Blitz

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englisch: Lightning; französisch: Eclair, foudre; italienisch: Folgore.


Hans Feldbusch (1942)

RDK II, 913–916


Der B., der im Volksglauben der alten indogermanischen Völker göttlich verehrt wurde, kommt als Attribut sowohl in der religiösen wie in der profanen Kunst vor. Auch die Einschlagstellen des B. galten als heilig, weil die Gottheit oder dämonische Kräfte in ihnen Wohnung genommen hatten (B.-Kapellen).

I. Entwicklung der Blitzform

Das Symbol für B.-Darstellungen wurde im Orient geprägt und hat in der griechisch-römischen Kunst seine reichste formale Entwicklung gefunden. Von den orientalischen B.-Formen übernahm die nacharchaische griech. Kunst den dreiteiligen B. Die archaische Zeit hatte den B. als Doppelbeil gebildet (Zeus von Dodona). Eine griechische Neubildung ist die B.-Blume. Sie entspringt literarischen Zeugnissen zufolge der griech. Vorstellung und Verbildlichung des Feuers und Lichtes als Blume. Zur Bildung der B.-Blume werden die Lotosknospe und -blüte herangezogen. Der Gedanke des beflügelten B. führt eine Umbildung der B.-Blume herbei: die Kelchblätter werden zu Flügeln, die in hellenistischer Zeit am Griff des B. anwachsen. Aus der in archaischer Zeit herrschenden Vorstellung des B. als Waffe entsteht das bildliche Symbol der B.-Waffe. In Italien und Sizilien kommt zuerst der B. mit Pfeilspitze vor. Diese Entwicklung führt zu der bis in die Neuzeit hinein kanonischen B.-Form eines Pfeils mit mehrmals rechtwinklig gebrochenem oder zickzacklinigem Schaft.

II. B. als Attribut

A. Jupiter als B.-Schleuderer

Schon in archaischer Zeit erhält Zeus den B. als Attribut. Er wird meist als nackter B.-Schleuderer dargestellt (Bronzestatuette von Dodona und auf messenischen Münzen), kämpft mit Giganten und Titanen und schleudert ihnen B.-Bündel entgegen (Giebelrelief in Korfu). Auch Athena tritt bisweilen als B.-Schleuderin auf. B.-Zeichen finden sich auf Zeusaltären, Kapitellen und auf Einzelstücken der Rüstung.

Jupiter, ursprünglich der Gott des lichten Himmels, übernimmt die Funktionen des B.-Gottes (fulgur). Er tötet den hundertarmigen Typhoeus und Semele, die Mutter des Bacchus, mit einem B. Phaeton, den Sohn des Helios, stößt er durch einen B.-Strahl in den Eridanos. Im Kampf gegen Giganten und Titanen gebraucht er den B. als Waffe. Auf fast allen römischen Münzen mit der Beischrift „Jovi Fulgeratori“ oder „Jovi Conservatori“ wird Jupiter mit dem B. abgebildet. Die große Menge der Darstellungen auf den Jupitergigantensäulen folgt ganz der Vorstellung in Ovids Metamorphosen, wo Jupiter den B. auf Phaeton schleudert (2, 311): dextra libratum fulmen ab aure misit. Der Reiter der in Hägen bei Zabern (Elsaß) gefundenen Gigantensäule trägt in seiner rechten, zum Ohr erhobenen Hand einen eisernen B. Von der Statue der großen Mainzer Jupitersäule hat sich das B.-Bündel erhalten.

Mit dem B. in der Hand wird Jupiter auch seit dem Beginn der Renaissance wieder häufiger dargestellt. Eine Miniatur zum 2. Buch der Nikomachischen Ethik schildert den Sturz des Phaeton (um 1500; Ill. Hss., N. F., VI, 4): Jupiter, mit einem Ölzweig bekränzt, hält in der Linken das Zepter, mit der Rechten schleudert er den B.-Strahl gegen Phaeton. Auf den Kostümbildern von Masken- und Kostümfesten, die in Innsbruck zwischen 1581 und 1591 abgehalten wurden, erscheint Jupiter als alter Mann mit Zepter und B. (Ill. Hss., I, S. 98). Bei Hadrianus Junius kommt er häufiger mit dem B. als Attribut vor (Hadriani Junii Medici Picta, Antverpiae 1565). Ein Gemälde von Melchior Bocksberger (um 1560, München, Residenzmuseum) zeigt ihn, auf dem Adler sitzend, bei der Verteilung der vier Elemente; in der Rechten hält er das Zepter und in der Linken flammende B. Das Feuer als Element wird durch einen Putto mit dem B.-Bündel wiedergegeben. Ein Entwurf des gleichen Künstlers hat den Titanenkampf zum Inhalt (um 1585, Regensburg, Rathausslg.): Jupiter sitzt auf dem Adler und schleudert den geschwungenen B. gegen die anstürmenden Titanen. Weitere Darstellungen des B.-Schleuderers Jupiter finden sich auf einem Fries vom Trojakamin im Schloß Hugenpoet (1577, aus Schloß Horst; Inv. Westfalen, Recklinghausen, S. 334 u. Abb. S. 338) und einem Stuckbild in der ehem. Residenz Hilpoltstein (Inv. Bayern V, 3, S. 182 u. Abb. 139). Abraham Drentwett schuf M. 17. Jh. die Figur eines B. schleudernden Jupiter (Jean Louis Sponsel, Das Grüne Gewölbe zu Dresden, II, 1928, S. 37). Die Kolossalstatue eines Jupiter vom Schloß in Rastatt (um 1720; Gerhard Peters, Das Rastatter Schloß, Karlsruhe 1925, S. 66f.), die in beiden Händen B. schwingt, geht nicht auf antike Tradition zurück, ist vielmehr eine selbständige Erfindung des Barock. Für weitere Jupiterdarstellungen mit dem B.-Attribut vergl. Jupiter.

B. Germanische und christliche Kunst

Im germanischen Götterglauben ist Thor der B.-Schleuderer. Figuren auf nordischen Goldbrakteaten und auf einzelnen Steinen der Wikingerzeit sind als Darstellungen des B. schleudernden Thor gedeutet worden.

In der hl. Schrift ist der B. das Zeichen von Gottes Allmacht, zumal bei der Wiederkunft Christi. Gleichwohl hat der B. als göttliches Attribut verhältnismäßig spät Eingang in die christliche Kunst gefunden. Auf Bildern, die die Mittlerschaft Christi zum Inhalt haben, erscheinen Engel oder Gottvater selbst mit B. Im Barock tritt Christus als B.-Schleuderer auf, und Maria und Franz v. Assisi werden zu Mittlern, die den Zornes-B. Christi von der Welt abzulenken versuchen (B. Knipping. De iconografie van de contra-reformatie in de Nederlanden, Bd. 2, Hilversum 1940, S. 41, Abb. 29). Einige der Schutzheiligen gegen den B., Barbara, Anna, Donatus, Johannes und Paulus, Leonhard, Vitus, Bernhard, Hugo von Grenoble, Katharina von Alexandrien, Lioba und Martina können mit einem B. als Attribut dargestellt werden. Alle diese Heiligen haben ihr Patronat entweder wegen ihres Kalendertages, der in die Zeit der Gewitter fällt, oder aus ihrer Legende. Auf Darstellungen des hl. Donatus wird im Hintergrund ein Baum von einem B. getroffen. Den hl. Bischof Hugo von Grenoble schützt ein Engel vor dem B. Der B. schlägt die Marterknechte der hl. Katharina nieder. Die hl. Lioba hat oft B.-Zacken neben sich oder über sich, weil sie ein Gewitter mit geweihtem Salz beschwichtigt haben soll. Auf das Gebet der hl. Martina zerstört ein B. den Dianatempel.

C. Personifikationen

B. als Attribut kommen auch bei Darstellungen von Personifikationen vor. Cesare Ripa will in seiner Iconologia (Rom 1593 und später) die Schnelligkeit, Gottesgeißel, Gefahr und das Feuer mit B. ausgestattet wissen. Die Schnelligkeit (celerità) hält in der rechten Hand ein Bündel B., die, von Flammen umzüngelt, nach zwei Seiten zucken. Die Gottesgeißel (flagello di Dio) wird von einem Mann personifiziert, der in der Linken ein B.-Bündel trägt. Die Gefahr (pericolo) wird von einem jugendlichen Wanderer dargestellt, dem unter vielen anderen Bedrohnissen ein von Flammenzungen begleiteter B. entgegenzuckt. Das Element Feuer (fuoco) ist eine Frau mit dem brennenden Phönix auf dem Haupt und dem B. des Jupiter in der Rechten.

Literatur

1. Paul Jacobsthal, Der Blitz in der orientalischen und griechischen Kunst, Berlin 1906. 2. Friedrich Hertlein, Die Jupitergigantensäulen, Stuttgart 1910. 3. Roscher II, 1, Sp. 754ff. 4. Pauly-Wissowa X, 1, Sp. 1126ff. 5. Buchberger II, Sp. 397.

Verweise