Briefmaler

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englisch: Illuminator; französisch: Peintre de lettres; italienisch: Illustratore popolare.


Wilhelm H. Lange (1944)

RDK II, 1172–1178


RDK I, 327, Abb. 3. Flugblatt von 1629.
RDK II, 1173, Abb. 1. Jost Amman, 1568.
RDK II, 1175, Abb. 2. Um 1440/45. Stuttgart.
RDK II, 1177, Abb. 3. Holzschnitt von Antony Formschneyder in Augsburg, um 1540.

Briefmaler, auch Briefdrucker, Briefer, Kartenmaler, Kartenmacher, Heiligenmaler, Heiligenmacher, Heiligendrucker, anfangs seltener, vom 16. Jh. an meist identisch mit Formschneidern, Illuministen, Patronisten. Brief, von lat. breve oder litera brevis stammend, ahd. briaf oder prief, mhd. brief, ist ursprünglich jedes kürzere Schriftstück: Urkunde, Verordnung, Anschlag, Flugschrift, bemaltes oder beschriebenes Pergament- oder Papierblatt, vom 16. Jh. an oft jedes Holzschnitt- oder Kupferstichblatt – vgl. Briefkapelle in Lübeck (St. Marien) und anderen Kirchen als Verkaufsstellen von Heiligenbildern und -Schriften, ferner Ablaßbrief, Schmähbrief, Lehnsbrief, Wappenbrief, Tabaksbrief, Frachtbrief usw. In „Scherz und Ernst“ von 1550, cap. 382 heißt es: „da knüwt sie nider für ein brieff, da was ein crucifix an gemalt“; Abraham a Santa Clara schreibt: „Die Spielkarten pflegen die mehreste nur brief zu nennen.“

Spielkarten und Heiligenbilder (zum Motivkreis des Andachtsbildes gehörig; vgl. RDK I, Sp. 681ff.) waren frühe und wichtige Erzeugnisse der B., daher ihre Bezeichnung als Kartenmaler im 15. Jh. oder (vor allem im Elsaß und der Schweiz) auch Heiligenmaler. Ob und inwieweit die B. mit Zeugdruck zu tun hatten, ist noch nicht geklärt, aber nicht unwahrscheinlich. Ihre ursprüngliche Tätigkeit war wesentlich das Zeichnen in Umrissen, weniger das Malen. Verschiedentlich versuchten Illuministen und Miniatoren ihnen den Gebrauch der Farben streitig zu machen; im allgemeinen arbeiteten sie nur mit einfachen Tuschfarben, während ihnen schwere, vor allem Gold und Silber, verboten waren. Die frühe Bezeichnung als Briefdrucker verweist auf die Nutzung von Model, Patrone oder Schablone zur schnelleren Vervielfältigung immer wiederkehrender Vorlagen (drucken von drücken, frühneuhd., schon im 14. Jh. gebräuchlich), hat aber mit der Typographie nichts zu tun, zumal da die Bezeichnung Briefdrucker mit 1500 so gut wie verschwindet und die zahlreichen Vertreter im 16. und 17. Jh. nur B. genannt werden. Die Anfertigung des Blocks oder Models oblag im 15. Jh. wohl meist den Schnitzern, Schreinern oder Formschneidern. Doch müssen auch B. Formschneider gewesen sein, da gelegentlich das Impressum ausdrücklich beide Tätigkeiten angibt. Die wesentliche Arbeit der B. bestand in der Herstellung der Abzüge und deren Kolorierung (Abb. 1). So erklärt 1466 der Baseler B. Adam von Speyer, er habe „Heilige“ im Wert von 20 Gulden „selbst getruckt, gemolet und in der statt Basel gemacht“, die ihm der Malerknecht Martin Glander „in sins meisters wergstatt helfen machen“; drei Jahre zuvor hatte Adam einem anderen für 23 Gulden „gedruckte gemolte briefe“ geliefert. Wie dieser B. werden auch andere in Steuer- und Gerichtsakten häufig nur „Maler“ genannt, manche kommen aber auch im Laufe der Jahre mit allen obigen Bezeichnungen vor.

Herstellung und Handel der Blockbücher (Sp. 916ff.) dürfte vielfach bei den B. gelegen haben, wenn uns auch nur wenige Namen im Druckvermerk überliefert sind, so Hans Sporer in Nürnberg 1471 und 1473, der B. und Formschneider, später Buchdrucker war, wohl identisch mit „Jung hanß prieff maler“ im Antichrist von 1472. Neben den Blockbüchern brachten die B. Erbauungs- und Popularliteratur kleineren Umfangs heraus: volksmedizinische, Kalender, Spielbücher, Helden- und Liebesgeschichten, Lehrdichtungen usw., anfangs geschrieben (daher auch Briefschreiber), später typographisch hergestellt. Da die B. als Kleinhandwerker keineswegs als Wegbereiter der Typographie anzusehen sind, blieben sie auch als Typographen Klein- und Winkeldrucker mit Artikeln, die die Buchdruckerherren zunächst nur begrenzt interessierten.

Obwohl von dem Haupterzeugnis der Frühzeit: Spielkarten (Abb. 2) und Heiligenbilder (RDK I, Sp. 854, Abb. 1) nur ganz wenig überkommen ist, da niemand daran dachte, verschmutzte Kartenspiele aufzubewahren, und da die Heiligenbilder sich nur gelegentlich eingeklebt in Buchdeckeln oder auf Kirchenbänken oder Truhen erhalten haben, muß das Gewerbe ausgedehnt und gewinnbringend gewesen sein. Im 15. Jh. war es vor allem in Süddeutschland und der Schweiz verbreitet; so kennen wir aus Baseler Akten im 15. Jh. ca. 50 B., in Straßburg 39, in Ulm 56. Hier wurde vor allem die Spielkarte fabrikmäßig als Ausfuhrware hergestellt (Felix Fabri in der Descriptio Sueviae: „Sic et factores et pictores chartarum tot sunt in Ulma, ut in vasis chartas mittant in Italiam, Siciliam et in extremas insulas maris“). Manche B.-Betriebe müssen ansehnlich gewesen sein. So bekennt sich Adam von Speyer (erwähnt 1445 bis 1490) 1486 zu einer Papierschuld von 200 Gulden; er hat auch die Frankfurter Messe besucht, sogar ein Brevier für das Churer Bistum „gedruckt“. Noch bedeutender war das Unternehmen des Baseler B. Lienhard Eisenhut von Heydeck (erwähnt 1468–1502); er war, vielleicht in Arbeitsteilung, mit Straßburger Formschneidern und Heiligenmalern verbunden, besaß von 1488–99 eine eigene Druckerei, war möglicherweise auch Stempelschneider und Schriftgießer. Die Familie Bottschuh war in Basel in drei Generationen als B. tätig. Neben den genannten Städten waren B. im 15. Jh. besonders in Speyer, Nördlingen (hier 1428 der frühestbekannte B. Wilhelm Kegel), Eßlingen, Konstanz, Freiburg, Hagenau (die Werkstatt Diebold Laubers war trotz verwandtem Charakter mehr Buchmalerbetrieb), Zürich, Augsburg, Regensburg, Nürnberg, Erfurt, Leipzig, Köln usw. Zuweisung von Werken an einzelne B. ist nur ganz selten möglich, da sie sich meist nicht nannten, weil sie nicht auf künstlerischen Berufsstolz Anspruch machten wie die Typographen, auch wegen ihrer später nicht immer unbedenklichen Erzeugnisse lieber unbekannt blieben. Die im Explicit vorkommenden Namen deuten nicht immer auf den B. als Formschneider oder Zeichner, sondern oft nur auf den Verleger und Händler.

Mit dem 16. Jh. nimmt das Gewerbe außerordentlich zu, vor allem in Nürnberg, Augsburg (Hämmerle [6] führt für Augsburg von ca. 1550–1750 260 Namen von B. an), Regensburg, Leipzig, aber auch in vielen anderen großen und kleinen Städten. Flugblätter (Abb. 3 und RDK I, Sp. 328, Abb. 3, Sp. 349, Abb. 4), Flugschriften, Bilderbogen (Sp. 549ff.), Neue Zeitungen, Kalender, ABCdarien, Erbauungsschriften – kurz der Kram, wie ihn kleine Buchbinder und Schreibwarengeschäfte bis zum heutigen Tage führen. Vielfach wurden auch religiöse und politische Kampfschriften, libelli famosi, Pasquillen, Scartequen von den B. hergestellt und vertrieben. Gelegentliche Angaben lassen Rückschlüsse auf beträchtliche Umsätze zu. So wurden dem Erfurter B. Hans Rist 1510 in Leipzig „etzliche faß“ wegen Schulden bekummert, der sächsische B. Lorenz Kune hinterließ eine Papierschuld von 94 Gulden. Selbst ausländische B. kamen zur Leipziger Messe, so 1522 ein Niederländer Rupprecht mit „gemolten Briefen“. Die riesenhaft verbreiteten Flugblätter und Bilderbogen von Hans Sachs wurden von Nürnberger und Augsburger B. hergestellt und gehandelt, so von Wolfgang Reich, Nicolaus Meldeman, der 1529 eigens nach Wien reiste, um originalgetreue Bilder der Türkenschlacht zu erwerben, Stephan Hamer, Hans Guldenmund, Hans Glaser, Georg Lang, Simon Tunckel, Hans Wandereisen, Johann Kramer in Nürnberg, dazu die Augsburger: Anthony mit seiner bedeutenden Werkstatt (Abb. 3), Hans Hofer, der auch von 1530–48 zahlreiche Kalender verlegte, u. a. Große Ereignisse, wie Luthers Auftreten, der Bauernaufstand, der Schmalkaldische Krieg, die Türkengefahr, die Packschen Händel, Wallensteins Tod, der Friede von Münster, die Ermordung Karls I. von England, der Kampf um Mazarin usw., erzeugten eine Flut von Kleinliteratur aller Art, mit denen die B. ein riesiges Geschäft machten, wobei den Vertrieb meist Briefträger, Bildleinhändler, Landfahrer, Hausierer mit Ausschreien, Vorlesen und Vorsingen besorgten.

Künstlerisch sind die Erzeugnisse der B. von Anfang an überwiegend unbedeutend, ob es sich um Zeichnungen, Holzschnitte, Kupferstiche handelt, zumal da diese aus Vertriebsgründen durch Kolorierung oft grob entstellt sind. Auch sind sie thematisch und stilistisch merkwürdig beharrlich, einmal aus Mangel an eigener Erfindung wegen der überwiegend handwerklichen Primitivität der B., dann aber auch wegen der Einstellung der meist bäuerlichen und kleinstädtischen Kundschaft. Trotzdem finden sich darunter auch wertvollere Blätter. Größer aber ist die kulturgeschichtliche Bedeutung, da diese Flugblätter und Bilderbogen eine einzigartige Dokumentenschau der Volkskunst nach Form wie Inhalt bieten. Da sich die B. aus Gründen des Absatzes auch mit bedenklichen und anrüchigen Dingen befaßten (Wundererscheinungen, Astrologisches, Mißgeburten, Verbrechen, Hinrichtungen, Obszönitäten usw.), wurden sie von der Obrigkeit viel verfolgt und scharf zensuriert. Verbote, Beschlagnahmen, Verhaftungen, ja Folterungen und Kerkerhaft begegnen wiederholt, z. B. in Nürnberg, Augsburg, Regensburg als den Hauptplätzen der späteren Zeit. Das soziale und gesellschaftliche Ansehen der B. war daher recht gering. Schon 1502 unterscheidet eine Straßburger Ordnung „gros redeliche druckeryen“ und die „uberigen gemeynen trucker, formenschnyder, buchbinder und kartenmaler, die biecher, nuwen (Neue Zeitungen) und heyligen druckent, usstriechent (rubrizieren) und verkaufent“. Ein Wiener Erlaß von 1580 spricht von den „Lumpenleuten“, unter denen Briefmaler, Briefträger, Buchbinder, Neuzeitungsstecher usw. zusammengefaßt werden. An der Diskreditierung des B.-Gewerbes waren die Buchdrucker nicht unbeteiligt, da sie die lästig gewordene Konkurrenz loswerden wollten, zumal da sich manche B. auch an größere typographische Arbeiten wagten, 10 der begabte, aber liederliche David Danecker in Augsburg und Wien (ein Sohn des vortrefflichen Jobst D.), der von den Behörden dauernd verfolgt wurde.

Mit dem Ende des 17. Jh. verschwindet das B.-Gewerbe, wenn auch noch einzelne Vertreter bis zur zweiten Hälfte des 18. Jh. begegnen. Manche sind bei Buchhandel und Buchdruck untergeschlüpft, andere im Hausierergewerbe, andere aber auch im Kunsthandel, der schon seit Beginn des 16. Jh. öfters von B. betrieben wird unter der Kennzeichnung als Kunstführer, Kunstträger, Kunsthändler. Auf diesem Gebiete haben es tüchtige B., wie Paulus Fürst in Nürnberg (1. H. 17. Jh.), zu bedeutenden Unternehmungen gebracht.

Zu den Abbildungen

1. Jost Amman, Briefmaler. 1568. Nach Jost Ammans Stände und Handwerker, Neudruck nach dem Original Frankfurt 1568, München 1923, S. 20.

2. Stuttgart, Altertümer-Slg., gemaltes Kartenspiel, Enten-Ober. Oberrhein (?), um 1440/45.

3. Flugblatt von Antony Formschneyder in Augsburg: Klage dreier Handwerks-, Bürger- und Bauernmägde über ihren harten Dienst. Holzschnitt um 1540. Gotha, Kk. Nach: Deutsches Leben der Vergangenheit in Bildern, hrsg. von Eug. Diederichs, Jena 1908, Bd. 1, S. 53, Abb. 173.

Literatur

1. J. A. Börner, Werke Nürnberger Briefmaler des 16. Jh., Arch. f. d. zeichnend. Künste 9, 1863. 2. Wilh. Ludw. Schreiber, Darf der Holzschnitt als Vorläufer der Buchdruckerkunst betrachtet werden?, Zentralbl. f. Bibliothekswesen 12, 1895, S. 201ff. 3. Emile H. van Heurck u. G. J. Boekenoogen, Histoire de l’imagerie populaire flamande et ses rapports avec les imageries étrangères, Bruxelles 1910. 4. Paul Roth, Die Neuen Zeitungen in Deutschland im 15. und 16. Jh., Leipzig 1914. 5. Karl Schottenloher, Flugblatt und Zeitung, Berlin 1922. 6. Alb. Hämmerle, Augsburger Briefmaler als Vorläufer der illustrierten Presse, Arch. f. Postgeschichte in Bayern 1928, H. 1. 7. Ad. Spamer, Das kleine Andachtsbild vom 14.–20. Jh., München 1930. 8. Wilh. Ludw. Schreiber, Die Briefmaler und ihre Mitarbeiter, Gutenberg-Jb. 1932, S. 53f. Vgl. a. Literatur bei Bilderbogen, Sp. 560.

Verweise