Boethius

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englisch: Boethius; französisch: Boëce; italienisch: Boezio.


Herbert Rudolph (1942)

RDK II, 970–976


RDK II, 971, Abb. 1. Köln, Privathaus, Wandgemälde, 13. Jh.
RDK II, 973, Abb. 2. München, Clm. 2599, A. 13. Jh.
RDK II, 973, Abb. 3. Holzschnitt, um 1500.

I. B. im MA

Als Vermittler antiker Philosophie (vor allem des Aristoteles) und Verfasser zahlreicher theologischer, philosophischer und mathematischer Schriften war der römische Staatsmann und Denker, der zuletzt magister officiorum Theoderichs am Hofe von Ravenna war, Anicius Torquatus Severinus B. (geb. um 480 n. Chr. in Rom, hingerichtet um 524 n. Chr. in Pavia), für das MA von großer Bedeutung. Seine Schrift „De consolatione philosophiae“ gehört zu den am meisten gelesenen Büchern des MA; indem B. ferner für die Entstehung des Quadrivium maßgebend wurde, hat er an der Ausbildung des hoch-m.a. Weltbilds teil. Das frühe MA hat ihn zum christlichen Märtyrer gemacht, seit dem 8. Jh. verehrte man ihn in Pavia und Brescia.

II. B. innerhalb der Philosophen-Darstellung

Innerhalb der Philosophendarstellung begegnet das Bild des B., wenn auch nicht sehr häufig. Durch eine sehr gewissenhafte farbige Kopie des mittleren 19. Jh. aus dem Apostelkloster in Köln haben wir Kenntnis von einer großen Darstellung vom E. 12. Jh., die B. zusammen mit Martianus Capella in einem bogenförmigen Bildfeld wiedergibt (Abb. 1). Die beiden Philosophen sitzen auf einer Bank einander zugewendet, in lebhafter Diskussion begriffen. Sie sind inschriftlich bezeichnet; im übrigen haben wir es bei B. mit dem Typus eines Mannes zu tun, der durch Tracht (Leibrock, Mantel, flache, enganliegende Kappe), Bart, Gestus (disputierend) und Spruchband, aber nicht durch individuelle Züge charakterisiert ist. – Aus etwas späterer Zeit (1. H. 13. Jh.) stammte die Darstellung auf einem verlorenen Teppich der Abtei St. Maximin in Trier, auf dem B. zusammen mit der Philosophie zu sehen war (Inv. Rheinprovinz 13, 3, S. 322). Ob B. unter die Philosophen des Halberstädter Teppichs aufgenommen war, ist wegen des Erhaltungszustandes nicht auszumachen. – Im 15. Jh. wurde der alte Philosophentypus zugunsten echter Menschendarstellung aufgegeben. Unter den 28 Bildnissen berühmter Philosophen, Dichter, Kirchenväter und Schriftsteller, die Justus van Gent für das Studio des Herzogs Federigo da Montefeltre zwischen 1474 und 1476 im Schlosse von Urbino malte, befindet sich auch B. (Rom, Palazzo Barbarini; Abb. Venturi VII, 2, fig. 129). Es handelt sich um das Halbfigurenbild eines voller Verhaltenheit dozierenden Mannes; ein charakteristisches Gelehrtenbild des 15. Jh.

III. B.-Darstellungen in den Handschriften und Drucken

In den sehr zahlreich überlieferten B.-Handschriften des MA erscheint B. zunächst als Autorenbild. In einer österreichischen oder süddeutschen Hs. des späten 12. Jh. der Wiener Nat.Bibl. (Cod. 51; Ill. Hss. VIII, 2, fig. 153) ist B. in ganzer Figur als Autor vor achterförmiger Rahmung dargestellt. Für sein Bild ist der m.a. Typus des gelehrten bezw. geistlichen Mannes (also auch der Evangelistentypus) maßgeblich gewesen (Zusammenhang zwischen Autoren- und Evangelistenbild s. Autorenbild, RDK I, Sp. 1309ff.). Im Cod. 51 sitzt B. auf einer Bank und blättert in einem Buche, das auf einem hohen Pulte neben ihm steht; er ist reich gekleidet und trägt die phrygische Mütze. Alle früh- und hoch-m.a. Darstellungen hängen mit dem Evangelistenbild zusammen, einzig in einer Melker Hs. (Nr. 1847, wahrscheinlich aus Admont, um 1140; Inv. Österreich 3, S. 334, Abb. 338) ist das Autorenbild des B. in Anlehnung an eine Christusvorlage entstanden. Man sieht B. auf dem Regenbogen thronend, bärtig, die Rechte erhoben und in der Linken ein Buch haltend; für die Kopfbedeckung hat der Miniator jedoch jene flache, enganliegende Kappe gewählt, die das Fresko des Apostelklosters zeigte. Einen kanonischen Typus hat es für B. offenbar nicht gegeben. In einer Initiale einer oberitalienischen Hs. aus der M. 14. Jh. (Wien, Nat.Bibl., Cod. 84; Ill. Hss. VIII, 5, Taf. 81, 1) begegnet der Autor als Brustbild. Im Spät-MA wurde das Autorenbild des B. auch wie ein Professorenbild gestaltet. da in dieser Gattung mit der Darstellung Raumschilderung sowie viele vergegenwärtigende Einzelheiten verbunden werden konnten (z. B.: Holzschnitt in einem Kölner Druck von 1498. In einem Saal doziert B. von einem Katheder herab, vier schreibende oder zuhörende Schüler zu seinen Füßen; Schramm, Frühdrucke 8, Taf. 128). Eine vermutlich lombardische Hs. vom A. 15. Jh. zeigt in einem Initial bereits den gleichen Typus, nur sind statt der Schüler vier musae poeticae dargestellt, außerdem steht hinter B. die Gestalt der Philosophie (Wien, Nat.Bibl., Cod. 198; Ill. Hss. VIII, 6, Taf. 1). In späten Drucken findet sich das B.-Bild als Kupferstich (z. B.: deutsche Ausg. des „Trostes“ von 1667, antikisierendes Porträt mit Umschrift: ex veteri statua marmorea quae est Romae).

Neben der reinen Autorendarstellung finden sich auf den Titelblättern und Buchseiten der Handschriften und Drucke Darstellungen, die die Geschichte des B. veranschaulichen. Allen voran steht B. im Gefängnis. Auch hier ist der Darstellungstypus nicht einheitlich. Der Traum des B. ist im späten 10. Jh. in einer Hs. der Reichenau (?) in Wien (Cod. 271; III. Hss. I, Abb. 126) wiedergegeben. Innerhalb einer architektonischen Umrahmung (= Gefängnis von Pavia) sieht man auf dem oberen Teil der Darstellung B. auf dem Bett liegend mit einem kleinen sitzenden Figürchen in der erhobenen Linken (der Personifikation der Seele). Zu ihm ist die Philosophie als Trösterin getreten. Darunter drei musae poeticae, klagend und mit aufgelösten Haaren beim Erscheinen der Philosophie davoneilend. Der Traum ohne Seelenpersonifikation erscheint in einer deutschen Hs. des 13. Jh. in Leipzig (Univ.Bibl., Mscr. Nr. 1253; Rob. Bruck, Die Malereien in den Handschriften des Königreichs Sachsen, 1906, Abb. 46). Im Cod. lat. I, 2, IV° 3. der Bibl. des Fürsten Öttingen-Wallerstein in Maihingen aus dem späten 10. oder frühen 11. Jh. (Hs. des Froumund von Tegernsee; Abb. Bange [13, Tafel 1]) und im Clm. 2599 (13. Jh., aus Zisterzienserkloster Aldersbach; Abb. 2) ist B. an einem Schreibpult sitzend im Gefängnis dargestellt, während die Philosophie außerhalb des Gefängnishauses erscheint. B. ist hier streng im Typus des schreibenden Evangelisten wiedergegeben. In der Münchner Hs. war ein bedeutender Künstler am Werk, verzückt läßt er B. zu der Erscheinung der Philosophie aufsehen. Der Zustand der Eingebung ist beispielhaft erfaßt.

In einer französischen Hs. aus der M. 15. Jh. (Wien, Nat.Bibl, Cod. 2653; Ill. Hss. VIII, 7, Taf. 59) sind außer der Szene, in der die Philosophie als Trösterin ans Lager des B. getreten ist, noch folgende Darstellungen aufgenommen: B. im Kerker, die Philosophie unterweist B. über das falsche, eingebildete und das wahre Glück; B. und die Philosophie im Gespräch über die Belohnung der Guten und die Bestrafung der Bösen. Überhaupt häufen sich die Darstellungen in den spät-m.a. Hss. So enthält die vermutlich von Alexander Bening illuminierte niederländische Hs. des B. der Pariser B. N. (Ms. néerland. 1, geschrieben 1492 für Louis de Bruges; Abb. Durrieu [8, S. 362] und Rooses [11, fig. 112]) fünf, meist zwei- und dreiteilige Bilder, in denen Episoden aus dem Leben des B. mit rein allegorisch zu verstehenden Darstellungen nebeneinander gestellt sind; vor allen Dingen sind allegorische Vorstellungen (Philosophie, Glücksrad), die auf B. zurückzuführen sind, aufgenommen.

In den deutschen Buchausgaben finden sich dann vor allen Dingen wieder die Darstellungen des Traumes, z. B. „Trost“, Straßburg 1500, Holzschnitt (Abb. 3): in freier Landschaft rechts das Bett, auf dem B. prophetengleich, aber bekränzt und im Motiv der überkreuzten Beine (der Trauer und Nachdenklichkeit) zu sehen ist; vor ihm, überreich gekleidet, mit Buch, Szepter und hohem Hut die Philosophie, im Hintergrund die klagenden „muse meretricule“. Auch die späten Ausgaben, wie die schon genannte von 1667, zeigen die Traum- und Kerkerdarstellungen als Kupferstich.

In der Form des [Lemma::Dedikationsbild|Dedikationsbildes]] sieht man B. in der Darstellung einer Bamberger Hs. (H. J. IV. 12), in der B. seinem Schwiegervater Symmachus die „Arithmetica“ überreicht; in der Form des Devotionsbildes zeigt ihn die bereits erwähnte oberitalienische Hs. in Wien (Cod. 84) vor Christus kniend. Dem Text zufolge sollte hier die Philosophie im Gebet zum Schöpfer wiedergegeben werden, der Miniator hat anstatt dessen B. dargestellt.

IV. B. innerhalb der Darstellung der Freien Künste

Als Verfasser der Schrift „De institutione arithmetica“ wurde B. innerhalb der Darstellung der Freien Künste neben Pythagoras als Vertreter der Arithmetik wiedergegeben. Allerdings steht sein Repräsentantentum nicht ein für allemal fest. Z. B. kommen im „Wälschen Gast“ des Thomasin von Zerclaere (A. 13. Jh.; [7]) als Vertreter der Arithmetik Crysipp und Pythagoras vor, während B. neben Aristoteles, Zeno und Porphyrius die „Dialectica“ vertritt. Wenn auch sicher Pythagoras in den allermeisten Arithmetikdarstellungen als Repräsentant steht, mag es sich doch in Chartres (südl. Königsportal, äußere Archivolte; Et. Houvet, Cathédrale de Chartres, o. J., Portail occidental pu royal, Taf. 66) um B. handeln. Wie auf den Gefängnisbildern des 12. Jh. sehen wir einen am Schreibpult sitzenden bärtigen Mann. Ob sich B. auch unter den Vertretern befindet, die Pinturicchio der „Arithmetik“ in den Appartamenti Borgia zur Seite gab, ist nicht auszumachen, da dieselben nicht näher gekennzeichnet sind. Inschriftlich ist er dann wieder auf dem Titelblatt „Typus Arithmeticae“ in der „Margarita Philosophica“ des Gregor Reisch (Straßburg 1504) genannt. B. sitzt hier vor der „Arithmetik“ Pythagoras gegenüber an einem Tisch, der mit Zahlen bedeckt ist. Er trägt die rote Gelehrtenmütze und ist jetzt bartlos und mit langem, blondem Haar dargestellt (E. Reicke [10, Abb. 45]).

V. Darstellungen, die auf Gedanken und Vorstellungen des B. zurückgehen

Schließlich müssen noch die bildlichen Darstellungen des MA erwähnt werden, deren Ikonographie B. maßgeblich bestimmt hat. Mâle (II, S. 89ff.) hat dargetan, inwiefern die Gestalt der Philosophie im MA auf B. zurückgeht. Ferner wurde B. für die Ikonographie des Glücksrades wichtig (Sauer, S. 272f.). Daß sich diese Vorwürfe auch in den B.-Handschriften des späten MA finden, wurde oben erwähnt.

Zu den Abbildungen

1. Köln, Wandgemälde aus einem Privathause bei St. Aposteln: Martianus Capella und Boethius. Kopie aus der M. 19. Jh. nach einem Gemälde vom E. 12. Jh. (im Besitz des Denkmalarchivs der Rheinprovinz). Nach Clemen, Rom. Mon.-Mal., Taf. 35.

2. München, Staatsbibl., Clm. 2599: Johannes Cottonius, Musica, fol. 106 r: Boethius wird im Kerker von der Philosophie getröstet. Aus Kloster Aldersbach, früh. 13. Jh. Nach Hans Karlinger, Die hochromanische Wandmalerei in Regensburg, Berlin 1920, Taf. 20.

3. Holzschnitt: Traum des Boethius, aus Boethius, Trost der Philosophie, Straßburg 1500. Phot. Univ.-Bibl. Heidelberg.

Literatur

1. Sauer. 2. Mâle II, S. 76, 89ff. 3. Molsdorf, Nr. 1094. 4. Buchberger 2, Sp. 416ff. 5. Künstle I, S. 145ff. 6. Alexis Paulin Pâris, Les manuscripts françois de la Bibliothèque du roi, Paris 1836, 1, S. 293ff. 7. Adolf von Öchelhäuser, Der Bilderkreis zum Wälschen Gaste des Thomasin von Zerclaere, Heidelberg 1890. 8. Paul Durrieu, Alexandre Bening et les peintres du Bréviaire Grimani, Gazette des Beaux-Arts 5, 1891, S. 353ff. 9. Julius von Schlosser, Giustos Fresken in Padua, Jb. Kaiserhaus 17, 1896, S. 33ff. 10. Emil Reicke, Der Gelehrte in der deutschen Vergangenheit, Leipzig 1900. 11. Max Rooses, Die Kunst in Flandern, Stuttgart 1914, S. 57ff. 12. Clemen, Roman. Mon.Mal., S. 520ff. 13. Ernst Friedr. Bange, Eine bayerische Malerschule des 11. und 12. Jh., München o. J. (1923), S. 8.