Brettchenweberei

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englisch: Table weaving; französisch: Tissage aux cartons, tissage à plaques; italienisch: Tessitura a assicelle.


Marie Schuette (1942)

RDK II, 1137–1149


RDK II, 1137, Abb. 1. Technik der Brettchenweberei.
RDK II, 1139, Abb. 2. Sog. Ramsesgürtel, um 1200 v. Chr. Liverpool.
RDK II, 1141, Abb. 3. Grabfund von Borum Eshøj. Kopenhagen.
RDK II, 1141, Abb. 4. Evebø-Fund. Oslo.
RDK II, 1141, Abb. 5. Øvre Berge. Oslo.
RDK II, 1143, Abb. 6. 2. H 9. Jh. Augsburg.
RDK II, 1143, Abb. 7. 9. Jh. Augsburg.
RDK II, 1145, Abb. 8. 14. Jh. Hamburg.
RDK II, 1145, Abb. 9. 13. Jh. London.
RDK II, 1145, Abb. 10. 1. H. 15. Jh. Danzig.

I. Technik

Die Eigenart der B. (engl.: tabletweaving, frz.: tissage à plaques, t. aux cartons, dän.: spaldvefnadur, norweg.: spjellvev, brikkevev, schwed.: brickvävnad, isländ.: spjaldofid) besagt der Name: es wird ohne Webstuhl gewebt. Das Webfach wird gebildet durch die Drehung von kleinen quadratischen, sechs- oder achteckigen, durchschnittlich 6 cm großen Täfelchen aus Karton (Spielkarten), Holz, Bein, Horn, Leder, Tierhaut (Kamel, Rind), Elfenbein. Sie sind mit Löchern versehen – die Regel ist je eins in der Ecke –, durch die je ein Kettfaden läuft (Abb. 1 a). Es begegnen aber auch außerdem noch ein Loch in der Mitte für stärkere Fäden und mehr Löcher, bis zu zehn. Das Ausschlaggebende für die B. ist die Drehung. Die Täfelchen werden in ihrer Ebene gedreht, und damit drehen sich die Kettfäden umeinander (Abb. 1 b). Jedes Blättchen dreht seine Fäden zu einer Schnur zusammen. Die gesetzmäßige Drehung geht so vor sich, daß die nächstfolgende Ecke des Brettchens dieselbe Lage in der Kette einnimmt wie die vorhergehende, sie öffnet ein neues Fach. Durch dieses wird der Schußfaden geführt, der die nebeneinander liegenden Schnüre verbindet und zu einer Fläche, zu einem Gewebe vereinigt.

Struktur, Bindung, Musterung gehorchen besonderen Gesetzen in der B.: Der „Drehrhythmus“ – Art, Zahl, Wechsel der Drehungen (je nachdem, wie viele Male die Brettchen nacheinander in derselben Richtung hin und in der entgegengesetzten Richtung zurückgedreht werden) – und die Drehstellung des Brettchens (ob Kante oder Ecke nach vorne weist) bedingen im wesentlichen Struktur und Bindung. – Die „Fädelung“, d. h. die Reihenfolge der durch die Löcher gezogenen farbigen Fäden und die Anordnung dieser innerhalb der Kette (ob symmetrisch oder asymmetrisch), bestimmt das farbige Bild und das Muster.

Bündelung und Drehung der Kettfäden bewirken die typischen Kennzeichen der B.: Schnurstruktur, Schrägmusterung und Umkehrstellen (Abb. 1 c). Bei dauernder Drehung der Brettchen in gleicher Richtung schlingen sich die Fäden zu einer Schnur, der „Bremsschnur“, vor den Brettchen umeinander, die dem Brettchenbündel schließlich so nahe rückt, daß sich die Brettchen nicht mehr drehen lassen. Die Hilfe liegt in dem Wechsel der Drehrichtung, der „Umkehr“, die sich im Gewebe sehr deutlich als eine quer durch die geradegestellten Kettfäden gehende Rippe kennzeichnet. Eine geistvolle Erkenntnis der Drehungsgesetze hat es nun verstanden, die primitivere Stufe der Technik, das „Schnurband“, zu überwinden und durch den Wechsel in der Drehung jede beliebige Bindung: Leinen, Köper, Atlas herzustellen und durch Lancierung und Broschierung mit einem zweiten sichtbaren Schußfaden (der eigentliche bindende Schußfaden ist unsichtbar und wird durch die starke Kette verdeckt) reicher zu machen. Derartige Bänder – mit Gewebebindung und ohne Schnurdrehung – lassen sich nicht eindeutig als B. erkennen [27; 28]. Von besonderer Bedeutung ist die Möglichkeit, durch die Stellung der Brettchen mit der Kante nach vorne ein zweites Fach zu bilden und so auf einfache Weise ein Doppelgewebe herzustellen.

Allerdings: die eine durch das Werkzeug, die Brettchen, gegebene Gebundenheit – die Schmalheit der Kette – läßt sich nicht überwinden. Es lassen sich gleichzeitig nur eine gewisse Anzahl von Täfelchen bequem handhaben. Darin liegt der typische Charakter der B. als Bortenweberei (Sp. 1045ff.) begründet. Sie hat von alters her nur Ränder und Bänder aller Art (Trag-, Strumpf-, Hut-, Wickelbänder), Gürtel, Fahrleinen, Zaumzeug, Waffengehänge, kurz alles, wo es auf Zuverlässigkeit und Haltbarkeit im Gebrauch ankommt, geschaffen und zum Zierband gestaltet.

Besondere Vorrichtungen zum Weben sind nicht nötig. Das eine Ende der Kette wird an einem festen Punkt, an einem Baum, einem Haken, einer Türklinke befestigt oder mit dem durch die zusammengeknoteten Kettfäden geschobenen Fuß festgehalten. Damit wird jede beliebige Spannung ermöglicht. Einfache Gestelle zur Erleichterung der Arbeit haben sich die Brettchenweber überall geschaffen, lange Bretter mit zwei Pflöcken zum Einspannen der Kettfäden. Das Festschlagen des Schusses geschieht gewöhnlich mit einem hölzernen Messer.

II. Geschichte

A. Ägypten

Über den Ursprung der B. besteht noch keine Klarheit. Auf eine Herkunft aus dem Osten könnte man eine Stelle im 2. Gudrunlied der älteren Edda deuten: „Hunnische Mädchen machen Goldbänder mit Brettchen.“ Dagegen zieht V. Sylwan [16] eine Stelle im 8. Buch der Historia naturalis des Plinius heran, die für den Westen spricht: plurimis vero liciis texere, quae polymita appellant, Alexandria instituit, scutulis dividere Gallia: Alexandria führte das Weben mit sehr vielen Litzen ein, Gallien das Weben, wobei mit kleinen Schildchen geteilt wird.

Die älteste uns bisher bekannt gewordene Arbeit der B. ist die vollkommenste: der sog. Ramsesgürtel (Abb. 2) im Mus. zu Liverpool, eine 5 m lange, auf beiden Seiten gleichgemusterte Schärpe aus feinen farbigen (blauen, roten, weißen) Leinenfäden, die sich von 12,7 cm am Anfang zu 4,8 cm am anderen in drei Schnüren auslaufenden Ende verjüngt und in Ripsbindung und stellenweise mit Doppelfach gearbeitet ist. Das breite Ende hat 1864 Kettfäden. – Die Bestimmung des Stückes ist nicht klar, da es als Gürtel zu lang ist. Nach Gennep [11] könnte es eine den Oberkörper umschlingende Schärpe sein, wie sie die lybischen Könige trugen. Jedenfalls lassen die vollendete Meisterschaft der Arbeit und ihr beispiellos guter Erhaltungszustand auf die Herkunft aus der Grabstätte einer hochgestellten Persönlichkeit schließen. Die infolge der komplizierten Struktur (stellenweises Doppelgewebe, Ripsbindung, Schmälerwerden nach dem Ende zu, Doppelseitigkeit des Musters, Fehlen der Schnurstruktur u. a.) viel umstrittene Frage nach der Technik ist durch Gertrud Staudigel-Scharlau einwandfrei gelöst worden. Sie hat 1931 für das Mus. für Völkerkunde zu Leipzig den vollständigen Gürtel mit allen Zufälligkeiten und Fehlern – und hierauf ist der Nachdruck zu legen – in farbigen Leinenfäden mit vier- und sechslöchrigen Brettchen nachgewebt. Das Gewebe hat seinen Namen von einer aufgemalten hieroglyphischen Inschrift: „Das Jahr 2 der Regierung Ramses III.“ Damit wäre seine Entstehung um 1200 v. Chr. anzusetzen.

M. Lehmann-Filhés [2] und Gennep und Jéquier [11] haben durch Nachweben mit Brettchen die Richtigkeit der alten Erkenntnis erwiesen, daß die meisten Dekorationsmotive der ägyptischen Kunst der Weberei entnommen sind. Sie lassen sich bis in die Grabkammern des alten Reiches (4. Jahrtausend) zurückverfolgen und erscheinen auf den Sarkophagen des mittleren Reiches. Brettchengewebte Gürtel mit den typischen geometrischen Linienmotiven scheinen die Männerstatuen der 4. Dynastie um 3000 zu tragen. Freilich ist dies kein eindeutiger Beweis für die Ausübung der B. im alten Ägypten, solange keine Brettchenbänder aus vorchristlicher Zeit in Ägypten gefunden sind; denn auch auf bildlichen Darstellungen ist der Vorgang der B. noch nicht eindeutig festgestellt worden. Man hat deshalb erwogen, ob der Ramsesgürtel nicht ein Importstück, vielleicht eine lybische Arbeit lein könnte.

Aus christlicher Zeit (400–600) haben sich in Ägypten Brettchenbänder mit Broschierung und Hohlweberei gefunden, einige sind mit der Sammlung Graff nach Wien in das Kunstgewerbemus., weitere aus Antinoë nach Paris (Musée Guimet) gekommen, ein Satz von 25 hölzernen vierlöchrigen Brettchen aus den Gayet-Ausgrabungen in Antinoë ist in Brüssel (Musée du Cinquantenaire), und die Londoner und Berliner Museen besitzen sehr interessante und reiche Brettchenbänder, z. T. ebenfalls aus Antinoë. Auffallend ist die Seltenheit ihres Vorkommens, verglichen mit der ungeheuren Fülle der ausgegrabenen koptischen Textilien. Das Material ist nicht mehr Leinen, das nur nebenbei benutzt wird, sondern Wolle, der typische Werkstoff der koptischen Wirkarbeiten.

B. Europäische Vorgeschichte

Im Norden, in Skandinavien [21], Norddeutschland und dem Baltikum (das allerdings nicht durchforscht ist), läßt sich die B. zuerst in der späten Bronzezeit belegen und, wenn auch nicht lückenlos, bis in das MA verfolgen. Moor- und Bodenfunde haben im letzten Jahrzehnt immer neue und erstaunliche Proben ans Licht gebracht. Vor allem haben aber die Neuentdeckung der B. vor annähernd 50 Jahren durch Luise Schinnerer und Margarete Lehmann-Filhés und die Weiterführung der technischen Studien die Möglichkeit gebracht, in alten Funden B. zu erkennen. Als konstruktives Element, als eine bescheidene Randsicherung der Webekanten und der Kette in ihrem Anfang und Ende bietet sich in dem kulturell als zusammengehörig zu betrachtenden Norden die Brettchenborte in ihrer primitivsten Form dar: Zwei Kettfäden, in nur zweilöchrigen Brettchen oder mit den Fingern geführt, drehen sich umeinander, und in ihre horizontal gelagerten Fächer werden die Kettfäden des zu webenden Stoffes eingehangen – ein Kettfaden läuft durch zwei nebeneinander liegende Fächer – so, daß die Kette gesichert im aufrechten Webstuhl herabhängt. Aus dieser primitiven Verflechtung wird ein Schnurband mit wenigen vierlöchrigen Brettchen. Im Torsberger Mantel (Kiel; [5]) ist es zu einem breiten, höchst kunstvollen Zierband in Köperbindung geworden mit wenigstens 130 Brettchen, deren Schußfäden die Kettfäden des Gewebes bilden, während die schmäleren seitlichen Webekanten die gleichen Schußfäden wie der Stoff haben.

Die Zierborten am Anfang und Ende des Gewebes boten nicht geringe technische Schwierigkeiten, und so läßt sich beobachten, wie sie sich vom Stoff trennen, selbständig gewebt und dann dem Kleidungsstück als Schmuck aufgenäht werden. Die Technik steht zur Völkerwanderungszeit auf ihrer Höhe. Sie kennt nicht nur Schnur- und Strukturband, sondern wendet in Snartemo V und Evebø die Broschierung mit Tierhaar an. Der Bronzezeit entstammen die problematischen dänischen Grabfunde von Borum Eshøj und Egtved (Kopenhagen, Nat.-Mus.; [21; 27; 28]). Der in Quasten (mit 113 Fransen) auslaufende Gürtel von Borum Eshøj (Abb. 3) ist jedenfalls in seiner Beherrschung und Berechnung der technischen Mittel ein Meisterstück und von vollendeter Eleganz. Der Torsberger Mantel, von dessen Zierborte die Rede war, stammt aus der Eisenzeit, dem 4. Jh. In Norwegen stehen ihm nahe die in Gjeite und Setrang gefundenen schönen Bänder derselben Zeit. Die Völkerwanderungszeit vertreten Evebø (Abb. 4) und Snartemo [9], die zuerst das Tierornament auf dem Brettchenband zeigen, während eine herrliche Borte aus Øvre Berge (Abb. 5) geometrisches Ornament, das Hakenkreuz, in reicher Zeichnung darbietet. Alle diese Bänder sind Strukturbänder, sie zeigen das Muster mit Hilfe der Bindung, die erwähnte bescheidene Broschierung ist Ausnahme. – Die Wolle ist das unumstrittene Material bis in die Eisenzeit, Leinen erscheint nur einmal in der späten Bronzezeit und vereinzelt in der Eisenzeit. In den folgenden Jahrhunderten verschwindet die Wolle ganz aus dem Brettchenband und macht weißem Leinen, farbiger Seide, Silber und Gold Platz.

C. Mittelalter

Die erhalten gebliebenen m.a. Brettchenbänder sind reine Zierbänder und sitzen an Paramenten und Ornaten. Deutschland besitzt mit dem reichsten Paramentenschatz die schönsten m.a. Brettchenbänder, die auch ihres Ornamentes (Abb. 6) wegen von besonderem Interesse sind. Denn nur hier hat sich das sog. germanische Ornament mit seinen eckigen, aus der Fadenkreuzung erwachsenen Formen (über dessen Herkunft bisher noch nichts Sicheres feststeht) erhalten. Der große Bedarf, den die Kirche im MA an Paramenten und damit an Zierbändern hatte, und die Fülle von m.a. Brettchenbändern, die in Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz, Skandinavien, Italien an alten kirchlichen Gewändern sitzen und in Gräbern gefunden worden sind, führen zu der Annahme, daß die B. im Abendland von den Bortenmachern als Gewerbe betrieben worden ist. In Paris ist das Posamentiergewerbe schon für das 13. Jh. urkundlich belegt.

Die in ihrer künstlerischen Vollendung und Erhaltung bedeutendsten deutschen Brettchenbänder stammen aus karol. Zeit (Augsburg, Maximiliansmus., als Leihgabe des Domschatzes): der Witgariusgürtel, zwei Teile eines Zingulums und ein zu einem Gürtel gefaßtes, wahrscheinlich früheres Band. Der Witgariusgürtel war, wie die Inschrift (Witgario tribuit sacro spiramine plenum (!) hanc zonam regina nitens sanctissima Hemma) besagt, eine Stiftung der Königin Hemma, der Gemahlin Ludwigs des Frommen († 876), an den Augsburger Bischof Witgarius (858–887). Das aus starker roter, am Rande grüner Seide gewebte und im Adler weiß, grün, hellblau broschierte Band (1,347: 0,038 m) ist der Rest eines langen Zingulums und ein mit ca. 86 Brettchen gewebtes und mit Goldlahn durchschossenes Schnurband. Die Adlerenden (Abb. 6) haben Köperbindung. Dieser königlichen Stiftung reiht sich in Arbeit und Material – schwere rote Seide mit schmalem grünem Randstreifen – ein aus zwei Teilen bestehendes Inschriftband, ursprünglich wohl auch ein Zingulum, an. Die Schrift ist nicht durchschossen wie bei dem kostbaren Witgariusgürtel, sondern in kunstvoller Weise durch Drehung der Täfelchen bewirkt worden und lautet: In nomine Domini Ailbecund e .... v Christi Ihesu nostri in nomine Domini. Es ist das einzige bisher bekannt gewordene m.a. Inschriftband dieser Art. Der Name der Stifterin (Albegund) ist süddeutsch und kommt in den Libri Confraternitatum von St. Gallen, Pfäffers und der Reichenau vor [4]. Dem Stil nach älter ist das weniger gut erhaltene, ebenfalls einzigartige dritte Band (Abb. 7) aus verblichener farbiger Seide, rot, grün, violett. Es hat die diagonale Struktur wie die anderen Bänder, die phantastischen Vierfüßer aber, die in Rechteckrahmen ihr Wesen treiben, erscheinen als die Nachfolger der Evebø-Tiere.

Es folgen zeitlich die Borten an den Gewändern im Bamberger Dom, aus dem Grabe des Bischofs Aribo von Mainz († 1031), das Bändchen aus dem Grabe der Herzogin Mathilde († 1189) im Braunschweiger Dom und die Bänder aus den Kaiser- und Bischofsgräbern im Dom zu Speyer (Inv. Bayern, Pfalz 3, S. 369ff.). Die Grabhaube Heinrichs IV. ist mit goldenen, mit reichen breiten Rauten gemusterten Brettchenbändern besetzt. Das goldbroschierte Zingulum Philipps von Schwaben († 1208) rückt in seiner Struktur nahe an das Augsburger Inschriftenband heran und hat neben dem „germanischen“ Ornament ein freieres Motiv, das in die südliche Himmelsrichtung weist.

England hat im MA sehr kunstvolle Brettchenborten gearbeitet, die seinen weitberühmten gestickten Kirchengewändern als Besatz dienten und mit diesen in alle Länder exportiert wurden. Die frühesten sitzen an den Paramenten des hl. Cuthbert (Durham, Kath.; [15]). Die Seidenstickereien nennen als Stifterin Alflaeda, die 916 verstorbene Gemahlin Eduards des Älteren, eines Sohnes Alfreds des Großen, und den Bischof Fridestan von Winchester (905 bis 981). Die Borten sind gleichzeitig mit den Stickereien in das 1. Drittel 10. Jh. zu setzen und sind mehr oder minder schmale, goldbroschierte, rotseidene Schnurbänder, das Zingulum aber hat Köperbindung, und sein Ornament weist Formen auf, die von allen deutschen abweichen. – Englische Arbeit dürften auch drei lange, verschieden breite Bänder sein, die Material (Seide, geschwundenes Gold), Technik (Schnurband und Broschierung), Ornament (streng geometrische Zeichnung mit Hakenkreuz und Tier; auf dem dicht gemusterten Grund in großen Abständen Rauten mit farbiger offner Seide broschiert) und handwerkliche Vollkommenheit als der gleichen Werkstatt entstammend kennzeichnen. Von diesen Bändern gehört ein breites zu dem sog. Mantel Ottos IV. in Braunschweig, der als englisch erkannt worden ist, das schmalste hat an den Grabgewändern des Erzbischofs Walter Hubert von Canterbury († 1205) gesessen, das dritte 10 cm breite und mit 276 Brettchen gearbeitete ist eine Stola im Victoria and Albert-Mus. in London (Inv. Nr. 598. 1884; Abb. 9). Die Elemente des Ornamentes sind identisch mit den gleichzeitigen deutschen. Dagegen ist ein anderes Brettchenband aus dem gleichen Bischofsgrab in Canterbury von ganz anderem Charakter und schließt sich mit dem Brettchenbesatz an der Löwendalmatik in Halberstadt und einer Mitra im Musée des Tissus in Lyon zu einer Gruppe zusammen: Islamisches wird hier sichtbar.

Das 13. Jh. bietet eine stolze Reihe von Kirchengewändern mit B., vor allem Mitren: die des hl. Wolfgang mit schmaler Brettchenborte in Regensburg, die Mitra im Stift St. Peter zu Salzburg (jetzt im Kunstgew.-Mus. Wien; RDK I, Sp. 1281, Abb. 3) und die dazugehörige sog. Kasel Ruperts mit geometrischen und Tier-Ornamenten und zierlicher Schrift an den Bandrändern, die perlenbesetzte Mitra im Dommuseum zu Halberstadt und drei Kostbarkeiten in Brixen, Anagni und im Musée des Tissus zu Lyon. Sens hat das herrliche Zingulum des hl. Edmund aus seinem Schrein in Pontigny, und das in Arlon steht ihm nicht nach. Dem 15. Jh. gehört das schlichte Zingulum der Marienkirche in Danzig (Abb. 10) an: weißes Leinen mit einbroschierten bunten, seidenen Blumen und langer Inschrift, die durch Nennung der Stifterin die Danziger Herkunft sicherstellt (W. Mannowsky, Der Danziger Paramentenschatz, Bd. 4, Berlin 1933, S. 15, Taf. 139, Nr. 213). Die handwerkliche Arbeit der B. wird im 14. und 15. Jh. immer lockerer und weniger präzis, in den breiten kostbaren Stücken ebenso wie in den als Massenartikel hergestellten Borten. Beispiel hierfür ist ein reich broschiertes Besatzstück (Inv. Nr. 838. 1894) im Victoria and Albert-Mus., das französischen Stil zeigt und bewußt Stickerei vortäuscht.

Die Stickerei löst die B. ab, nicht nur handwerklich, sondern sie bemächtigt sich ihrer Muster. Die Goldstickerei verdrängt sie auf den burgundischen Stickereien. Die niedersächsischen Seiden- und Weißstickereien können sich im 14. Jh. nicht genug tun in immer neuer Ausgestaltung und Bereicherung der aus alten Zeiten durch die B. weitergetragenen kleinen, auf dem Prinzip von Fadenkreuz und Quadrat entstandenen und mit den Linien spielenden geometrischen Muster, bis Kreuz und Hakenkreuz zu Tier und Pflanze wird. – Nach dem 15. Jh. verschwindet das Brettchen aus dem Textilbetrieb, um in der Volkskunst bescheiden weiterzuleben. Heute wird die B. in Deutschland noch in Franken, Niederbayern und in Pommern geübt, ferner in den skandinavischen Ländern, im europäischen Rußland, teilweise auf dem Balkan, in der europäischen und asiatischen Türkei, im Kaukasus sowie in Persien und Indien, in Zentral- und Ostasien, Birma, Siam, auf dem malaischen Archipel, ebenso in Syrien, Palästina und Nordafrika, während sie in Ägypten im Aussterben begriffen ist.

Zu den Abbildungen

1. Technik der Brettchenweberei. Nach R. Stettiner [5], s. 5.

2. Liverpool, Free Public Mus., sog. Ramsesgürtel, schmales Ende, Breite 4,8 cm. Um 1200 v. Chr. Nach F. Krause [22], S. 158.

3. Kopenhagen, Nat.Mus., Gürtel mit Fransen aus dem Grabfund von Borum Eshøj (Endstück). Bronzezeit. Phot. Mus.

4. Oslo, Antiken-Slg. der Universität, Evebø-Fund, Brettchenband der Völkerwanderungszeit (Ausschnitt). Nach H. Dedekam [7], S. 7.

5. Ebd., Borte der Völkerwanderungszeit aus Øvre Berge, Lyngdal. Nach B. Hougen [26], Taf. 18.

6. Augsburg, Maximilans - Mus.. Witgariusgürtel, rote und grüne Seide (Endstück). Länge 1,347 m, Breite 0,038 m. 2. H. 9. Jh. Phot. Heinr. Kirchhoff, Leipzig.

7. Ebd., Augsburger Band aus roter, grüner und violetter Seide (Endstück). 9. Jh. Phot. Heinr. Kirchhoff, Leipzig.

8. Hamburg, Mus. f. Kunst u. Gewerbe, Deutsches Brettchenband (Ausschnitt). 14. Jh. Phot. Heinr. Kirchhoff, Leipzig.

9. London, Victoria and Albert-Mus., Stola (Endstücke). 13. Jh. Phot. Mus.

10. Danzig, Marienkirche, Zingulum mit Bindeband. Breite 1,30 cm und 9 mm (Ausschnitt). Danzig, 1. H. 15. Jh. Phot. Kunstslgen der Stadt Danzig.

Literatur

1. Luise Schinnerer, Antike Handarbeiten, Wien o. J. (1895). – 2. Margarethe Lehmann-Filhés, Über Brettchenweberei, Berlin 1901. – 3. A. Götze, Brettchenweberei im Altertum, Zs. f. Ethnol. 40, 1904, S. 481ff., 1908, S. 491ff. – 4. Braun, Lit. Gewandung. – 5. Rich. Stettiner, Brettchenwebereien in den Moorfunden von Damendorf, Daetgen und Torsberg im Mus. zu Kiel. Mitt. d. Anthropol. Ver. in Schleswig-Holstein 19, 1911 (grundlegend als 1. technische Analyse). – 6. Lucian Scherman, Brettchenwebereien aus Birma und den Himalayaländern, Münchn. Jb. 8, 1913, S. 223ff. – 7. Hans Dedekam, Hvitsøm fra Nordmør, Trondhjem 1914. – 8. Ders., Et tekstilfund i myr fra romersk jernalder, Stavanger Mus. Aarshefte 1921–1924. – 9. Ders., To tekstilfund fra folkevandringstiden, Evebø og Snartemo, Bergens Mus. Aarbok 1924/25, hist.-ant. R. 3. – 10. Maria Collin, Gammalskånska band, Fataburen 1915, S. 14ff. – 11. Arnold van Gennep u. Gustave Jéquier, Le tissage aux cartons et son utilisation décorative dans l’Égypte ancienne, Neuchâtel 1916. – 12. Hans Hahne, Moorleichenfunde aus Niedersachsen (Vorzeitfunde aus Niedersachsen, Tl. B.), Hannover u. Hildesheim 1919. – 13. Grace M. Crowfoot and H. Ling Roth, Were the ancient Egyptians conversant with tablet-weaving? Annals of Archaeol. and Anthropol. 10, 1923, S. 7ff. – 14. Grace M. Crowfoot, A tablet woven band from Quau el Kebir, Ancient Egypt 1924, S. 98. – 15. Dies., The tablet woven braids from the vestments of St. Cuthbert at Durham, Antiqu. Journ. 19, 1939, S. 57ff. – 16. Vivi Sylwan, Brickbander som kulturobjekt, Fornvännen 1926, S. 231. – 17. Oskar Wulff u. Fritz Volbach, Spätantike und koptische Stoffe aus ägyptischen Grabfunden in den Staatl. Museen, Berlin 1926, Taf. 122ff. – 18. Marie Schuette, Gestickte Bildteppiche und Decken des MA, Leipzig 1927 u. 1930. – 19. Agnes Geijer, Några medeltida band, Fornvännen 1928, S. 1ff. – 20. Dies., Birka III. Die Textilfunde aus den Gräbern, Uppsala 1938. – 21. Margrethe Hald, Le tissage aux plaques dans les trouvailles préhistoriques du Danemark, Aarbøger for nordisk Oldkyndighed og Historie 1930, S. 277ff. (mit frz. Übersetzg.). – 22. Fritz Krause, Der sog. Ramsesgürtel, ein Meisterwerk uralter Brettchenwebkunst, Deutsche Frauenkultur 35,1931, S. 157ff. – 23. Agnes Branting u. Andreas Lindblom, Medieval embroideries and textiles in Sweden, Uppsala u. Stockholm 1932, S. 19ff. – 24. T. Eric Peet, The so-called Ramses girdle, Journ. of Egypt. Archaeol. 19, 1933, S. 143ff. – 25. Gertrud Sage, Die Gewebereste aus den Fürstengräbern von Sacrau unter besonderer Berücksichtigung der Brettchenweberei, Schlesien 5, 1934, S. 272ff. – 26. Bjørn Hougen, Snartemofunnene, Oslo 1935. – 27. Karl Schlabow, Germanische Tuchmacher der Bronzezeit, Neumünster 1937. – 28. Hans Christian Broholm u. Margrethe Hald, Costumes of the Bronze age in Denmark, Kopenhagen 1940. – 29. Kristin Oppenheim, Die primären textilen Techniken der Neukaledonier und Loyalty-Insulaner, Internat. Arch. f. Ethnologie, Suppl. zu Bd. 41, Leiden 1942, S. 85ff.

Verweise