximilian I. mit dem Reichsadlerschild, um den die Wappenschilde der österreichischen Erblande gruppiert sind, einen neuen Typus schafft. Wie die Siegel überhaupt, haben die B. der Könige und Kaiser hohes kunsthistorisches Interesse.

Zu den Abbildungen

1. u. 2. Stuttgart, Württ. Hauptstaatsarchiv, Goldene Bulle (Kaiserselekt) Kaiser Karls IV. v. J. 1356.

Vorder- u. Rückseite. Dm 59 mm. Phot. Hauptstaatsarchiv Stuttgart.

3. Stuttgart, Württ. Hauptstaatsarchiv, Bleibulle Papst Bonifaz’ VIII. (1294–1303). Vorder- u. Rückseite. Dm 36 mm. Phot. Hauptstaatsarchiv Stuttgart.

Literatur

1. Anton Eitel, Über Blei- und Goldb. im MA. Ihre Herleitung und ihre erste Verbreitung, Freiburg 1912. 2. Wilhelm Ewald, Siegelkunde, München 1914. 3. Theodor Ilgen, Sphragistik, Leipzig 19122. 4. Egon Frhr. v. Berchem, Siegel, Berlin 19232. 5. Otto Posse, Die Siegel der deutschen Kaiser und Könige von 751 bis 1806. 5 Bände, Dresden 1909/13.