Bukranion

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englisch: Bucranium, bucrane; französisch: Bucrane, bucrâne; italienisch: Bucranio.


Hans Feldbusch (1950)

RDK III, 81–84


RDK III, 81, Abb. 1. Caffarelli-Sarkophag, c. 20-30 n. Chr. Berlin.
RDK III, 83, Abb. 2. Königslutter, nach 1135.
RDK III, 83, Abb. 3. Heidelberg, 1556-59.
RDK III, 85, Abb. 4. Braunschweig, 1591.

B. aus βοῦς = Rind und κρανίον = Schädel, Rinderschädel, Stierschädel, ein Dekorationsmotiv, das häufig auf griechischen Altären, Grabmälern und auf Metopen vorkommt, oft auch als Fries in Verbindung mit Girlanden. Das B. selbst gehört zum Unterschied von der Girlande bereits zum vorklassischen Typenschatz und erscheint öfter auf Vasenbildern als Schildemblem (ϕόβος). Als Hinweis auf das Stieropfer finden sich B. vereinzelt schon in archaischer Zeit, erst im 3. Jh. v. Chr. wird es selbständiges Requisit der antiken Dekoration. Das B.-Girlandenmotiv (Abb. 1) ist eine Erfindung des beginnenden Hellenismus. Die hellenistisch-römische Kunst kennt drei B.-Typen: 1. den voll durchgebildeten Stierkopf, 2. den Hautschädel (ohne Augen- und Maulbildung, nur mit einer dünnen Haut überzogen), 3. den Skelettschädel. Die spätere hellenistische Kunst kommt zu immer stärkerer Betonung der Girlanden, um schließlich das B. häufiger durch den Widderkopf abzulösen.

Im MA lebt das B. als antikes Dekorationselement weiter. Mitunter erscheinen innerhalb der Architekturplastik in Rundbogenfriesen Füllungen, die entfernt an B. erinnern, sich aber ebensowenig wie manche Frieskonsolen mit Sicherheit als Überbleibsel des antiken B. deuten lassen. Ganz sichere Beispiele finden sich unter den Schmuckformen der spätromanischen Architekturdekoration. In Königslutter dient das B. als voll ausgebildeter Stierschädel neben dem Widderkopf an der Apsis als Konsole des Rundbogenfrieses (Abb. 2). An der östlichen Querhauswand der Pfarrkirche in Rosheim begegnet das B. wieder in Verbindung mit dem Rundbogenfries (Rud. Kautzsch, Roman. Kirchen im Elsaß, Freiburg 1927, Taf. 111). Die ehemalige Klosterkirche in St. Johann liefert in den Konsolen des Bogenfrieses der Apsis besonders prächtige Beispiele (Kautzsch a. a. O. Taf. 137, 138 u. 140). In Schlettstadt, an der ehemaligen Stiftskirche St. Fides, kommt das B. sowohl als Frieskonsole wie unter der Traufe der östlichen Querschiffwand vor (Kautzsch a. a. O., Taf. 148). Als B. erscheinen einige Konsolen in der spitzbogigen Blendarkatur am nördlichen Westturm des Domes zu Münster (Werner Burmeister, Die westfälischen Dome, Berlin 1936, Taf. 74).

In der Folgezeit geht das B. als Schmuckmotiv verloren, um von der Renaissance zugleich mit anderen antiken Dekorationselementen wieder aufgenommen zu werden. Ein Holzschnitt Peter Flötners im Kk. München (Passavant Nr. 34) zeigt ein prunkvolles Renaissance-Himmelbett, dessen tragendes Gebälk mit einem B.-Girlandenfries geschmückt wird (Der Formenschatz der Renaissance, hrsg. von Georg Hirth, 3. Heft, Nr. 38). Bei der hölzernen Umrahmung der Eingangstür zum Krönungssaal des Schlosses Laxenburg bei Wien, deren Ornamentik dem Beschlagwerk der Spätrenaissance folgt, kommen in den Metopen eines Triglyphenfrieses B. vor (Hirth, Formenschatz, 1881, H. I). Unter den Entwürfen Heinrich Vogtherrs für phantastische Säulenkapitelle findet sich ein korinthisierendes Kapitell mit einem B. (Hirth, Formenschatz, 1882, H. VI). Die beiden Portale der Metzig in Augsburg verwenden B. als Kapitelle der rahmenden Pilaster (1609). Am Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses kommen B. im Fries zwischen dem 1. und 2. Geschoß vor (Abb. 3). Ein Fries aus Stierskelettschädeln und Löwenköpfen bildet den Abschluß des Laubengeschosses der Ostfassade vom Gewandhaus in Braunschweig (1591 von Balthasar Kircher, Abb. 4).

Da aber die einzelnen Stilstufen der nach-m.a. Zeit ihre Motive lieber aus dem Formenschatz der klassischen Antike schöpfen, bleibt das B. als Bestandteil des spätantiken Hellenismus verhältnismäßig selten. Die im Sinne des Frühklassizismus reich ausgestattete Fassade eines Hauses in Potsdam (Humboldtstr. 3, 1754) nimmt B. in den Schmuckfries über dem Hauptgeschoß auf (Abb. bei August Grisebach, Potsdam, Große Baudenkmäler Heft 100, Berlin 1947, S. 21). Der Minervatempel im Park zu Schwetzingen (1770ff.) weist an der Innenwand Stuckreliefs mit Stierschädeln und Girlanden von Joseph Pozzi auf sowie zwei runde Opferaltäre mit B.dekor, in Blei ausgeführt von Peter Anton v. Verschaffelt (Inv. Baden X, 2, Abb. 173 u. 177). Die Girlande, im Hellenismus eng mit dem B. verknüpft, erfreut sich immer größerer Beliebtheit und findet noch im 19. Jh. weite Verbreitung als Schmuckmotiv des gesamteuropäischen Klassizismus.

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Staatl. Mus., Sarkophag Caffarelli, c. 20–30 n. Chr. Vorderseite. Phot. Prof. B. Schweitzer, Tübingen (nach G. Rodenwaldt, 83. Berliner Winckelmannsprogramm, 1925, Taf. 1).

2. Königslutter, Stiftskirche, Fries an der Apsis, nach 1135. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

3. Heidelberg, Schloß, B.-fries an der Fassade des Ottheinrichsbaus, 1556–59. Nach Julius Koch u. Fritz Seitz, Das Heidelberger Schloß, Darmstadt 1891, Taf. 21.

4. Braunschweig, Gewandhaus (Gildehaus), B.-fries an der Ostfassade, v. Balthasar Kircher, 1591. Phot. Landesamt f. Denkmalpflege, Braunschweig.

Literatur

Adolf Ernst Napp, Bukranion und Girlande, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der hellenist. und röm. Dekorationskunst. Phil. Diss. Heidelberg 1930.

Verweise