Blide

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englisch: Sling; französisch: Trébuchet, baliste à fronde; italienisch: Blide.


Werner Hahlweg (1942)

RDK II, 907–909


RDK II, 907, Abb. 1. Stabschleuder.
RDK II, 907, Abb. 2. Walter de Milemete, 1326.

Die B., ein einfaches, wirksames Hebelgeschütz, stellt ein bedeutsames Glied der m.a. Belagerungsartillerie dar (Steilfeuergeschütz). Sie sollte vornehmlich Deckungen, Häuser und Gewölbe von oben her durchschlagen oder Brandgeschosse in das Innere von Städten oder Burgen schleudern. – Der Ausdruck B. (frz. bible, s. Gay; Bleide, Pleite) ist deutschen Ursprungs; die Herkunft ist jedoch nicht zu ermitteln; zur Zeit Karls d. Gr. kommt das Wort bereits als Blyde, Clyde oder Lide vor. – Erhalten sind keine B. So ist die Forschung auf zeitgenössische Abbildungen und Berichte sowie Rekonstruktionen und damit angestellte Versuche angewiesen (Dufour um 1840, Napoleon-Favé 1850, Rathgen 1918).

Die Konstruktion der B. beruht auf dem Prinzip der Stabschleuder (Abb. 1). Bei dieser ist an einem hölzernen Stab die eigentliche Schleuder durch eine Öse befestigt, während eine weitere lose über das geglättete Ende des Stabes geschoben ist. Beim Wurf zieht das in der Schleuder befindliche Geschoß die obere Öse vom Stabe ab und bewirkt dadurch seine Freigabe. Die weitere Entwicklung bringt die Ausgestaltung des Stabes zum Balken, der in der Nähe des Endes, an dem die Kraft wirkt, eine sichere Führung durch eine festgelagerte Achse erhält. Am langen Ende des Schleuderbalkens befindet sich die Schleuderschlinge mit Geschoß, am kürzeren wirkt Menschenkraft, es herunterzuziehen und dadurch den Wurf zu erzielen (Abb. in der Bilderhs. des Petrus von Ebulo, A. 13. Jh., Bern, Stadtbibl. Hs. 120). Die Ausgestaltung zur eigentlichen B. besteht nur noch in dem Ersatz der wirkenden Menschenkraft durch ein Schwergewicht, das Gegengewicht, meist ein mit Steinen gefüllter Kasten (Abb. 2). Der Schleuderbalken der B. lagert auf einem hohen, bockartigen Gestell. Beim Fertigmachen zum Schuß dreht man den langen Arm mit Schleuder und Geschoß mittels einer Winde herunter, wodurch der kurze mit dem Gegengewicht gleichzeitig in die Höhe gezogen wird. Ein starker Haken hält den langen Arm in dieser Lage fest. Die Schleuder wird in einer Gleitschiene nach dem Gestell zu ausgelegt. Beim Lösen des Hakens reißt der in die Tiefe stürzende Gewichtskasten den langen Hebelarm und mit ihm die Schleuder samt Geschoß nach oben, das bei Erreichung des Zenits die Schleudertasche verläßt. – An Maßen für die Anfertigung von B. werden überliefert: Teilung des Schleuderbalkens 1:5, Breite des Lagerbocks zwei Drittel seiner Höhe (Marinus Sanutus, 1321). Die Geschosse bestehen in Steinkugeln, die Wurfweiten betragen bis zu 500 m. Die Fertigung der B. geschieht in verschiedenen Ausmaßen.

Die Verwendung der B. ist erstmalig 1097 bei der Belagerung von Nicäa bezeugt, ihr Erfinder ist unbekannt. 1198 treten B. zum ersten Male in Deutschland auf und sind von 1212 an dauernd bis E. 15. Jh. nachweisbar (u. a. in Frankfurt 1337, Naumburg 1348, Aachen 1346, Köln 1366, Hannover 1433).

Zu den Abbildungen

1. Stabschleuder. Nach Erwin Schramm [3], S. 72.

2. Oxford, Bibl. der Christ Church, Bilder-Hs. des Walter de Milimete, De nobilitatibus, sapientiis et prudentiis regum, fol. 67 a, 1326. Phot. Bibl.

Literatur

1. Rud. Schneider, Die Artillerie des MA, Berlin 1910. 2. Wilh. Erben, Beiträge z. Geschichte d. Geschützwesens im MA, Zs. f. Hist. Waffenkunde 7, Dresden 1915/17. 3. Erwin Schramm, Die antiken Geschütze der Saalburg, Berlin 1918. 4. Bernh. Rathgen, Das Geschütz im MA, Berlin 1928. 5. Gust. Fischler, Über das Vorkommen von Bliden im Gebiete der heutigen Schweiz, Anz. f. schweizer. Altertumskunde 2/3, 1934.