Buchreliquiar

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englisch: Book reliquary; französisch: Livre-reliquaire; italienisch: Libro reliquiario.


Joseph Braun S.J. († 8. 7. 1947). (1950)

RDK III, 1–3


RDK III, 1, Abb. 1.-3. Welfenschatz, Plenar Ottos des Milden, 1339.

Unter einem B. versteht man erstens ein diptychonartiges Tafelreliquiar, d. i. ein aus zwei quadratischen oder hochrechteckigen, an einer der Hochseiten durch Scharniere verbundenen Reliquientafeln bestehendes, einem Buche ähnliches und wie ein solches aufklappbares Reliquiar. In lat. abgefaßten m.a. Inventaren wird es capsa in modum libri, in franz. geschriebenen tableaux en façon d’un livre genannt. Wir hören von einem Reliquiar dieser Art schon in einem aus dem 11. Jh. stammenden Inventar des Klosters Muri. Die Reliquien befanden sich in der Innenseite der beiden Tafeln, waren also nur sichtbar, wenn diese aufgeklappt wurden. Die Außenseiten waren mit Malereien verziert. Häufig scheinen B. dieser ersten Art nicht hergestellt worden zu sein; erhalten haben sich nur wenige. In Deutschland finden sich noch folgende: ein B. des Komturs des Deutschordenshauses zu Elbing, Thile Dagister, von 1380 im Schloß zu Marienburg (Abb. bei E. von Czihak, Die Edelschmiedekunst in Preußen, Leipzig 1908, Bd. 2, S. 150), B. im Dom zu Osnabrück (Inv. Prov. Hannover 4, 1/2, S. 72ff.) und in der Stiftskirche zu Aschaffenburg, letzteres ursprünglich ein zusammenklappbares Brettspiel vom E. 13. Jh. (Inv. Bayern III, 19, S. 105f., und Brettspiel, RDK II, Sp. 1156).

Zweitens ist unter einem B. ein sogen. Plenar (plenarium) zu verstehen, ein beim feierlichen Amt verwendetes, die Episteln und Evangelien enthaltendes Lektionar, in dessen Vorderdeckel als Ausdruck der hohen Verehrung, die man dem Inhalt entgegenbrachte, bald unsichtbar unter Bildwerk, bald sichtbar unter Kristall in den Ecken der Umrahmung, in den Seiten oder im Mittelfeld Reliquien geborgen waren. Den Namen Plenar hat es von seinem liturgischen Charakter erhalten. Daß schon früh B. der zweiten Art entstanden, bekundet ein Beispiel aus dem 9. Jh. in der Kathedrale zu Noyon (Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen I, S. 119, und Braun, Reliquiare, Abb. 264). Von einem Plenar mit Reliquien, das ein Heinrich von Seefeld 1268 dem Kloster Heiligkreuz in Österreich schenkte, hören wir in einer Urkunde des Stifters aus dem genannten Jahr (Pez, Thes. anecdot. VI, 2, S. 115; Inv. Österreich 19, S. 23), von drei Plenarien mit Reliquien im Testament des Bischofs Wilhelm von Cambrai von 1296, in dem das Plenar teuxtes = textus heißt (Dehaisnes, L’histoire de l’art dans la Flandre 2, Lille, 1886, S. 91). Um 1400 erwähnt ein Inventar von St. Alban in England ein Beispiel, um 1462 ein Inventar von St. Donatian zu Brügge, um 1500 ein weiteres der Kathedrale zu York (Braun, Reliquiare, S. 284).

Erhalten haben sich auf deutschem Boden aus dem 14. Jh. vier Reliquienplenare, eines im Mus. zu Darmstadt (Braun a. a. O., Abb. 265), die drei anderen, von denen eines jedoch im 15. Jh. zu einem bloßen Tafelreliquiar wurde, im Welfenschatz (Abb. 1–3; O. v. Falke, R. Schmidt u. G. Swarzenski, Der Welfenschatz, Frankfurt 1930, Taf. 75–78, 82 bis 83). Aus dem 15. sind noch vorhanden ein Plenar im Besitz der kath. Kirchengemeinde zu Wetzlar (Zs. f. christl. K. 16, 1903, S. 25), eines in der Marienkirche zu Danzig (Braun a. a. O., Abb. 267), ein weiteres im Stift Břevnov bei Prag, das ebenfalls im 15. Jh. eine bloße Reliquientafel wurde (La Richesse de la Bohème, Prag 1915, Abb. 173). Durch Abbildungen kennen wir noch sieben Plenare aus dem Halleschen Heiltumsbuch, von denen eines aus der 1. H. 13. Jh. datierte, drei von 1492, 1500 und 1509 und die drei letzten von 1510 (Phil. M. Halm u. Rud. Berliner, Das Hallesche Heiltum, Berlin 1931, Taf. 6, 7, 85 u. 94). Die jüngsten Beispiele sind Plenare aus dem späten 16. Jh. im Dom zu Gnesen und von 1594 im Besitz des Herzogs von Cumberland zu Gmunden, wohl Erneuerungen älterer Plenare (Franz Jansen, Die Helmarshauser Buchmalerei zur Zeit Heinrichs des Löwen, Hildesheim 1933, S. 46 und 63).

Plenare, deren Vorderdeckel zu einem Tafelreliquiar geworden war, behielten nach wie vor ihren Namen. Aber auch Tafelreliquiare von der Aufmachung eines wirklichen Plenars wurden in abgeleitetem Sinne in Inventaren und Heiltumsverzeichnissen aus dem späten 15. und frühen 16. Jh. bisweilen Plenare genannt.

Zu den Abbildungen

1.–3. Welfenschatz, Plenar Ottos des Milden, Vorder-, Seiten- und Rückansicht. Silberarbeit 1339, Miniaturen und Steine Oberitalien E. 13. Jh. Marburger Photos.

Literatur

Braun, Reliquiare, S. 46f., 269f., 283f.; dort auch Quellenliteratur angegeben.

Verweise