Bucheinband

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englisch: Binding, book cover; französisch: Reliure; italienisch: Legatura.


Heinrich Schreiber († am 22. Juni 1942) (1947)

RDK II, 1361–1384


RDK II, 1361, Abb. 1. 4. oder 5. Jh. n. Chr. Berlin.
RDK II, 1363, Abb. 2. Erfurt, 14. u. 15. Jh.
RDK II, 1365, Abb. 3. Joh. Fogel in Erfurt, 1456/59.
RDK II, 1365, Abb. 4. Graz, 1468.
RDK II, 1367, Abb. 5. 16. Jh. Essen.
RDK II, 1367, Abb. 6. Jakob Krause, Dresden, 1575.
RDK II, 1369, Abb. 7. Potsdam, Stadtschloß.
RDK II, 1371, Abb. 8. Um 1050. Essen.
RDK II, 1371, Abb. 9. 12. Jh. Trier.
RDK II, 1373, Abb. 10. 14. Jh. Minden.
RDK II, 1373, Abb. 11. Um 1000. Berlin.
RDK II, 1375, Abb. 12. 9. Jh. München.
RDK II, 1377, Abb. 13. Hieron. Kösler, Königsberg, 1534.
RDK II, 1381, Abb. 14. 13. Jh. Stuttgart.
RDK II, 1381, Abb. 15. 12. Jh. Stuttgart.

I. Buch (Codex) und Einband

Ein B. (Buchschale, ligatura, coopertorium) im heutigen Sinne ist erst mit der Einführung der Codexform des Buches (Abb. 1) möglich; der Übergang von der Buchrolle zum Codex ist im 4./5. Jh. durchgeführt (vgl. Sp. 1335). Für die vorher übliche Buchrolle war der Behälter, in dem sie aufbewahrt wurde (capsa; der Ausdruck begegnet später auch für den Buchkasten, Buchschrein des Codex), Ersatz für den Einband. Bei der Rolle waren die Blätter aneinandergeklebt; der Codex erforderte eine andere Verbindung der Blätter zu Lagen, der Lagen zum Buch. Außerdem mußten die ersten und letzten Blätter sowie der Rücken, der besonders beansprucht war, auch besonders geschützt werden. Diese zum Schutz des Codex angebrachten Teile, aber auch das ganze durch das Zusammenbinden der Lagen zu einem Codex entstandene Gebilde heißt B. Anfangs muß dieser Codexeinband sehr einfach gewesen sein (in Umschlag geheftet), doch vielleicht in einem Buchschrein geschützt untergebracht; bald aber ist er vielseitig technisch verbessert und mit Zuhilfenahme verschiedenster Künste ausgeschmückt, so daß uns die ältesten erhaltenen Stücke (7. Jh.) schon als Meisterwerke entgegentreten.

II. Technik

Die Bindetechnik des Codex ist in den Grundzügen von Anfang an die gleiche geblieben. Durch den Rückenbruch werden die ineinanderliegenden Doppelblätter mit Bindfaden geheftet; durch Umschlingen der quer zum Rücken verlaufenden „Bünde“ mit dem Heftfaden oder Durchstechen eines Rückenstoffes werden die Heftlagen miteinander verbunden. An den Bundenden werden die Deckel befestigt, wenn nicht schon die Heftung durch den Rücken die Verbindung mit dem ganzen Umschlag herstellt. Die durch den Rücken gehefteten Bände kommen im späten MA als Ketten- oder Langstichbände (Abb. 2) vor, je nachdem der Heftfaden nur in quer zum Rücken laufenden Ketten verknüpft oder der Faden längs über den Rücken gezogen ist. Um die oft sehr schweren Deckel an der Gelenkstelle, dem besonders stark beanspruchten Rückenfalz, noch fester mit dem Buchblock zu verbinden, wird der Vorsatz (das am Anfang und Ende mitgeheftete Doppelblatt, dessen eine Hälfte später als „Spiegel“ auf den Deckel geklebt wird) um die erste und letzte Lage gebrochen, meist noch durch den Ansatzfalz verstärkt. Der Bezugsstoff der Deckel und des Rückens wurde bis ins 16. Jh. fast ausnahmslos fest auf den Rücken geklebt („fester Rücken“); die auf dem Rücken aufliegenden Bünde erscheinen als „echte Bünde“; erst mit dem Pergamenteinband entwickelte sich der „hohle Rücken“, der ein besseres Aufschlagen des Buches ermöglicht. Dieser muß in den Fälzen beweglich sein, wird daher bei leichteren Bezugsstoffen, wie Leinen, mit starkfaseriger Pappe unterlegt, die die Gelenkfälze stärken muß („gebrochener Rücken“). Lederbände werden meist „auf tiefem Falz“ gearbeitet, d. h. der Dicke des Deckels entspricht der rechtwinklige, an den Rücken des Buchblocks mit Hilfe der durch den Heftfaden erzielten „Steigung“ angebrochene Falz, der den festen Sitz des Buchblocks im Einband verbürgt. Die Bünde, im MA zunächst Sehnen oder Lederstreifen („Doppelbünde“, wenn je zwei Sehnen oder ein längsgeschlitzter Lederstreifen vom Heftfaden einzeln umstochen), dann Hanfschnüre, werden bei den Holzdeckeln durch ausgestemmte Schlitze geführt, von außen nach innen durch die Deckel gezogen und dann verpflöckt. Beim Pappdeckel werden die Bundenden vom Rückenfalz an aufgefasert und verklebt oder zunächst ein- bis zweimal durch die Deckel gezogen und dann verklebt (französische Art). An Stelle des durch die ganze Buchhöhe geführten Heftfadens, der das Beschneiden oben und unten verhindert, entsteht schon im MA das eigens angestochene „Kapital“, das durch geflochtene Riemchen oder verschiedenfarbige Fäden einen besonderen Schmuck am Kopf und Schwanz des Rückens bilden kann. Der Schnitt wird erst im späten MA bearbeitet, zunächst mit dem Messer, dann mit dem Scheibenhobel. Gelbfärbung ist im MA häufig; auch Titelaufschriften auf dem Schnitt kommen vor. Goldschnitt gibt es erst seit der Renaissance, zuerst unter maurischem Einfluß in Spanien. Einbände, deren Kanten nicht überstehen, sind griechisch beeinflußt, wenn die Stehkanten gerillt sind und die Kapitale über den glatten Rücken hinausragen; hier treten auch die eingesägten Bünde (à la grecque) zuerst auf.

III. Material

Als Material für die Deckel dient Holz (asseres, ais de bois), das in Deutschland erst in der 2. H. 16. Jh. allmählich durch die im Orient von Anfang an, in Italien seit E. 15. Jh. übliche Pappe abgelöst wird. Der Bezug der Deckel und des Rückens ist in der Regel Leder, zunächst von Wild, Schaf und Kalb; Rindsleder wurde für den Lederschnitt verwendet, Schweinsleder vor allem vom 16. Jh. an. Die feinen Ziegenleder, nach den verschiedenen Herkunftsländern und Bearbeitungsweisen (der „Narben“, durch das „Krispeln“ erzielt, geglättet heißt es écrasé) Maroquin, Saffian, Corduan, Chagrin usw. benannt, kommen seit der Renaissance aus dem Orient über Spanien und Italien nach Frankreich; in Deutschland bleibt daneben das Kalbleder auch für beste Einbände beliebt. Pergament hat zu allen Zeiten einen guten Einbandüberzug ergeben und sich oft dauerhafter als Leder erwiesen (Häute besonders von Kalb und Schwein). Blütezeit des Pergamentbandes ist der für einfachere Einbände beliebte „Hornband“ des 17./18. Jh. Der „Halbband“, bei dem vom Rücken aus nur ein Teil des Deckels überzogen wird, kommt schon im MA bei einfacheren Bänden vor; im 16. Jh. verbreitet sich schon der Brauch, die restlichen Teile der Deckel mit einem anderen Stoff, zunächst gefärbtem Pergament, zu überziehen; später gibt es dafür die bunten (Kleister-)Papiere, die auch dem einfachen Halbband ein gefälliges Aussehen verleihen, oft in Übereinstimmung mit der Schnittfärbung. Der auf tiefen Falz gearbeitete Halblederband heißt Halbfranzband nach seinem Herkunftsland; er ist im 18. Jh. der vorherrschende Einbandtyp in der durchschnittlichen größeren Privatbibliothek, mit mehr oder weniger Gold auf dem Rücken. Umgekehrt gibt es auch noch eine Steigerung des Bezugsmaterials durch Verwendung von Leder oder Pergament für die Vorsätze; wird der Spiegel (das an den Deckel geklebte Blatt) auch verziert, so spricht man von Doublüre. Seltener kommt im MA Samt oder ein sonstiges Gewebe als Deckelbezug vor; Leinen (calico) kam erst um 1820 mit den englischen Verlegerbänden in stärkerem Maße in Gebrauch. Das Zeitalter der Buchbindereimaschinen seit der M. 19. Jh. brachte als hauptsächliche Neuerung die getrennte Herstellung von Buchblock und „Decke“ (Rücken und beide Deckel), die dann erst zuletzt ineinandergehängt werden („Deckenband“ im Gegensatz zum handwerklich gearbeiteten „angesetzten Band“).

IV. Schmuckweisen

A. Leder und Pergament: Blinddruck, Lederschnitt, Golddruck

Der künstlerische oder handwerkliche Schmuck des deutschen B. ist bei der großen Masse der erhaltenen Einbände dem Material des Deckel- und Rückenbezuges angepaßt; Leder und Pergament wird durch Drucken und Pressen (blind oder Gold), durch Ein- und Auflage (seit dem 17. Jh.) oder durch Bemalen, Leder außerdem durch Treiben und Schneiden verziert.

Blinddruck auf Leder ist schon bei den ältesten erhaltenen deutschen B. [12] angewendet, zunächst mit Streicheiden und Einzelstempeln; die Teilung der Deckel in Felder und deren Stempelung sind die seit der karol. Zeit bis in die Renaissance zu beobachtenden Schmuckmotive. Die ältesten Einbände aus St. Gallen weisen sogar noch mehr vorkarol., insulare Motive auf; bei den Fuldaer Einbänden überwiegen naturalistische Pflanzen- und Tierstempel; in Freising zeigt sich diese erste Stempelblüte schon im Absinken bei linear-geometrischer Überwucherung. Flechtwerk, Spirale, Palmette kommen seither in der Einbandornamentik vor. Das Vorbild für diese Schmuckweise sucht man bei den koptischen und Turfan-Einbänden des 6.–9. Jh., wo die Ornamente nicht nur mit Stempeln, sondern auch in Durchbrucharbeit, durch Aufnähen und Bemalen erzeugt werden. Als einziger B. auf deutschem Gebiet hat der Ragyndrudis-Codex in Fulda die Durchbruchtechnik übernommen. Die geläufigen Stempelmotive finden sich in ungewöhnlicher Zusammenstellung auf dem. Victor-Codex; der dritte der Codices Bonifatiani hat als einziger B. so früher Zeit Schmuck in Lederschnitt (Carl Scherer, Die Codices Bonifatiani, Fulda 1905). Doch ist bei diesen B. angelsächsische Herkunft nicht unwahrscheinlich, zumal Schmucktechnik und Ornamentik stark mit dem B. des St. Cuthbert-Evangeliars in Stonyhurst College (Lancashire) übereinstimmen, dessen Lederschnitt- und Treibarbeit mit Gold- und Silberbemalung Hobson [13] noch in die Lebenszeit des hl. Cuthbert (7. Jh.) als northumbrische Arbeit datiert; doch wird auch Kopie des 12. Jh. vermutet [6, Abb. 66].

Dem Jh. um 1150–1250 gehört eine Gruppe von Blinddruckeinbänden an (rund 50 bekannt), die als romanisch bezeichnet werden. Ursprünglich [17] England zugeschrieben, gelten sie heute als Arbeiten von mindestens 21 verschiedenen Buchbindern, die sich z. T. und wohl zuerst in England (Winchester, London, Durham [6, Abb. 78]), z. T. in Frankreich (Clairvaux), vereinzelt auch in Deutschland betätigt und die Stempel (Abb. eines erhaltenen bei Hobson [13], S. 5, aus Antiquaries Journal 4, 1924, S. 272) von wenigen Stempelschneidern bezogen haben. Charakteristisch sind die den Deckel in dichten Reihen, oft kreisförmig, füllenden Stempel mit lebhaften Tiermotiven (zwei Vögel, Drachen, Fabeltiere), figürlichen (Reiter, Madonnen) und architektonischen Darstellungen, z. T. in ungewöhnlichen Formen (tropfen-, blasenförmig) oder als „Frei“- (rahmenlose) Stempel. Der Palmettenstengel u. a. haben sich fast unverändert bis ins 15. Jh. erhalten.

Aus dem späten 13. und dem früheren 14. Jh. fehlen Beispiele dieser Schmuckform fast völlig, wenn auch die klösterlichen Buchbinderwerkstätten so wenig wie vor- und nachher untätig gewesen sind; die „Mönchsbände“ dieser Zeit sind meist schmucklos. Die wenigen Blinddruckbände (z. B. in Metz sowie die in Köln gebundene Goldene Bulle in Darmstadt) weisen die bis ins 16. Jh. übliche Teilung der Deckel in Rauten und die reihenweise Anordnung der Stempel auf. Mit dem E. 14. Jh. und durch das 15. Jh. hindurch häufen sich die B., die auf beiden Deckeln, z. T. auch in den Rückenfedern, Schmuck von Einzelstempeln tragen, meist in Feldern, die durch Streicheisenlinien abgeteilt sind; üblich ist ein großes rechteckiges Mittelfeld in einem oder mehreren Rahmen, entweder durch Diagonalen oder ganz in Rauten aufgeteilt oder mit senkrechten oder diagonalen Stempelreihen gefüllt [6, Abb. 90]. Die Stempelmotive, z. T. noch aus dem 12. Jh. übernommen, werden durch zahlreichere christliche Symbole, weitere Tiere (Einhorn, Adler), ferner durch Buchstabenstempel bereichert oder auch durch Stempel mit ganzen Wörtern, die bisweilen den Besitzer oder den Buchbinder (Joh. Fogel in Erfurt ist einer von vielen; Abb. 3) nennen; in der von Paul Schwenke angelegten Stempelsammlung in der Preuß. Staatsbibl. Berlin sind viele dieser Stempel nach Motiven geordnet in Abreibungen vereinigt. Die Einzelbuchstabenstempel, wie sie zuerst 1433 zu Texten zusammengestellt auf den Einbänden des Nürnberger Dominikaners Konrad Forster [6, Abb. 92], später bei einigen anderen vorkommen, gelten als Vorstufe der Buchdruckerkunst. Das in Süddeutschland häufige Rautenrankenmuster mit der dem Granatapfelmuster entnommenen Blüte oder anderen Stempeln in den Rautenfeldern ist aus dem „Kopfstempel“ entstanden, der, ähnlich dem Vollstempel beim Golddruck, nur eine glatte Fläche niederdrückt, durch geeignetes Zusammensetzen aber schöne Blatt- oder Rankenmuster ergibt. Diese in großen Mengen in Nürnberg hergestellten B. (Abb. 3) gelten nicht mit vollem Recht als Verlagseinbände der Koberger Werkstatt. Die verschiedenen, das Rautenrankenmuster bildenden Figuren werden kurz vor 1500 auf Platten graviert und bilden so den Anfang des deutschen ornamentalen Plattenstempels (Ernst Kyriss, Nürnberger Klostereinbände der Jahre 1433 bis 1525, Diss. Erlangen 1940, S. 27). Die figürliche Platte hat ihre Blüte schon viel früher (14./15. Jh.) in den Niederlanden und gelangt über Köln um 1500 nach Deutschland, die Renaissance im Schmuck der deutschen B. einleitend.

Die in früherer Zeit auf Einbänden nur ganz vereinzelt nachweisbare Technik des Lederschnitts, die für Futterale aller Art (Minnekästchen) schon im 11.–13. Jh. verbreitet ist, findet auf den B. erst im 14. und ausgiebiger im 15. Jh. Anwendung, um dann wieder ganz zu verschwinden. Lederschnitt- und Lederpunzarbeit tritt im 15. Jh. oft zusammen auf, manchmal kommt auch Ledertreibarbeit dazu, selten Bemalung. Von den rund 200 bekannten Lederschnittbänden gehören 20 ins 14. Jh. [14]; entstanden sind diese B. fast ausschließlich in Mittel-, Süd- und Südostdeutschland, Böhmen und Ungarn. Da viele hebräische Handschriften im Lederschnitt verziert sind, hat man wandernde jüdische Lederschnittkünstler als Hersteller vermutet, so einen in Nürnberg tätigen Buchbinder Meir. Sonst ist als Hersteller von Lederschnittbänden nur ein Petrus ligator bekannt, der in zwei Wiener Einbänden für Friedrich III. genannt ist (London, B.M.; Abb. bei W. Y. Fletcher, Foreign bookbindings in the B.M. London, 1896, Taf. 5; Wien, Nat.Bibl.; Abb. bei Gottlieb [24], Taf. 76/77). Die Einbände des 15. Jh. zeichnen sich durch vollendetere Zeichnung, reichere Form, stärkere Darstellung menschlicher Figuren (Heilige) aus, auch Wappen sind häufiger. Die besten Werkstätten waren in Nürnberg und Bamberg [15], wo auch die Treibarbeit besonders gut gepflegt wurde. Einige Bände zeigen Kopien nach Kupferstichen des Meisters E. S. (die Mentelin-Bibel der Leipziger Stadtbibl. [6, Abb. 74]; vgl. Joh. Hofmann, Lederschnittbände aus dem 15. Jh. mit Kopien nach Stichen des Meisters E. S., Zs. f. Bücherfreunde, N.F. 13, 1921, S. 99ff.) und des Hausbuchmeisters [6, Abb. 72]. Der Hamburger Band (Mus. f. Kunst u. Gewerbe [6, Abb. 70 u. 71]) hat figürliche Schnittbemalung. In München (Staatsbibl.) liegt ein Band, dessen Darstellung einem Holzstock des Münchner Kabinetts entspricht. Eine Gruppe von Lederschnittbänden wurde in Salzburg für Erzbischof Bernhard von Rohr gefertigt. Die in österreichischen Klöstern entstandenen Lederschnittbände (Abb. 4) zeigen überwiegend Tier- und Pflanzenmotive in vollendeter Ausführung, jedoch ohne Treibarbeit. Vereinzelt steht ein in Italien entstandener Lederschnittband eines deutschen Meisters mit Renaissance - Motiven (München, Staatsbibl. [6, Abb. 76]).

B. mit Lederzeichnung sind sehr selten und noch wenig erforscht. Bei ihnen wird die Zeichnung nicht eingeschnitten, sondern eingedrückt; meist handelt es sich um freie figürliche Darstellungen, die auch Bemalung und später Vergoldung zeigen. Bekannt ist der Braunschweiger Meister Tider Woltmann (Herm. Herbst, Tider Woltmann, ein Braunschweiger Buchbinder des 15. Jh., Braunschweig 1938).

Statt des Einzelstempels und des Streicheisens tritt beim deutschen Renaissance-Einband die Rolle und die Platte als das hauptsächliche Schmuckwerkzeug auf; die künstlerische Leistung geht damit noch mehr auf den Stempelschneider über, wofür Augsburg, Nürnberg und Wittenberg die Hauptsitze sind. Die Rolle tritt an die Stelle der Stempelreihe; doch wechseln auf der figürlichen Rolle zwei bis fünf Darstellungen, oder sie ist (wie am Anfang die Jagdrolle) friesartig angeordnet [6, Abb. 165]. Vereinzelt tritt sie im 15. Jh. auf (seit 1469 bei dem Geislinger Kaplan und Buchbinder Johann Richenbach); häufiger wird der Gebrauch erst um 1520. Die ornamentale Platte entwickelt sich gleichzeitig aus dem Rautenrankenmuster; die figürliche geht rasch von den übernommenen strengeren gotischen (Medaillonranken u. a.) zu den Renaissance-Motiven über (Porträts, Wappen, biblische und klassische Szenen). Vielfach dient die zeitgenössische Graphik den Stempelschneidern als Vorlage (Arbeiten von M. J. Husung s. [2], Nr. 365ff.; ders., Graphik und Bucheinband, Maso Finiguerra 3, Mailand 1938, Nr. 16 und 17). In den 20er Jahren des 16. Jh. beginnt die unbedingte Herrschaft des Schweinslederbandes mit Blinddruck von Rollen und Platten [18]. Vorder- und Hinterdeckel werden meist in gleicher Weise verziert, die Mittelstücke oft von einem Plattenpaar (zwei Reformatoren, Fürst und Wappen, zusammengehörige Szenen). Unter den Rollen bleibt der schon in der Gotik vorkommende Bogenfries noch lange beliebt, ferner kommen Kandelaberleisten mit Medaillons, Putten usw. häufig vor, daneben Rollen mit figürlichen Darstellungen, die überwiegend senkrecht angeordnet sind, aber ohne Rücksicht auf den Bildwert für die Umrahmungen verwendet werden. Die auf Rollen und Platten vorkommenden Buchstaben geben als einzelne Initialen meistens den Buchbinder (Meister J. B.), als Monogramm den Stecher an; selten findet man den vollen Namen des Buchbinders (z. B. Thomas Krüger in Wittenberg); die Jahreszahl ist das Herstellungsjahr des Stempels, gibt also für den Einband nur den frühest möglichen Termin (Konr. Haebler, Der Rollstempel und seine Initialen, Nordisk Tidskrift för Bok- och Biblioteksväsen 11, 1924, S. 26ff.). Häufiger als in der gotischen Zeit ist bei diesen B. auch schon der Halbband; die vordere Hälfte der Deckel bleibt dabei zunächst unbezogen, die Ecken bleiben ungeschützt. Die als Handelsartikel erhältlichen Buchschließen gehören zu allen Formaten dieses deutschen Renaissancebandes (Abb. 5). Pappe als Deckelstoff ersetzt erst im 17. Jh. die Holzdeckel; die Rollen und Platten halten sich noch bis ins 18. Jh. bei Schweinsleder- und Pergamentbänden. Inzwischen aber hat der braune Kalblederband mit Vergoldung die Vorrangstellung angetreten.

Die Handvergoldung mit erhitzten Einzelstempeln (petits fers; daneben wurde auch mit Rolle, Platte und der wiegenfußförmigen Filete vergoldet) kam E. 15. Jh. zugleich mit den islamitischen Motiven aus dem Orient nach Italien (z. T. über Spanien, Aragon) und von da im 16. Jh. nach Frankreich und Deutschland. Das in Neapel und Florenz geübte Flechtornament wird auch von den Meistern der B. für die Bibl. des Ungarnkönigs Matthias Corvinus (1458–90) angewendet; in Italien geschult, haben sie vermutlich um 1480–90 in Ofen gearbeitet; die durchbrochenen Muster weisen außerdem auf türkischen Einfluß. Von der 1526 geraubten Bibl. sind weit zerstreut noch 159 Bände erhalten (André de Hevesy, La bibliothèque du roi Matthias Corvin, Paris 1923; V. Fraknói u. a., Bibliotheca Corvina, Budapest 1927). – Mit dem Pinsel aufgetragene Vergoldung begegnet gelegentlich schon früher. Die deutschen Buchbinder blieben zunächst bei den auch für Blinddruck üblichen Mustern, doch wurden die Stempel so geschnitten, daß das Bild vertieft im Leder stand (negative Stempel). Erst um die M. 16. Jh. drangen auch die neuen Motive, Bandwerk und Arabeske, nach Deutschland und wurden zunächst von wenigen Meistern für ihre in „welscher“ Art gebundenen Werke verwendet, die aber von den berühmten Vorbildern französischer und italienischer Einbandkunst (den für die Bibliophilen Grolier und Mahieu, für deutsche Studenten wie Nikolaus von Eheleben und Damian Pflug oder für den Bibliophilen Petrus Ugelheimer gebundenen Büchern) so wenig mehr abhängig sind, daß sie den Höhepunkt der deutschen Einbandgeschichte bedeuten. Voran stehen die durch den Dresdner Hof angeregten Arbeiten; dort wurde nach den Meistern Wittenberger Schule 1566 der in Zwickau 1526 oder 1527 geborene, um 1560 in Augsburg (für Fugger?) tätige Meister Jakob Krause [19; 20; 6, Abb. 171ff.] von Kurfürst August als Hofbuchbinder bestallt († 1585); von 1578 ist neben ihm als zweiter Hofbuchbinder Caspar Meuser tätig, der noch unter Kurfürst Christian I. und II. (bis 1593) arbeitet. Über 1100 Einbände dieser Werkstatt sind heute noch in Dresden (überwiegend Landesbibl.). Neben dem orientalischen Motiv der Eckfüllung mit Bandwerkplatten zu einem entsprechenden mandelförmigen Mittelstück verwendet Krause vor allem den Blattrankenstempel, mit dessen verschiedenen Formen (171 Einzelstempel hat die Werkstatt) er die Deckel aufs reichste und in stets neuen Abwandlungen schmückt (Abb. 6). Für die Mitte werden oft Porträt- und Wappenlatten verwendet. Die kurfürstliche Reisebibl., Pergamentbände meist ohne steife Deckel, ist im gleichen Stil, aber einfacher geschmückt. Die vergoldeten Schnitte sind oft ziseliert und bemalt (Wappen und Arabesken). Nach Caspar Meuser verfällt diese Werkstatt, die aber für viele spätere deutsche Einbände vorbildlich geblieben ist. In Sachsen wurden die vergoldeten Einbände dieses Stils vielfach noch bemalt; die Band- und Arabeskenmotive wurden (wie früher in Lyon und anderswo) in Platten geschnitten und so auch in weniger geübte Werkstätten verbreitet. Der Braunschweiger Hofbuchbinder Lucas Weischner hatte für Foliobände eine den halben Deckel zierende Platte, die nur für eine kleinere Mittelplatte den Raum freiließ.

Auch in Heidelberg entwickelt sich um 1550 ein eigener Einbandstil, der zunächst Blind- und Golddruck mit den überkommenen Rollen verbindet; Wappen und Bildnis Ottheinrichs schmückt die Deckelmitten, daneben aber tauchen schon kleine Arabeskenstempel auf (Rud. Sillib, Ein Prachteinband des Kurfürsten Ottheinrich, Collectanea variae doctrinae, München 1921, S. 223ff. [6, Abb. 184]). Die Blütezeit dieser Werkstatt liegt im 17. Jh., als der Filigranstil aus Frankreich übernommen wurde [6, Abb. 203ff.]. Die Schönheit der französischen Einbände des 17. und 18. Jh., der mit petits fers, den Stempeln à la fanfare, à l’éventail, au pointillé im Stil der Le Gascon und Florimond Badier im 17., der mit dentelles-Muster oder mit Lederauflage in Tapeten- oder chinoisierenden Mustern im Stil der Padeloup und Derome im 18. Jh. geschmückten Einbände wird in Deutschland nicht erreicht. Alle diese Schmuckformen werden nachgeahmt, erscheinen aber fast ausnahmslos vergröbert. Stärkere Verwendung von Blattzweigen auf Einbänden von dunklem Leder ist um 1700 in Deutschland auffallend. Aus Italien kommt das Rocaillemuster, das sich auf Rokoko - Einbänden mit dem Spitzenmuster verbindet. Große Wappenmittelstücke belasten oft noch den Schmuck dieser Bände. Die großen Büchersammler liebten rote Maroquinbände mit zarter Vergoldung oder glatte Kalblederbände; selten fehlte auf diesen Bänden das Wappen; oft ist es der einzige Schmuck der Deckel, während die Rücken reiche Vergoldung tragen. Diesen Typus weisen auch die Bibliotheken Friedrichs d. Gr. auf (Bogdan-Krieger, Friedrich d. Gr. und seine Bücher, Leipzig 1914); in der Deckelmitte gibt ein Buchstabe den Bibliotheksort an. Krafft in Berlin und Rochs in Potsdam arbeiteten für diese Bibliotheken (Abb. 7). Selten kommen E. 18. Jh. freiere Formen, wie Weinranken, vor; Klassizismus und Empire brachten die strengen Ornamentformen wie Mäanderbordüren auch auf den Einband.

Pergamentbände sind im 17. und 18. Jh. häufig, vor allem im Norden, teils vergoldet, teils bemalt; ganz schmucklos tragen sie als „Hornbände“ den Titel auf den Rücken geschrieben. In dieser Zeit setzt sich auch der Halbband mit Deckelbezug von Kleisterpapier als der Gebrauchseinband durch.

B. Pracheinbände: Elfenbein, Goldschmiedearbeiten, Email

Bei der Mehrzahl vor allem der m.a. Prachtbände ist der Buchbinder nicht selbst der Hersteller des Schmuckes, sondern der Elfenbeinschnitzer, Gold- oder Silberschmied usw.; da diese Künstler sehr oft Mönche gewesen sind, spricht man von „Mönchsbänden“ (doch gilt die Bezeichnung oft gerade für die einfachen Lederbände der klösterlichen Bibl.). Die Namen sind selten bekannt; von Tutilo von St. Gallen heißt es unbewiesen, er habe unter anderen Kunstfertigkeiten, die er beherrschte, die Elfenbeinschnitzereien des Evangelium longum in St. Gallen geschaffen.

Großer Prunk wurde, aus den Warnungen der Kirchenväter zu schließen, von Anfang an bei den B. kirchlicher Codices entfaltet; doch ist kein B. erhalten, der über das 7. Jh. hinaufreicht (die Deckel des verlorenen Evangeliars der Langobardenkönigin Theodelinde in Monza [6, Abb. 35]). Oft hat man im hohen MA die Elfenbeintafeln von Konsular- und anderen Diptychen zum Schmuck von B. verwendet; das Diptychon des Rufius Probianus ist im 11. Jh. auf einem Buchschrein angebracht worden [6, Abb. 25]. Die Diptychen auf dem Hymnar im Domschatz zu Halberstadt wurden durch Abschneiden dem Deckelformat angepaßt [6, Abb. 26]. Antiker Bildgehalt wurde gelegentlich durch Inschriften verchristlicht (Diptychon Gregors d. Gr. in Monza; Graeven in Mitt. d. Arch. Inst., Röm. Abt. 7, 1892, S. 218). Auch fünfteilige Diptychen (Kaisern gewidmet) finden sich auf B. (ein Paar in Paris, eines in Rom und London [6, Abb. 27 u. 28]; für das Etschmiadzin-Evangeliar scheinen solche fünfteiligen Tafeln eigens hergestellt zu sein (Jos. Strzygowski, Das Etschmiadzin-Evangeliar, Wien 1891). Neben antiken und byzantinischen Schnitzereien sind aber auch viele Arbeiten einheimischer Elfenbeinschnitzerschulen auf B. erhalten, besonders aus Metz; ein kirchliches Diptychon dieser Schule aus dem 9. Jh. ist zur Hälfte auf einem B. in Frankfurt a. M. (Stadtbibl.; [6, Abb. 31]), zur Hälfte in Cambridge (Fitzwilliam Mus.). Auch das Drogo-Sakramentar in Paris gehört dazu (Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen I, Taf. 30, Nr. 74). Byzantinisch ist die Elfenbeinschnitzerei des Melisenda-Psalters aus dem 12. Jh. (London, B.M. [6. Abb. 34]).

Oft sind beide Deckel solcher Prachtbände gleichartig geschmückt; öfter aber ist der Hinterdeckel einfacher behandelt, nur mit Leder oder Samt bezogen oder mit einer ziselierten oder durchbrochenen Metallplatte mit glatter Oberfläche, die. das Auflegen des Buches nicht stört, verziert, während die Vorderdeckel zumeist erhabene Arbeiten zeigen, doch so, daß die empfindlichen Mittelstücke vertieft angebracht sind, der erhabene Rand also beim Aufschlagen das Kunstwerk schützt. Diese Umrahmungen, Arbeiten von Goldschmieden, mit Edelsteinen oder Emailplättchen besetzt, haben ebenfalls oft großen Wert. Die hervorragendsten Beispiele dieser Verbindung von Elfenbeinplatten mit Goldschmiedearbeiten sind das Evangeliar von St. Gallen (Cod. 53) mit den Tutilo zugeschriebenen Tafeln (um 900; [6, Abb. 29 u. 30]), das Echternacher Evangeliar in Gotha (E. 10. Jh.; [6, Abb. 40]) und das Evangeliar Heinrichs II. in München (1014; Elfenbeintafel aus Reims; [6, Abb. 41]), ferner ein Evangeliar im Essener Münster (um 1050; Abb. 8).

Im späteren MA treten die Elfenbeinarbeiten zurück; dagegen kommen geschnittene Hornplatten vor (z. B. ein Lektionar des 14. Jh. in Pommersfelden) und B., deren vordere Deckel Holzschnitzereien aufweisen, wie eine Maiestas Christi auf einem B. im Dom zu Minden (14. Jh.; Abb. 10) oder ein hl. Bischof im Mus. zu Stralsund.

Einbanddecken von getriebenem Gold oder Silber kommen ebenfalls meist mit vertieftem Mittelstück vor, oft in Verbindung mit Edelsteinen, Glasflüssen und Filigranarbeit. Die hervorragendste Arbeit dieser Art ist der B. des Codex aureus aus St. Emmeram (München, Staatsbibl., Abb. 12), Reimser Schule des 9. Jh. Getriebene Silberplatten sind auf beide Deckel des Evangelistars aus Enger i. W. im Berliner Schloßmus. aufgelegt, der Hinterdeckel um 1000 mit Ranken- und Bandwerk (Abb. 11), der Vorderdeckel aus dem 11. Jh. mit Christus im Vierpaß (Erich Meyer, Ein früh-m.a. Bucheinband aus Enger in Westf., Amtl. Ber. 50, 1929, S. 71ff.). Ein B. in der Schloßkirche zu Quedlinburg [6, Abb. 47] zeigt den Höhepunkt der Verbindung von Filigran- und Treibarbeit im 13. Jh. Auch das Echternacher Evangeliar hat in den Eckfeldern Treibarbeit. In der gotischen Zeit nimmt die Zahl der Prachteinbände zwar ab, doch finden sich gerade in Treibarbeit, jetzt meist in voller Rundplastik, kostbare B., so ein Lektionar der Hamburger Petrikirche (14. Jh.) im dortigen Mus. f. Kunst und Gewerbe (Lieselotte Möller, Eine norddeutsche Goldschmiedearbeit des 14. Jh., Zs. d. Dt. Ver. f. Kw. 7, 1940, S. 260ff.) und besonders eine silbervergoldete Tafel aus dem Kirchenschatz von St. Blasien, jetzt in St. Paul im Lavanttal [6, Abb. 54], wahrscheinlich einst ein B. und, wie öfters im MA, gleichzeitig ein Reliquiar. Als Hersteller der Platte auf dem Epistolar von ca. 1320 im Domschatz von Limburg a. L. ([6, Abb. 55]; Inv. Reg.-Bez. Wiesbaden 3, Abb. 89 u. 90) nennt sich Cuno Cantor. Das Reichsevangeliar in der Schatzkammer in Wien ist mit getriebenen Reliefs, vielleicht von Hans von Reutlingen, geschmückt (Jul. v. Schlosser, Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses, Wien 1918, Taf. 3).

Seit dem 11. Jh. kommen auch gravierte und durchbrochene Metallplatten vor (opus interrasile), zunächst als der Unterlage angepaßter Schmuck der Hinterdeckel, wie beim Evangeliar Heinrichs II. (11. Jh.) oder einem Evangeliar des 12. Jh. in Würzburg [6, Abb. 49 u. 50]. In den Vorderdeckel eingelegt ist eine durchbrochene Platte auf Leder bei einem B. des 12. Jh. im Domschatz von Hildesheim [6, Abb. 51]. Durchbrochene Silbertafeln auf grünem Samt hat ein Evangeliareinband des 14. Jh. im Stadt. Mus. Köln [6, Abb. 58].

In Edelmetall getriebene oder gravierte B. spielen auch im 16.–18. Jh. noch eine größere Rolle. Die Silberbibl. Herzog Albrechts von Preußen (1525–68) besteht aus 20 Bänden dieser Art, drei von Nürnberger, die übrigen von Königsberger Meistern (Hieronymus Kösler, Gerhard Lentz u. a., Abb. 13), die Ornamente nach Vorbildern berühmter Stecher der Zeit (Paul Schwenke u. K. Lange, Die Silberbibl. Herzog Albrechts von Preußen, Leipzig 1894). Für zwei Meßbücher im Besitz Fürstenberg in Herdringen fertigte Anton Eisenhoit 1588/89 die silbernen Einbanddeckel (Anton Eisenhoits Silberarbeiten, hrsg. von Jul. Lessing, Berlin 1879; [6, Abb. 189]). In Dresden wurde als Geschenk für Herzog Ulrich von Mecklenburg ein Einband aus Gold hergestellt, dessen Figuren emailliert sind (Gotha, Mus. [6, Abb. 188]). Die B. der Renaissance und späteren Jh. in Metallarbeit (hierzu gehören auch die B. in ziselierten und durchbrochenen Messingplatten, in Silberfiligran sowie mit Silberbeschlägen auf Samt) beziehen auch den Buchrücken in den Schmuck ein, entweder als Platte oder als Scharnierkette.

Der Schmuck mit Glasflüssen kommt schon bei den ältesten bekannten Prachteinbänden vor, den Einbanddeckeln im Dom zu Monza und im Schatz der Markuskirche in Venedig [6, Abb. 35 und 36]. Diese Arbeiten byzantinischer Goldschmiede sind außen mit Edelsteinen und antiken Kameen mit Zellenverglasung geschmückt. Zellenschmelzplatten sind in den Schmuck des Hinterdeckels des Lindauer Evangeliars (jetzt Pierpont Morgan, vorher Ashburnham [6, Abb. 37]) eingefügt, der im übrigen Bronzeplatten mit irischer Ornamentik aufweist (8. Jh.). Auch der Rahmen des Vorderdeckels des Evangeliars Heinrichs II. hat Emailtäfelchen wie eine Anzahl anderer Prachtbände. Mit ganzen Emailplatten sind B. des 12./13. Jh. geschmückt, nun jedoch in Grubenschmelzarbeit (Abb. 9). Am Rhein und in Limoges wurden diese Platten in großer Zahl hergestellt, sind auch reichlich erhalten, jedoch oft getrennt von den Einbänden, zu denen sie einst gehörten [6, Abb. 52 u. 53].

Der Schmuck der Holzdeckel durch Bemalen ist äußerst selten (Landesbibl. Stuttgart, Abb. 14). Berühmt sind die von Sieneser Malern verzierten Deckel der Rechnungs- und Steuerbücher von Siena vom 13. Jh. an durch fünf Jh.; die meisten sind erhalten, doch kommen auch Fälschungen vor (Aless. Lisini, Le tavolette dipinte di Biccherna e di Gabella, Siena 1902). Einbände, auf denen Miniaturen auf Pergament unter durchsichtigen Hornplättchen angebracht waren, kommen vereinzelt im späten MA vor. Bemalung mit Lackfarben ist im 16. Jh. auf blind- und sogar auf goldgepreßten B. nicht selten.

C. Gewebe

Der Bezug der Deckel mit Stoffen ist schon im MA als Unterlage der aufgelegten Metallplatten üblich; Samtbände wurden aber auch besonders bei kleinen Formaten (Stundenbücher) eigens hergestellt; oft wurden sie mit Stickereien versehen (Landesbibl. Stuttgart, Abb. 15). Gestickte Seidenbände waren im 16.–18. Jh. beliebt, besonders in England. Eine gute Arbeit dieser Art ist ein Geschenkband für Kaiser Ferdinand II. von 1627 in der Wiener Nat.Bibl. [6, Abb. 232]. Auch Gobelin-Wirkereien wurden manchmal als Einbandbezug hergestellt.

V. Einbandsammlungen und -forschung

Naturgemäß ist jede Bibl. mit reichen älteren Beständen auch im Besitz historisch und künstlerisch wertvoller B. Eigentliche Einbandsammlungen sind jedoch erst in neuester Zeit und an vereinzelten Bibl. gebildet worden, z. T. unter Veröffentlichung von Tafelwerken mit Abbildung der wichtigsten Stücke oder im Anschluß an Ausstellungen [21–26]. Stärker ist der Gedanke der äußeren Schönheit des Buches von jeher in den Kunstgewerbe-, aber auch in den Volkskundemuseen gepflegt worden; so hat das G.N.M. Nürnberg schon früh seine B. veröffentlicht [21]. Ferner besitzt das Schloßmus. in Berlin reiche einschlägige Bestände. Am besten ist der historische deutsche Einband in den Spezialmus. des Buches und der Lederarbeiten vertreten, im Deutschen Mus. für Buch und Schrift in Leipzig (Grundstock: Einband-Slg. K. Becher-Karlsbad; vgl. Ch. Waentig, Taschenbuch für Büchersammler 3, 1928, S. 117ff.), im Mus. der Sächs. Landesbibl. in Dresden und im Deutschen Ledermus. in Offenbach.

Der weiteren Erforschung des deutschen B. dient der Ausschuß für B.-Katalogisierung beim Verein deutscher Bibliothekare, dessen Arbeitsziel die Verzeichnung der in deutschen Bibl. vorhandenen wertvollen B. nach den von Joh. Hofmann (Zentralbl. f. Bibliothekswesen 44, 1927, S. 489ff.; Jb. d. Einbandkunst 1, 1927, S. 138ff.) aufgestellten Regeln ist. Wichtiges Material für die Forschung enthalten auch die Abreibungssammlungen von Paul Schwenke in der Preuß. Staatsbibl. (M. J. Husung in Zentralbl. f. Bibliothekswesen 43, 1926, S. 380ff.; Jb. d. Einbandkunst 1, 1927, S. 39ff.) und von W. H. J. Weale in London ([17]; Weale und L. Taylor, Early stamped bookbindings in the B. M. London, London 1922). Für die Methode der Forschung hat vor allem Hans Loubier Richtlinien gegeben (Methodische Erforschung des Bucheinbandes, Beitr. z. Bibliotheks- und Buchwesen, Berlin 1913, S. 175ff.). Selbst ein Zweig der Geschichte des Kunstgewerbes, durch die Ikonographie des Buches von seiten der kunstgeschichtlichen Forschung gefördert, ist die Geschichte des B. durch ihre Bedeutung für die Geschichte des Buches und der Bibliotheken eine Hilfswissenschaft der geistesgeschichtlichen Forschung.

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Staatl. Museen, Ägyptische Abt., Papyrus-Slg., Wachstafel aus einem antiken Schulheft (P. 14 000). 4. oder 5. Jh. n. Chr. Phot. Mus.

2. Erfurt, Stadtbücherei, Kettenstich- und Langstichbände. 14. und 15. Jh. Phot. Herold, Erfurt.

3. Johann Fogel in Erfurt, Ledereinband mit Blindpressung. Zw. 1456 und 1459. Nürnberg, G.N.M. (Hs. 28.908). Phot. Mus.

4. Graz, Universitäts-Bibl., Lederschnittband aus Kloster Seckau (Steiermark). Mittelbild wohl hl. Wolfgang, darum Inschrift: Wolfgang Syczinger 1468 (Archidiakon der Obersteiermark, † 1480). Phot. Kunsthistor. Institut der Universität Graz.

5. Essen, Folkwang-Mus.. Bucheinband in Schweinsleder mit Rollen- und Plattenstempeln. In der Mitte Justitia, umgeben von weiteren Tugenden. 16. Jh. Marburger Photo.

6. Jakob Krause (1526/27–1585), Hofbuchbinder des Kurfürsten August von Sachsen in Dresden, Ledereinband für „Die Venedische Cronica“ mit Arabeskenstempeln und Handvergoldung. 1575. Dresden, Landesbibl. Phot. Bibl.

7. Potsdam, Stadtschloß, Bucheinband Friedrichs d. Gr. aus rotem Ziegenleder (Boileaus Werke). Phot. Verwaltung der Staatl. Schlösser und Gärten, Berlin.

8. Essen, Münster, Schatzkammer, Einband eines Evangeliars. Karol. Elfenbeinrelief mit Geburt, Kreuzigung und Himmelfahrt Christi, umgeben von Reliefs in Treibarbeit: Maiestas Domini, vier Heilige und Muttergottes zwischen zwei Heiligen, zu ihren Füßen Theophanu (1041–54 Äbtissin in Essen). Um 1050. Phot. Rhein. Bildstelle, Köln – Dt. Kunstverlag, Berlin.

9. Trier, Domschatz, Einband des Evangeliars aus St. Godehard in Hildesheim. In der Mitte Grubenschmelzplatte mit Passionsszenen, auf dem Rand Elfenbeinreliefs, umgeben von Edelsteinen und Filigran. 12. Jh. Marburger Photo.

10. Minden, Dom, holzgeschnitzter Buchdeckel mit Maiestas Domini. 14. Jh. Phot. Denkmalamt Westfalen, Münster.

11. Berlin, Schloß-Mus., Bucheinband aus der Kirche zu Enger (Westf.). Hinterdeckel: getriebene Silberplatte mit Ranken- und Bandwerk. Um 1000. Phot. Denkmalamt Westfalen, Münster.

12. München, Staatsbibl., Codex aureus aus St. Emmeram in Regensburg (clm. 14 000), Vorderdeckel: in der Mitte Goldblechreliefs des thronenden Christus, der vier Evangelisten und vier Szenen aus dem Leben Christi; auf den Rändern Edelsteine und Perlen in Filigranfassungen. Reimser Schule, 9. Jh. Phot. Bibl.

13. Königsberg, Universitäts-Bibl., Silberbibliothek des Herzogs Albrecht (1525–68), Einband zu Joh. Brentzens Postille, 1534, von Hieronymus Kösler (tätig in Königsberg 1550–53). Rückseite: gegossener Grund, in Treibarbeit in der Mitte Justitia, in den Ecken sitzende Evangelisten. Nach P. Schwenke und K. Lange, Die Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen, Leipzig 1894, Taf. IV.

14. Stuttgart, Landesbibl., Einband für ein Psalterium aus Komburg (Bibl. fol. 46). Holzdeckel mit Malereien auf Pergament, darüber Hornplatten, gerahmt und gefaßt mit Metalleisten. 13. Jh. Phot. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.

15. Stuttgart, Landesbibl., Einband für ein Evangeliar aus Alspach i. Els. (Bibl. fol. 71). Holzdeckel mit Lederüberzug, darüber bunt gestickte Leinwand. Vorderseite: Christus in der Mandorla und Evangelistensymbole. 12. Jh. Phot. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.

Literatur

1. Wolfg. Mejer, Bibliographie der Buchbinderei-Lit., Leipzig 1925. 2. Dass., Ergänzungsband 1924/32 (von Herm. Herbst), Leipzig 1933. 3. Jb. d. Einbandkunst, hrsg. von Hans Loubier und Erh. Klette, Jg. 1–4, Leipzig 1927–30. 4. Arch. f. Buchbinderei, hrsg. von Paul Adam u. a., Jg. 1ff., Halle 1901/02ff. 5. Paul Adam, Der Bucheinband, seine Technik und seine Geschichte, Leipzig 1890. 6. Hans Loubier, Der Bucheinband von seinen Anfängen bis zum E. 18. Jh. (Monographien d. Kunstgewerbes 21/22), Leipzig 19262. 7. Max Jos. Husung, Geschichte des Bucheinbandes; Hdb. d. Bibliothekswiss., hrsg. von Fr. Milkau, 1, Leipzig 1931. S. 666ff. 8. Heinr. Schreiber, Einführung in die Einbandkunde, Leipzig 1932. 9. Gust. Ad. Erich Bogeng, Der Bucheinband, Halle 19402. 10. Heinr. Lüers, Das Fachwissen des Buchbinders, Stuttgart 19412. 11. Paul Adam, Der Einfluß der Klosterarbeit auf die Einbandkunst. Buch und Bucheinband, Festschr. z. 60. Geburtstag von Hans Loubier, Leipzig 1923, S. 148ff. 12. Karl Christ, Karol. Bibliothekseinbände, Festschr. Georg Leyh, Leipzig 1937, S. 82ff. 13. Geoffrey Dudley Hobson, English binding before 1500, Cambridge 1929. 14. Martin Bollert, Lederschnittbände des 15. Jh., Leipzig 1925. 15. Otto Mitius, Fränkische Lederschnittbände des 15. Jh. (Slg. bibliothekswiss. Arbeiten 28), Leipzig 1909. 16. E. Ph. Goldschmidt, Gothic and Renaissance bookbindings, 1 u. 2, London 1928. 17. Will. Henry James Weale, Bookbindings and rubbings of bindings in the Nat. Art Library, South Kensington Mus. London, 1 u. 2, London 1894–98. 18. Konr. Haebler, Rollen- und Plattenstempel des 16. Jh., Bd. 1 u. 2 (Slg. bibliothekswiss. Arbeiten 41/42), Leipzig 1928/29. 19. Christel Schmidt, Jakob Krause, Leipzig 1923. 20. Ilse Schunke, Krause-Studien (Zentralbl. f. Bibliothekswesen, Beih. 65), Leipzig 1932. 21. Katalog der im G.N.M. vorhandenen interessanten Bucheinbände, hrsg. von A. v. Essenwein, Nürnberg 1889. 22. L. Bickell, Bucheinbände des 15.–18. Jh. aus hessischen Bibl., Leipzig 1892. 23. Karl Zimmermann, Bucheinbände aus dem Bücherschatze der Kgl. Öff. Bibl. zu Dresden, N.F., hrsg. von A. H. Lier, Leipzig 1892/93. 24. Theod. Gottlieb, Bucheinbände der K. K. Hofbibl., Wien 1910. 25. Ad. Schmidt, Bucheinbände aus dem 14. bis 19. Jh. in der Landesbibl. zu Darmstadt, Leipzig 1921. 26. Max Jos. Husung, Bucheinbände aus der Preuß. Staatsbibl. zu Berlin in historischer Folge erläutert, Leipzig 1925.

Verweise