Bock

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englisch: Goat, he-goat; französisch: Bouc; italienisch: Becco, caprone.


Liselotte Stauch (1942)

RDK II, 963–970


RDK II, 965, Abb. 1. Freiburg i. B., Münster, um 1300.
RDK II, 965, Abb. 2. Dürer, Hexe, um 1507.
RDK II, 967, Abb. 3. Berlin, Nikolaikirche, Epitaph, um 1550.

Unter B. ist der Ziegen-B. (lat. haedus, hircus) im Gegensatz zum Schaf-B. = Widder zu verstehen.

I. Symbol

Der B. als ein mit besonders starkem Geschlechtstrieb ausgestattetes Tier diente nach antiker Vorstellung Aphrodite und Dionysos als Reittier und spielte bei den Mysterien des Dionysos eine Rolle. Pan wurde in der griech. Kunst von Anfang an mit B.-Hörnern, B.-Beinen und B.-Schwanz ausgestattet, später auch die Satyrn und Silene. Der B. symbolisierte in der Antike ohne jede sittliche Bewertung die Triebhaftigkeit und Zeugungskraft der Natur.

Auch die christliche Welt hob diese Eigenschaft als charakteristisch für den B. hervor, und, indem sie einen sittlichen Maßstab anlegte, machte sie den B. zum Sinnbild der Luxuria und weiterhin des Teufels: Hircus, motus luxuriae, ut in lege: „Tollite hircum pro peccato“, id est, extinguite in nobis luxuriae motum; hircus, carnis immunditia, ut in Psalmis: „Offeram tibi boves cum hircis“, id est, ad honorem tuum mactabo in me superbiam mentis cum petulantia carnis, sagt Rhabanus Maurus (Migne P. L. 112, Sp. 953) und hoedus appetitus carnis (ibid. Sp. 954). Rupert von Deutz spricht von dem B., der mit den Sünden der Kinder Israels beladen in die Wüste geschickt wird (3. Mos. 16, 21): „Hircus iste Antichristus est“ (Migne P.L. 167, Sp. 819). Der Physiologus erwähnt den B. nicht (nur capra = Steinbock, dessen Symbolik aber nicht hierher gehört).

Danach wurde in der bildenden Kunst die Gestalt der Luxuria (Voluptas = Wollust) mit einem B. oder B.-Fell dargestellt. Luxuria steht als nackte Frau in ein B.-Fell gehüllt neben dem Fürsten der Welt in der Vorhalle des Freiburger Münsters (Abb. 1). Im Kampf gegen die Keuschheit reitet sie auf einem B. (Manuskript für Louise von Savoyen, Cluny-Mus., Cahier, Mél. d’archéol. II, Abb. S. 35). Auf einem Holzschnitt von 1480/90 in der Albertina (Schreiber, Handbuch IV, 1865 a, 8) reitet die Unkeuschheit mit ihrem Buhlen auf einem Ziegen-B. Hieronymus Bosch läßt in seinem „Garten der irdischen Lüste“ im Escorial im Reigen der Wollüstigen einen B. mitgehen. Nach der Iconologia des Cesare Ripa (1593 und später; vgl. Sp. 359) ist Libido als Frau darzustellen, die einen Skorpion hält und einen B. neben sich hat. Der Weintrauben naschende B. an der Konsole zu Füßen der „Frau Welt“ am Wormser Dom (Rud. Kautzsch, Der Dom zu Worms, 1938, Taf. 106 g) dürfte ebenfalls in diesen Zusammenhang gehören. – Die protestantische Ikonographie stellt die Sünde (peccatum) als Illustration von „Lust gebiert die Sünde, Sünd gebiert den Tod“ (nach Jakobus 1, 15) dar als halbmenschliche Gestalt mit B.-Beinen und B.-Kopf am Epitaph für Gregor Bach (gest. 1549) von Hans Schenck in der Berliner Nikolaikirche (Abb. 3).

Auch die Vorstellung des Teufels in Bocksgestalt ging in die bildende Kunst ein. B.-Hörner, B.-Hufe, B.-Bart und B.-Schwanz kennzeichnen sehr häufig den Teufel. Beispiele: Kapitell in Autun, 1. V. 12. Jh. [11, Abb. 17]; Kapitell vom Portal des Kapitelsaales der Daurade in Toulouse, 2. V. 12. Jh. [11, Abb. 36 u. S. 444]; Fresko des 14. Jh. in St. Georg in Oberzell, Reichenau; Epitaph des Erzbischofs Friedrich von Magdeburg († 1552), Halberstadt, Dom, von Hans Schenck; hl. Michael des Hubert Gerhard 1588, München, Michaelskirche, des Hans Reichle in Augsburg, Zeughaus, des Franz Ignaz Günther, Berlin D. M. (Nr. 8286). So dargestellt ähnelt der Teufel einem Satyrn; die Vermengung dieser beiden Gestalten zeigt sich auf einem Kupferstich des Philipp Galle (van Marle 2, Abb. 11), auf dem die siegreiche Tugend auf den b.gehörnten und b.füßigen Teufel tritt und ihr die Worte in den Mund gelegt sind: „Nunc conculco malum cum vitiis Satyrum“.

Der Volksglaube stellte sich im Gefolge des Teufels die Hexen rücklings auf B. durch die Lüfte reitend vor. So stellen sie Dürer (Abb. 2), Baldung (Holzschnitt E. 140) und Altdorfer (Zeichnung von 1506) dar. Auf einem liegenden B. sitzt die eine der Hexen auf Baldungs Gemälde von 1523 in Frankfurt (Städel). Auf einer Radierung des Michael Herr (1. H. 17. Jh.) „Das Zauberfest auf dem Blocksberg“ reiten die Hexen auf B.; in der Mitte der Versammlung sitzt der Teufel in Gestalt eines B. auf einem Dreifuß und wird von einer Hexe verehrt (Wilhelm Michel, Das Teuflische und Groteske in der Kunst, 1911, Abb. 74).

Durch das Gleichnis bei Matth. 25, 32f., in dem es von Christus beim Jüngsten Gericht heißt: „et congregabuntur ante eum omnes gentes, et separabit eos ab invicem, sicut pastor segregat oves ab haedis, et statuet oves quidem a dextris suis, haedos autem a sinistris“, wurde der B. zum Symbol des Sünders. Bei den Kirchenschriftstellern werden die Sünder, die Gottlosen, die Wollüstigen als B. bezeichnet. So sagt z. B. der hl. Gregor: „Haedi peccatores significantur“ (Migne P. L. 79, Sp. 286) und Rhabanus Maurus „haedi sunt peccatores, qui ad sinistram judicis erunt..., per haedos voluptuosi sensus corporis, ut in Cantico: „Pasce haedos tuos“, id est, permittam te nutrire voluptuosos sensus tuos. Per haedos, reprobi, ut in Evangelio: „Statuet quidem oves a dextris, haedos autem a sinistris“ quod electi salvabuntur, et reprobi damnabuntur“ (Migne P. L. 112, Sp. 953). Die Scheidung der Menschen in B. und Schafe ist in der Priscilla-Katakombe dargestellt: Christus als Guter Hirte, zur Rechten ein Schaf, zur Linken ein B., auf den Schultern ein B., der den geretteten Sünder bedeutet (Wilpert, Katakomben, Taf. 66, 1). Ebenso hat Christus auf einem Mosaik in S. Apollinare Nuovo in Ravenna drei Schafe zur Rechten und drei B. (mit Ziegenbart, aber ohne Hörner) zur Linken und auf einem Sarkophagdeckel (Wilpert, Sarc., Taf. 83, 1) eine Schar von Schafen zur Rechten und eine Gruppe Ziegen-B. zur Linken. Auf einem Sarkophag des K.F.M. zu Berlin (Wilpert, Taf. 147, 3) trägt, nach Wilpert, Petrus den Sünder in Gestalt eines B. auf seinen Schultern, während an der anderen Sarkophagecke der Gute Hirte ein Schaf heimträgt.

In der Concordantia caritatis des Ulrich von Lilienfeld ist das Gleichnis von den B. und Schafen in typologische Beziehung zum Urteil Salomonis und zum Apokalyptischen Reiter mit dem Bogen (Apokal. 6, 2 und 19, 11) gesetzt (Hans Tietze, Die typologischen Bilderkreise des MA, in Jb. Z. K. N. F. 2, 1904, S. 67ff., Nr. 36). Nach 3. Mos. 16, 5ff. sollen die Juden beim jährlichen Versöhnungsfest mit zwei Ziegen-B. das Sündopfer vollziehen. Der eine B. soll geschlachtet und verbrannt, der andere mit den Sünden der Kinder Israels beladen in die Wüste geschickt werden. Von hier stammt der Begriff des Sünden-B., der auf Christus übertragen wurde. Hircus est Christus, ut in Levitico hircus emissarius peccata populi portabat: quod Christus in mundum a Patre missus humani generis peccata portabat, sagt Rhabanus Maurus (Migne P. L. 112, Sp. 954). Die Verbrennung des Sünden-B. vor dem Lager (3. Mos. 16, 27) gilt in der Concordantia caritatis des Ulrich von Lilienfeld als Vorbild für die Annagelung Christi ans Kreuz (Hans Tietze a. a. O., Nr. 92), die Aussendung des Sünden-B. in die Wüste (3. Mos. 16, 21) als Typus für die Himmelfahrt Christi (Tietze, Nr. 116).

Im Sinne der Antike gilt der Renaissance der B. wieder als Symbol der Liebe. Cupido fährt auf einem von B. gezogenen Wagen auf einem Teppich mit dem Triumph der Liebe (A. 16. Jh.; van Marle, Iconographie 2, Abb. 142). In der „Hieroglyphica“ des Horappollon (von Pirckheimer ins Lat. übers. und von Dürer illustriert) bedeutet der B. die männliche Zeugungskraft [7, Abb. S. 201, Dürers Entwurf L. 152, Abb. Taf. III], und in diesem Sinne, auf den Kaiser bezüglich, sind die Ziegen-B. an der Ehrenpforte Maximilians zu verliehen, was für die Zeit nichts Anstößiges hatte [8, S. 93]. Der B. des Dionysos erscheint auch wieder auf einem Augsburger Musikautomaten um 1600 im Kunstgew.-Mus. Wien (Jul. von Schlosser, Kunst- u. Wunderkammern der Spätrenaissance, Leipzig 1908, Abb. 37) und mit Bacchanten-Putten in einer Gruppe des Franz Conrad Linck (1730–93), Mannheim, Schloßmus. (Zs. d. Dt. Ver. f. Kw. 1935, S. 328, Abb. 1). Im „Triumph des Bacchus“ von Annibale Carracci im Palazzo Farnese ziehen B. den Wagen der Ariadne.

Die antike Vorstellung der auf dem B. reitenden Liebesgöttin ist dem MA niemals verlorengegangen, wenn die Deutung folgender Darstellungen durch Hamann [10] richtig ist: Die nackte, auf einem B. reitende Frau an einem Kapitell in der Vorhalle des Magdeburger Doms (zw. 1306 u. 1325), an einem Fenstertympanon des Mainzer Fischturms (jetzt Mainz, Altertümermus. [12, S. 67, Abb. 45]) und an einer Konsole in Auxerre, 14. Jh. [10, Taf. I, Abb. A] bedeuten das Sternbild der Venus, ebenso wie die auf einem b.- oder widderähnlichen Tier reitende Gestalt an der Kirche von Issoire [10, Taf. I, Abb. B] und die beiden auf B. reitenden Jünglinge an einem Kapitell in Mozac (12. Jh.; [10, Taf. II, Abb. A]) den Monat März und vielleicht den Frühling darstellen.

Bei der Kennzeichnung der menschlichen Lebensstufen durch Tiere wird der zwanzigjährige Mann als B. charakterisiert auf der Miniatur eines englischen Psalters, A. 14. Jh. (Brit. Mus. Reproductions from illuminated Manuscripts 3, 1908, Taf. 24), auf einem Relief der Empore der Annakirche zu Annaberg (Inv. Sachsen 4, S. 24 und 26). Auf einem Holzschnitt des Jörg Breu von 1530 (van Marle, Iconographie 2, Abb. 189) ist die mutwillige Lebensfreude des zehnjährigen Kindes durch ein Ziegenböcklein charakterisiert.

Ob man dem B. am Taufstein der Katharinenkirche in Brandenburg, 15. Jh., den B.-Köpfen an den Ecken eines Kapitells im Mainzer Dom (Phot. Staatl. Kunstbibl. Berlin, M. F. 115), der b.-köpfigen Figur, die in der Rechten und der Linken je eine Glocke hält, am Portal der Buchhändler der Kathedrale von Rouen (Mâle II, Dt. Ausg. 1907, Abb. 23), den B.-Köpfen am Fuße des Mailänder Leuchters oder dem B. zwischen Blattwerk an einer Wasserspeierkonsole des Freiburger Münsters (Otto Schmitt, Gotische Skulpturen des Freiburger Münsters, 1926, Taf. 65) symbolischen Gehalt zuerkennen kann, muß dahingestellt bleiben. Ebenso schwer ist die Szene an einem Kapitell in Vézelay [11, S. 422] zu deuten, an dem sich ein B. und ein Schwein vor einer Kreuzscheibe aufrichten. „Sie haben anscheinend schneller als die Menschen daneben die Heiligkeit des christlichen Symbols verstanden“ (Hamann [11]).

II. Attribut

Als Hinweis auf die jüdischen B.-Opfer hat die Personifikation der Synagoge den B. zum Attribut. Am Südportal des Wormser Doms hält sie ein Böcklein in der Hand (R. Kautzsch a. a. O., Taf. 106f.). Im Hortus deliciarum (hrsg. von A. Straub und G. Keller, 1901, Taf. 38) trägt sie einen B. im Arm; auf ihrer Fahne erscheint er in einem Kreuzigungsbild (fol. 254 a) der elsässischen Historienbibel des 15. Jh. in der Kölner Bibl.; sie reitet auf einem B. auf einem Fresko in S. Petronio in Bologna, 2. V. 15. Jh. (zahlreiche weitere Beispiele bei Paul Weber, Geistliches Schauspiel und kirchliche Kunst, Stuttgart 1894, S. 128ff.). Ferner ist der B. das Attribut des hl. Yves. Er liegt zu Füßen des Heiligen als Sinnbild der besiegten Sinnlichkeit.

Zu den Abbildungen

1. Freiburg i. B., Münster, Vorhalle, Fürst der Welt und Voluptas, um 1300. Phot. Rolf Kellner, Karlsruhe.

2. Albrecht Dürer, Hexe (B. 67), um 1507. Phot. Kk. Berlin.

3. Berlin, Nikolaikirche, Epitaph des Gregor Bach († 1549) von Hans Schenck. Ausschnitt. Phot. J. Seeger, Berlin.

Literatur

1. Pauly-Wissowa 5, Sp. 1010ff. (Art. Dionysos). 2. Roscher, Sp. 419 (Art. Aphrodite). 3. Max Boehm, Aphrodite auf dem Bock, Jb. d. Archäol. Inst. 4, 1889, S. 208ff. 4. Adolf Furtwängler, Kleine Schriften 2, 1913. Neue Denkmäler antiker Kunst II, 4, S. 475ff. 5. Molsdorf Nr. 399, 572, 1008, 1038, 1081, 1143. 6. Xavier Barbier de Montault, Traité d’iconographie chrétienne, Paris 1890. 7. Karl Giehlow, Die Hieroglyphenkunde des Humanismus in der Allegorie der Renaissance, Jb. Kaiserhaus 32, 1, 1915. 8. Ludwig Volkmann, Bilderschriften der Renaissance, Leipzig 1923. 9. Rich. Hamann, Ein vom Himmel gefallener Stern, Frankfurter Zeitung 1931, Beil. f. d. Frau. Nr. 4. 10. Ders., The Girl and the Ram, Burl. Mag. 60, 1932, S. 91ff. 11. Ders., Das Tier in der romanischen Plastik Frankreichs, Festschr. f. Kingsley-Porter, Cambridge 1939. 12. Rich. Hamann-Mac Lean, Das ikonographische Problem der „Friedberger Jungfrau“, Marburger Jb. 10, 1939, S. 37ff.

Verweise