Boreas

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englisch: Boreas; französisch: Borée; italienisch: Borea.


Herbert Rudolph (1942)

RDK II, 1037–1040


RDK I, 1025, Abb. 1. Zeichnung um 1200. Reims.
RDK II, 1039, Wirkteppich "Winter", Entwurf von Christian Wink, 1773. München.

I. Wind

B. im Griechischen der Nord- bzw. Nordostwind (nicht einheitlich), im Römischen Aquilo, der Nordostwind. Bei Pindar König der Winde von furchtbarer, wilder Kraft. Immer bringt er Kälte, Schnee, Schloßen und Eis, auch macht er den Äther rein und ist daher der Gesundheit zuträglich. – In der Antike ist er sehr häufig dargestellt, z. B. am Turm der Winde in Athen. Bärtig, mit wirrem, feuchtsträhnigem Haar fliegt er mit mächtigen Rückenflügeln durch die Luft, in der Rechten hält er die Muscheltrompete. Im Anschluß an diese Vorstellung ist die Darstellung in einem Innsbrucker Sammelband entstanden, die den B. mit Flügeln an den Füßen und mächtigen Flügeln statt Armen zeigt (italienisch, 2. H. 16. Jh. Ferdinandeum 106; Ill. Hss. I, S. 98).

Das MA kennt einmal die Darstellung des Windes B. als nacktes, geflügeltes Wesen in ganzer Figur (Windrose in der Vatikan. Hs. Cod. Reg. 1263; H. Fegers [7], S. 119, Abb. 6), häufiger jedoch ist die Darstellung im MA und in der Neuzeit als Kopf mit blasenden Backen (der Kopf kommt zunächst ungeflügelt, später geflügelt vor). Gelegenheit zur Darstellung bieten die Weltkarten (z. B. bei Dag. Frey, Gotik und Renaissance, Augsburg 1929, Abb. 10) oder die „Ordo ventorum“ (van Marle II, Abb. 344) oder eine Darstellung wie die aus einem liber pontifikalis der Reimser Stadtbibl. mit Aer, Arion, Orpheus, Pythagoras und den Winden (um 1200; RDK I, Sp. 1025, Abb. 1). In Dürers graphischem Werk kommt B. (bzw. Aquilo) in dieser Gestalt ebenfalls vor (P. 201 und P. 202). Auf dem kosmologischen Titelblatt „Die Philosophie“ zu Celtes „Quattuor libri amorum“ von 1502 (B. 130) ist in einem bärtigen Mannskopf B., Terra und Melancholicus in eins gefaßt. Die Verbindung des Windes mit einem Temperament weist darauf hin, daß für Dürer die moralische Deutung verbindlich war, der die Winde im MA unterworfen gewesen sind. In der Emblematik des 16. Jh. steht B. als Naturkraft (Hadriani Junii Medici Emblemata, 1569, Emblema 43). Schließlich findet sich der Windgott Boreo (overo Aquilone) auch in der Iconologie des Cesare Ripa (vgl. RDK I, Sp. 359).

II. B. und Oreithyia

Im griech. Mythos ist B. am bekanntesten als Räuber der Oreithyia. Gelangte diese Begebenheit im Altertum außerordentlich häufig zur Darstellung, so findet sie sich in der Neuzeit selten, obgleich sie Ovid vermittelt hat. Max Ditmar Henkel (Illustrierte Ausgaben von Ovids Metamorphosen im 15., 16. und 17. Jh., Vorträge der Bibl. Warburg 1926–27, Leipzig und Berlin 1930, S. 136) weiß in seiner Zusammenstellung der illustrierten Ovidausgaben im 15., 16. und 17. Jh. nur eine einzige Darstellung anzuführen: die von Le Pautre. Unter den großen Meistern hat Rubens den B.-Stoff gestaltet: Tafelbild in der Wiener Akademie, um 1620. In den Lüften schwebt der geflügelte Räuber, die sich sträubende Oreithyia fest an sich haltend. – In der Graphik des 17. und 18. Jh. fand auch diese Schöpfung ihre Wiederholungen, z. B. von Ph. Lambert, Jos. Spruyt und Jean Verspecht. – Daß im 17. und 18. Jh., als man darauf aus war, möglichst alle abstrakten allegorischen Vorstellungen in der Gestalt alltäglicher oder mythologischer Vergegenwärtigung wiederzugeben, auch der Oreithyiaraub als Versinnbildlichung der Naturkräfte dienen konnte, die B. eigen sind, zeigt eine Teppichdarstellung in der Münchner Residenz von 1773 (Entwurf von Christian Wink; Abb.), wo es sich um die Wiedergabe des Winters handelt.

Zur Abbildung

München, Residenz-Mus., Wirkteppich „Winter“: Boreas raubt Oreithyia. 2. Münchner Manufaktur unter J. Soutigny nach Entwurf von Christian Wink. 1773. Phot. Mus.

Literatur

1. Pauly-Wissowa III, 1, Sp. 710ff. – 2. Roscher, I, Sp. 803ff. – 3. Ludw. Preller und Carl Robert, Griechische Mythologie I, Berlin 18944, S. 470ff. – 4. Ludw. Preller und H. Jordan, Römische Mythologie I, Berlin 18813, S. 330. – 5. van Marle, Iconographie II, S. 294ff. – 6. Ernst Wilh. Bredt, Der Götter Verwandlungen, Ovid 2, München 1920, S. 46ff. – 7. Hans Fegers, Die Bilder im „Scivias“ der Hildegard von Bingen, Das Werk des Künstlers 1, 1939–40, S. 116ff.

Verweise