Buch

Aus RDK Labor
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englisch: Book; französisch: Livre; italienisch: Libro.


Hans H. Bockwitz (1947)

RDK II, 1334–1338


Ein B. besteht aus einer zu einer Einheit zusammengefaßten Anzahl von Einzelblättern, die entweder durch Klebung zu einer längeren Bahn aneinandergefügt und aufgerollt werden: Buchrolle, oder die gefalzt, zu Lagen ineinandergelegt und durch Heftung verbunden sind: Codex. In beiden Fällen wird das B. durch eine Umhüllung (Buchschrein, -hülle, -einband) geschützt.

Mit dem Namen eines der frühesten Beschreibstoffe, dem Baumbast (βύβλος, liber), benannten die Griechen das B. βίβλος, βιβλίον (Bibel, Fibel), die Römer liber, libellum (Liberei, librairie, library). Wie Baumbast war in frühester Zeit für schriftliche Aufzeichnungen die Tierhaut in Gebrauch (griech. διϕϑέρα, lat. membrana). Die in Pergamon im 2. Jh. v. Chr. verfeinerte Tierhaut hieß membrana (carta) pergamena, eine Bezeichnung, die in der Literatur erstmalig im Höchstpreisedikt Kaiser Diocletians (301 n. Chr.) vorkommt. Der nur in Ägypten hergestellte und von da im Wege des Exports über alle Mittelmeerländer verbreitete Papyrus (πάπυρος, Papier) blieb mehrere Jahrtausende hindurch für literarische Zwecke ausschließlicher Beschreibstoff.

Im Verlauf seiner 5000jährigen Geschichte zeigt das B. seiner äußeren Form und Gestalt nach ein zweifach verschiedenes Aussehen. Bereits im 4. vorchristl. Jahrtausend taucht die ägyptische Hieroglyphe Papyrusrolle für das Wort B. auf, und die Form der aus Papyrusschreibblättern zusammengeklebten Rolle bleibt herrschend bis in die ersten christlichen Jahrhunderte. Sie war offenbar, trotz ihrer uns unbequem erscheinenden Form und Handhabung, für den antiken Menschen die gegebene B.-Form und genügte sowohl seiner Schreib- und Lesemethode wie dem literarischen Betrieb des Altertums. Die Rolle hieß bei den Griechen κύλινδρος (Walze), bei den Römern volumen (volvere, rollen; volume), das Einzelblatt χάρτης, carta, ein abgeschnittenes Stück Papyrus τόμος, tomus (tome).

Die Wandlung von der geklebten Papyrusrolle zum Codex aus gefalzten und gehefteten Einzelbogen – die folgenreichste Wandlung, die das B. seiner äußeren Erscheinung nach erfahren hat – ist nicht durch einen veränderten Beschreibstoff bedingt: wie Papyrus, so war auch Pergament ursprünglich gerollt worden, und die ersten Codices bestanden aus Papyrusblättern, erst später aus Pergament. Dieses beginnt seit dem 4. nachchristl. Jh. den Papyrus zu verdrängen; der handgeschriebene Pergamentcodex wird zur herrschenden B.-Form, die als bequemer empfunden und zugleich zur eigentlich christlichen B.-Form im Gegensatz zur heidnischen Rolle wird. Die Urform des Codex (caudex, Holztafel) ist in den im Altertum zu nichtliterarischen, schriftlichen Aufzeichnungen verwendeten, oft seitlich nach Art eines Soennecken-Ring-B. verbundenen Holztafeln (Diptycha, Polyptycha) zu suchen, die geschichtet oder gebündelt aufbewahrt wurden.

Der m.a. Codex kennt kein Titelblatt; er übernimmt von der B.-Rolle, bei der sich der Titel im Innern an der geschütztesten Stelle, am Schluß, befand, die Gepflogenheit des Schreibervermerks am Ende der Hs. (Explicit) und beginnt meist mit den Worten „Incipit liber“, worauf der Name folgt (Incipitseite). Blattzählung wird erst seit dem 14. Jh. üblich, derart, daß eine Blattzahl für zwei aufgeschlagene Seiten gilt (Rückseite des 1. und Vorderseite des 2. Blattes; Einzelblattzählung (Foliierung) und Seitenzählung (Paginierung) sind spätere Errungenschaften. Der Codex besteht meist aus Lagen von vier Doppelblättern (Quaternio, cahier), doch kommen fünf-, sechs-, drei- und zweiblättrige Lagen vor (Quinternio, Sexternio, Ternio, Binio). Die Lagen werden auf der Rückseite des letzten Blattes durch Zahlen oder Buchstaben (Custoden) gekennzeichnet. Die Liniierung ist ursprünglich blind, durch Einritzen mit dem Messer (novaculum); im 12. Jh. setzt die Blei-, im 13. die Tintenliniierung ein; die Zeilenabstände wurden an den Rändern mit dem Zirkel eingestochen (Punkturen).

Unter Beibehaltung der Codexform ändert sich das B.-Innere grundlegend mit dem Aufkommen der Buchdruckerkunst. Seit M. 15. Jh. wird das B. immer seltener mit der Hand auf Pergament geschrieben und stellt nicht mehr in jedem einzelnen Exemplar ein Unikum dar: es wird auf mechanische Weise auf einer Druckpresse in beliebig vielen Abzügen hergestellt, und als Träger der Texte erscheint Matt des Pergaments im allgemeinen das Papier; Pergament bleibt für Luxuszwecke vorbehalten.

In der Inkunabelzeit (incunabula, Windeln, Wiege), der Wiegen- oder Frühzeit des typengedruckten B. bis z. J. 1500, folgt das Druck-B. in seiner Gestaltung durchaus dem Vorbild, das die m.a. Hs. bietet: wie diese kennt es kein Titelblatt, das Explicit der Hs. wird zum Druckvermerk (Kolophon, Spitze, Ausgang), in dem an Stelle des Schreibernamens der Druckername oder sein oft künstlerisch gestaltetes Signet (signum, signetum) erscheint; die Aufteilung des Satzes in Spalten (Kolumnen, columna), seine Abstände vom Bundsteg und von den Rändern, Formate und Einbände, vor allem die Drucklettern nebst Anschlußbuchstaben, Abbreviaturen und Ligaturen, werden getreu im Anschluß an die Hl. nachgebildet. Bei der Druckletterngestaltung geben die Frühdrucker jedoch schon bald die von Gutenberg und seinen ersten Jüngern geübte mühselige, peinlich genaue Nachahmung der handgeschriebenen Buchstaben und Buchstabenverbindungen auf; die Lettern schleifen sich mehr und mehr zu rein typographischen Zeichen ab, die an jeder Stelle im gesetzten Wort verwendbar werden. Damit wird die in jeder Seite einer m.a. Hs. mitschwingende und ihren besonderen Reiz ausmachende Dynamik der schreibenden Hand umgestaltet zu typographischer Statik, die eine andere, eine neue Schönheit der B.-Seite hervorbringt, an die sich der Leser erst gewöhnt, wenn er typographisch sehen gelernt hat. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet besteht das Wesen der Inkunabeln darin, daß es Drucke sind, „in denen man noch die Entwicklung des B. zu verfolgen vermag und in denen der Drucker seinem Werke noch als selbständig schaffender Meister gegenübersteht“ (K. Haebler [6]).

Vom Ende der Frühdruckzeit an wird die B.-Gestaltung mehr und mehr handwerksmäßig betrieben. Aufgabe und Ziel des Buchdrucks und damit die B.-Ausstattung wandeln sich im 16. J h. grundlegend im Gegensatz zur vorangegangenen Epoche. Wurden in dieser die B. in kleinen Auflagen von 2–300 Exemplaren gedruckt, so steigen die Auflagen im Zeitalter der Reformation in die Tausende: das gedruckte B. steht zum ersten Male in seiner Geschichte im Dienste einer über die Landesgrenzen weit hinausgreifenden religiösen Idee, der B.-Druck wird zum Massendruck und Druck für die Massen. Religiöse Flugschriften und Traktate geringeren Umfangs in kleinem Quartformat beherrschen den B.-Markt. Typographie und sonstige Ausstattung werden, von einigen guten Bibeldrucken abgesehen, um immer schnellerer Herstellung willen vernachlässigt. Die alte Tradition wahren zu Beginn des 16. Jh. lediglich die an den Namen Kaiser Maximilians I. anknüpfenden B.-Schöpfungen (Gebetbuch, Theuerdank); sie bringen in typographischer Hinsicht die Vorstufen der Frakturdruckschrift, die von dem Schreibmeister Neudörffer und dem Formschneider Andreae in Nürnberg vollendet und erstmals zum Satz der theoretischen Schriften Dürers verwendet wird. Dürer selbst hat an der Schöpfung der Frakturtype keinen Anteil.

Im 17. J h. leidet die deutsche B.-Gestaltung unter den Lasten, die der 30jährige Krieg und die Kriegsfolgen mit sich bringen: Drucklettern, Typographie und Papier verschlechtern sich mehr und mehr. Trotzdem erscheinen im Zeitalter des Barock und der Polyhistoren zahlreiche mächtige Folianten, angefüllt mit enzyklopädischem Wissen. Einige Bibeldrucke (Bibelillustration, Sp. 512f.) und großformatige Repräsentationswerke mit zahlreichen Kupferstichen erheben sich über das im ganzen klägliche Niveau. Der barocke Schwulst, der sich vor allem auf den pomphaften Kupferstich-Titelblättern breit gemacht hatte, und das Foliantenformat beginnen im 18. Jh. zu schwinden. Der sich vom Barock abwendende Geschmack zeitigt im Zeitalter des Rokoko zierliche Bändchen mit niedlichen Kupfern; die zahllosen, kleinformatigen Taschenalmanache werden zu einer beliebten B.-Gattung und befriedigen das Bedürfnis verschiedenster Stände. Die unter dem Einfluß des Klassizismus in anderen Ländern schon früher einsetzende Reform der Drucklettern, auf Klarheit und leichte Lesbarkeit des Typenbildes abzielend, wird am E. des Jh. von Breitkopf in Leipzig und Unger in Berlin für die Frakturschrift durchgeführt; die Schriftproben beider erscheinen im gleichen Jahr 1793, ohne damals allerdings die Wirkung in die Breite auszuüben, die sie verdienten.

An der Schwelle des 19. Jh. setzen die großen b.-gewerblichen Erfindungen ein, die das B. in der 2. H. des Jh. zum seelenlosen Produkt der Maschine machen. In den 70er und 80er Jahren ist ein Tiefstand in der B.-Gestaltung erreicht, den auch die von München ausgehenden Anregungen (Zurückgreifen auf das Renaissance-B., „Münchner Stil“) nicht beheben können und der im Gewerbe selbst Besorgnis auslöst. 1884 wurde der Deutsche Buchgewerbeverein begründet, der sich die Aufgabe stellte, einen erhöhten Einfluß der bildenden Künste auf die in bloßer Technik und in hohlem Prunk (Prachtwerke) erstarrte B.-Gestaltung herbeizuführen. Neue Gedanken kamen aus England, wo William Morris auf die solide und geschmackvolle B.-Kunst der Gotik und Renaissance zurückgriff. Seine sich allzu eng an die alten Meister anlehnende B.-Gestaltung fand in Deutschland vor allem durch die Voranstellung des Qualitätsgedankens und der handwerklichen Treue Beifall. Bereits am Ende des Jh. beginnt die Begründung sogen. Privatpressen, die teils das rein typographische, teils das mit Originalgraphik illustrierte B. wieder auf der Handpresse unter Verwendung von neugeschaffenen, künstlerisch geformten Lettern und edelster Papiere (Bütten, Japan) im Handsatz herstellen und den Gedanken der Werkgerechtheit im Material pflegen, was besonders auch dem Einband zugute kommt. Wie in England erkennt man auch bei uns, daß die Reform des B. von der Druckletter her erfolgen müsse, daß der B.-Schmuck, der sich eine Zeitlang in Japanismus und Jugendstil ausgetobt und die Typographie überwuchert hatte, bei sparsamer Verwendung wirkungsvoller werden mußte.

Verleger, Schriftgießer und Drucker arbeiten seit der Jahrhundertwende gemeinsam mit Künstlern, die sich speziell der Drucklettern- und B.-Gestaltung widmen. Das anfangs befehdete Wort „Buchkunst“ (eine Verkürzung aus B.-Druckerkunst) wird zum Schlagwort für neuzeitliche B.-Gestaltung auf künstlerischer Grundlage. Die Pressendrucke als Spitzenleistungen haben als Vorbilder gewirkt und die maschinelle B.-Herstellung heilsam beeinflußt, so daß auch das billige Gebrauchs-B. heute eine ansprechende Ausstattung erhalten hat. Weiteren Kreisen wurden die Ergebnisse der neuzeitlichen künstlerischen B.-Herstellung auf der Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik, der „Bugra“, Leipzig 1914, und auf der Internationalen Buchkunstausstellung, Leipzig 1927, bekanntgemacht.

Literatur

1. Lex. d. Buchwesens. 2. Hdb. d. Bibliothekswiss., hrsg. von Fritz Milkau, Bd. 1: Schrift und Buch, Leipzig 1931. 3. Wilh. H. Lange, Das Buch im Wandel der Zeiten, Hamburg 19434. 4. Wilh. Schubart, Das Buch bei den Griechen und Römern, Berlin 19212. 5. Karl Löffler, Einführung in die Handschriftenkunde, Leipzig 1929. 6. Konr. Haebler, Hdb. d. Inkunabelkunde, Leipzig 1925. 7. Karl Schottenloher, Das alte Buch (Bibl. f. Kunst- u. Antiquitätensammler 14), Berlin 19212. 8. Otto Grautoff, Die Entwicklung der modernen Buchkunst in Deutschland, Leipzig 1901. 9. Hans Loubier, Die neue deutsche Buchkunst, Stuttgart 1921. 10. Jul. Rodenberg, Deutsche Pressen, Wien 1925, Nachtrag Berlin 1931.

Verweise