Brotvermehrung

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englisch: Multiplication of Loaves; französisch: Multiplication des pains; italienisch: Moltiplicazione dei pani.


Wilhelm Neuß (1944)

RDK II, 1222–1228


RDK II, 1221, Abb. 1. Evangeliar Ottos III., um 1000. München.
RDK II, 1223, Abb. 2. Ulm, Münster, Christusfenster, 1449.
RDK II, 1225, Abb. 3. Regensburg, Dom, Epitaph Herberstein, um 1663.

I. Begriff

Die Ev. Matthäus und Markus berichten von zwei wunderbaren Speifungen der Volksmenge durch Christus, der ersten (Mt. 14, 14 bis 21, und Mk. 6, 35–44), bei der mit fünf Broten und zwei Fischen an die 5000 Männer gespeist werden und die übriggebliebenen Stücklein zwölf Körbe füllen, der zweiten (Mt. 15, 32–39, und Mk. 8, 1–10), wo mit sieben Broten und einigen Fischen 4000 gespeist werden und das Übrigbleibende in sieben Körben gesammelt wird. Mk. 8, 19–20 wird auf beide Speifungen hingewiesen. Lukas 9, 12–17 und Johannes 6, 5–13 berichten nur von der ersten Speisung, als deren Ort Lk. die Gegend von Bethsaida nennt, während Jo. die Apostel Andreas und Philippus noch eigens erwähnt.

II. Geschichte

A. Altchristl. Kunst

Die altchristliche Kunst, die mit Vorliebe auf die großen Rettungstaten Gottes im Alten und Neuen Bunde als Unterpfänder der christlichen Hoffnung hinwies, hat diese Wunder früh und oft dargestellt, sowohl in der zömeterialen Malerei als auch in der sepulkralen Plastik, und zwar in zwei Formen: Christus, die ihm vorgehaltenen Brote und Fische segnend und mit einem Stabe die vor ihm stehenden Körbe berührend, oder zum Mahle gelagerte Personen, bei denen die in der Sieben- oder Zwölfzahl aufgestellten Körbe den Beschauer an den biblischen Bericht erinnern, mag bei dem Mahl selbst auch an das eucharistische, das Totengedächtnismahl oder an das himmlische Mahl gedacht sein. Schon im 4. Jh. erhob sich an der Stelle der B., nicht weit von der Stätte des alten Kapharnaum, eine von den Pilgern besuchte Basilika, deren Reste vor nicht langer Zeit aufgedeckt worden sind. Es ist demnach begreiflich, daß der Vorwurf auch in der nichtsepulkralen, spätantiken, christlichen Kunst beliebt blieb, entweder auf zwei getrennte Szenen verteilt: Christus segnend und die gespeiste Menge, oder beide in einem Bilde vereinigend. Das letztere ist der Fall auf einer aus Karthago stammenden Elfenbeinpyxis des Mus. Civ. von Livorno, und es ist in der griech. Buchmalerei die Regel geworden, während auf einem Mosaik von S. Apollinare Nuovo in Ravenna nur Christus segnend dargestellt ist und auf der Elfenbeinkathedra des Maximianus zu Ravenna je eine Platte den segnenden Christus und die speisende Menge zeigt. (Art. „Pein“ in Cabrol-Leclercq 13, 1, Sp. 436ff.) Die griech. illustrierten Evangeliare haben alle sechs biblischen Stellen dargestellt, wie sich aus dem erhaltenen Matthäus-Bruchstück des Sinope-Evangeliars (Paris, B.N., Suppl. grec 1286) und dem Evangeliar Grec 74 derselben Bibl. ergibt. Dabei finden wir jedesmal eine figurenreiche Szene, links Christus segnend zwischen den Aposteln und rechts die Volksmenge, an einem Berge gelagert. Vereinfacht sind die Darstellungen in den Randbildchen syrischer Hss., des Rabula-Evangeliars und des Ev. Suppl. syr. 5 der Pariser Nat.Bibl., auch noch in dem griech. Evangeliar Theol. gr. 154 der Wiener Staatsbibl. (Steph. Beissel, Geschichte der Evangelienbücher, Freiburg i. Br. 1906, S. 341ff.). Von altchristlichen Monumentalzyklen neben dem von Ravenna mit der Darstellung der B. reden die Titel-Verse im Dittochaeum des Prudentius (4. Jh.) und von Rusticus Helpidius (6. Jh.) (Schlosser, Quellenbuch, S. 9 u. 36).

B. Frühes MA

Solange die früh-m.a. Kunst in den Bahnen der Antike blieb, erhielt sich auch die Darstellung der B., und zwar in der altchristlichen Grundform. Aus der karolingischen Kirchenmalerei kennen wir nur das Vorkommen der ersten B. in einem Zyklus aus ihren Tituli, in der um 830 erbauten Klosterkirche von St. Gallen (Schlosser a. a. O. S. 132). Dagegen hat die ottonische Kunst, vor allem die der Reichenau, mit ihrem bewußten Zurückgreifen auf altchristliche lateinische Vorbilder die B. sowohl in der Kirchenmalerei (so ehemals im Dom zu Mainz, zweite B.; Schlosser, S. 176) als auch in der Bronzeplastik (Bernwardsäule in Hildesheim), der Elfenbeinplastik (z. B. einer Elfenbeinplatte im Louvre; Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen II, Taf. 4; Paliotto von Salerno; ebd. IV, Abb. 35), besonders aber in der Buchmalerei dargestellt, und zwar in jener eigenartigen Durchstilisierung der antiken Vorlagen, die der ottonischen Buchmalerei einen so hohen Reiz verleiht. Der Egbertkodex zeigt in symmetrischer Anordnung zwei Apostel und die Volksmenge neben Christus, ebenso das Evangeliar Ottos III. in München (cim. 58; Abb. 1); das Evangeliar Ottos III. in Aachen ordnet die Szene von oben nach unten (Steph. Beissel, Das Evangeliar Ottos III. aus dem Dom zu Goslar, Düsseldorf 1901, Taf. 15). Dem Egbertkodex entsprechen die Szene im Echternacher Perikopenbuch der Bibl. Roy. zu Brüssel (Camille Gaspar et Frédéric Lyna, Les principaux mss. à peintures de la Bibl. Roy. de Belgique, Paris 1937, p. 41) und die im Echternacher Evangeliar zu Gotha (Beissel, Evangelienbücher, S. 344). Das Echternacher Perikopenbuch der Stadtbibl. zu Bremen hat nicht nur, wie die vorhergehenden, die Illustration der ersten, sondern auch die der zweiten B., da sowohl Jo. 6, 5ff. (Ev. des 4. Sonntags der Fastenzeit) als auch Mk. 8, 1ff. (Ev. des 6. Sonntags nach Pfingsten) illustriert werden. Das erste Bild bewahrt den auch in den griech. Evangeliaren erhaltenen Typus, das zweite zeigt die Reichenauer Umbildung. Auch das aus Echternach stammende goldene Evangelienbuch Heinrichs III. im Eskorial illustriert Mt. und Joh. nach der Reichenauer Art (ed. Alb. Boeckler, Berlin 1933, Taf. 51 u. 144). Die griech. Art (erste B.) zeigt um dieselbe Zeit die katalanische Bibel aus Ripoll (Wilh. Neuß, Die katalanische Bibelillustration, Bonn 1922, Abb. 144).

C. Spätes MA

Daß die B. seit dem 12. Jh. nur selten dargestellt wird, ist auf den ersten Blick auffallend, aber aus dem Grundzuge der romanischen Kunst erklärbar, die, statt die biblischen Begebenheiten fortlaufend zu erzählen, die auf Christi Geburt, Tod und Verherrlichung bezüglichen Szenen bevorzugt. Die bescheidene Federzeichnung im Gebetbuch einer Nonne aus dem 12. Jh. (Wien, Staatsbibl. 2739; Ill. Hss. VIII, 2, S. 252) ist eine Ausnahme. Während der Heilsspiegel, der sich auf Jugend, Leiden und Verherrlichung Christi konzentriert, die B. nicht bringt, hat sie gelegentlich in der Armenbibel Aufnahme gefunden (vgl. die Zusammenstellung der Themen im RDK I, Sp. 1079f., sowie Abb. 3 auf Sp. 1075; ferner eine späte italienische Armenbibel in der Marciana, Cl. I a Cod. 151, 15. Jh.; Hans v. d. Gabelentz, Die kirchliche Kunst im italienischen MA, Stud. z. dt. Kg. 55, Straßburg 1907, S. 276). Auch der breit angelegte typologische Zyklus der Concordantia caritatis des Ulrich von Lilienfeld bezieht die B. ein (Hans Tietze, Jb. Z.K., N.F. 2, 1, 1904, Sp. 82 u. 88; Joh. Ev. Weis-Liebersdorf, Das Kirchenjahr in 156 gotischen Federzeichnungen, Stud. z. dt. Kg. 160, Straßburg 1913, S. 34 u. Abb. 56; der vollständige Zyklus auch bei Hans Rost, Die Bibel im MA, Augsburg 1939, S. 240ff.). Sehr selten kommt die Szene auch in den Livres d’heures vor; ein Beispiel ist Paris, B.N., lat. 757 vom Jahre 1380 (Victor Leroquais, Les livres d’heures, mss. de la B.N. I, Paris 1927, S. 5). Da die spät-m.a. Historienbibeln den Nachdruck der Illustration auf das A.T. legen, fehlt die Szene auch in ihnen und deshalb auch in den Holzschnittillustrationen der frühen gedruckten Bibeln vollständig; im gesamten deutschen Frühdruck steht das kleine Bildchen der bei Michael Furter in Basel gedruckten Postilla des Guillermus Parisiensis allein (Schramm, Frühdrucke XXII, S. 9). Nur als Übernahme von irgendeiner byzantinischen Vorlage ist die feine Darstellung auf dem Tafelaltar der Westminster-Abbey von ca. 1260 zu erklären (Tancred Borenius u. E. W. Tristram, Englische Malerei des MA, Berlin 1927, Abb. 22 u. 24).

Da auch auf den spätm.a., an sich so szenenreichen Altären Geburt, Tod und Verherrlichung Christi als die eigentlichen Erlösungsmysterien durchaus im Vordergrunde stehen, so fehlen die Wunder Christi, also auch die B., gewöhnlich. Doch haben die mit Bildtafeln versehenen Schnitzaltäre eben auf den Bildtafeln Ergänzungen zu den plastischen Hauptdarstellungen des Schreins, und als solche begegnet uns dann zuweilen auch die B., offensichtlich in Beziehung gesetzt zum Altars-Sakramente, so auf dem Passions-Altare der Kirche zu Aldenhoven bei Jülich (Antwerpener Arbeit; Inv. Rheinprov. 8, 1, Taf. 1), dem Altare der Pfarrkirche zu Vreden in Westf. (Münzenberger-Beissel 2, S. 33), dem aus Op-Itter des Brüsseler Kunstgewerbemus. (ebd. S. 13) und dem St. Wolfgang-Altare Pachers. Auch auf Glasgemälden ist die B. mehrfach dargestellt: Scheibe des 14. Jh. im südlichen Seitenschiff des Straßburger Münsters; Christusfenster des Ulmer Münsters von 1449 (Abb. 2); sog. Speculumfenster der Münchner Frauenkirche 1480; Fenster in der Pfarrkirche zu Ehrenstein bei Linz am Rhein, A. 16. Jh. (H. Oidtmann, Die rheinischen Glasmalereien II, Düsseldorf 1929, Taf. 48).

D. Neuzeit

In der nach-m.a. Bibelillustration (Sp. 478ff.) erscheint die B. zuerst in der Kurfürstenbibel (1641), deren Bildseiten je zwölf Einzelszenen zeigen, und bei ihren Nachfolgern, z. B. in der 1682 bei Joh. Stern in Lüneburg gedruckten Bibel. Während sich die altchristliche und m.a. Kunst auf wenige Personen beschränkt, wird nun auf die Darstellung großer Volksmassen Wert gelegt. In einer weiten Landschaft und mit bewegter Volksmenge ist die B. auch in den biblischen Bilderzyklen (Sp. 513) wiedergegeben, so als Nebenszene in der „Historischen Bilderbibel“ des Johann Ulrich Krauß (Augsburg 1698–1700, Taf. 158; 2. B.) und in zwei ausführlich erzählenden, echt barocken Stichen in der „Heiligen Augen- und Gemüthslust“ desselben Künstlers (Augsburg 1706), jeweils als Perikopenillustration zu den beiden Sonntagen (s. oben) ganz neu gestaltet. Ein Stich in der „Iconographia“ des Joh. Wilh. Baur und Melchior Küsel (Augsburg 1671, Taf. 14) stellt die 1. B. dar. Die 2. B. begegnet uns als Gemälde von Martino Altomonte (1742) im Sommerrefektorium zu Heiligenkreuz (Inv. Österreich 19, Abb. 96), die 1. B. als Deckengemälde von Antonio Galliardi (um 1690) im Speisesaal der Abtei Kremsmünster und von Paul Troger (1738) im Sommerspeisesaal des Stiftes Geras. Ganz im barocken Sinne ausführlich geschildert ist ferner die 1. B. auf einem Relief (Abb. 3) im Regensburger Dom, das sich als Rest vom Epitaph des 1663 verstorbenen Bischofs Georg von Herberstein erhalten hat. In der „Bibel in Bildern“ von Julius Schnorr von Carolsfeld (ersch. 1852–1862) findet sich ein Holzschnitt der B. zum Joh.-Evangelium. – Außerhalb der Bibelillustration kennt die prot. Ikonographie die B. anscheinend nur in der Frühzeit. Am Altar der Gotthardtkirche in Brandenburg von 1559 ist neben dem Abendmahl die Speisung der 5000 (nicht die Bergpredigt, wie RDK I, Sp. 588, angegeben) dargestellt.

Zu den Abbildungen

1. München, Staatsbibl., Clm. 4453, Cim. 58, Evangeliar Ottos III., fol. 163 r: Speisung der 5000. Um 1000. Marburger Photo.

2. Ulm, Münster, Christusfenster im Chor (Ausschnitt). 1449. Nach Paul Frankl, Der Meister des Astalerfensters von 1392 in der Münchner Frauenkirche, Berlin 1936, Taf. 41.

3. Regensburg, Dom, Epitaph des Bischofs Johann Georg von Herberstein, † 1663, Relief der Brotvermehrung. Phot. Stoja-Verlag Nürnberg.

Literatur

Stephan Poglayen-Neuwall, Das Wunder der Brot- und Fischvermehrung in der altchristl. Kunst, Monatsh. f. Kw. 13, 1920, S. 98ff.

Verweise