Bleistift

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englisch: Pencil; französisch: Crayon; italienisch: Stilo.


Franz Maria Feldhaus (I, II) und Heinrich Leporini (III) (1941)

RDK II, 884–890


RDK II, 885, Abb. 1. Ferd. von Olivier, 1817/18. Wien.
RDK II, 887, Abb. 2. Theod. Rehbenitz, vor 1822. Dresden.
RDK II, 889, Abb. 3. Ad. Menzel, 1860er Jahre. Wien.

I. Begriff

In der Antike benutzte man kleine, runde Bleischeiben zum Linienziehen. Die späteren und heutigen B. sind nur noch dem Namen nach „Blei“-Stifte, für die in Wirklichkeit Graphit verwendet wird, dessen Natur erst spät erkannt und der daher mit Blei verwechselt wurde. Sicher spricht Joh. Mathesius in seiner „Sarepta“ (Nürnberg 1562, Bl. 145 a) vom Graphit, wenn er sagt, daß man neben den „silbern stefften ... jetzt auffs papier mit einem newen vnd selbstwachssnen metal zu schreiben pfleget“. Drei Jahre später wird der aus Graphit herausgesägte Stift in dem Werk „Rerum fossilium genere“ des Naturforschers Konrad Gesner (Zürich 1565, S. 104) beschrieben und abgebildet: eine Holzhülle, in der man die Graphitmine mittels eines Stiftes verschieben kann ([1, S. 25, Abb. 14]). Daß die B. von Baumeistern und Malern gesucht sind, berichtet 1596 Andrea Caesalpin in seinem Buch über die Metalle (Rom, S. 186).

II. Herstellung

Die Graphitstäbchen wurden zuerst von den Schalenschrotern aus Blöcken ausgesägt und in Holzhüllen eingelegt. Während des 17. Jh. entwickelt sich in Nürnberg ein eigenes Handwerk der B.-Macher. (Als erster 1657 Georg Jäger als B.-Macher erwähnt; 1662 wird dem „Fridrich Städler ... das Bleiweißstefftmachen“ in Nürnberg untersagt, weil das ein Nebenbetrieb der Schreiner sei; in der Sammlung Nürnbergischer Handwerksordnungen um 1670 wird das Wappen der Bleyweiß-Holtzlin-Macher als ein Bündel B. wiedergegeben.) Seit etwa 1640 gibt es elfenbeinerne oder metallene B.-Hüllen mit verschiebbaren Minen (Jos. Furttenbach, Reiß Laden, Augsburg 1644, Taf. 2, Nr. 4 u. [1, S. 30, Abb. 19]). Der aus natürlichem Graphit geschnittene Stift erwies sich aber für den Künstler als ungeeignet, da er ungleichmäßig hart und mit störenden Einsprengungen versehen ist. Man suchte nach einem weicheren Material in der Art der Pastellstifte, mahlte deshalb den Graphit und mischte ihn heiß mit verschiedenen Chemikalien (Schwefel, Schwefelantimon, Spießglanz, Siegellack usw. Nach dem Erkalten sägte man aus den Blöcken Minen heraus, ein Verfahren, das 1687 in Nürnberg nachweisbar ist. Während des 18. Jh. blühte das Handwerk; 1731 bekamen die B.-Macher in Nürnberg eine eigene Ordnung. Um 1770 goß man die Graphit-Mischung in Rohre; um 1790 hatte man B. verschiedener Härten. Grundlegend wurde die Erfindung von N. J. Conté, der sich 1795 in Frankreich das Verfahren patentieren ließ, den Graphit zu mahlen, ihn mit fein geschlemmtem Ton zu mischen, daraus Minen in jeder gewünschten Härte zu pressen und dann zu brennen. Nach diesem Verfahren fabriziert man im wesentlichen noch heute.

III. Bleistiftzeichnung

Auch in der beschreibenden Kunstliteratur wird der B. bzw. Graphitstift oft mit dem Bleigriffel und der seit E. 15. Jh. als Hauptzeichenmittel am meisten verwendeten Steinkreide verwechselt, oder es wird seine Anwendung irrtümlich viel weiter zurückverlegt, als es in Wirklichkeit der Fall war. Bei der Beschreibung älterer Zeichnungen in Kunstbüchern und Katalogen werden häufig irrtümlich Kreidezeichnungen als B.-Zeichnungen angeführt; der Graphit- ist zum Unterschied vom matten Kreidestrich an dem metallischen Glanz zu erkennen. Vor der Erfindung Contés hat der Graphit in der Zeichenkunst wegen seiner allzu geringen Härte und der dem Naturzustand infolge ungleichmäßiger Struktur anhaftenden Mängel im großen ganzen nur ausnahmsweise und meist nur als Ersatz für den zum flüchtigen Vorzeichnen gleich der Kohle benützten Bleigriffel Verwendung gefunden. In Italien ist er in dieser Verwendungsart auch schon im 14. Jh. dem Cennino Cennini bekannt: „Ich habe auch einen gewissen schwarzen Stein zum

Zeichnen gefunden, welcher aus Piemont kommt und ein weicher Stein ist. Du kannst ihn mit dem Messer spitzen, denn er ist weich. Er ist sehr schwarz. Du kannst ihn so trefflich machen wie die Kohle. Und zeichne dann, wie du willst.“ (Tratatto della pittura, übers. von Ilg, Quellenschriften zur Kg. 1, Wien 1871.) Wegen seiner Verwendung an Stelle des Bleigriffels, den er schließlich ganz verdrängt hat, kam die Bezeichnung B. auf, die sich dauernd erhalten hat. Graphit- und Bleistriche lassen sich nicht immer leicht unterscheiden; der Graphitstrich ist meist glänzender. Wo kein Schaden zu befürchten ist, kann die Anwendung von Salzsäure, welche das Blei auflöst, zur Klarstellung dienen.

In der holländischen Landschaftszeichnung des 17. Jh. wurde der B. hie und da zur Darstellung von in Nebeldunst verschwommenen Hintergründen und zum Herausarbeiten atmosphärischer toniger Wirkungen verwendet, während die klaren Vordergrundpartien mit der Steinkreide gezeichnet wurden. Im 18. Jh. versuchte man auch den Graphit in Pulverform (manière à l’estompe) und verschummert zur Erzielung besonderer toniger Wirkungen aufzutragen. Neben diesem trockenen Verfahren wird in Dinglers Polytechnischem Journal, Jg. 1827, S. 232, ein nasses erwähnt: das mehr oder weniger mit Wasser vermengte Graphitpulver dient dazu, um mit dem Pinsel Wolkenpartien und zarte Lufttöne darzustellen. Kaum aber hatte gegen E. 18. Jh. auf Grund der Erfindung Contés die Erzeugung brauchbarer Graphitzeichenstifte ihren Anfang genommen, so begannen sich auch schon die Künstler dieses neuen Zeichenmittels in einer besonderen, den neuen technischen Möglichkeiten entsprechenden Art zu bedienen. Im Sinne des linearen klassizistischen Stilempfindens werden miniaturartig ausgeführte Bildniszeichnungen in einer eigenartigen Technik beliebt: auf einem mit Bleiweiß grundierten, wie Elfenbein aussehenden Kartonpapier werden mit dem spitzen, harten B. ganz fein die Umrisse gezeichnet und hierauf mit weichem B. und Wischer die Schatten hineingearbeitet. Diese feine, als Stylographie bezeichnete Technik ist von Frankreich ausgegangen und in Deutschland besonders von Anton Graff, der sie von einem durchreisenden Franzosen in Teplitz erlernt hat, und von Peter Pichler in Wien ausgeübt worden. Die seit dem E. 15. Jh. neben der Feder am meisten zum Zeichnen verwendete Steinkreide wird nun immer mehr und schließlich gänzlich vom B. verdrängt, so daß die in Stiften geschnittene Naturkreide seit mehr als hundert Jahren gar nicht mehr im Handel erhältlich ist. Ein der neuen Technik entsprechender neuer Stil der Zeichnung wurde aber vor allem von den französischen Klassizisten Jean Baptiste Isabey und Jean Auguste Ingres begründet. Mit der Abkehr vom sinnlichen Farbenzauber des Barock, das noch im graziösen Farben- und Formenspiel des Rokoko seinen Ausklang gefunden hatte, wird auch in der Zeichnung Ton und Farbigkeit aufgegeben, und in der Linie allein findet der Klassizismus eine der geistigen Abstraktion und begrifflichen Formbildung vollkommen entsprechende Ausdrucksform. Wenn Ingres auch hie und da, besonders in seiner Frühzeit, zu zeichnerischen Notizen die Feder benützt, so hat er doch erst mit dem B. die persönliche Eigenart seines Zeichenstils voll erreicht; seine Porträtzeichnungen in dieser Technik sind in der Zartheit der feinlinigen Formgebung von so großem Reiz, daß sie alle seine Arbeiten mit Farbe und Pinsel in den Schatten stellen. Die Erfindung des gehärteten Graphitstiftes (Conté-Stift) ist wohl aus dem Bedürfnis des Klassizismus nach einem fein und scharf zeichnenden Mittel hervorgegangen; der B. erreicht die feine, zarte Strichführung des Silberstiftes, ermöglicht dabei aber auch einen freieren und leichteren Linienzug. In der deutschen Kunst waren es vor allem die Nazarener Johann Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Karl Philipp Fohr, Ferdinand Olivier (Abb. 1), Julius Schnorr von Carolsfeld, Eduard von Steinle, Josef Führich und alle ihnen nahestehenden Künstler (Abb. 2), vor allem die Begründer einer neuen volkstümlichen Bild-Erzählung und Illustrationskunst des 19. Jh. Moritz von Schwind und Ludwig Richter, welche die B.-Technik eigenartig ausgebildet und in dieser Technik eine neue deutsche Linienkunst im 19. Jh. eingeleitet haben. Die Freude dieser Künstler an der reinen Linie, an der haarscharfen Formbegrenzung weiß Ludwig Richter in seinen Lebenserinnerungen anschaulich zu schildern: „Wir dagegen hielten es mehr mit dem Zeichnen als mit dem Malen. Der Bleistift konnte nicht hart, nicht spitz genug sein, um die Umrisse bis ins feinste Detail fest und bestimmt zu umziehen. Gebückt saß ein jeder vor seinem Malkasten, der nicht größer war als ein kleiner Papierbogen, und suchte mit fast minutiösem Fleiß auszuführen, was er vor sich sah. Wir verliebten uns in jeden Grashalm, in jeden zierlichen Zweig und wollten keinen ansprechenden Zug uns entgehen lassen. Luft- und Lichteffekte wurden eher gemieden als gesucht; kurz, ein jeder war bemüht, den Gegenstand möglichst objektiv, treu wie im Spiegel, wiederzugeben.“ In der Folge haben mehr oder weniger alle Künstler mit dem B. gezeichnet, da er das gebräuchlichste Zeichenmittel wurde. Mit dem schon in der Romantik erwachenden Empfinden für Ton und Farbe kommen auch malerische Zeichenstifte wieder mehr und mehr in Verwendung; der B. konnte aber, weniger gehärtet, auch als ein Zeichenmittel toniger Weichstrichtechnik in Gebrauch bleiben. Den Übergang von der streng linearen zur tonigen Zeichnung kann man am besten im zeichnerischen Werk Adolf Menzels, des Großmeisters der deutschen Zeichenkunst des 19. Jh., beobachten.

In seiner frühen Zeit zeichnet Menzel noch mit dem spitzen B., in den Vierzigerjahren beginnt er dann schon auf tonige und malerische Wirkung auszugehen, benützt weichere Stifte und erreicht durch Verwischen der Striche feine Ton-Nüancierungen. Seine Landschaftsstudien dieser Zeit zeichnen sich durch eine an Corot anklingende, zarte, duftige Darstellung aus. Auch seine wunderbaren Architekturstudien nehmen jetzt ihren Anfang. In den Fünfzigerjahren verwendet er in seinem Bestreben nach überzeugender Wiedergabe des Stofflichen und der äußeren Erscheinung der Dinge auch farbige Stifte und schwarze Kunstkreide auf getöntem Papier. In den Sechzigerjahren wendet sich aber Menzel wieder zufolge eines Umschwungs in seinem Stil und seiner Technik dem blasseren B. und weißen Papier zu (Abb. 3); er zeichnet nun mit rascher Hand in stenographischer Kürze, mehr andeutend als ausführend und auch wieder mehr in Linien als in Tonflächen, geht aber immer mehr zu einer in abgerissenen Strichen flüchtig improvisierenden, fast impressionistischen Ausdrucksweise über, die sich schließlich wieder des weichen B. und der Wischtechnik bedient und hervorragend schöne malerische Wirkungen erzielt.

Zu den Abbildungen

1. Ferdinand von Olivier (1785–1841), Blick vom Kapuzinerberg auf Salzburg, Bleistiftzeichnung 1817/18. Wien, Albertina. Phot. Frankenstein, Wien.

2. Theodor Rehbenitz (1791–1361), der Maler Scheffer von Leonhartshoff († 1822), Bleistiftzeichnung. Dresden, Kk. Phot. Joh. Maaß, Lübeck.

3. Adolf Menzel (1815–1905), Kircheninneres, Bleistiftzeichnung der 60er Jahre. Wien, Albertina. Phot. Frankenstein, Wien.

Literatur

1. Franz Maria Feldhaus, Bleistifte schreiben Weltgeschichte, Nürnberg 1937. 2. Jos. Meder, Die Handzeichnung, Wien 19232. 3. Heinr. Leporini, Die Künstlerzeichnung, Berlin 1928.

Verweise