Beckenhaube

Aus RDK Labor
(Weitergeleitet von Brünne)
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Basinet, Basnet; französisch: Becinet, bassinet; italienisch: Bacinetto.


Paul Post (1938)

RDK II, 163–167


RDK II, 163, Abb. 1. Manesse-Handschrift, um 1310.
RDK II, 163, Abb. 2. Gmünd, um 1350.
RDK II, 165, Abb. 3. Um 1350, Frankfurt a. M.
RDK II, 165, Abb. 4. Um 1370, Berlin.

B. heißt der das 14. Jh. beherrschende leichte Helm, der zugleich als Grundlage und Ausgangspunkt der spätmittelalterlichen Helmentwicklung überhaupt von größter Bedeutung ist. Ihrem Namen gemäß – wie so oft bei mittelalterlichen Helmen einer Gefäßform entlehnt – hat die aus einer Eisenplatte getriebene B. zu Beginn des Jh. (Abb. 1) eine flache, kuglige, der Kopfform folgende Gestalt, deren ringsum gerader Rand nur an der Stirnseite über den Augen leicht abgesetzt und nach oben ausgebuchtet ist. Der Haubencharakter ist vielleicht in der engen, ihr eigentümlichen Verknüpfung am Kopfe zu sehen. Denn, bildete noch im 13. Jh. die Ringelpanzerkapuze, das hersenier (Kettenhemd), die oft einzige Kopfpanzerung, über die jeweils der Helm gestülpt wurde (RDK I, Sp. 1419, Abb. 1), so geht die B. eine enge Verbindung mit dem Ringelpanzersystem ein, wie es eine erhaltene, etwas reifere B. des Berliner Zeughauses veranschaulichen mag (Abb. 4). Der Kopfteil der Kapuze ist weggefallen und der verbleibende kragenförmige Teil, Brünne genannt, am Helmrand festgeknüpft. Dies geschieht in der Weise, daß das untergenähte Lederfutter der Brünne mittels Knopflöchern an seinem oberen, überstehenden Rand über entsprechende, am Helmrand angenietete Kloben ringsum übergeknöpft ist. Das Abstreifen wird durch zwei Schnüre verhütet, die riegelartig über der Brünne von vorn durch die ösenförmig quer durchlochten Kloben gezogen und im Nacken zugebunden werden. Vorn enden sie in Knoten oder Quasten. – Die elementare Gestalt der B. bietet die verschiedensten Herleitungsmöglichkeiten, sowohl von jenem abendländischen kalottenförmigen, meist mit Naseneisen versehenen Helm (Nasenhelm), der bis ins 13. Jh. zu verfolgen ist, als auch – noch weiter zurückgreifend – von den in Südrußland aus Grabfunden des hohen Mittelalters von Turkvölkern stammenden Kesselhauben, die bereits in Ösen oder Löchern am Helmrand ein leichtes Ringelpanzergehänge tragen (Abb. bei Eduard Lenz [2]). Doch zwischen beiden Helmreihen und der B. liegt im Abendland das helmarme 13. Jh., das vorzugsweise neben dem schweren Topfhelm als leichten Helm nur den Eisenhut kennt. Das Aufkommen der B. in ihrer durchaus neuartigen Verknüpfung mit der Brünne geschieht augenscheinlich im Zuge der Gesamtentwicklung des ritterlichen Harnischs, der in die entscheidende Phase der Spangenpanzerung getreten ist, des ersten Versuchs einer Verstärkung des bisher gültigen Ringelpanzersystems durch Eisenplatten. Eine entsprechende Steigerung und Sicherung der Deckung des Kopfes bedeutet die enge Verknüpfung von Brünne und B., die dem Helm festen Halt auf dem Kopf leiht und zugleich Kopf und Hals eine zusammenhängende, lückenlose Deckung bietet. Die Abknüpfbarkeit der hinten zu öffnenden Brünne gestattet außerdem im Schnitt enge Anschmiegung an den Hals, da sie nicht über den Kopf gestreift, sondern nach Aufsetzen des Helms angelegt und geknöpft werden kann. – Dank den gekennzeichneten Vorzügen behauptet sich die B. in einem Jahrhundert ständig fortschreitender Vervollkommnung der Rumpfpanzerung, der sie durch entsprechende Verbesserungen Rechnung trägt. Um 1350 sehen wir die Rückwand des Helms zu einem tief herabreichenden, seitwärts schräg ansteigenden Nackenschirm entwickelt (Abb. 2). Zugleich hat sich der Scheitel der Glocke gehoben und zugespitzt zu der von nun ab im allgemeinen typischen konischen Gestalt der B., wie hier meist noch mit einem von der Spitze nach vorn und hinten laufenden, leichten Mittelgrat versehen. Die Brünne, anfangs mit ihrem Kragenrand die Schultern deckend und über die Brust bis zu den Achselhöhlen herabreichend (Abb. 1), verknappt sich zusehends im Laufe des Jahrhunderts (Abb. 2-4). Ihr bald gerader, bald gezackter oder über Eck gestellter Rand (Abb. 4) wird gelegentlich auch am darunterliegenden Waffenrock festgenestelt. Der Gesichtsausschnitt verengt sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Bei dem um 1370 zu datierenden Zeughausexemplar (Abb. 4) ist der obere, bis über den Mund reichende Teil latzartig gestaltet und festgehakt, so daß er in der Gefechtspause zur Erleichterung der Atmung zu öffnen ist.

Eine Steigerung der Gesichtsdeckung bedeutet die Anbringung einer Schiene, die über die Nase aufwärtsgeschlagen und in einem verriegelbaren Kloben an der Stirn des Helmes einzuhängen ist (Abb. 3). An Stelle dieses „nasales“ tritt häufig nur ein Ringpanzergeflecht.

Der vom Nasenhelm her bekannte alte Gedanke der Deckung des Nasenbeins tritt hier erneut auf, diesmal als unmittelbare Vorstufe eines wirksameren und zukunftsreichen Gesichtsschutzes, des Visiers. – Die Brünne liegt bei unserem Beispiel in einer Hülle von Stoff oder Leder vor Feuchtigkeit geborgen. – Im letzten Viertel des 14. Jh. und mit der Ausbildung des Plattenharnischs wird die B. durch den ersten vollwertigen Visierhelm an die zweite Stelle gerückt, durch die sog. Hundsgugel, die, obwohl unmittelbar aus der B. hervorgegangen, doch als Sondergattung zu behandeln ist. Eine strenge Scheidung wird allerdings dadurch erschwert, daß die Hundsgugel ohne ihr „absteckbares“ Visier der B. in ihrer reifsten Form völlig gleicht. Die Helmwand der B. reicht jetzt wie im Nacken auch seitlich über die Wangen bis zum Halse, so daß nur ein schmaler Gesichtsausschnitt bleibt. Diese in der 2. H. 14. Jh. sich entwickelnde sog. schwere B. – im Gegensatz zur anfänglichen leichten – begegnet noch häufig bis mindestens ins zweite Jahrzehnt des 15. Jh., wo sie endgültig von einem neuen leichten Reiterhelm abgelöst wird, der Schallern, deren Anfänge vermutlich gleichfalls auf die B. zurückgehn.

Zu den Abbildungen

1. Heidelberg, Univ.Bibl., Manesse-Hs., fol. 226 v, 1. V. 14. Jh. Phot. Bibl.

2. Schwäbisch-Gmünd, Hl.Kreuzkirche, Krieger vom Hl. Grab, um 1350. Phot. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.

3. Frankfurt a. M., Dom, Grabstein des Günther v. Schwarzburg, † 1349. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

4. Berlin, Staatl. Zeughaus, Beckenhaube mit Brünne, um 1370. Phot. Mus.

Literatur

1. Sitzungsbericht der 65. Sitzung des Vereins f. Hist. Waffenkunde, Zs. f. Hist. Waffen- und Kostümkunde N.F. 3, 1929–31, S. 87ff. 2. Eduard von Lenz, In Rußland gefundene frühmittelalterliche Helme, Beiheft der Zs. f. Hist. Waffen- und Kostümkunde N.F. 1, 1924.

Verweise