Brevier

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englisch: Breviary; französisch: Bréviaire; italienisch: Breviario.


Eberhard Lutze (1944)

RDK II, 1167–1172


RDK II, 1169, Abb. 1. München, Clm. 8271 aus Michelbeuern, zw. 1161 und 1171.
RDK II, 1169, Abb. 2. München, Clm. 15 902 aus Stift Nonnberg, ca. 1180/90.
RDK II, 1171, Abb. 3. Brixen, Priesterseminar, M. 15. Jh.

B. (Breviarium, officium ecclesiasticum, synaxis, cursus divinus, divina psalmodia, opus Dei) wird das inhaltlich mehrfachen Veränderungen unterworfen gewesene Gebetbuch der röm.-kath. Kirche genannt, zu dessen täglichem Gebrauch jeder Kleriker im Besitz der höheren Weihen vom Subdiakonat aufwärts und die Dom- und Kollegiatsliste sowie die Klöster zur gemeinschaftlichen Rezitation verpflichtet sind. Der Name erklärt sich aus dem Inhalt, welcher zunächst eine verkürzte Fassung des Plenariums, ein ursprünglich für die Praxis des Gottesdienstes zugeschnittenes Compendium darstellt. Da der Begriff nach Du Cange (1, S. 774) und Cabrol-Leclercq (II, 1, Sp. 1262ff.) schon für das 9. Jh. (Alcuin, Ludwig der Fromme) belegt ist, geht er nicht erst auf Gregor VII. zurück, dessen Redaktion die Gebetssammlung erneut zusammenstrich und sie insofern veränderte, als sie ihr einen nichtsakramentalen Charakter gab. Das B. ist im Unterschied zum Altardienst (sacrificium), welchem das Missale dient, für den nach Tag und Stunde festgelegten privaten und öffentlichen Gebetsgottesdienst der Kirche (officium) bestimmt, woher die oben genannten, z. T. vorgregorianischen Bezeichnungen ihre Namen haben. Inhaltlich bildet der Psalter als Lob-, Bitt- und Dankgebet den Mittelpunkt, welchem sich Schriftlektionen, Homilien, Sermonen und Hymnen einfügen. Die für eine Gebetsstunde zusammengestellten Psalmen (Antiphonen, Verse und Benedictionen), die Lektionen (Kapitel und Hymnen) und die Gebete (Preces, Suffragien der Heiligen, Marianische Schlußantiphonen und Orationen) ergeben in ihrer Gesamtheit eine Hora. Sieben Horen fügen sich, analog dem Gott täglich siebenmal preisenden Psalmisten, zum Tagesoffizium, dessen Zählung mit dem Nachtgebet beginnt und dem Abendgebet schließt. Der ununterbrochene Gebetsdienst, eine Einführung des Mönchtums und von Benedikt von Nursia beendet, hat folgende Stationen: Nocturn mit den Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Completorium. Die von den Hauptfesten abhängigen Sonntage, Ferien und Feste bilden das officium de tempore, unabhängig davon läuft das proprium sanctorum. In der Regel ist der Stoff des Kirchenjahres seit den Reformen auf vier Bände verteilt.

Das B. romanum, seit der Eroberung Toledos (1085) mit geringen Ausnahmen im gesamten Abendland anerkannt, hat nach der Gregorianischen Fassung noch mehrere Revisionen erfahren: 1. durch den Franziskanergeneral Haymon IV. im Jahr 1249; 2. in zwei Bearbeitungen unter Papst Clemens IV. um 1535; 3. durch eine die Reformen abschließende Fassung unter Papst Pius V. im Jahr 1568. Die B.-Reform bildete einen Programmpunkt der Forderungen im 16. Jh. Zweck dieser Bearbeitungen war, spätere Offizien, insbesondere die oft dichterisch schönen des 13. und 14. Jh., wieder auszumerzen und die Heiligenverzeichnisse zu reduzieren, denen für die einzelnen Diözesen aber weiterhin Spielraum eingeräumt blieb. Nur eine 200jährige Tradition (von Pius V. zurückgerechnet) durfte auf die Zulassung einer abweichenden Fassung rechnen (Köln, Trier, Münster). Reformen im 17. und 18. Jh. hatten außer in Frankreich nur vorübergehend Geltung. Zu erwähnen sind ferner das mailändische B., das Dominikaner-B., das spanische (mozarabische) B. und die morgenländischen B.

Exemplare vom Typus der „B. magna“ mit umfangreichen Lektionen haben sich aus dem E. 11. und aus dem 12. Jh. erhalten, so Einsiedeln, Cod. 83; Florenz, Laurentiana, Cod. 524; Monte Cassino, Archiv, Cod. 198 u. a. Die Umschreibung in handliche kleine Bücher (portiforium, portifex, manualis genannt) erfolgte im Lauf des 12. Jh. Dieser für das spätere MA gültig gebliebene Typus bringt eine reichere bildliche Ausstattung, während die B. „antiqua“ sich auf ranken- und drachenverzierte Initialen beschränkt hatten. Das der Salzburger Liutoldgruppe zugehörige B. aus Michelbeuern (München, Clm. 8271; um 1161–71; Abb. 1) und das diesem verwandte B. aus Kloster Nonnberg in Salzburg (München, Clm. 15902; Abb. 2) sind frühe Beispiele für das nahezu voll ausgebildete Illustrationsschema [6]. Der Kalender ist mit Bogenstellungen und Brustbildern von Heiligen verziert, das Offizium von Vollbildern bezw. figurierten Initialen mit Darstellungen der Hauptfeste, das Proprium mit Initialenbildern von besonders verehrten Heiligen durchsetzt. Entgegen diesen beiden Werken, darin der Psalter ohne Bildschmuck bleibt, traten gewöhnlich das Kanonblatt und die Psalterillustration als früheste ganzseitige Darstellungen auf, so um 1150 in dem B. aus Kloster Seckau in der Univ.Bibl. Graz, Cod. 268 [6], so gegen 1200 in dem neuerdings nach Südwestdeutschland lokalisierten B. der Nat.Bibl. zu Wien, Cod. 1826 (Ill. Hss. VIII, 2, Nr. 50, S. 85ff., Taf. 9). Im Laufe des 13. und 14. Jh. wird für die Psalmbilder das dem Inhalt folgende französische Schema üblich, der Bildzyklus des Offiziums wird erweitert. Die Zahl der Vollbilder und die Pracht ihrer Ausstattung wächst mit dem Zuschnitt auf die subjektiven Wünsche der Besteller, in der Hauptsache hohe geistliche und weltliche Würdenträger, nicht selten Fürstinnen. Der freieren Fassung des B. entsprechend ist die Bebilderung besonders in Frankreich und in den Niederlanden blühend und stellt sich ikonographisch und stilistisch neben die noch fruchtbarere Produktion der Gebet- und Stundenbücher. Neue Grundlagen schaffen die Werke des Pol de Limburg und seiner Brüder um und nach 1400 [7]; B. Johanns ohne Furcht von Burgund, London, Brit. Mus. Add. ms. 35 311 und Harley ms. 2897; Gebetbuch, Chantilly, Mus. Condé. Sie führen das für die Brüder van Eyck bis zu Simon Bening (B. Grimani) vorbildliche Landschafts- und Genrebild der Kalenderillustration ein, diesem folgen die Psalter-, Offizien- und Heiligenzyklen. Das B. Grimani in der Markusbibl. zu Venedig (Scato de Vries u. S. Morpurgo, Das Breviar Grimani, Leipzig 1904–10; [7, S. 139, Taf. 84ff., S. 200ff.]) um 1510, schließt diese Entwicklung mit einer illusionistischen, unpersönlichen Phase ab. Die umfangreiche Bilderfolge ist auf Prunk und Überladenheit abgestellt, für die Kalenderbilder war das Gebetbuch der Brüder Limburg in Chantilly die Vorlage.

Die Ausstattung der deutschen B. steht hinter diesen Hss. zurück und bringt ikonographisch nichts Neues. Als typischer Vertreter aus dem 15. Jh. kann ein B. im Priesterseminar zu Brixen gelten (Abb. 3; vergleiche Ill. Hss. I, Nr. 32). Wie im B. Grimani verdirbt allgemein im Lauf des 16. Jh. der Einfluß der Tafelbilder den spezifischen Stil der Buchmalereien. An dem Bildschema ändert sich in der Spätzeit nichts mehr. Die vereinzelten illuminierten B. des Barock sind mit Vollbildern im Stil der Großmalerei verziert.

Zu den Abbildungen

1. München, Staatsbibl., Clm. 8271, Brevier aus Michelbeuern, Initial D mit Apostel Paulus. Zw. 1161 und 1171. Marburger Photo.

2. München, Staatsbibl., Clm. 15902, Brevier aus Stift Nonnberg, Christus zwischen Petrus und Paulus. Um 1180/90. Marburger Photo.

3. Brixen, Bibl. des Fürstbischöfl. Priesterseminars, cod. 111, Brevier eines Brixener Bischofs der M. 15. Jh. (Johannes V. Röttel, 1444–50, oder Kardinal Nikolaus von Cues, 1450–64), Titelblatt: Initial U mit Pfingstfest, kniendem Stifter, Wappen des Brixener Kapitels und Ranken. Nach Ill. Hss. 1, Taf. 3.

Literatur

1. Jacques Paul Migne, Enzyklopädisches Handbuch der kath. Liturgie, Breslau 1850, S. 135ff. 2. Suitbert Bäumer, Geschichte des Breviers, Freiburg i. B. 1895. 3. Wetzer-Welte 2, Sp. 1257ff. 4. Herzog-Hauck 3, S. 393ff. 5. Buchberger 2, Sp. 551ff. 6. Georg Swarzenski, Die Salzburger Malerei von ihren frühesten Anfängen bis zur Blütezeit des romanischen Stils, Leipzig 1908, S. 102ff., 144ff., 156f., Taf. 94ff., 121, 129ff. 7. Friedr. Winkler, Die flämische Buchmalerei des 15. und 16. Jh., Leipzig 1925, passim.

Vgl. ferner die unter Buchmalerei genannten Werke.

Verweise