Brokat

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englisch: Brocade; französisch: Brocart; italienisch: Broccato.


Renate Jaques (1944)

RDK II, 1179–1181


RDK II, 1179, Goldbrokat. Süddeutsch, A. 18. Jh.

B. (ital. broccato, gestickt) bedeutet im strengen Sinne angewendet nur das Gewebe, zu dessen Herstellung neben Seide Gold- und Silberfäden verwendet werden. Wie so oft in der Textilkunde wird der Begriff nicht immer eindeutig angewandt [4, S. XX u. 145; 5, S. 101].

Die Anfertigung der Metallfäden geschah in verschiedenster Form. In frühester Zeit (11. Jh.) dienten vergoldete Lederriemchen als Webmaterial. Vom 13. Jh. ab werden die sog. cyprischen Gold- und Silberfäden eingeführt, Fäden aus einer Leinen- oder Seidenseele bestehend, die mit einem vergoldeten oder versilberten Darmhäutchen umwickelt ist. Vom 16. Jh. an verwendet man den zuerst in Spanien und dann in Italien (Genua, Venedig, Florenz) hergestellten gezogenen, meist aus vergoldetem Silberlahn auf gelbem Seidenkern gefertigten Metallfaden, dessen Verwendung den Stoffen eine größere Schwere und Steifheit verleiht. In besonders prächtigen Beispielen dieser Epochen erscheinen die Metallfäden auch als Noppen.

China und Japan hielten seit frühen Zeiten an schmalen, goldbelegten Papierstreifen seit, die nur bei besonders kostbaren Stoffen durch gezogene, spiralig gewickelte Metallstreifen über farbiger Seidenseele ersetzt werden.

Die Entwicklungsgeschichte des Seiden-B. in Europa geht im Süden vor sich. Die ersten Anregungen hierzu sollen aus dem Orient (China?) stammen. Im 9. Jh. kommen Seiden-B. aus Antiochien [3, S. 48]; im 10. Jh. tritt Spanien mit berühmten Gold-B. hervor [3, S. 53]. Vom 11. Jh. an verlagert sich die Hauptproduktion auf Byzanz und seine Einflußgebiete. So stellen auch die durch ihre Bortenweberei rühmlichst bekannten Hôtels de Tiraz in Sizilien B. her [3, S. 54]. Die ersten ital. Seiden-B. treten im Trecento in Lucca hervor. Bald folgt Venedig, zunächst zwar in so enger Anlehnung an die luccheser Gewebe, daß eine scharfe Trennung schwer fällt. Zu diesen beiden Orten gesellt sich Genua. Die ital. Spätgotik verwendet in ihren älteren Stücken bis ungefähr zum E. 15. Jh. noch Darmgoldfäden [6, S. 106ff.]. Die prächtige Ausstattung der Samt-B. spricht sich gegen Ende der Spätgotik in der Ersetzung des Darmgoldfadens durch den echten Metallfaden über Seidenseele deutlich aus. Zum gleichen Zeitpunkt löst sich Italien mit seiner Mustergeltaltung von den östlichen Vorbildern, und seine künstlerische Kraft wächst so weit an, daß sein Einfluß neue Gebiete befruchtet. Technischen wie künstlerischen Höhepunkt bilden Samt-B., in denen der Metallfaden sowohl im Grund wie im Muster entscheidend hervortritt. Aus der parallel auf das Kostbare gerichteten Samtweberei wird als Anregung aus der unaufgeschnittenen Samtbindung die Metallnoppe übernommen.

Für diese Epochen ist im Norden Europas überhaupt keine B.-Herstellung nachzuweisen [4, S. 172]; doch wurden die B. importiert, wie viele Beispiele in deutschen Kirchenschätzen (z. B. Danzig) beweisen. Im 14. und 15. Jh. vermitteln italienische und orientalische Stoffhändler die Kenntnis von den Stoffen ihrer Heimat nach Frankreich, Burgund, den Niederlanden und England [4, S. 171]. Schon im 16. Jh. machte man allerdings vereinzelt den Versuch in der Schweiz, den Niederlanden und auch in Deutschland, dem Seidengewebe eine eigene Pflegestätte zu errichten [6, S. 130]. Erst vom 17. Jh. an verhalfen die politischen Verhältnisse der Seidenweberei in Deutschland zum Aufblühen [4, S. 292; 6, S. 130]. Die durch die Aufhebung des Edikts von Nantes auf Grund ihres Glaubens aus Frankreich vertriebenen Hugenotten ließen sich in Berlin, Krefeld, Elberfeld, München und Hamburg nieder. Ebenso geraten Stuttgart, Hanau, Schwabach, Hannover, Braunschweig, Cleve, Magdeburg und Halle unter französischen Einfluß. Im 18. Jh. schiebt sich Berlin mit einigen Seidenfabriken in den Vordergrund, die technisch vollkommen einwandfrei arbeiten. Leider aber sind in dieser Zeit die französischen Vorbilder so stark, und es fehlt an Entwerfern deutscher Herkunft, so daß es nicht zum typisch deutschen Musterentwurf kommt. In Wien erfuhr die Seidenindustrie die besondere Förderung Maria Theresias [1; 4, S. 293 u. RDK II, Sp. 1056f.]. Nachdem schon durch Einfuhrverbote im Jahre 1749 in den habsburgischen Erbländern die Einfuhr fremder Seidenstoffe unterbunden worden war, ließ Maria Theresia diese Stoffe im eigenen Lande herstellen und beeinflußte die Mode soweit, daß sie selbst sich nur in diese Stoffe kleidete. Sehr selten ist daher ein B. als typisch deutsch anzusprechen. Der hier abgebildete B., der nach Dreger [4, S. 292] vielleicht in Süddeutschland, vielleicht auch in den Niederlanden A. 18. Jh. entstand, zeigt neben der reichen Anwendung von Gold und Silber die Hauptfarben Blaugrau und Violett, daneben Blau und Grün in zwei Schattierungen, etwas Rot und Schwarz. Das Muster mit seinen klassizistisch architektonischen Formen setzt das Stück außerhalb der italienischen und französischen Entwicklung und erinnert an niederländische Formgebung in der Art von Vredeman de Vries, deren Nachleben in Deutschland nachweisbar ist. Die ornamentalen Bildungen über den unteren Bogenhallen sind von chinesischen Vorbildern abhängig. Das Stück ist zum Teil auch broschiert (Sp. 1219ff.). Dieser B. steht in der Gesamtentwicklung völlig vereinzelt da. Auch weiterhin werden französische Stoffe bevorzugt.

Zur Abbildung

Goldbrokat, süddeutsch, A. 18. Jh., P.B. Nach M. Dreger [4], Taf. 316.

Literatur

1. Jacques Savary des Bruslons, Dict. universel de commerce (Ed. augm. par Cl. Philibert), Kopenhagen 1750–656 (Commerce d’Autriche). 2. Gay I (brocart). 3. Henri Silbermann, Die Seide, ihre Geschichte. Gewinnung und Verarbeitung, Leipzig 1897, Bd. 1. 4. Moriz Dreger, Künstlerische Entwicklung der Weberei und Stickerei, Text- und 4 Tafelbände, Wien 1904. 5. Max Heiden, Handwörterbuch der Textilkunde, Stuttgart 1904. 6. Otto von Falke, Kunstgeschichte der Seidenweberei, Berlin 1913, Bd. 2. 7. Ernst Flemming, Textile Künste. Berlin o. J. (1923).

Verweise