Blockbuch

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englisch: Block-book; französisch: Livre xylographique; italienisch: Libro xilografico.


Erich von Rath (1942)

RDK II, 916–924


RDK II, 917, Abb. 1. Canticum Canticorum, um 1460.
RDK II, 917, Abb. 2. Speculum humanae salvationis, um 1471.
RDK II, 919, Abb. 3. Planetenbuch, um 1450.
RDK II, 919, Abb. 4. Hartlieb, Die Kunst Ciromantia, um 1475.
RDK II, 921, Abb. 5. Mirabilia Romae, um 1475.

B. (Holztafeldrucke, xylographische Bücher) sind inhaltlich verbundene Holzschnittfolgen mit Bild und Text in Buchform. Die Bezeichnung B., eine Verdeutschung des englischen block-books, hat sich erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eingebürgert und die bis dahin übliche deutlichere Bezeichnung „Holztafeldrucke“ allmählich zurückgedrängt.

Schon im 3. Jahrzehnt des 15. Jh. treten Einzelholzschnitte auf, denen erklärende Worte oder kurze Texte auf Spruchbändern als Unter- oder Beischriften hinzugefügt wurden (vgl. RDK I, Sp. 349, Abb. 4, Sp. 645, Abb. 3, Sp. 854, Abb. 1). Dieser Brauch und die sich ständig steigernde Nachfrage nach populärer, mit Bildern geschmückter Literatur, die auch durch die intensive Tätigkeit der Schreibstuben nicht voll befriedigt werden konnte, haben dazu geführt, kurze, mit kolorierten Federzeichnungen illustrierte Handschriften ganz oder doch vorwiegend in Holz zu schneiden. Kurz vor der Mitte des Jahrhunderts setzt diese neue Art der Verbreitung volkstümlicher Schriften ein. Die Bilder stehen durchaus im Vordergrund, der kurze Text dient nur der Erläuterung des im Bilde Dargestellten. Anfänglich hat man den Text noch vielfach mit der Hand beigefügt, bis sich dann auch für ihn der Holzschnitt als Regel durchsetzt und die Bücher entstehen, die wir heute B. nennen.

Die äußere Form der B. gestattet Gruppierungen verschiedenster Art. Sieht man auf die Textgestaltung, so ergeben sich drei Gruppen, von denen die erste Bild und Text auf einer Seite vereinigt, während bei der zweiten Text und Bild einander gegenüberstehen und die dritte nur aus Texten ohne bildliche Beigabe besteht. Ein anderes Unterscheidungsmerkmal ergibt sich, wenn man die B. der ältesten Zeit mit handschriftlichem Text (chiroxylographische B.) den späteren mit holzgeschnittenem Text (xylographische B.) gegenüberstellt. Und schließlich kann man auch von der Technik der Herstellung ausgehen und die mit dem Reiber durch Handpressung gedruckten (anopithographischen) von den mit der Presse gedruckten (opithographischen) trennen. Bei der Benutzung des Reibers (ein mit Roßhaaren straff ausgestopfter Lederballen) drückten sich die Umrisse der Zeichnung so tief in das Papier ein, daß die Rückseite unbedruckt bleiben mußte. Je zwei der bedruckten Seiten wurden dann mit den Rückseiten zusammengeklebt. Die Druckfarbe ist meist ein helles Braun, die Bilder sind ihren Vorbildern entsprechend fast stets ziemlich roh bemalt.

Eine zeitliche und örtliche Anordnung der B. stößt aus verschiedenen Gründen auf Schwierigkeiten. Einmal finden sich feste Datierungen nur ganz vereinzelt und verhältnismäßig spät; die früheste 1470 trägt eine von Friedrich Waltherr zu Nördlingen und Hans Hurning herrührende Ausgabe der Biblia pauperum (vgl. RDK I, Sp. 1078f.). Ferner ist der auf uns gekommene Bestand von B. nur ein geringer Bruchteil des ehemals Vorhandenen. Die einzelnen Exemplare sind vielfach lückenhaft und in schlechter Erhaltung. Wichtige Zwischenglieder, die eine Datierung und Anordnung erleichtern würden, fehlen meist. So ist man denn, um die große Masse der B. einzuordnen, genötigt, stilkritische Untersuchungen anzustellen sowie die Technik der Holzschnitte, die Tracht der dargestellten Personen und den Dialekt der Texte zu prüfen.

Das Ergebnis dieser namentlich von Paul Kristeller [3] durchgeführten Arbeit besteht in dem Nachweis, daß eine ganze Anzahl von B. stilistisch der zweiten Gruppe von Einzelholzschnitten nahesteht, der auch schon der Christophorusholzschnitt mit der Jahreszahl 1423 angehört. Die Holzschnitte dieser Gruppe heben sich von den ältesten Einzelholzschnitten durch lebendigere Zeichnung, feinere Umrißlinien und reichere Kompositionen deutlich ab; man darf annehmen, daß dementsprechend auch einige B. schon in den dreißiger und vierziger Jahren des 15. Jh. entstanden sind [5, 8]. Urkundliche Nachrichten über die Verfertiger der B., die Formschneider und Briefdrucker, sind uns aus dieser Epoche in Fülle überliefert, doch ist aus den Urkunden nicht mit Sicherheit zu erkennen, ob diese Formschneider außer den Heiligenbildern und Spielkarten auch B. hergestellt haben. Aus der Sprache des Textes, der künstlerischen Behandlung der Bilder und der Tracht der dargestellten Personen ergibt sich, daß der erhaltene Bestand an B. im wesentlichen den Niederlanden und Deutschland entstammt. Zwei B., von denen das eine dem 16. Jh. angehört, sind in Italien entstanden, kein Denkmal dieser Art hat sich bis heute mit Sicherheit in Frankreich nachweisen lassen. Den Inhalt der B. bilden Erbauungs- und Unterhaltungsschriften volkstümlich belehrender Art. 33 Werke in mehr als 100 verschiedenen Ausgaben führt Schreiber [1], 4 auf, und die große Zahl der Ausgaben läßt die Schätzung und weite Verbreitung dieser Schriften erkennen. Art und Inhalt der B. wird aus der folgenden Übersicht, die sich auf die wichtigsten und bekanntesten beschränken muß, deutlich werden.

Die Apokalypse (vgl. RDK I, Sp. 751ff., bes. Sp. 766ff. mit Abb. 16/17), schon in Bilderhandschriften weit verbreitet, ist in sechs verschiedenen B.-Ausgaben erhalten, die in zwei deutlich unterscheidbare Gruppen zerfallen. Die erste Gruppe (Schreiber [1], 1–3) steht dem handschriftlichen Vorbild näher, ist niederländischen Ursprungs und vereinigt auf 48 (Schreiber [1], 1) oder 50 Tafeln (Schreiber [1], 2, 3) je zwei Darstellungen mit Text (Abb. 1). Innerhalb dieser Gruppe lassen sich drei Ausgaben unterscheiden. Als die älteste ist wahrscheinlich die bisher von Schreiber an dritter Stelle aufgeführte anzusehen (vgl. Th. Musper [7]). Nach dem Stil der Holzschnitte und der Tracht der Personen ist sie wohl schon um 1430 entstanden. Die zweite Gruppe (Schreiber [1], 4–6) hat 48 Tafeln, ist deutschen Ursprungs und wesentlich später entstanden.

Die Ars moriendi (vgl. RDK I, Sp. 1121ff. mit Abb. 3/4) ist eine der schönsten und wirkungsvollsten Bilderfolgen dieser Art. Sie zeigt einen sterbenden Menschen, der den Versuchungen des Teufels ausgesetzt, durch den Beistand der Engel auf den rechten Weg zurückgeführt wird. Das B. sollte wohl die Tätigkeit des Geistlichen am Sterbebett anregen und unterstützen. Schreiber [1] führt 13 verschiedene Ausgaben an, die in fünf Gruppen zerfallen. Die älteste, wohl um 1450–60 in den Niederlanden entstandene Ausgabe besteht aus 24 Blättern, Text und Bild stehen einander gegenüber, das am besten erhaltene Exemplar besitzt die Bibl. des Brit. Mus. (JB 18); es entstammt der Sammlung Weigel, Versteigerung Leipzig 1872, Nr. 223. Ein Teil der späteren Ausgaben ist oberdeutschen Ursprungs (Schreiber [1], 4–8).

Die Biblia pauperum (Armenbibel; vgl. RDK I, Sp. 1072ff. mit Abb. 5/6, ferner Sp. 166, Abb. 10, und Sp. 1520, Abb. 6), für die sich unter den illustrierten Handschriften kein direktes Vorbild nachweisen läßt, scheint sich, wie aus den zahlreichen Ausgaben hervorgeht, besonderer Wertschätzung erfreut zu haben. Eine deutsche, auf 34 Blättern mit dem Reiber gedruckte chiroxylographische Ausgabe gilt unbestritten als die älteste. Sie ist nur in einem Exemplar in dem Sammelband Cod. Pal. germ. 438 der Heidelberger U.B. erhalten und um 1440 entstanden. Es folgen niederländische, aus 40 Blättern bestehende Ausgaben mit lat. xylographischen Text, die sich in verschiedene Gruppen einteilen lassen, aber offensichtlich alle auf ein verlorenes gemeinsames Vorbild zurückgehen. Die frühesten niederländischen Ausgaben sind wohl kaum vor 1450 entstanden; ihre künstlerisch hochstehenden Holzschnitte finden sich zum Teil wiederverwendet in der Ausgabe der „Epistelen ende Evangelien“, die P. van Os 1487 in Zwolle druckte. Ausgaben mit deutschem Text, deren 40 Tafeln freie Kopien der niederländischen sind, wurden 1470/71 von oberdeutschen Formschneidern hergestellt (1470 von F. Waltherr und H. Hurning, 1471 von H. Sporer).

Das Canticum Canticorum, eine allegorische Deutung des Hohen Liedes auf die Jungfrau Maria, vereinigt je zwei Darstellungen mit lat. Text auf 16 Blättern, die in Technik und Druckausführung den niederländischen Ausgaben der Biblia pauperum nahestehen. Von den beiden erhaltenen Ausgaben ist die ältere um 1460 in den Niederlanden entstanden (Abb. 1).

Das Speculum humanae salvationis oder der Heilspiegel behandelt den Sündenfall und die Erlösung des menschlichen Geschlechts und nimmt infolge der Eigenart seiner Herstellung einen besonderen Platz unter den B. ein. Die 58 Holzschnitte sind nämlich in den vier bekannten Ausgaben sämtlich mit dem Reiber in brauner Farbe gedruckt, während der unter die Bilder gesetzte Text in schwarzem Typendruck mit der Presse hergestellt ist (Abb. 2 und RDK I, Sp. 11/12, Abb. 6). Zwei Ausgaben haben lat., zwei holländischen Text; in einer der lat. Ausgaben ist der Text auf 20 Blättern, aber gleich den Bildern in Holz geschnitten und mit dem Reiber gedruckt, während der Rest des Textes wie bei den übrigen Ausgaben typographisch hergestellt ist. Diese Anomalie hat die ältere Forschung stark beschäftigt; man hat diese Ausgabe als die erste angesehen, da sie noch ein Übergangsstadium vom Holztafeldruck zum Typendruck darzustellen schien, und in ihr einen der Beweise für den Ursprung des Buchdrucks in Holland erblickt. Aber schon Ottley (An Inquiry into the Origin and early History of Engraving, London 1816, S. 205ff.) hat durch Prüfung und Vergleichung der Holzschnitte nachweisen können, daß sie zeitlich nicht an erster, sondern an dritter Stelle eingeordnet werden muß, und die spätere Forschung hat sich dieser Feststellung angeschlossen. Wohl keine der Ausgaben ist früher als 1471 entstanden.

Das Planetenbuch (Abb. 3). Die Planeten sowie die Beschäftigung und das Schicksal der unter ihrem Einfluß geborenen Menschen werden in der ältesten chiroxylographischen Ausgabe auf 7 Tafeln dargestellt. Sie ist in Süddeutschland – vielleicht in Basel – um 1460 entstanden. Die späteren Ausgaben mit holzgeschnittenem deutschen Text bringen den Stoff auf 14 Tafeln und sind gleichfalls in Süddeutschland entstanden.

Unter den späteren B. verdienen noch Erwähnung die Chiromantia (Abb. 4) in der deutschen Übersetzung des Dr. Hartlieb (um 1475) und die Mirabilia Romae (Abb. 5), ein Führer für Rompilger, der auf 12 Blättern, die nur wenige Bilder enthalten, Anleitungen zum Besuch der heiligen Stätten gibt.

Zu der Gruppe von B., die nur aus holzgeschnittenem Text ohne Bilder bestehen, gehört in erster Linie der Donat, das kleine Lehrbuch des Aelius Donatus (entstanden in Rom um 350) für den Anfangsunterricht in der lat. Sprache [5]. Soweit die B.-Donate auf Handschriften zurückgehen – einem Teil haben Druckausgaben als Vorlage gedient –, sind sie meist erst im Anfang der siebziger Jahre sowohl in Deutschland als auch in Holland entstanden. Nur ein 28zeiliger Donat, von dem die Münchener Staatsbibliothek ein Blatt besitzt [2, Nr. 2997], macht in seiner Schriftform und in der Art seiner Abkürzungen einen so altertümlichen Eindruck, daß er wohl bis in die Mitte des Jahrhunderts zurückgehen kann.

Mit Sicherheit läßt sich nicht beweisen, daß die B. die alte Bezeichnung „Vorläufer des Buchdrucks“ mit Recht tragen, doch erkennen wir in ihnen eine primitivere Form des gedruckten Buches, die sich unabhängig vom Typendruck ausgebildet und während einiger Jahrzehnte eine weite Verbreitung erlangt hat (vgl. dazu auch Th. Musper [8]).

Zu den Abbildungen

1. Canticum Canticorum, 1. Ausg., niederländisches Blockbuch um 1460. Oben: Maria wird in den Garten geleitet; unten: Himmelfahrt Mariä. München, Staatsbibl. (Xyl. 33). Nach Schreiber [1], 7.

2. Speculum humanae salvationis, 1. Ausg., niederländ. Blockbuch mit typographischem Text, um 1471. Links: Vermählung der Maria; rechts: Vermählung der Sara. München, Universitätsbibl. (Xyl. 10). Nach Schreiber [1], 7.

3. Planetenbuch, chiroxylographische Ausg., Oberdeutschland (Basel?), um 1450: die Sonne. London, Brit. Mus. (J. A. 27). Nach Schreiber [1], 8.

4. Dr. Joh. Hartlieb, Die kunst Ciromantia, vielleicht Augsburg, um 1475: Männerhand. München, Staatsbibl. (Xyl. 35). Nach der Ausg. von Ernst Weil, München 1923.

5. Mirabilia Romae, oberdeutsch, um 1475: Kaiser-, Papst- und Rom-Wappen. Gotha, Landesbibl. (Man. Xylogr. Nr. 9). Nach der Ausg. von R. Ehwald, Weimar 1904.

Literatur

1. Schreiber, Manuel 4 (Text nebst bis dahin erschienener Lit.), 7, 8. (Atlas). 2. Ders., Hdb. 6, 7. 3. Paul Kristeller, Kupferstich und Holzschnitt, Berlin 19224. 4. Max J. Friedländer, Der Holzschnitt, Berlin 1921. 5. Konrad Haebler, Xylographische Donate, Gutenberg-Jb. 3, 1928, S. 15ff. 6. Erich v. Rath, Art. „Blockbuch“ in Milkaus Hdb. d. Bibliothekswissenschaft 1, 1931, S. 339ff. 7. Theod. Musper, Die Urausgabe der Apokalypse, Die Graphischen Künste N. F. 2, 1937, S. 128ff. 8. Ders., Die Datierung und Lokalisierung der ältesten gedruckten Bücher und Laurens Janszoon Coster, Die Graphischen Künste N. F. 3, 1938, S. 41ff.