Boulletechnik

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englisch: Boulle style; französisch: Boulle, incrustation de meubles à la manière de Boulle; italienisch: Stile Boulle.


Philipp Olles (1942)

RDK II, 1075–1081


RDK II, 1077, Abb. 1. u. 2. H. D. Sommer, Kabinettschrank im Schloß Charlottenburg, 1684.

Das als B. bezeichnete Verfahren ist benannt nach dem französischen Ebenisten André Charles Boulle (1642–1732; Paris). Es handelt sich um eine besondere Art der Furnierung von Möbeln, wobei als Material des Furniers Schildpatt und Zinn oder Messing verwendet werden. Diese Werkstoffe werden in gleichgroßen, dünnen Platten aufeinandergeleimt, das Muster wird im Umriß auf der oberen Platte vorgezeichnet und mit der Säge ausgeschnitten. Werden die Platten nun wieder auseinandergenommen und die ausgeschnittenen Teile ausgewechselt, so ergibt sich das Motiv in hellem Material auf dunklem Schildpatt (Première partie, premier effet oder boulle) und umgekehrt (contrepartie, deuxième effet oder contreboulle). Die zusammengepaßten Muster werden dem Holzkern aufgeleimt. Die so entstandene Marketerie aus Metall und Schildpatt bleibt sehr empfindlich und löst sich gern ab. Zum Schutz und zur Befestigung werden feuervergoldete Bronzebeschläge verwendet, die neben dem praktischen Wert auch ornamentale und gliedernde Bedeutung haben. Außer Bändern und vegetabilen Gebilden werden figürliche Motive wie Büsten, Masken und Hermen als Appliken verwendet.

Boulle hat die nach ihm benannte Technik nicht erfunden, wohl aber zur höchsten Vollendung gebracht und als erster größere Platten verwendet. Ursprungsland der Einlegearbeit in Messing und Schildpatt, das um 1570 von den Portugiesen eingeführt wurde, ist Italien.

Deutschland folgt schon bald und entwickelt das Verfahren im Laufe des 17. Jh. weiter. Was Frankreich anbelangt, so werden im inventar Mazarins von 1653 Cabinets d’écaille de torture avec filets d’ivoir erwähnt, und auch die bureaux des Herzogs von Créqui und der Maria von Medici sind bereits vor Boulles Auftreten in der von ihm später angewandten Technik hergestellt worden. – Boulle hat neben der Metall- und Schildpattfurnierung die Marketerie in farbigen Hölzern gepflegt; nur auf die erstere wird jedoch die Bezeichnung B. angewandt. Zugleich verbindet sich mit diesem Begriff die Vorstellung eines Flächenstiles, der ganz bestimmte Muster verwendet. Er ist maßgebend beeinflußt durch die Ornamentik von Jean Bérain, der mit graziösem Geschmack und reicher Erfindungsgabe die alten französischen Grotesken des Delaune mit geschweiftem Band- und Rankenwerk vereinigt. Außerdem lassen sich bei Boulle Reminiszenzen an das barocke Akanthuslaub des Lepautre feststellen. – Die Form der Möbel, die aus Boulles Atelier hervorgegangen sind, die Schwierigkeiten, die ihrer Bestimmung und Datierung entgegenstehen, die Entwicklung, die Boulles Stil durchmacht, die Einflüsse der großen französischen Ornamentiker und Architekten, sein eigener Anteil an der Typenbildung und formalen Gestaltung des Möbels der Louis XIV.-Zeit, den auch seine Stiche und Handzeichnungen beweisen, stehen hier nicht zur Erörterung; vgl. Lit.

Möbel in B. befinden sich in zahlreichen Museen und Schlössern. Sehr wenige können mit Sicherheit als originale Arbeiten Boulles angesprochen werden (z. B. Schränke in der Slg. Jones, im Louvre, im Musée des Arts décoratifs; Kommoden im Louvre und in der Bibliothek Mazarin, ein Konsoltisch im B.N.M. München, ein Tischchen bei Hodgkins, bureaux plats im Louvre, in Versailles, in der Wallace-Coll., das Bureau und der Münzschrank für Max Emmanuel von Bayern in London, Duke of Buccleuch, und München, Münzkabinett; [8, S. 246ff.]). Ein weiterer Teil stammt wenigstens aus der Zeit, wie z. B. ein Spieltisch des fr. 18. Jh. in der Eremitage in Bayreuth, zwei Sockel um 1725 in der Residenz Würzburg oder zwei Leuchtergestelle der gleichen Zeit in der Münchner Residenz. Ferner meist jene in vielen Sammlungen anzutreffenden Uhren und achtbeinigen Schreibtische (Mus. Köln, Reichenberg, Schloß Moritzburg, Schloßmus. Berlin, Grünes Gewölbe Dresden usw.) oder auch die Konsoltische mit Kassetten (Schloß Dresden usw.). Die große Mehrzahl der Boullemöbel ist, wie sich an stilistischen Merkmalen beweisen läßt, in der Epoche Ludwigs XVI. entstanden (Kabinette, Schränke, halbhohe Schränke, Bibliotheken usw. in der Wallace-Coll., in Schloß Windsor, Montague-House, Galerie d’Apollon, Louvre). Die führenden Ebenisten dieser Zeit, wie Baumhauer, Weißweiler, Montigny, Jacob, Levasseur u. a., haben in der Manier Boulles gearbeitet. Die Tradition wurde noch unter Karl X. und Louis Philipp fortgesetzt. Auf der Ausstellung des Jahres 1839 zeigt der Pariser Ebenist Pierre Antoine Bellangé Möbel in B.; selbst auf Möbel des historisierenden Renaissancestiles wurde im Laufe des 19. Jh. das Verfahren übertragen. Auch außerhalb Frankreichs, z. B. in Holland, Italien und in der Schweiz, sind im 18. Jh. Möbel in B. hergestellt worden. England hat den Stil der Metallmarketerie auf die Furnierung mit verschieden gefärbten Holzmustern übertragen. In Deutschland haben im 17. Jh. bereits vor Boulles Auftreten die Augsburger Kunsttischler ihre Kabinettschränke und Prunktische mit Inkrustationen aus Marmor, Stuck, Elfenbein, aber auch aus Metall und Schildpatt versehen. Das Berliner Schloßmus. besitzt einen Tisch aus Schildpatt mit Einlagen aus Perlmutter, Metall- und Steinmosaik (um 1630); zwei andere mit Platten aus Steinmosaik und einer Umrahmung aus gravierten Silber-, Messing- und Perlmutterzieraten auf Schildpatt (E. 17. Jh., der eine von Esser und Wolfhauer) in den Päpstlichen Zimmern der Münchener Residenz, ein weiterer mit Schildpatt- und Perlmuttermotiven in den Trierzimmern (um 1670). Später haben in Augsburg Heinrich Eichler († 1719) und Johannes Mann († 1754) überladene Schreibtische, Kabinette, Spiegel mit Schildpatt, Bernstein und Lapislazuli angefertigt. Andere deutsche Arbeiten dieser Art kommen dem eigentlichen Boullestil näher. Nicht die Umbildung und das Weiterleben der formalen Typen der Boullemöbel interessieren hier, sondern nur die Übernahme des technischen Verfahrens der Metallmarketerie und ihrer Muster, die meist sich an Bérain und Marot oder auch an das Laub- und Bandelwerk und die Grotesken der Eysler und Decker anlehnen. Ein Tisch und ein 1684 datiertes Kabinett im Schloß Charlottenburg stammen von dem Künzelsauer Tischler H. D. Sommer und sind furniert mit Schildpatt und farbig untermaltem Horn (Abb. 1 u. 2; Pantheon 5, 1930, S. 23 ff). Wohl um 1700 in München angefertigt ist ein Schreibtisch mit dem Namenszug Max Emmanuels von Bayern (Päpstliche Zimmer der Residenz; ein anderer dieser Art ist deponiert). Die Einlagen, Ranken und darin verflochtene Figuren, Bandwerk und Trophäen, bestehen aus graviertem Messing, Silber und Perlmutter auf Schildpatt und sind nicht weit entfernt von dem eingelegten Ornament des Charlottenburger Kabinettschrankes mit dem kurbayerischen Wappen. Sie ähneln dem barocken Laubwerk der Bodenehr und Reuttimann, in dem noch die italienische Art weiterlebt. Um 1720 entstanden ist ein süddeutsches Schreibkabinett im G.N.M. Nürnberg, dessen Marketerie aus Metall und Schildpatt die Erinnerung an Marot wachruft [5, S. 154; 8, S. 265]. Das B.N.M. München besitzt zwei Schreibtische mit Schildpattmarketerie in der Art Bérains. Für den Münchner Hof waren Johann Puchwiser (1702–45) und der „Galanteriekistler“ Sebastian Guglhör (1745–90) tätig, die Schreibkästen mit Einlagen aus Messing, Zinn, Silber, Gold, Schildkrot, Elfenbein und Alabaster hergestellt haben. Gute deutsche Boullemöbel sind in der Residenz Ansbach, Arbeiten von Johann Matusch (Matouche), der 1702 Kammerebenist, 1713 Hofschreinereiinspektor war: eine Wiege, in B. mit graviertem Zinn eingelegt und mit gemalten Ovalmedaillons versehen, sowie eine Ebenholzkommode um 1720 mit Ranken in Messing- und Schildpattmarketerie [9, S. 59], die an Joh. Leonhard Eyslers Ornamentstiche gemahnen. Matusch hat auch die Einlegearbeiten des von dem Kunstschreiner Ferdinand Plitzner (1678 bis 1724) in der Schreinerarbeit fertiggestellten „Kantors“ in Schloß Pommersfelden nach dessen Tod angefertigt; Schreibplatte und Unterbau dieses Schreibpultes weisen das typische Bandwerk der Regencezeit in B. auf. Es gehört zu einer Gruppe von Arbeiten, die aus dem Kreise der für die Grafen Schönborn in ihren Herrschaftsgebieten am Rhein und Main tätigen Kunsttischler hervorgegangen sind, Prunkmöbel, die in der formalen Gestaltung eine Parallele zu den meubles d’apparat Boulles bieten, zwar nicht in der eigentlichen B. ausgeführt sind, sondern ihren Stil auf anderes Material übertragen. Für Pommersfelden war der obengenannte Ferdinand Plitzner aus Eyrichshof tätig. Von ihm stammt ein mit Figuren, Grotesken und Bandwerk aus Elfenbein eingelegtes Prunkkabinett in Pommersfelden [6, S. 81]. Nahe steht ein Schreibkabinett im gleichen Schloß mit Wachs- und Elfenbeinreliefs und reicher Holzmarketerie, wohl von dem Bamberger Kunstschreiner Servatius Brickard (1676 bis 1742), der für die Residenzen Bamberg und Pommersfelden gearbeitet hat. Es ist ein Beispiel für die Anwendung des Stiles der Metalleinlagen auf die Marketerie aus gefärbten Hölzern ebenso wie ein Schreibkabinett aus Koblenz mit Bandintarsien im Berliner Schloßmus. [3, S. 82; 5, S. 161]; ebendort ein süddeutscher Schreibschrank mit Zinneinlagen [5, S. 159], beide um 1730 entstanden. Einlagen aus Farbhölzern und Elfenbein im Laub- und Bandelwerkstil zeigt ein Schrank des kurmainzischen Tischlers Rohde (um 1725), solche von Zinn in Verwendung mit Messing, Elfenbein, Schildkrot und Perlmutter das Gestühl der Mainzer Kartause (Trier, Dom; [1; 3, S. 76]), das 1724 bis 1726 von Joh. Gustav Schacht unter Mithilfe von 21 Gesellen hergestellt worden ist (ein zugehöriger Schrank im Berliner Schloßmus.). Plitzner, Brickard und Schacht sind zeitweise auch in Wien tätig gewesen. Weitere Möbel dieser Richtung im Luitpold-Mus. Würzburg und in Pommersfelden. Bereits in die Zeit des Rokoko führen Arbeiten jüngerer, für die Grafen Schönborn tätiger Kunsttischler, so etwa die Möbel von Karl Maximilian Mattern in Würzburg oder von Joh. Georg Nestfell, der für Bruchsal gearbeitet hat; sie gehören nicht mehr in diesen Zusammenhang.

Deutsche Arbeiten in B. sind auch in Dresden hergestellt worden. Im Inventar des kgl. Schlosses sind solche Möbel mit Metall- und Schildpattfurnierung erwähnt, von denen die letzten in den 50er Jahren des 19. Jh. von Dresdner Handwerkern ausgeführt worden sind. In Wien sind im 19. Jh. Stutzuhren mit Schildpattfurnier oder ähnlich gefärbter Imitation Mode gewesen und entstanden. Dagegen sind die unter Friedrich Wilhelm IV. für die preußischen Schlösser angekauften Boullemöbel wohl Pariser Import. Die für Friedrich d. Gr. angefertigten Schildpattmöbel aber haben außer der Verwendung des gleichen Materials nichts mit den in B. hergestellten Erzeugnissen gemein.

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Schloß Charlottenburg, Kabinettschrank von H. D. Sommer aus Künzelsau. Nußbaum, furniert mit Schildpatt und Horn, 1684. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

2. Dass., Seitenansicht, Phot. Verwaltung der Staatl. Schlösser und Gärten, Berlin.

Literatur

1. Friedr. Schneider, Eine Künstlerkolonie des 18. Jh. in der Kartause zu Mainz, Mainz 1902. – 2. Rich. Graul, Das 18. Jh. Dekoration und Mobiliar; Handbücher der Kgl. Museen zu Berlin 10, Berlin 1905. – 3. Otto von Falke, Barockmöbel; Amtl. Berichte aus den Preuß. Staatssammlungen 40, 1919, S. 69ff. – 4. Carle Dreyfus, Musée nationale du Louvre. Catalogue sommaire du mobilier et des objets d’art du 17e et du 18e siècle, Paris 19222. – 5. Herm. Schmitz, Deutsche Möbel des Barock und Rokoko, Stuttgart 1923. – 6. Walter Boll, Bamberger Kunstschreiner der Regencezeit, Cicerone 16, 1924, S. 72ff. – 7. Franç. de Salverte, Les Ebénistes du 18e siècle, Paris 19272. – 8. Ad. Feulner, Kunstgeschichte des Möbels, Berlin 19303. – 9. Heinr. Kreisel, Die Ausstattung der markgräflichen Wohn- und Festräume in der Ansbacher Residenz, Zs. d. Dt. Ver. f. Kw. 6, 1939, S. 50ff.

Verweise