Brüder vom gemeinsamen Leben

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englisch: Fratres vitae communis; französisch: Frères de la vie commune; italienisch: Oblati.


Adolf Friedrich Lorenz (1944)

RDK II, 1260–1265


RDK II, 1261, Abb. 1. u. 2. Rostock, Fraterkloster St. Michael, E. 15. - A. 16. Jh.
RDK II, 1263, Abb. 3. Rostock, Fraterkloster St. Michael, Rekonstruktion.

I. Herkunft und Geschichte

Klöster der B. (Fraterherren, fratres vitae communis, fratres cucullati, Kugel- oder Kogelherren, auch Loll- oder Nollbrüder genannt) sind Niederlassungen gelübdefreier Gemeinschaften von Weltpriestern und Laien in Holland und Nordwestdeutschland, hervorgegangen aus der vom Bußprediger Gerhard Groot († 1384) verkündeten Devotio moderna. Erst nach dessen Tod und der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts Windesheim bei Zwolle 1386 schlossen sich Freunde Groots in Deventer zusammen. Man lebte gemeinsam, um Gott zu dienen, durch Kollation sich und andere zu erbauen und der Wissenschaft zu dienen. Besonders um 1500 blühten die Niederlassungen auf und verbreiteten sich über die Niederlande (Zwolle, Amersfoort, Hulsbergen, Hoorn, Delft, Gouda, Doesburg, Groningen, Harderswijk, Utrecht, Nimwegen, Albergen, Lüttich, Löwen, Gent, Brüssel, Wijnooksbergen, Geerardsbergen, Mecheln, Cambrai) nach Westdeutschland (Münster, Köln, Wesel, Osnabrück, Emmerich, Herford), Mitteldeutschland (Hildesheim, Kassel, Marburg, Magdeburg, Butzbach, Merseburg, Königstein, Marienthal, Wolf a. d. Mosel, Trier, Wiesbaden), Württemberg (Urach, Herrenberg, Tübingen, Einsiedeln, Sindelfingen) und einzelne Teile Norddeutschlands (Ostfriesland, Rostock, Kulm). Sie entfalteten ein reiches religionsreformatorisches Leben durch Innehaltung christlicher Lebensgestaltung, strenge Selbstzucht und Gebet sowie durch kulturelle Tätigkeit, wie Feld- und Gartenarbeit, Buchabschreiben, Übersetzen, vor allem in die Landessprache, Buchbinden und schließlich Buchdruckerei, ferner Jugenderziehung und Unterricht. Ihre Tracht bestand aus einem grauen oder schwarzen Gewand mit schwarzem, wollenem Gürtel, hellgrauem Mantel und schwarzer Kapuze (Gugel). – Soweit nicht die Reformation ihre Tätigkeit beendete, wobei man allerdings die B. weitgehend schonte, wurden sie um 1700 allmählich durch den Jesuitenorden abgelöst und verschwanden aus dem religiösen Leben [1; 2].

II. Klosterbauten

Die Klosterbauten der B. sind nur in wenigen Beispielen überliefert, nur ganz vereinzelt erhalten. Ein bestimmter Bautyp, der sich etwa aus ihrer wissenschaftlichen und gewerblichen Tätigkeit hätte entwickeln können, ist nicht nachzuweisen. Die Klöster waren wohl meist bescheidenen Umfangs, da die Konvente in der Regel nicht mehr als 12 Brüder zählten, und bestanden, wo sie noch festgestellt werden können, nur aus einer kleineren, einschiffigen Kirche mit Dachreiter und einem angebauten oder selbständigen Wohn- und Werkhause. In Köln, Kloster am Weidenbach (Inv. Rheinprovinz 7, 2, 2, 3, Erg.-Bd. S. 155f.; [4]), und im Fraterhaus zu Münster in Westf. (Inv. Westfalen, Münster I, S. 313ff.) läßt sich ein Kreuzgangquadrum bescheidenen Umfangs nachweisen, in dem am besten erhaltenen Rostocker Michaeliskloster (Inv. Mecklenburg-Schwerin 1, S. 192; [6]) kann nur eine kreuzgangähnliche Halle vermutet werden. In Marburg (von Dehn-Rothfelser, Die Baudenkmäler im Reg.-Bez. Kassel, 1870, S. 153ff.) ist die Kugelkirche, ein einschiffiger, langgestreckter Bau von 1405, mit dem besonderen dreistöckigen Fraterhause zu erwähnen. In Hildesheim bestand der „Lüchtenhof“ (Inv. Prov. Hannover II, 4, S. 284) aus Schlafsaal mit Zellen, Remter, Küche, Werkstätten, Gästehaus und Kirche mit Krypta. Größere, infolge der meist sehr beengten Lage im Stadtmauerring unregelmäßig angeordnete Wirtschaftsgebäude gehörten, wie bei allen Stadtklöstern, zum notwendigen Bestande.

Dagegen könnte aus Rostock ein Versuch hergeleitet werden, für die besonderen Zwecke des Ordens durch einen planvollen Neubau einen eigenen Bautyp zu schaffen. Nachdem der Orden 1462 aus Münster (Sprinckborn) nach Rostock gekommen war und in seiner Niederlassung hortus viridus 1471 zunächst eine Kapelle gebaut hatte, begann 1480 der Baumeister Bernd Wardenberg den Neubau der Kirche, der 1488 beendet war (Abb. 1–3; [6]). Er hat drei Joche mit 3/6-Schluß. Am Westende ist der Giebel weggebrochen, ein Treppenturm steht noch, an der SW-Ecke zeigt eine Verzahnung, daß man vielleicht an ein südliches Seitenschiff einer größeren Kirche dachte. Der westlich ansetzende Klosterbau, 1502 voll., nimmt darauf aber keine Rücksicht, sondern fügt nicht ganz achsial ein in acht breitere und ein schmäleres Joch eingeteiltes Haus mit hohem Erdgeschoß und einem Bodengeschoß an, das, nach den Spuren glatter Laibungen nach der Kirche hin zu schließen, mit dieser durch eine Bogenstellung verbunden war. In den westlichen fünf Jochen ist ein gewölbter Keller nachweisbar. An der Südseite scheint ein kreuzgangähnlicher Raum mit großen verglasten Bogenöffnungen abgetrennt gewesen zu sein, während an der Nordseite zwei Eingänge in einen Vorraum zur Kirche und in einen westlichen niedrigeren Raum geführt haben. Eine Pforte am Westende öffnete sich wahrscheinlich in einen südlich anschließenden Wirtschaftsbau.

Das Kloster wurde 1542 wegen seiner deutschen Schule und Buchdruckerei nicht säkularisiert, ging 1559 in den Besitz der Stadt über, die dort ein Pädagogium der Universität einrichtete. Nach Bränden 1594 und im 18. Jh. wurde es um zwei Stockwerke erhöht und zum Zeughaus umgebaut. Der Bau, der auch in dieser Gestalt mit seiner straffen Pfeilergliederung, seinen schlichten Fensterreihen und seinem riesigen einheitlichen Dach ein besonders gutes Beispiel eines schönen Zweckbaus ist, muß auch schon früher als eine planmäßig durchdachte Verbindung zwischen Wohn-, Werkhaus und Kultbau angesprochen werden und kann als entwickelter Bautyp einer kleinen, nicht auf Repräsentation und Prunk berechneten Klosteranlage gelten.

III. Ausstattung

Die Innenausstattungen der Kirchen sind nirgends mehr erhalten. In Münster sind sie nachrichtlich überliefert (Inv. Westfalen, Münster 1, S. 317ff.). Besonders zu nennen ist dort eine Altartafel des Hermann torn Ring.

IV. Buchkunst

Die Erzeugnisse der Buchschreibe- und Buchdruckerkunst sind bedeutend. In Münster blühte hauptsächlich die Buchschreiberei und Buchmalerei (Inv. Westfalen, Münster 1, S. 331ff.). Die Brüder schrieben den Text, ein einzelner hatte das Eintragen der roten Oberschriften, der Initialen und das Malen der Zierinitialen und Bilder in der Hand. Aus ihrer Werkstatt ging eine Reihe buchkünstlerisch hochbedeutender, in verschiedenen Kirchen und Sammlungen Westfalens befindlicher Missalien, Gradualien, Chorbücher, Gebetbücher u. dgl. hervor. In Rostock stand der Buchdruck in vorderster Linie [7]. Schon 1475 ist ein Druck der Opera Lactantii nachweisbar. 1480 werden gedruckte Bücher von den B. verkauft. Gedruckt werden später hauptsächlich theologische Schriften und öffentliche Bekanntmachungen der mecklenburgischen Herzöge. Jedoch ist nicht immer festzustellen, ob alle Drucke in der Werkstatt der B. hergestellt oder durch den Universitätsbuchdrucker Dietz im Auftrag der B. gedruckt sind. Nach 1531 hörte der Buchdruck auf.

Zu den Abbildungen

1. Rostock, Fraterkloster St. Michael, Kirche und Wohnhaus, N-Seite. Kirche erb. 1480–88. Kloster voll. 1502, Umbau 1620, aufgestockt um 1700. Durch Luftangriff im April 1942 zerstört.

2. Dass., Grundriß des Erdgeschosses.

3. Dass., Versuch einer Rekonstruktion um 1560. Abb. 1–3 nach Zeichnungen des Verf.

Literatur

1. Buchberger 4, S. 139f. 2. Ludwig Schulze, Brüder des gemeinsamen Lebens, in: Realenzyklopädie für prot. Theologie und Kirche 3, 18973, S. 472ff. 3. Klemens Löffler, Das Schrift- und Buchwesen der Brüder vom gemeinsamen Leben, Zs. f. Bücherfreunde 11, 1907/08, S. 286ff. 4. Ders., Das Fraterhaus am Weidenbach in Köln, Annalen des Hist. Ver. f. d. Niederrhein 102, 1918, S. 99ff. 5. Ders., Das Gedächtnisbuch des Kölner Fraterhauses Weidenbach, ebd. 103, 1919, S. 1ff. 6. Rostocker Etwas 1741, S. 673 und 1793, S. 23. 7. Friedr. Lisch, Geschichte der Buchdruckerkunst in Mecklenburg bis zum Jahre 1540, Jbb. d. Ver. f. Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 4, 1839.

Verweise